Entschuldige einen Moment, hier habe ich auch noch eine andere Aufzeichnung gefunden. Ein paar Worte, die Gregor Gog mal, nach den dritten Glas Wein, im Nebelspalter in Zürich durch den Schnurrbart summte: "Danke, keine Blumen für mich, wenns soweit ist. Braucht lieber den Kies für Rotwein, und setzt euch gemütlich um mein Grab herum und sauft, und laßt es euch gut gehen." Leider wurde ihm sein frommer Wunsch vermasselt. Wer von uns kommt denn schon so gelegentlich mit ein paar Flaschen Rotwein in Taschkent vorbei. Na, schließlich, ich bin kein Friedhofs-Tourist. (man soll die Leute zufrieden lassen, wenn es ihnen endlich gelang, sich zu verkrümeln.) Ich habe keine Lust, rund herum in der Welt Wallfahrten zu freundschaftlich einladenden Gräbern zu unternehmen. Wenn ich aber aus Verstreutheit dennoch mal bei dir vorbeikommen sollte, Hans, dann könnte ich mir denken, ein paar Zeilen des großen Schelms Francois Villon, dessen Verse wir so liebten, auf deinen Grabstein zu kritzeln. 

Da sollte stehen:

Nackt wie ein Wurm, geschmückt wie Tamerlan,
Lach ich in Tränen, hoffe voller Leid,
Und schöpfe Trost aus meiner Traurigkeit.

Du hast selten gelacht, Hans. Eigentlich konntest du es gar nicht. Man hatte es dir offenbar zeitig abgewöhnt, -schon als Kind, im qualmigen Ruhr-Kohlenpott, und dann, über Tag und unter Tag im Bergwerk. Dieses Hundeleben: Nach ewiglangen Nachtschichten wurdest du Ausreißer, Landstreicher, Schiffsjunge, Herings-Fischer, Soldat in Flanderns Schützengraben, 'kaiserlicher Mörder' hast du es genannt. Dann Deserteur. Gefängnis. Revolutionskämpfe. Wieder Verfolgter, wieder Gefängnis. Landstraße, Gefängnis, Verzweiflung, Landstraße, Vagabund, Flüchtling, politischer Emigrant. Nicht ist dir erspart geblieben.

Wenn du, trotz allem, manchmal zu lachen versuchtest, klang es hohl und verkehrt. Ein gurgelnder Laut kam aus dem Mund, als ob du ersticken müßtest. Ein Röcheln, das mich jedesmal neu erschreckte. Und da war es, da weinte etwa tief drinnen in mir. Da verstand ich dich und deine Bilder, - deine Armseligen Menschenkinder. Du mußtest sie erschaffen, wieder und wieder ihr Leid teilen, in der unbeirrbaren Hoffnung, aus eurer Traurigkeit Trost zu schöpfen. Welche unmenschliche Aufgabe, würdig eines Don Quichotte namens Tombrock.

Oder, - eines Hans Tombrock, der mit seinem Schatten Don Quichotte nie fertig werden konnte. Du hast ihn gezeichnet und gemalt und mit der graphischen Nadel niedergelegt. Immer wieder stand er auf, stand er vor dir, und du fingst von vorn an. Und auf jedem deiner Bildnisse des Don Quichotte bekam er mehr und mehr deine eigenen Gesichtszüge, deinen Blick, aber auch den Ausdruck deiner Scheuheit und im Grunde - menschlichen Verlassenheit. Ein behäbiger Staffelei-Maler warst du jedenfalls nicht. Man mußte dich arbeiten sehen, mit dem Zeichenblock auf einem Küchentisch, auf einem Flügel oder auf den Knien: Es war ein Kampf, du schlugst dich damit herum, die leere, kalte, weiße Fläche mit deinen kribbelnden Visionen zu beleben. Du stöhntest, man hörte dich prusten und ächzen. Du gingst rund um dein Bild herum, wie ein Raubtier um sein Opfer, sahst es dir von der Seite an, stelltest es auf den Kopf. Deine Stirn war schweißfeucht. Du hörtest nicht auf, bevor die Arbeit in einem einzigen Zug fertig war. Dann fielst du zusammen, schlaff und bleich, erschöpft. 

So habe ich dich arbeiten sehen, als wir uns 1934 ganz zufällig zum erstenmal in der Schweiz begegneten. Und später, in den vielen Jahren unserer Freundschaft, als wir uns öfter in Kopenhagen trafen. Eine längere Zeit wohnte ich sogar bei dir, in diesem großen Holzhaus, in der Nähe von Stockholm. Etwas hielt uns seit unserem ersten Zusammentreffen immer zueinander. Du hast mich in meiner Hütte aufgesucht, als ich mich in den tiefen Wäldern am Rande des Mälarstromes verkrochen hatte. Du fandest mich in der abseitigen dänischen Moorlandschaft Nord-Seelands. Wir sahen uns in Lund und in Malmö. Und du warst bei mir in dem Häuschen am Feldweg, als der kurze dänische Sommer sich üppig entfaltete, und du es einfach nicht sein lassen konntest, die Waldketten, den Esrum-See und die glühenden Farben der Blumenranken auf der Veranda zu malen. War es hier, als wir uns zum letztenmal die Hände drückten?

Aber die Verbindung riß nie ab. Da waren jederzeit die vielen und langen Briefe von dir. Sie existieren nicht mehr, nichts, keine Zeile von dir, Hans. Du weißt es, du kennst es ja selbst: Der vermaledeite Krieg, Verfolgung und wieder Verfolgung, Flucht und wieder Flucht. Alles ging verloren. Und nachher, in all diesen Jahren nachher? Da war uns, die überlebten, die mit dem nackten Leben davongekommen waren, die barsche Lehre in Fleisch und Blut übergegangen: Vernichte diesen Brief, wenn du ihn gelesen hast, denn er kann zum Unheil werden, wenn er in verkehrte Hände fällt! 

Der verbliebene Rest ist Erinnerung. Unauslöschliche Erinnerung unsrer Freundschaft, die keinesfalls immer so einfach zu hantieren war. Du konntest ziemlich rabiat werden. Gut, das ging an. Schwieriger war es, wenn du oft und lange und pausenlos auf mich einredetest, - als müßtest du dich selbst von deinen eigenen Worten überzeugen. Du brauchtest einen Freund, dem du voll vertrauen, und zudem du hemmungslos sprechen konntest, unbeherrscht losreden. Waren es Beichten eines Vagabunden?

Dabei fällt mir ein, wie Gregor einmal - zu meinem Erstaunen, denn ich hatte dich erst kurz zuvor kennengelernt - die verblüffenden Worte zu dir sagte: "Quassel nicht so viel, Hans, - male!" 

Immer wieder sehe ich dich vor mir, eindringlich redend, leise klagend, laut rufend, Verstehen heischend... Und dann, plötzlich, wie ein Überfall, konntest du meinen Arm packen, festhalten, meine Schultern umklammern, weitersprechend dein Gesicht meinem Gesicht nähern, ganz dicht, mir in die Augen starren und zischen: "Sag mal, Jonny, habe ich nicht recht, das sind doch Galgenmenschen!" Deine Hände flatterten in der Luft herum, deine Arme fuchtelten wild, der lose, korallenrote Stein in dem Silberring an deinem Finger rasselte wie eine Klapperschlangen: "Du mußt doch zugeben, - Galgenmenschen!" Deine Arme fielen schlaff herab.

Ich erzähle das, weil es zu dir und deiner Arbeit gehörte. Ja, du konntest mit Herz und Hand reden. Du dachtest laut, möchte ich es lieber bezeichnen. Es war deine Form der Vorarbeit. Und wenn ich jetzt daran denke, fällt mir ein, daß ich eigentlich nie Skizzen bei dir gesehen habe, nie einen Entwurf, nie eine Aufzeichnung. 

Du konntest begeistert von deinen großen Vorbildern zu mir sprechen, von Bosch, von Dürer, von Grünewald oder von Goya. Du kamst unweigerlich zu naheliegenden Erlebnissen, die dich berührten, du mußtest erörtern, was dich in der Tageszeitung empörte, ein Buch, das dich zur Zeit fesselte, fiel dir ein, oder ein Erinnerungsstreif aus deinem Leben. Aus all diesen brodelnden Vorstellungen erwuchsen bestimmte Bilder, die du mir beschreiben konntest, in Worten, in malenden Gebärden, mit Handbewegungen, - da stand das Bild in der Luft, sichtbar für uns beide. Du nahmst es in die Hände, warfst es auf das weiße, leere Papier.

So ging dein Schaffensprozeß vor sich. Darum warst du gezwungen, zu reden, - laut zu denken. Und du wußtest, ich verstand es. Ich war froh darüber. Ich schätzte deine Aufrichtigkeit, diese fast schmerzende Ehrlichkeit, die du mir oft entgegenbrachtest. Wir konnten miteinander rechnen, daß wir dawären, wenn es ganz schief gehen sollte. Du warst zuverlässig. 

In meiner Erinnerung beginnst du zu leben als der kleine Junge, von dem du mir erzähltest: "Ich habe schon als Kind immer 'Menneken' gezeichnet..." So nanntest du, und da schwang ein wehmütiger Unterton mit, diese hingekritzelten Figuren der Kindheit, - Menschlein! Sie nahmen im Lauf der Jahre andere Formen an, aber verblieben im Grunde doch immer jene armseligen Menschlein. Nun älter und müder geworden. Es berührte mich seltsam, als ich die abgegriffene Schublade des Tisches auf deiner Pinselzeichnung Phantastische Diskussion (1929) ein Jahrzehnt später plötzlich auf deiner Radierung Müde Menschen wiedersah. Ich starrte verdutzt. Wo hattest du diese Schublade so lange verstaut, - und warum?

Du hast keine Heroen gemalt. Und dafür bin ich dir dankbar. Aber du maltest auch keine Rebellen, und es flackert kein Aufruhr in deinem Werk. Warum? 

Du warst weder Asket noch Puritaner, und du kanntest viele Frauen in deinem Leben. Und dennoch habe ich nie eine Akt-Darstellung von dir gesehen. Warum?

Da wäre so vieles, was ich noch fragen wollte.

Du konntest hilfsbereit sein und bis zu einem schwedischen Minister vordringen, um einer deutschen Emigrantin und ihrem Kind zu helfen. 

Du konntest freigiebig sein, ein Dutzend Gäste in dein Haus einladen und zum Abschluß des Abends vorschlagen, daß jeder Gast sich ein Tombrock-Bild als Geschenk auswählen dürfe: "Geht herum, seht euch alles an, im ganzen Haus, in allen Räumen, und wählt das Bild, das euch am besten gefällt." Und du fügtest hinzu: "Ich bin nämlich gespannt, was jeder von euch wählen wird."

Und du konntest auch auf Grund einer belanglosen Kleinigkeit glücklich sein. Als ich dich wiedermal in Stockholm aufsuchte, traf ich dich vor deiner Haustüre. Du warst auf dem Heimweg, hattest Pinsel und Farben eingekauft, und freutest dich über meinen Besuch. Du warst voller Pläne und hattest mir viel zu erzählen. Aber vor der Haustür zogst du mich beiseite, ein Stück weg, in einen Laden hinein. "Komm, du kannst mir tragen helfen." Und kauftest zwei Liter Sahne, Kakao und Zucker, ein großes Weißbrot und Butter. Dann gingen wir rauf zu dir, und da wurde Kakao gemacht: Nicht zwei Tassen, sondern zwei Liter. Nicht mit Milch, sondern mit Sahne. Kein altes Brot, sondern knusprigfrisches Weißbrot. Nicht Margarine, sondern duftende Butter. Mildheit breitete sich über deine Züge, ein seliger Frieden. Du blicktest mich an, als wir futterten, wie zwei Kinder, mit blanken Augen. "Schmeckt's, Jonny?" fragtest du. Und ich nickte, und du strahltest glücklich: Ein alter Vagabundentraum hatte sich erfüllt. Ein Wunder war geschehen. Nur zwei durchgedrehte Landstreicher konnten dieses mirakulöse Mirakel voll würdigen. 

Ach, wir kannten die wunderbare Frage, die uns immer wieder traf: Du, als alter Tramp, wie kann es sein, daß du so kiesetig bist? Dazu ist nur zu sagen: Drum! Oder, wie du es einmal ausgedrückt hast: "Menschenskind, wenn die ahnten, was wir unser halbes Leben lang gezwungen waren in uns reinzufressen, um nicht zu krepieren, - dann würden sie nicht so dämlich fragen."

Auch das gehört dazu, gehört zu dem Menschen hinter dem Kunstwerk. Wer ahnte denn, daß du auch mit offenen Augen schlafen konntest? Öfter traf ich dich in Stockholm, im Haus oder im Garten an, auf einer Bank sitzend oder auf einem Sofa liegend, mitten am Tage, eingeschlafen mit einer Zeitung oder einem Buch in der Hand. Deine Augen standen weit offen, waren glasig. Ich führte meine Hand sachte vorbei und zurück. Deine Augen bewegten sich nicht. Ich erschrak das erste Mal und weckte dich vorsichtig. "Ach so," nicktest du, wie ein auf Abwegen ertapptes Kind, "ich weiß, das stammt noch von jenen Tagen, als ich immer auf der Flucht war, abgehetzt, totmüde, - und doch die Augen offen zu behalten versuchte. Da döste ich und schlief zuletzt mit starren Augen. Es war praktisch. Du weißt ja, es war verboten, auf öffentlichen Bänken zu schlafen. Niemand konnte sehen, daß ich schlief." Nein, Hans, niemand kann es einem Künstler ansehen, welche menschliche Tragödie sich hinter seinem Äußeren verbirgt. Doch sein Werk... Wie eng ist der schaffende Mensch mit seinem Werk verbunden. 

Weiß der Himmel, wir alten Vaganten nahmen es jedenfalls nie so genau mit Zeiten und Zahlen. Und da hast du mich wieder überrascht. Du hast die Mehrzahl deiner Werke erstaunlich gewissenhaft datiert. Oft genügte dir die Jahreszahl nicht mal, du mußtest Monat und Tag mithaben. Warum wohl?

War es aus demselben Gefühl heraus, von dem Pablo Picasso sagte, - klar darüber, wie eng verbunden Kunst und Leben für ihn waren: "Warum glaubst du, ich datiere alles, was ich mache? Weil es nicht genügt, eines Künstlers Arbeiten zu kennen, - man muß auch wissen, wann er sie machte, warum, wie und unter welchen Umständen." 

Und weiter, Picasso: "Eines Tages wird es unzweifelhaft eine Wissenschaft geben - man könnte sie die Wissenschaft vom Menschen nennen - die versuchen wird, den Menschen im allgemeinen durch das Studium des schaffenden Menschen zu verstehen. Ich denke oft an eine solche Wissenschaft, und ich will gern der Zukunft eine Dokumentation hinterlassen, die so vollständig wie möglich ist. Das ist der Grund dafür, daß ich alles datiere, was ich schaffe." Sag mal, klingt das nicht sehr nahe an deine idealistischen Vorstellungen an, Hans? Ist es nicht im Geiste der Bruderschaft der Vagabunden gedacht, den Menschen wieder in den Mittelpunkt zu rücken? Steht nicht ein Leben, ein Menschenleben, hinter jeglicher Kunst?

Weißt du, Hans, wollen wir das nicht lieber den Kunsthistorikern überlassen? Es ist ihr Metier. 

Ich gestatte mir, von mir aus zu urteilen, von meinen Voraussetzungen: Deine zeitigen Arbeiten brachen wie ein Gewitter los, ungestüm, und mit der Wildheit des Zornes. Unbeherrscht, gerade von der Landstraße weg eingefangen. Atemlos schaute ich sie an und erkannte sie wieder, deine erwachsenen und heimatlos gewordenen Menneken. Ich empfand die ganze Pein, - oder, wie unsere Jo Mihaly es ausdrückte: "Die ganze große Blamage".

Das warst du! (Und das waren wir).

Dann die langen zähen Jahre der Emigration, in denen du deine Heftigkeit zähmen und beherrschen - aber auch abdämpfen - lerntest, deine künstlerische Formsprache schulen konntest, inmitten der schlummernden Landschaft, unter dem hohen Himmel Schwedens. Du entdecktest zum erstenmal richtig die Landschaft. Und das Portrait. (Ich sah, wie 1938 die Bildnisse deiner Mutter entstanden. Du hattest sie nach Schweden geholt, und sie saß Modell. Fast liebevoll führtest du den Kreidestift, mit einer Behutsamkeit, die ich nie früher bei dir bemerkt hatte.) Und dann eröffnete sich dir eine neuer Themenkreis aus deinem Zusammentreffen mit Bert Brecht. Deine Serien graphischer Blätter entstanden. Du hattest eine neue Welt entdeckt und viel zähe Arbeit eingesetzt, dir neue Techniken zu eigen zu machen. Und immer wieder steckte dein Don Quichotte den Kopf hervor.

Das war der reifende Künstler, Hans.

Und dann, deine Rückkehr nach Deutschland. Sie hängten dir ein Professor-Mäntelchen um die Schultern. (Denn: Man soll nicht das Erbarmen der Großen in Frage stellen). Es sei dir gegönnt, du hattest es verdient, ganz besonders, wenn es dich vor dem kalten Wind der Not behüten vermochte. Jetzt gabst du Unterricht, du, der nie selbst eine Kunstschule oder gar Akademie von innen gesehen hatte. Gut gemacht, Hans. Du hast es ihnen gezeigt. Doch glücklich warst du nicht. (War Tamerlan glücklich?). Du hattest dich über die Farben gestürzt Nun wurde mit den Schatten aufgeräumt, mit der grauen Tristheit. Deine Reisen unter südlichem Himmel hinterliessen grelle Farben auf deinen Bildflächen. Spanien und Marokko waren nicht Schweden, - sie blieben dir fremd. Eine beklemmende Verrenktheit - wie Angst - spreizte sich in deinem Schaffen, selbst in den Landschaften. Und auf einmal steht da dein Eulenspiegel von 1961: Ein Harlekin, eine steife Theaterpuppe, mit einem unsichtbaren, unverdaulichen Priem im Backenwinkel. Auch wenn du vielleicht nicht mehr sehen konntest, Hans, hast du doch unheimlich schaft gesehen. Ein schmerzlicher Anblick.

Das war der Maler, Hans Tombrock.

Und da waren deine letzten Briefe. Du hattest mir vorgeschlagen, dir zu helfen, deine Erinnerungen zu schreiben. Besonders angelegen war es dir, die Zeit der Zusammenarbeit mit Brecht eingehend zu schildern. Du hattest, wie immer, Pläne, Vorschläge, Ideen, Material, alles bereit. Wir waren soweit, zu bestimmen, ob wir uns in Dortmund, Stuttgart oder Hamburg treffen und zusammen hinsetzen sollten, und dann... ja, - dann war es auf einmal zu spät. 

Nun nur noch eins, Hans, ich denke an Gerda, an deine Frau. Sie hat an deiner Seite gelitten und ausgehalten. Sie hat deine schwere Bildermappe in ganz Europa herumgeschleppt und deine Menneken verkauft. Sie hat für dich und deine Kunst argumentiert. Sie hat die Ausstellungen deiner Werke durchgeführt. Sie hat für das tägliche Fressen gesorgt. Im riesigen Schweden gibt es fast keinen Flecken, an dem sie nicht gewesen ist und deine Bilder an den Mann gebracht hat. Gerda war dein Kamerad, ihr Einsatz ermöglichte es dir, die Zeit zum Lernen und die notwendige Arbeitsruhe zu erkaufen. Eure Bedingungen waren zu hart, der Alltag aufreibend und das Glück spärlich bemessen. Müdigkeit, Bitterkeit und zerfaserte Nerven führten zu Kurzschlüssen. Du konntest grob werden, und Gerda hatte eine scharfe Zunge, und konnte bissig sein, wenn es not tat. 'Das Frettchen', nannte Gregor Gog sie respektvoll.

Gib ihr die Ehre, die ihr zukommt, Hans.
Und nun, wie ehemals und immer: Mit Handschlag,
dein alter Freund

Jonny


aus: Künstlerhaus Bethanien (Hrsg.). Wohnsitz: Nirgendwo. Vom Leben und Überleben auf der Straße. Berlin 1982. S. 369 - 377. 

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