Gerhard Rieger (genannt Jonny)

Nochmals: Zwei Millionen Menschen auf der Landstraße

Das Schicksal von zwei Millionen Menschen liegt auf der Landstraße und, gebündelt, in den Herbergen und Asylen, auf Brettern, Stroh und Pritschen, den Hunger im Magen, die Not in den Hacken.

O ihr Fettwänste, die ihr denkt, wenn ihr eine Mahlzeit versäumt, es ginge an eure Gesundheit! Die ihr jeden Abend euer weiches Federbett aufsucht , wie Kühe den Stall! -: daß ihr doch ein einziges Mal auf einsamer, weiter Landstraße stündet, wenn die Nacht sich über den Nebel der Wiesen legt. Wenn das Leben zu sterben scheint. Weites Land, keine Hütte, kein Dach. Nichts.

Dann läuft der Tramp; denn Nacht und Elend sind ihm auf den Fersen. Weithin hallen seine Schritte. Irgendwo winkt die "Herberge zur Heimat"...

Es ist 8 Uhr abends-.

"Herberge zur Heimat"... Das ist überall das gleiche, die gleiche Armseligkeit. Ihr gutgesinnten, gutseinwollenden Menschen, wenn ihr noch nie dem Elend ins Auge gesehen habt -: hier steht es! Nackt, zerbeult, zertrampelt. Grantige Knochen ragen wie Granatsplitter unter der dürren Hat. Wandelnde Garderobenständer! Düster flackert das Licht im Aufenthaltsraum. Abfall, den Müllkasten wert, wird gehandelt zu Tagespreisen. Gesichter, aus denen der Hunger schreit, in dienen die ewige Straße eingemeißelt und -geschnitten ist. Aufenthaltsraum, in dem ihr keine zwei Minuten atmen könnt. Klaffende Löcher, Lumpenfetzen, Hemden, die einstmals, vor langer Zeit, Ärmel besaßen, nennt man Kluft. Regennasser Stoff trocknet auf schwitzenden Körpern, dampft. Trockne Brotkanten erregen Neid. Nehmt den Menschen ihren Freßnapf, und das Tier kommt zum Vorschein, das Tier, das die Zähne bleckt und sie ans Leben klammert. Was heißt - Leben? Die staubigen endlosen Straßen in Nichts-?

Was ist nicht schon alles geschrieben oder besser gelogen worden über lustiges Vagabundenleben. Ihr ausgetrockneten Schreibtischseelen, wenn ihr ein einziges Mal in dieser Hölle gewesen wäret, ihr würdet verstummen und die mehr wagen, über die Landstraße und ihre "Romantik" zu schreiben!

Nur einen Tag, nur eine Stunde einmal wieder arbeiten zu können-: das sagen die Tramps! Sie jagen durchs Land, um irgendwo die große Chance zu erhaschen. Vergeblich. Der Bankrott der bürgerlichen Gesellschafts"ordnung" ist schneller als sie. Allabendlich bündelt die Herberge sie wieder zusammen, läßt sie Postkarten malen, mit Brot und Tabak, mit gebrauchten Zahnbürsten und Fußlappen handeln.

Schluß! - 9 Uhr...

Von freudlosen, kahlen Holztischen stehen sie auf, fünfzig, sechzig Menschen, die langsam am Leben verbluten, denen nichts mehr zu nehmen ist. Ein Mensch kann arm sein, er kann aber auch gar nichts mehr haben -.

Der "Vize" treibt alle in einen Korridor zusammen: Ausziehen! Hemden runter - wer noch eins hat. Wenn ihr jemals gesehen hättet, , was ein Mensch noch als Hemd bezeichnen kann! Die Prüflampe des Vize gleitet auf und ab, und - umdrehen - andre Seite! Wehe, ein kleines Untier von "Bienchen" wird gefunden. Lumpen ausbrennen! Oder gar: Raus in die Nacht, Hundesohn! Und sie alle sind doch Menschen, wie ihr -!

Dann liegen sie auf den Pritschen: auf den "Schlafmaschinen". Ewig sind Decken und Bettücher nicht gewaschen. Wer bezahlt es auch? Einer fängt an: "Ich will... ich wollte... als ich noch..." Menschenschicksale rollen ab wie Filme. Einer will durchaus in die Fremdenlegion: "Nur etwas zu freßen haben!" Drei raten ihm zugleich ab. Stimmen, vom Hunger zermürbt, schwirren durch das Dunkel. Der Vize erscheint nochmal und gebietet Ruhe. "Vier, die am Bahnhof im Schuppen hausten, haben sie verhaftet. Einbruch." Er sagt es so hin, die Worte fallen trocken in den Raum.

Vier junge Menschen... Sie hielten den Hunger nicht mehr aus, griffen zu, nahmen sich, was sie brauchten.

Dann wieder: Weibergeschichten. Und dann: "Ich kriege nie mehr Arbeit! Ein halbes Jahr Zuchthaus! Aus..." Die Worte fallen schwer, wie Hammerschläge. Niemand fragt: Warum? Was ist da noch zu fragen? Und wer hat das Recht dazu?

Ein Siebzehnjähriger kommt aus Heidelberg. In vier Wochen sind 500 Wanderbücher ausgestellt worden - in einer einzigen Stadt! Ratschläge über Wohlfahrtsämter und Unterstützungen werden gegeben. Erfahrungen ausgetauscht, gleichmäßiges Stöhnen den Schlaf verrät -.

Morgens werden sie hochgejagt. Trübes Licht. Schmierige Scheiben. An der Wand steht, mit Bleistift gekritzelt:

"Herrgott, hab Erbarmen,
schaff ab Schutzmann und Gendarmen!"
Und eine ungelenke Hand schrieb dazu:
"Sonst müssen wir es tun!"

Unten, im Aufenthaltsraum, sitzen sie wieder. Eng zusammengedrückt. Aus eingerissenen, grundlosen Taschen erscheinen vielleicht noch einzelne Brotstücke -: "Karo einfach, belegt mit Daumen und Zeigefinger", wie es heißt.

Im Gästebuch steht in breiten, harten Buchstaben von einem Unbekannten, Namenlosen geschrieben:

"Spießer und Bürger,
ihr mögt ruhig schlafen,
wir tragen das Leben,
vor dem ihr Angst habt!"

Ja - wir tragen das Leben, in aller Schwere. Tragen es wieder hinaus in den Morgen, einer neuen, grausamen Nacht entgegen.
Wer redet da noch von Liebe, Kultur und Zivilisation unseres Zeitalters?
Ja - bei den Satten! Aber draußen, wo die endlose Straße sich dehnt, ziehen zwei Millionen Menschen ins Feld für Arbeit und Brot gegen diese gottverdammte kapitalistische Gesellschaftsordnung! "Wie lange noch -?


aus: Der Vagabund, Heft 5, 4. Jgg., 1931, später in 'Liga der Heimatlosen' unter dem Titel "Wie lange noch?"

Joomla templates by a4joomla