Immer ist dein Gesicht da, Chen-Li — immer, wenn ich an Schanghai denke: Du hebst deinen Kopf aus dem Dunkel und versuchst zu lächeln. Und plötzlich öffnest du deinen Mund ganz weit, als ob du schreien wolltest. Aber dein Mund bleibt stumm, ein gräßliches Loch mit gelben Stummelzähnen. Und aus diesem Loch beginnt Blut zu quellen. Unaufhörlich — ein Strom von Blut! Dann senkt sich dein Kopf wieder, und ich sehe nur noch die blanke Rundung deines Kahlschädels ...

Wenn ich gegen Morgen nach Hause kam, traf ich dich immer. In einer schmutzigen Ecke meines Treppenflurs pflegtest du zu schlafen. Es war ein großes Departement-Haus, und der Portier warf dich oft hinaus, wenn du ihn nicht mit ein paar Kupfer bestechen konntest. Doch du fandest immer wieder einen Weg, dich einzuschleichen. Ihr kämpftet einen erbitterten Kampf. Was solltest du schließlich auch tun? Ein alter Rikscha-Kuli bringt es in seinem ganzen Leben nicht mehr zu einem Bett. Und in der Rikscha konntest du nicht schlafen. Du hattest sie nur geliehen, zwölf Stunden täglich, von einem japanischen Unternehmer. In diesen zwölf Stunden ranntest du durch die brüllende Stadt, durch das unbarmherzige Schanghai, um vielleicht eine Schale billigen Nanking-Reis oder stockige Sojabohnen zu erjagen. Geschlagen haben dich die Agenten des Unternehmers, wenn du die Karre auch nur eine einzige Minute zu spät abliefertest. Du sprachst ja so wenig zu mir. Auch wenn ich versuchte, deine mühseligen Pidgin-Brocken durch einige Cash aus dir herauszuangeln. Du träumtest lieber. Und vielleicht hattest du recht. Sicher waren deine Träume schöner als der ganze Rest deines Lebens. Nein, ganz bestimmt sogar.

Denn als ich einmal nach deinen Träumen fragte, wurdest du sogleich gesprächiger. Von deiner Jugend erzähltest du, von deiner armseligen Jugend. Und doch habt ihr damals noch Zeit gefunden, Würfel zu spielen und die alten Lieder Li-Tai-Pes zu singen. Von den längst verwehten Düften der Mandelblüte, von glührot blühenden Azaleen und herbem Geruch der Teebüsche träumtest du im Dunkel einer stinkenden Treppe der Nachtweltstadt. Von uralten Pagoden und dem silbernen Klang des Gongs im Kwan-yin-Tempel konntest du fabulieren — bis der Portier kam und dich mit einem Fußtritt auf die regennasse Straße beförderte. Du berauschtest dich an Erinnerungen, an der längst verklungenen Vergangenheit deines Lebens, an einer Wirklichkeit, die es nicht mehr gab. Du dachtest sogar in kühnen Augenblicken an eine Zeit, in der du noch lachen konntest. Aber wenn der Pestgestank von Schweiß und Knoblauch übermächtig aus deinem speckigen Kittel kroch und deine Träume sterben ließ, standest du plötzlich schweigend auf. Du gingst stumm davon und ließest mich stehen. Es sah aus, als wolltest du die vielen lausend Li zu deinem Heimatdorf zurückgehen — und deine verlorene Jugend auf den ausgetretenen Lehmstraßen wiedersuchen. Doch du gingst nur hinüber zur Japon Concession, um deine Rikscha für neue zwölf Stunden auszumieten. Weit von dir schlummerten die Pagoden, die Kwan-yin und die alten Lieder. Sie schlummerten still und unerreichbar. Draußen brüllte Schanghai, tobte und schrie die Hölle, in der die verhaßten weißen und die Japaner-Teufel herrschen. Draußen klatschten unaufhörlich die nackten Fußsohlen der Rikscha-Kulis über den Asphalt. Das war die Welt, die dich erwartete: der Duft der Verwesung, die glührot blühenden Verkehrsampeln und der herbe Geruch des von der Sonnenglut geschmolzenen Asphalts. Die uralten Gesetze eures grausamen Lebens: der Kampf um die tägliche Schale Reis. Und das silberne Lachen der reichen Ladys, die du in deiner Rikscha zu den Dancings karrtest. Ich glaube dich verstanden zu haben, Chen-Li, als du mir einmal sagtest: "Ein alter Gaul schlägt nicht mehr aus, Herr. So müde und zerschlagen kann man nur noch träumen. Und selbst das fällt oft schon recht schwer ..."

Du fordertest gewiß nicht viel von diesem Leben, Chen-Li. Aber selbst das war zuviel für Schanghai. In dieser Stadt kann man nicht träumen, Chen-Li, ohne gefressen zu werden. Du hast es erfahren müssen.

An einem schreiend blauen Julilage war es. Schanghai dampfte und zitterte vor Sonnenglut. Das Fieber schüttelte die Menschen, warf sie nieder und ließ sie verenden wie Straßenhunde an der Räude. Die Reichen flüchteten in die kühlen Berge, hinauf nach Ku-ling. Ich sehe es noch ganz deutlich, wie du mit deiner Rikscha von der Szechuan-Road scharf in die Hongkong-Road einbogst. Dein weitgeöffneter Mund schluckte nach Luft ...

Für Chen-Li aber war keine Luft mehr in Schanghai.

Deine Augen sahen die Hongkong-Road wie einen steil in den glasigen Himmel führenden Berg. Du rissest nochmals den Mund auf. Krampfhaft weit. Als ob du etwas herausschreien wolltest ... nur das klappernde Röcheln deiner endgültig verbrauchten Lungen wolltest du wohl herauspressen, Chen-Li. Aber es langte nicht mehr. Dein rechtes Knie zog sich hoch an den Leib. Die Rikscha war noch in vollem Schwung. Sie stieß nach. Genau in deinen alten, mürben Rücken. Du stolpertest, schlugst vornüber auf die splitternde Holzgabel deines Wagens — und fielst platt mit dem Gesicht auf das graue Straßenband. Um Handbreite hast du noch einmal den Kopf gehoben: aus Nase und Mund brach Blut hervor.

Aus deiner Rikscha aber kletterte grausam fluchend ein eleganter weißer Mann im Sportanzug und hob die Hand. Nicht deinetwegen — fünf andere Rikscha-Kulis sprangen zu gleicher Zeit mit ihren Wagen auf dieses Zeichen heran. Der Weiße bestieg einen der Karren, schaute nervös auf seine Uhr und fuhr davon. Für ihn war es einzig ein zeitraubender Zwischenfall. Es sterben täglich Kulis in den Straßen von Schanghai. Wer hält sich damit auf? Der Mann dachte wahrscheinlich gar nicht mal daran. Er sah aus, als ob es etwas Wichtigeres zu überdenken hatte, als den Sturz eines Kulis — vielleicht den Sturz seiner Aktien; er würde es überhaupt nicht begriffen haben, wenn man ihn deshalb als roh oder brutal bezeichnet hätte.

Chen-Li — du aber stemmtest deinen rechten, einknickenden Arm gegen den Rinnstein. Deine Hand hielt noch das Tuch fest umkrampft, mit dem du während des Laufes den Schweiß aus deinem Gesicht wischtest ...

Wohl zwei Dutzend Menschen sahen dich fallen. Sie wandten nicht einmal den Kopf. Nur einige Kulis blieben stehen, in respektvollem Abstand. Sie berührten dich nicht. Sie wollten nichts damit zu tun haben. Wegen der Polizei, und weil doch in Schanghai nun einmal Menschen sterben müssen, damit andere einen Tag länger leben können. Eine bittere Wahrheit ist das: je mehr sterben, desto mehr haben die übrigen eine Chance zu leben. Auch du wußtest das, Chen-Li, du kanntest das unmenschliche, ungeschriebene Gesetz eures Riesenlandes: Millionen müssen sterben, weil sie nicht leben können. Nicht weil sie alt sind oder krank, nicht einmal das. Nein. Chen-Li, weil die vierhundertzwanzig Millionen eures Volkes keinen Reis mehr finden, ihren rasenden Hunger zu stillen. Weil die Gewalt, die Habgier und die schreiende Ungerechtigkeit triumphieren, darum wollten die Kulis auch nur sehen, ob du wirklich stirbst. Wie du es machst.

Wie Chen-Li stirbt, wollten sie sehen.

Dein Gesicht wurde wieder vollkommen ausgeglichen und ruhig. Du schriest nicht, du weintest nicht, du verzogst keinen Muskel mehr. Nur deine Lippen brachen ein klein wenig auseinander. Die Kulis kehrten sich wieder ab: du warst nicht anders verreckt als alle anderen.

Und ich stand immer noch überflüssig und sinnlos da. Du aber warst gegangen, Chen-Li, den Weg der vielen tausend Li zu deinen Träumen ...

In einen Wagen haben sie deinen Leichnam geworfen, zu einem halben Dutzend anderen. Der Asphalt sog die Blutlache ein, und die Sonne versuchte sie ihm wieder auszubrennen. Nur ein dunkler rostroter Fleck klebte nach zwei Stunden noch an der Ecke Hongkong-Road.

An diesem Abend saß ein anderer Kuli in deiner Flurecke. Ganz selbstverständlich, als hätte er nur auf deinen Tod gewartet, um deine Schlafstelle einnehmen zu können. Er nannte sich Feng.

"Kanntest du Chen-Li?" fragte ich ihn.

Feng nickte zusagend und lächelte höflich. Sicher kannte er dich nicht. Aber er kannte die glotzäugigen und langnasigen weißen Teufel; er hatte gelernt, niemals nein zu sagen, wenn sie eine Frage stellen.

Ich gab ihm einen halben Dollar und sagte, daß er dafür Räucherkerzen kaufen solle. Im Tempel sollte er sie für dich brennen, Chen-Li, damit deine arme, ausgewrungene Seele nicht im Jenseits hungere — wie ihr zu sagen pflegt. Wer sollte es auch sonst für dich tun? Du hattest doch niemand, Chen-Li, der dir die Räucherkerzen in das große kupferne Sandbecken stecken und entzünden konnte.

In der nächsten Nacht war Feng wieder da. Ich fragte ihn: "Hast du Chen-Li die Totenopfer gebracht?"

Er lächelte unsagbar glücklich: "Ja, Herr, eine Kerze..." Hier machte er eine Pause und zündete sich seine Pfeife an. Genau so ruhig sprach er weiter. "Chen-Li schuldete mir leider noch ein Paket Tabak. Das mußte ich ihm abziehen, damit er nicht verschuldet im Jenseits sitzt. Darum blieb nur eine Kerze, Herr." Aus Fengs Tabakspfeife schwebten zähe graue Rauchwolken empor. Er lehnte sich zurück und schloß genießerisch seine Augen. Der Fall war für ihn erledigt. Ich nickte und stieg die dreckigen Stufen hinauf. Mir war nicht sehr wohl zumute.

Ich war kaum zehn Minuten in meinem Zimmer, als ein chinesisches Mädchen eintrat. Es begrüßte mich kaum, legte vertraulich seine Sachen auf mein Bett, wischte die Kakerlaken mit der flachen Hand von der Tischdecke und tat auch sonst ganz familiär. Kein Zweifel, es war ein Sing-Song-Girl. Irgendwer in dem großen Hause mußte es bestellt haben, und es hatte sich in der Zimmernummer geirrt — dachte ich. Aber es saß schon auf dem Bettrand, machte tieftraurige Augen, wie ein Kälbchen auf der Schlachtbank, und sagte schluckend: "Dein Freund Chen-Li ist tot, Herr?"

Mehr brauchte sie wirklich nicht zu sagen. Ganz klar, Feng, der Gauner, hatte die Kleine eingeweiht und heraufgeschickt: mich bedauern, trösten und dafür Geld herausschlagen. Ich drückte ihr eine Münze in die Hand, nahm ihre Sachen vom Bett, stopfte sie unter ihren Arm und machte eine höfliche, aber nicht mißzuverstehende Handbewegung.

"Ich habe noch nichts gegessen heute, Herr", entgegnete sie nur traurig.

Ich bin kein Unmensch — und hatte auch Hunger. Also aßen wir um zwei Uhr nachts Reis mit Gemüse und kleinen fettigen Kuchen in meinem Zimmer. "Bei so viel Traurigkeit schmerzt es, singen zu müssen", stöhnte die Kleine, als sie satt war. Noch während sie ihr enges Kleid glattstrich, schob ich sie langsam zur Tür hinaus. Sie ging plötzlich gern und willig!

Erst zehn Minuten später bemerkte ich: auch meine Armbanduhr war gern und willig mitgegangen. Ich hatte sie auf den Nachttisch gelegt. Da gehört eine Armbanduhr wohl nicht hin, aber ...

Darum plötzlich so hurtig, kleines Fräulein, sagte ich mir und lief der Kleinen nach. Einige Straßen weit ging ich. Um einige Ecken. Alles leer. Nur wartende Rikschas und in Hausecken schlafende Kulis. Die Kleine war längst in einem der tausend düsteren Winkel dieser düsteren Stadt verschwunden, spurlos aufgesaugt von dem Dunkel. Warum lief ich eigentlich hinterher? Hoffte ich sie wirklich zu finden? War ich ihr wirklich ernstlich böse? Vielleicht war die Kleine sehr glücklich. Hat vielleicht ihr ganzes Leben lang eine stille Sehnsucht nach einer Armbanduhr in sich getragen — wie du, Chen-Li, deine Träume. Lag auch sicher so verführerisch blinkend da, die kleine Uhr ... Ich hatte dem Mädchen schon verziehen, nur Feng noch nicht.

Die Hände tief in den Taschen vergraben, ging ich langsam den Weg zurück. Ab und zu der Lichthof einer Laterne. Katzen huschten über die Straße. Fette Ratten liefen den Rinnstein entlang. Da saßen gleich fünf auf einmal. Im Halbkreis. Ein schwarzer Klumpen von Rattenleibern. Die Schnauzen waren witternd vorgestreckt und schürften dann wieder über den Boden hin. Sie suchten etwas. Und plötzlich sah ich, was sie witterten, im gelblichen versickernden Schein der Laterne: einen verlaufenden, in Stein gebrannten Blutfleck. Wie eine schwarzrot blühende Blume ... Ich brauchte nicht erst den Kopf zu heben. Ich wußte, wo ich mich befand: Ecke Hongkong-Road.

Und weil ich wieder dein Gesicht sah, Chen-Li, konnte ich nichts sagen, als ich auf Feng stieß. Er saß wie gewöhnlich in der Flurecke. Ich konnte ihn nur anstarren. Er rauchte, hob den Kopf und lächelte: „Willst du mir nicht einen Dollar geben, Herr? Ich werde mir Chen-Lis Rikscha ausleihen, wenn du mir einen Dollar gibst..."

Was sollte ich da sagen. Auf einmal fühlte ich mich mit der Karre merkwürdig verbunden. Ich griff in die Tasche.

Gierig langte Feng nach dem Silberstück, stand auf und wankte tonlos davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Erst auf der anderen Straßenseite blieb er einen Augenblick unentschlossen stehen — gab sich dann einen kaum merkbaren Ruck und verschwand in einem der Keller. Ich wußte, was das bedeutete. Ich kenne diese Keller. Ein ganzer Dollar: das gibt einen guten Traum. Das Opium ist eine unwiderstehliche Macht ... Ich hatte es nicht anders erwartet.

Wie sollte, würdest du antworten, das Leben auch sonst zu ertragen sein, wenn man mit grausamer Bestimmtheit weiß, daß es sehr schnell, mit einer schwarzrot blühenden Blume am Rande des Asphalts enden wird ... ? Immer wenn dein Gesicht vor mir auftaucht, Chen-Li, denke ich an Schanghai: diese Stadt hat sie nie gekannt, die Gerechtigkeit und die menschliche Würde — nur, unaufhörlich, einen Strom von Blut ...

 

Quelle: Das Wort. Literararische Monatsschrift / Red.: Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Willi Bredel. Jahrgang 3 (1938), Heft 1, S. 17-21.

Servus, Hans!

Eigentlich schulde ich dir schon lange sowas wie einen Nachruf. Aber, weißt du, das wäre allzu hochtrabend in unseren weniger pompösen Kreisen. Wir laßen es hübsch sein, und ich schreibe dir einen Brief, in dem alles geradeaus hingehauen steht. So, wie wir es immer gehalten haben. Einen Brief, den letzten in der langen Reihe, in den vielen Jahren unserer Freundschaft. 

Es ist schon so lange her, seitdem du von uns abgelatscht... na ja, seitdem du dich auf die ganz große Fahr begeben hast, sollte da wohl stehen. Laß mal sehen, (ich muß das in meinen Notizen suchen), da ist es:

Hans Tombrock
Geboren 21. Juli 1895 in Dortmund
Gestorben 18. August 1966 in Stuttgart.
(...) Und weiter: Ein Bild tauchte auf - vor vielen Jahren, im 'Nebelspalter' in Zürich, saß ich zusammen mit Gregor Gog und fragte ihn: 'Sag mal, Gregory, wie sieht Jo Mihàly eigentlich aus?' Und weißt Du, was er sagte? Er sah mich mit seinem leicht spöttischen Lächeln in den Mundwinkeln an und antwortete: 'Sie hat wunderschönes rotes Haar, (Gedankenpause) und sie gleicht den Frauen, die von den alten flämischen Malern als Madonnen gemalt wurden, oder aber als Hexen verbrannt wurden.' Na, was sagst du dazu, liebe Jo?

Überhaupt: Zürich zu jener Zeit, als Silone 'Fontamara' schrieb und bei Humm wohnte. Als Hannes Marchwitza seine 'Die Kumiaks' schrieb, und ich mein 'Feuer im Osten'. Hannes und ich lasen gegenseitig Kapitel für Kapitel unserer Manuskripte, kritisierten, diskutierten. Hannes starb vor einigen Jahren, in Ost-Berlin, las ich. Beide Bücher erschienen bei der Büchergilde Zürich. Hannes, Gregor, die russische Pianistin Sonja und mehrere traf ich bei der Züricher Seifenkönigstochter Nelly, auf deren Flügel Hans Tombrock übrigens eine ganze Reihe seiner Bilder malte. Nellys überlebensgroße Buddha-Statue sah mild lächelnd und verzeihend auf uns Tollköpfe herab, und Gregor Gog sagte, als erteilte er Ablaß: 'Gott liebt die Gottlosen', und ich fügte hinzu: 'Ja, denn sie plagen ihn nicht.'

Ja, immer wieder Gregor, Gregor - halb Eulenspiegel, halb Rasputin: Mehrmals traf ich ihn in Degerloch bei Stuttgart, dann in Moskau, dann wohnte ich eine Zeit zusammen mit ihm bei einem Schweizer Maler (aus Graubünden) in einer vorherigen Wassermühle, ich glaube, der einsame Ort hieß Horgen, südlich von Zürich, und dann die Züricher Zeit, als er in einem Mietszimmer in der Spiegelgasse, schräg gegenüber des 'Lenin-Hauses' mit der Bronzetafel, wohnte, wo ich zuweilen auf seinem Sofa übernachtete - aber die Wirtin durfte es nicht wissen.

Moskau: Im russischen Journalisten-Klub sollte ich über China sprechen, woher ich gerade gekommen war. Ich sprach so ungefähr fünf Minuten, als die Tür leise geöffnet wurde. Herein kam Gregor, setzte sich lautlos, hörte zu. Ich ahnte überhaupt nicht, daß Gregor sich zu jener Zeit (1932) in Moskau befand. Als ich meinen Vortrag und die Fragenbeantwortung beendet hatte, und die russischen Journalisten den Raum verlassen hatten, glotzten wir uns an, Gregor und ich. Dann grinsten wir. Dann überblickten wir den langen Tisch, auf dem Schalen mit Frucht und Konfekt und Becher mit Zigaretten standen. Es war schwer zu jener Zeit, selbst für gutes Geld, gute Zigaretten im Moskau zu beschaffen. Wir sahen uns an. Kein Wort wurde gesagt. Dann stopften wir uns alle Taschen voll mit Zigaretten und gingen. Konfekt und Früchte rührten wir nicht an. (...)


In: Künstlerhaus Bethanien (Hrsg.): Wohnsitz: Nirgendwo. Berlin 1982

Gerhard Rieger (genannt Jonny)

Nochmals: Zwei Millionen Menschen auf der Landstraße

Das Schicksal von zwei Millionen Menschen liegt auf der Landstraße und, gebündelt, in den Herbergen und Asylen, auf Brettern, Stroh und Pritschen, den Hunger im Magen, die Not in den Hacken.

O ihr Fettwänste, die ihr denkt, wenn ihr eine Mahlzeit versäumt, es ginge an eure Gesundheit! Die ihr jeden Abend euer weiches Federbett aufsucht , wie Kühe den Stall! -: daß ihr doch ein einziges Mal auf einsamer, weiter Landstraße stündet, wenn die Nacht sich über den Nebel der Wiesen legt. Wenn das Leben zu sterben scheint. Weites Land, keine Hütte, kein Dach. Nichts.

Dann läuft der Tramp; denn Nacht und Elend sind ihm auf den Fersen. Weithin hallen seine Schritte. Irgendwo winkt die "Herberge zur Heimat"...

Es ist 8 Uhr abends-.

"Herberge zur Heimat"... Das ist überall das gleiche, die gleiche Armseligkeit. Ihr gutgesinnten, gutseinwollenden Menschen, wenn ihr noch nie dem Elend ins Auge gesehen habt -: hier steht es! Nackt, zerbeult, zertrampelt. Grantige Knochen ragen wie Granatsplitter unter der dürren Hat. Wandelnde Garderobenständer! Düster flackert das Licht im Aufenthaltsraum. Abfall, den Müllkasten wert, wird gehandelt zu Tagespreisen. Gesichter, aus denen der Hunger schreit, in dienen die ewige Straße eingemeißelt und -geschnitten ist. Aufenthaltsraum, in dem ihr keine zwei Minuten atmen könnt. Klaffende Löcher, Lumpenfetzen, Hemden, die einstmals, vor langer Zeit, Ärmel besaßen, nennt man Kluft. Regennasser Stoff trocknet auf schwitzenden Körpern, dampft. Trockne Brotkanten erregen Neid. Nehmt den Menschen ihren Freßnapf, und das Tier kommt zum Vorschein, das Tier, das die Zähne bleckt und sie ans Leben klammert. Was heißt - Leben? Die staubigen endlosen Straßen in Nichts-?

Was ist nicht schon alles geschrieben oder besser gelogen worden über lustiges Vagabundenleben. Ihr ausgetrockneten Schreibtischseelen, wenn ihr ein einziges Mal in dieser Hölle gewesen wäret, ihr würdet verstummen und die mehr wagen, über die Landstraße und ihre "Romantik" zu schreiben!

Nur einen Tag, nur eine Stunde einmal wieder arbeiten zu können-: das sagen die Tramps! Sie jagen durchs Land, um irgendwo die große Chance zu erhaschen. Vergeblich. Der Bankrott der bürgerlichen Gesellschafts"ordnung" ist schneller als sie. Allabendlich bündelt die Herberge sie wieder zusammen, läßt sie Postkarten malen, mit Brot und Tabak, mit gebrauchten Zahnbürsten und Fußlappen handeln.

Schluß! - 9 Uhr...

Von freudlosen, kahlen Holztischen stehen sie auf, fünfzig, sechzig Menschen, die langsam am Leben verbluten, denen nichts mehr zu nehmen ist. Ein Mensch kann arm sein, er kann aber auch gar nichts mehr haben -.

Der "Vize" treibt alle in einen Korridor zusammen: Ausziehen! Hemden runter - wer noch eins hat. Wenn ihr jemals gesehen hättet, , was ein Mensch noch als Hemd bezeichnen kann! Die Prüflampe des Vize gleitet auf und ab, und - umdrehen - andre Seite! Wehe, ein kleines Untier von "Bienchen" wird gefunden. Lumpen ausbrennen! Oder gar: Raus in die Nacht, Hundesohn! Und sie alle sind doch Menschen, wie ihr -!

Dann liegen sie auf den Pritschen: auf den "Schlafmaschinen". Ewig sind Decken und Bettücher nicht gewaschen. Wer bezahlt es auch? Einer fängt an: "Ich will... ich wollte... als ich noch..." Menschenschicksale rollen ab wie Filme. Einer will durchaus in die Fremdenlegion: "Nur etwas zu freßen haben!" Drei raten ihm zugleich ab. Stimmen, vom Hunger zermürbt, schwirren durch das Dunkel. Der Vize erscheint nochmal und gebietet Ruhe. "Vier, die am Bahnhof im Schuppen hausten, haben sie verhaftet. Einbruch." Er sagt es so hin, die Worte fallen trocken in den Raum.

Vier junge Menschen... Sie hielten den Hunger nicht mehr aus, griffen zu, nahmen sich, was sie brauchten.

Dann wieder: Weibergeschichten. Und dann: "Ich kriege nie mehr Arbeit! Ein halbes Jahr Zuchthaus! Aus..." Die Worte fallen schwer, wie Hammerschläge. Niemand fragt: Warum? Was ist da noch zu fragen? Und wer hat das Recht dazu?

Ein Siebzehnjähriger kommt aus Heidelberg. In vier Wochen sind 500 Wanderbücher ausgestellt worden - in einer einzigen Stadt! Ratschläge über Wohlfahrtsämter und Unterstützungen werden gegeben. Erfahrungen ausgetauscht, gleichmäßiges Stöhnen den Schlaf verrät -.

Morgens werden sie hochgejagt. Trübes Licht. Schmierige Scheiben. An der Wand steht, mit Bleistift gekritzelt:

"Herrgott, hab Erbarmen,
schaff ab Schutzmann und Gendarmen!"
Und eine ungelenke Hand schrieb dazu:
"Sonst müssen wir es tun!"

Unten, im Aufenthaltsraum, sitzen sie wieder. Eng zusammengedrückt. Aus eingerissenen, grundlosen Taschen erscheinen vielleicht noch einzelne Brotstücke -: "Karo einfach, belegt mit Daumen und Zeigefinger", wie es heißt.

Im Gästebuch steht in breiten, harten Buchstaben von einem Unbekannten, Namenlosen geschrieben:

"Spießer und Bürger,
ihr mögt ruhig schlafen,
wir tragen das Leben,
vor dem ihr Angst habt!"

Ja - wir tragen das Leben, in aller Schwere. Tragen es wieder hinaus in den Morgen, einer neuen, grausamen Nacht entgegen.
Wer redet da noch von Liebe, Kultur und Zivilisation unseres Zeitalters?
Ja - bei den Satten! Aber draußen, wo die endlose Straße sich dehnt, ziehen zwei Millionen Menschen ins Feld für Arbeit und Brot gegen diese gottverdammte kapitalistische Gesellschaftsordnung! "Wie lange noch -?


aus: Der Vagabund, Heft 5, 4. Jgg., 1931, später in 'Liga der Heimatlosen' unter dem Titel "Wie lange noch?"

Gerhard Rieger (genannt Jonny)

Die Vagabunden-Internationale

Gerhard Rieger, einer aus der Intern. Bruderschaft der Vagabunden, ein berliner Jungarbeiter, 23 Jahre alt, hat den Weltreise-Wettbewerb von "Berlin am Morgen" und der "A-I-Z" (unter 2356 Teilnehmern) gewonnen. Nachstehend sein Beitrag, der den ersten Preis erhalten hat.

Das war in Genf. - Ich hatte gerade meine Ausweisung wegen Vagabundage weg. Aus dem lieblichen Lausanne, dem Kanton Vaud.

Die Abendsonne geisterte in der Ferne über dem Montblanc, wie über einen riesigen, weißen Zuckerhut. Am Kai war es windig; - auch noch anders windig. Ich stocherte weiter: Villen, Hotels, Flaggen, Brücken, Plainpalais, Rue du Vienne, Billand 25. - Richtig! - "Armee du Salut": diese gottsverfluchte, internationale Vagabundenquetsche. Was die Loggia dei Lanzi in Florenz, Albergo Populare in Mailand, Schönbrunn in Wien, Pik Aß in Hamburg, das ist die Armee du Salut in Genf: Treffpunkt der Tramp-Internationale.

Eine verdammt herrliche Bande war da zusammen: Ein Schweizer mit zerbeultem Mumiengesicht, der sich, weiß der Teufel woher, eine Fahrkarte nach Afrika besorgt hat. In einigen Tagen will er abgondeln. Ein Spanier, politischer Flüchtling, schreibt Briefe. Ein dänischer Heizer macht Rast auf dem Tramp nach Konstantinopel. Zwei Tschechen kauderwelschen mit einem Bremer, der soeben der französischen Legion entwischt ist. Ein von allen verkohlter Russe ist da, der uns den Kaffee bringt. Weißhaarig wie eine Silberpappel ist der Knabe schon. Er spielt jetzt Dienstmädchen und träumt noch von der Zarendynastie. Der Koch, Monsieur Wüst, ist Südfranzose.

Es war zum Verrücktwerden gemütlich. Bis das Mumiengesicht die Geschichte von den sieben Spaniern erzählte, die von der Legion ausgekrazt waren: - "Ende 28 war es. Sie fuhren blind von Algier auf einem Kasten im Reserve-Wassertank. Und wie der Teufel sein Spiel hat, wurde der Reserve-Tank gebraucht, wurde voll Wasser gepumpt. - Und später, bei den Reinigungsarbeiten, fand man sieben spanische Leichen. Elendiglich umgekommen waren die Kerle. Die Passagiere haben das Leichenwasser gesoffen, - brrr... - Aber die Sache ist nie rausgekommen. Was machts denen schon aus, wenn sieben arme Deibel absaufen wie Katzen. Soll man deswegen den Herrschaften 1. Klasse den Appetit verderben?"

"Ich fuhr auf der 'France' von Cherbourg", nahm der dänische Heizer das Wort. "Sechs Italiener machten blind in einem engen Schacht, der Verbindung mit dem Heizkessel hatte. Als wir es merkten, waren vier hops. Erstickt."

Die Stimmen sprangen durcheinander: "Auf der 'Rouen' holten wir vier Franzosen halberstickt hinter der Wandverschalung des Musiksalons hervor."

So ging es weiter: erstickt, - verhungert, - im Kettenkasten zerquetscht. Die namenlosen Toten. Verweht; - ausgelöscht.

Und dann erzählte das Mumiengesicht wieder. Er war 26 und sah aus wie ein alter Mann. Sein Gesicht war hart, eingefallen. Die Augen vom Hunger verglast:

"Da waren wir auf dem Schub von Paris. In einem Güterwagen. 26 Mann in einem Güterwagen. Jeder bekam etwas Stroh, auf das er sich legen konnte. Sieben Nationen waren vertreten. Stellt Euch das vor: sieben verschiedene Sprachen. Hunger und Haß einten uns. - Jahrelang nicht mehr richtig satt geworden. Nirgends Arbeit. Der Mund, ein schmaler Strich, zusammengepreßt. Wir hätten geschrien vor Hunger, Angst und Verbitterung. - Aber wir konnten nicht mehr schreien. Die Worte waren uns in der Kehle erstickt. Es reichte nur noch zu einem gepreßten, unheimlichen Fluch. Die Glieder zuckten; eine unempfindliche Masse. Wir waren so ziemlich sargreif. - Aber ein sargreifer Tramp darf alles, nur nicht den Lebensmut verlieren. Das darf er nicht. Dann ist es auch. - Verdammt, und die Hose rutschte uns über die abgemagerten Hüften, so holperten sie mit uns los. Erst froren und fluchten wir nur. Dann versuchten wir uns zu unterhalten; das ging aber schlecht. Plötzlich fing einer an zu singen und das verstanden wir, obwohl er ungarisch sang. Und alle sagen wir mit; nein, wir brüllten und faßten uns um die Schultern. Und wißt ihr, was wir sagen? - Die 'Internationale'! Die 'Internationale' in sieben Sprachen. Und doch war alles eins, und einer verstand den anderen. Als wir in Straßburg getrennt werden sollten, kamen uns die Tränen in die Augen und wir riefen uns zu: Servus, Brüder! - Und vergeßt nicht die Internationale! - Das riefen wir. Und als die Gendarmen brüllten, wir sollten das Maul halten, fingen wir noch einmal an zu singen, bis sie uns in verschiedene Richtungen abführten." Dabei schlug der Mann mit dem Mumiengesicht auf den Tisch und stand auf, um seine Schlafmarke zu holen.

Wir gingen mit. Und einer sagte noch langsam, Wort für Wort betonend: "... Die Internationale erkämpft das Menschenrecht." -- Mit heißen, trockenen Worten sagte er es, auf denen der Staub all der tausend Straßen, die er gezogen, zu lasten schien und in denen der Hunger lag.


aus: Der Vagabund, Heft 5, 4. Jgg., 1931. (Wieder abgedruckt in: Trappmann, Klaus: Landstraße, Kunden, Vagabunden. Gregor Gogs Liga der Heimatlosen. Berlin: Gerhardt Verlag 1980)

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