Vorbei ist ein Frühling und ein langer Sommer im Tessin. Es ist der letzte Tag auf meinem Balkon.

Vorbei ist es mit den glühenden Farbenträumen, mit den hurtig wechselnden Eindrücken, mit dem fiebernden Blühen, vorbei mit dem verschwenderischen Reichtum des Sonnenlichtes. Schon sehe ich das alles mit leiser Wehmut, mit etwas Abstand, mit dem nachdenklichen Zögern des Abschiednehmenden.

Ich habe so viel gesehen.

Und ich habe so vieles nicht gesehen: Das Bavonatal mit dem Gletscher des Basodino. Die Pässe, die ich noch überschreiten wollte. Die Dörfer, die ich noch zu sehen wünschte. Ich kam nicht mehr dazu. Ich ließ mir Zeit für das, was ich erlebte. Das andere verbleibt mir, es wartet auf mich. Und die Kleinigkeiten, die auftauchen und auf einmal doch keine Kleinigkeiten sind: Das Museum in Locarno, das so herrliche Funde aus der Römerzeit birgt, und in das ich nie einzudringen vermochte. Wohl ein halbes dutzendmal versuchte ich es. Es war immer verrammelt und geschlossen. Vipern und Nattern habe ich gesehen, aber ich traf nie die zwei Meter lange grüne Schlange, die sie Pfeilnatter oder auch Zornnatter nennen. Ganze Kolonien der verhältnismäßig seltenen Hirschkäfer habe ich angetroffen, und nie [273] dieses seltsame Insekt, die Gottesanbeterin. Vieles habe ich zugute.

Längst sind die Palmen unter meinem Balkon verblüht. Und ich lasse die Hand über die hölzerne Ballustrade gleiten und nicke: ja, ich komme wieder. Ich werde wieder hier sein und alles, alles sehen. Die unerfüllten Träume, die unerreichten Täler, die unbeschrittenen Bergpässe. Es ist gut, ruhen. Ich habe von ihnen gelernt, wie das Leben auch gelebt werden kann. Weder besser noch schlechter. Aber anders – sie wollen nicht mehr sein und vorstellen, als sie sind: Menschen, die ihr Tempo selbst bestimmen, die im Einklang mit ihrer Natur und ihrer Wesensart leben und sich da nicht dreinreden lassen.

Das alles zieht noch einmal an mir vorüber. Dann nicke ich dem blauen Seespiegel und den beiden Brissagoinseln vertraulich zu und halte ihnen eine kleine Abschiedsrede:

Ich weiß, der melodische Klang der Holzsandalen, der Zoccoli, die dickbäuchigen Weinkännchen, die Boccalini, und mancher andere bunte Zauber, das ist nicht das Tessin. Ich habe ein anderes Tessin kennengelernt und davon zu sprechen versucht. Und zudem gibt es noch etwas ganz anderes: die Wirtschaft, die Exportziffern, die Politik... Das ist eure Sache. Ich bin als ein Liebender zu euch gekommen und mische mich da nicht ein. Ich weiß, ihr habt eure Steinbrüche, Granit und Marmor, eure Tabaksfabriken, eure Linoleum- und Textilindustrie, ihr stellt synthetische Edelsteine und Gerbstoff her und manches andere. Damit schlagen wir uns zu Haus auch herum. Das habe ich aus dem Spiel gelassen.

Und die Menschen im Tessin, die so ganz in sich selbst das zu wissen. [274]

Eure Losung ist: Liberi e svizzeri – Freie und doch Schweizer. Das habe ich immer bei euch gefühlt, es hat mich erfreut und gewärmt. Und auch das, was ihr nicht exportieren könnt: eure landschaftliche Schönheit, euren Frohsinn, euer Temperament und euer Lächeln – auch unter harten Bedingungen.

Ihr habt eure ernsten Probleme, mit dem euch bedrängenden Deutschschweizertum, ihr habt eure Minderheitenfrage, und ihr habt euren Stolz und eure Kulturtraditionen, die ihr bedroht seht. Vieles erbittert euch. Und sicher zu Recht.

Ich verstehe das, aber ich habe keinen Stimmzettel und keine politischen Rechte in eurem Lande. Ich bin nur ein Gast, dem es vergönnt war, auf einem Balkon zu sitzen und das Land rund um den Lago Maggiore zu betrachten. Und nun, da ich gehen muß, will ich es sagen: ich fühle mich heimisch bei euch, und die tiefe Dankbarkeit, die ich spüre, sie kommt von einem aufrichtig liebenden Herzen.

Also: Arrivedérci – auf ein Wiedersehen!

Die Palmen unter meinem Balkon klappern beifällig mit ihren steifen Blättern. Der See glänzt vor warmer Heiterkeit.

Die Glyzinien blühen bereits zum drittenmal.


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