Mein lieber Freund, wir sind ein armes Dorf, wie fast alle Dörfer im Tessin. Aber beileibe nicht so arm, daß es nicht noch ärmere Flecken gäbe. Doch darüber sprechen wir nicht. Du verstehst, wir beklagen uns keinesfalls. Es geht alles seinen gewohnten Gang. Wir leben so wie es uns paßt, auf unsere Art. Weißt du, wir würden im Grunde mit niemandem tauschen. Um keinen Preis. Wir kennen uns hier, wir können zusammen lachen und traurig sein. Das hier gehört uns, unsere Sorgen, unsere Dummheiten, unsere Angelegenheiten sind das, die wir zusammen haben und miteinander teilen, unsere Enttäuschungen und unsere kleinen Freuden. Und das geht sonst niemanden dort draußen etwas an. Denn man würde das nicht verstehen können. Wir machen alles gern unter uns ab. Wir sehen vieles bei uns anders, als es Fremde sehen würden. Wir drücken ein Auge zu, oder auch mal beide. Denn es sind die Unsrigen, es ist unser Dorf. Wir wissen warum. Die anderen wissen es nicht, denen fehlen die Voraussetzungen dafür. Darum schweigen wir nach außen hin. Und auch, weil wir keine Einmischungen vertragen können.

Siehst du, beispielsweise dort draußen, auf dem freien Platz vor der Kirche, da kannst du den Padre auf und ab gehen sehen, vertieft in sein Brevier. Zwanzig Schritt weiter [247] sitzt ein Mädchen mit angezogenen Knien im offenen Fenster eines Hauses und liest in einem Buch. Die Schöne sieht den Padre scheinbar nicht, sie hebt nicht den Blick vom Buch. Der Padre scheint sie auch nicht zu sehen, er hält das Gebetbuch dicht vor seine Augen. Absolut nichts Bemerkenswertes, nicht wahr? Sie sitzt dort, sittsam. Er wandelt dort, fromm.

Und dennoch, du kannst mir glauben: beide sehen sich, beide fühlen sich. Und diese Szene wiederholt sich fast täglich. Der Padre geht jedesmal ein paar Schritte mehr auf als ab. Dadurch nähert er sich unmerklich dem Fenster. Sein Brevier sinkt unmerklich mehr und mehr. Seine Augen blinzeln über den Rand des Gebetbuches hinweg zum Fenster hin. Die Kleine, dieser Satan, sie liest, die Nase im Buch. Manchmal schaukeln ihre angezogenen Knie, auf denen sie das Buch zu liegen hat, ein ganz klein wenig hin und her. Sie irritiert ihn. Jetzt bleibt er stehen, blickt sie über die Barrikade des Breviers ziemlich herausfordernd an, mündig, zwingend, – diese verführerische Schlange, sie sieht ihn nicht. Sie bemerkt ihn überhaupt nicht. Zornig wendet er sich auf den knirschenden Absätzen herum, schreitet wieder zurück. Sie blickt auch jetzt nicht auf. Er wendet sich wieder um, nähert sich Schritt für Schritt. Wie im Gebet versunken blicken seine Augen gerade über den Rand des Gebetbuches hinweg auf die schöne Sünderin. Sie wendet eine Seite in ihrem Buch, schaukelt ganz sachte mit den Knien, hebt ihre Augen nicht vom Buch. Und dann springt die betörende junge Dame auf einmal vom Fensterbrett herunter, verschwindet im Zimmer. Der Padre klappt das Brevier zu, klemmt es unter den Arm und schreitet davon.

Verstehst du, warum ich dich auf dieses kleine Inter-[248]mezzo aufmerksam machte? Weißt du, was ich meine? Nein, kein Fremder kann es verstehen. Wir lächeln, wir wissen – und schweigen. Gottbewahre, es geschah nichts, kein Wort wurde gesagt! Aber es ist heißer kalter Krieg, ein kleiner lokaler Nervenkrieg.

Sieh mal, der Pater hätte ja gut seine Gebetsübungen an anderer Stelle vornehmen können. Hier ist Platz genug. Aber nein. Und wenn man Pater ist und sein Brevier vor der Nase hat, gehört es sich wohl auch nicht recht, eine hübsche junge Dame anzustarren, die mit angezogenen Beinen im Fenster sitzt. Und sie? Schließlich hat eine junge Dame dem Geistlichen des Dorfes doch immerhin eine gewisse allgemeine Höflichkeit entgegenzubringen. Sie hat aufmerksam zu grüßen. Das gehört sich so. Sie aber tritt ziemlich herausfordernd auf. Und er versucht die ganze Würde seiner Person geltend zu machen, versucht sich Achtung zu erzwingen durch sein demonstrierendes Auftreten.

Na? Da kannst du sehen, wie schwer es für einen Außenstehenden ist, sich ein Bild zu machen. Nein, du errätst es nicht.

Da steckt also nur der kleine Umstand dahinter, daß sie die Geliebte des vorherigen Paters gewesen ist. Natürlich weiß der jetzige Padre das. Die Beichte – ja, auch. Aber er weiß es, wie wir alle es wissen. Und sie weiß, daß er es weiß.

Übrigens wird der neue Pater nie im Dorfe populär werden. Ja, wie soll ich dir das erklären? Keiner hat was gegen ihn. Selbstverständlich nicht. Niemandem würde es auch einfallen, ihn das fühlen zu lassen. Aber du kannst sicher sein, er fühlt es. Nicht etwa, daß wir die Beziehung der jungen Dame zu dem vorigen Pater gerade gutheißen würden. Das will keiner behaupten, wir sind ein respektables Dorf. [249]

Und ganz abgesehen von der unkorrekten Haltung des früheren Geistlichen, der ja schließlich sein Gelübde abgelegt hat und sich sowas nicht zuschulden kommen lassen darf, nicht wahr? Aber hat sich etwa jemand auf dem Kirchplatz hingestellt und das eine oder andere von ihm behauptet? Wer hat das gesehen, wer hat etwas gesagt? Keiner hier im Dorf. Keiner wußte davon. Alle wußten es.

So ist es doch. Aber das Mädchen ist eine von uns, und er war unser Padre. Sie gehörten zum Dorf, zu unserem Dorf, zu uns. Und wo viel getanzt wird, muß man auch schiefe Schuhsohlen mit in Kauf nehmen. Schließlich war das Mädchen keine Heilige. Und ein Padre ist noch lange kein Papst, von dem man Unfehlbarkeit verlangen kann.

Er war beliebt, der vorige Padre, sehr beliebt sogar. Er war jederzeit gut aufgelegt, zu Spaß bereit, er brachte Schwung in das Dorf, war die treibende Kraft zu allen möglichen Veranstaltungen, liebte Festlichkeit, wollte frohe Menschen um sich sehen. Er hat manches Mädchenherz zum Klopfen gebracht, und auch einige Herzen gebrochen. Beispielsweise lohnt es sich vorläufig nicht, im Gasthaus eines naheliegenden Dorfes zu Mittag zu speisen. Die Wirtin ist zu betrübt, um ihre Gedanken bei den Mahlzeiten und den Gästen haben zu können. Du verstehst, gutes Essen will mit viel Liebe zur Sache zubereitet sein. Die Wirtin aber ist dessen nicht fähig, sie leidet zu schwer, sie hat immer noch Liebeskummer. Ja, sie auch, auch sie – wegen seiner Herrlichkeit dem vergangenen geistlichen Herrn. Er war so lieb und nett. Man kann das verstehen, er war wirklich ein charmanter Herr. Er nahm es nicht kleinlich mit der Nächstenliebe. Er war so menschlich, er nahm an allem teil. Und wenn man daran denkt, daß es für jegliche Sünde eine Ab-[250]solution gibt – und er über alle erdenklichen Sündenvergebungen verfügte, die Taschen davon voll hatte und seine milden Gaben nur auszuteilen brauchte. Doch seine Vorgesetzten dachten wohl anders darüber: ihm wurde offenbar nicht vergeben.

Er sitzt jetzt irgendwo in Afrika, in der Verbannung. Dafür haben seine Vorgesetzten gesorgt. Vielleicht trieb er es auch ein bißchen zu bunt. So mit zwei, drei Schönheiten im Auto herumzufahren, das ist vielleicht reichlich unvorsichtig – wenn man nicht seiner Absolution sicher ist.

Und dann bekamen wir ja den neuen Pater. Er tut seine Pflicht. Das ist das Beste, was man über ihn sagen kann. Aber auch nicht mehr. Er hat seine Hintermänner, seine Leutchen im Dorf, die sich lieb Kind bei ihm machen und ihn gut über alles unterrichtet halten. Das macht ihn ja auch nicht weiter populär.

Nun neulich mit der Prozession, das wurde also nichts. Es kam niemand. Das versteht man nicht recht. Wir sind weder mehr noch weniger fromm als andere Dörfer, und die Prozessionen bilden doch sonst immerhin so etwas wie ein festliches Ereignis. Abgesehen davon, daß es auch mal mißglücken kann. Wie damals, als sie den Kreuzträger, der mit Dornenkrone und allem was dazu gehört, den Christus darstellen sollte, – na, ich will nichts gesagt haben, aber ein paar schlimme Kumpane haben ihn also in der Nacht vor der Prozession zum Wein eingeladen. Du verstehst, es ist menschlich, das Fleisch war durstig und schwach. Der Wille war gut genug. Denn der Kerl trat doch wie verabredet zur Prozession an. Er war pünktlich am Platze, wenn auch mit schwerer Schlagseite. Es ging dann nicht so gut. Gerade beim Einzug in die Kirche stolperte er und fiel mit dem [251] Kreuz, drückte sich die Dornenkrone ins Fleisch und fluchte laut und gräßlich. Wir haben das dann später nie wiederholt. Also, ich meine, wir haben seitdem keinen Christus mehr bei der Prozession gehabt.

Und sonst, wenn es absolut nicht regnen will und die Ernte zu verdorren droht, dann tragen wir den Schrein aus Ebenholz, der in der Kirche steht, etwas in der Landschaft herum. Der Schrein enthält den Schädel und die Knochen eines Heiligen. So eine Prozession mit der Hoffnung um Regen ist immerhin etwas ganz anderes. Du verstehst, es ist eine ernste Sache, wenn die Ernte mißglückt. Wovon soll man leben. Da wird alles versucht, und jeder ist mit ganzer Seele dabei. Man tut was man kann.

Denn schließlich ist es doch so, daß wir alle beim Kaufmann einkaufen und es ins Kontobuch geschrieben bekommen. Nach der Ernte kommt der Tag der Abrechnung. Und wenn dann keine Ernte da ist und deshalb auch kein Geld, ja, dann heißt es: ein Stück Land, ein Stück unserer Erde im Werte der Schulden an den Kaufmann abtreten. Da hilft kein Bitten und Betteln.

Manches erscheint dir vielleicht sonderbar hier oder unverständlich. Aber es ist nun mal so. Es sind unsere Sitten und Gewohnheiten, es gehört zu unserem Dorf, zu uns. Und vieles wird ja auch schon nicht mehr so genau genommen. Wie das mit dem Todesfall eines Hausherrn. Die Witwe oder die Tochter soll ja dann eigentlich die Nacht bei dem Toten schlafen. Aber wer tut denn das noch?

Man soll sich das Leben wohl nicht schwerer machen als es ist. Und es ist oft recht schwer, lieber Freund, in einem kleinen Bergdorf. Ganz abgesehen von Steinschlag, Bergsturz, Überschwemmungen bei Wolkenbrüchen, oder gar [252; Foto: Tessiner Bergbauer]

Tessiner Bergbauer - Foto: Jonny Rieger
Feuer. Wenn der Berg brennt, wenn das dürre Unterholz Feuer fängt, dann lohen die Waldungen auf und das Feuer rast aufwärts, den Berg hinan, unhaltbar, bis der ganze Berg als lodernde Fackel dasteht. Selbst wenn es gelingt, das Feuer aus dem Dorf fern zu halten, es um das Dorf herumzuleiten, dann ist rund herum nur Asche und die verkohlte Erde übrig. Doch ganz von diesen Katastrophen abgesehen, welche Möglichkeiten haben wir schon, um Geld zu verdienen, um das Leben zu fristen? Du siehst es ja selbst. Und wir sind so abgelegen von allem. Die Transportunkosten sind unbezahlbar. Wir müssen uns schon selbst alles von weit her herbeischleppen. Meinst du, es ist zum Vergnügen, wenn wir hier bei der Bauarbeit statt einer leicht hantierbaren Wasserwaage einen mit Wasser gefüllten Suppenteller gebrauchen, um zu sehen, ob eine Fläche horizontal ist? Alles ist kostbar, und wo soll das Geld hier herkommen? Wir haben keins. Wir schulden alle irgendwo, irgendwas, irgendwem. Wie sollten wir sonst existieren. Viele schulden die Hausmiete schon für ein Jahr oder auch für zwei Jahre. Zuweilen finden nicht mal die Mäuse was zu fressen in den Häusern. Und die Katzen finden dann keine Mäuse mehr und fressen Eidechsen. Dann kann man die Katzen mit gesträubten Rückenhaaren herumlaufen sehen. Die Eidechsen bekommen den Katzen nicht: ihnen wird schlecht davon, sie erbrechen sich und werden krank. Dann ist es so ungefähr an der Zeit, daß man sich nach irgend etwas Brauchbarem umsieht, es unter den Arm klemmt, über die Grenze geht, und es in Italien gegen Reis umtauscht...

Auch so kann es zuweilen bei uns im Dorf aussehen. Weit entfernt von dem sonnigen Idyll, das sich die Touristen vorstellen. Aber man kann wohl nicht auch noch von uns ver-[253]langen, daß wir es ihnen erzählen. Auch auf Palmen liegt Staub, auch unter Palmen kann der Alltag recht grau sein.

Denk an unsere verwinkelten Häuser, die sich in den engen Treppengassen verzweifelt winden und übereinanderschieben. Romantisch? Ja, so heißt es wohl. Aber alle diese verschrobenen Winkel, sie sind so gebaut, weil es der Platz, die Schrägung des Berges und die oft weit in die Häuser hineinragenden Felsenklumpen nicht anders ermöglichen. Hier wird gebaut mit dem Material, das man gerade zur Hand hat – und wenn man es hat. Ein Mann baut vielleicht etwas im Frühjahr, arbeitet im Sommer weit weg, kommt im Herbst zurück, baut wieder etwas an. Dann wird ein Kind geboren und noch eins. Wieder wird angebaut. Dann heiratet ein Sohn. Und wieder wird dort, wo es eben möglich ist, eine Wohnung angebaut. So geht das zu. Wenig Platz, alles ist so eng, so bedrückend eng. Man baut solche Winkel nicht zum Spaß.

Du glaubst, weil hier viele Häuser zu Ruinen verfallen, müßte es doch einfach sein, sich ein Haus zu reparieren und neu einzurichten. Lieber Freund, es ist eine sehr schwierige und kostspielige Angelegenheit, ein eingestürztes Haus wieder instand zu setzen. Und wer hat die Mittel dazu, um regelmäßige Reparaturen durchzuführen, um den Verfall aufzuhalten? Aber kommt mal einer von draußen und fragt danach und will sich in so einer Ruine einrichten, dann bekommt er was zu hören, dann machen sich uralte Rechte geltend, dann werden Preise genannt, dann kann er sein blaues Wunder erleben. Aber, kann man es uns verdenken?

Sieh jenes Haus, dort unten am Berghang. Ein Fremder kaufte es. Der Kaufvertrag war unterzeichnet, die Kaufsumme bezahlt. Als der Käufer einen Monat später wieder [254] erschien, um in sein neu erworbenes Haus einzuziehen, war es fast im Regenwasser ersoffen. Warum? Das Dach war weg. Als er das Haus kaufte, hatte es ein Dach. Doch der Eigentümer hatte in derZwischenzeit das Dach entfernt. Es gehörte nicht zu diesem Haus. Es gehörte einem anderen Mann, nicht jenem, der das Haus verkaufte. Und es war später draufgesetzt und wohl auch noch nicht mal bezahlt worden. Außerdem war es auch nicht im Kaufvertrag mit einbegriffen worden. Da war überhaupt nichts zu machen. Ein Prozeß kann zehn Jahre dauern, bis alle notwendigen Papiere herbeigeschafft und alle Leute aus den Bergen herbeigeholt und verhört sind. Und das endgültige Resultat ist dann immer noch genau so zweifelhaft. Inzwischen ist das ganze Haus zusammengefallen. Am billigsten ist es schon, einfach selbst ein neues Dach legen zu lassen. Das tat denn der neue Besitzer auch. Dabei wollte er den Rest des Hauses gleich in Ordnung bringen lassen. Da zeigte es sich, daß die unterste Etage des Hauses verschlossen war. Und nun erfuhr der arme Mann, daß die unterste Etage des Hauses wieder jemand anders gehörte, der in einem anderen Dorf wohnte. Er suchte den Besitzer der untersten Etage auf. Richtig, das war sein Eigentum, darauf konnte er ein uraltes Papier vorweisen, einen gültigen Eigentumsbeweis. Was nun? Ob er nicht wenigstens verkaufen möchte? Nein, er brauche zwar diese Räume nicht, aber zur Zeit sähe er keinen Grund, warum er verkaufen sollte!

Und das ist recht häufig hier, daß verschiedene Etagen verschiedenen Besitzern gehören. Vieles ist sehr kompliziert, so schwierig zu erklären, so ineinander verschlungen und verwickelt hat sich alles im Laufe der Zeiten. Für Fremde nicht zu begreifen. Wir verstehen das alles, die Fremden [255] aber können nur den Kopf schütteln, wenn sie so etwas hören.

Siehst du, lieber Freund, alles was ich dir erzählte, das gibt es hier bei uns, das ist tatsächlich so, das ist hier bei uns vorgekommen und dagewesen. Es sind unsere kleinen, besonderen Eigenheiten, die das eine Dorf genau so wie jedes andere Dorf besitzt, und über die wir uns so ziemlich stillschweigend hinwegsetzen. Kein Fremder begreift das. Und ich erwähne es nur, damit du siehst, auch wir haben es hier nicht immer so einfach, so sonnig und romantisch, wie es vielleicht aussieht.

Und jetzt nur noch eins, wenn du das jemals jemandem erzählst, – dann nenne keinen Namen, sprich nicht von mir, nicht von uns, nicht von diesem oder jenem Dorf. Erfinde einen Namen, nenne das Dorf meinetwegen Lusingano oder wie du willst. Und sage nicht ein Tessiner hätte es dir erzählt.

Denn man spricht nicht darüber – man weiß es! [256]
weiter

 

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