Der Abend ist drückend heiß, die Türen zu meinem Balkon stehen weit offen wie immer, wie jedenTag und jede Nacht, und ich sitze am Tisch über einen Berg vergilbte Papiere gebeugt. Es sind staubige Blätter der Alltagsgeschichte Fontana Martinas, aus dem Schutt der Ruinen an das grelle Licht gehoben, um wieder dem Dunkel der Steinmauern und dem Vergessen überlassen zu werden. Diese Mauern, die mich lange Monate geheimnisvoll angestarrt haben, sie hören auf einmal längst vergessene Namen wieder erklingen. Noch einmal leben Geschehnisse auf, von denen keiner mehr etwas weiß, an die sich heute niemand mehr zu erinnern vermag.

Lausche, Fontana Martina, – hörst du die Toten rufen? Noch einmal werden Bruchstücke ihres einstigen Daseins genannt. Eine Laune des Schicksals, die wir Zufall nennen, hat diese Dokumente längst vergangenen Lebens vor mir auf dem Tisch ausgebreitet. Wir wollen ein wenig in die Finsternis der Vergangenheit hineinlauschen.

Also, wie war es?

Ich blättere in einem zerfetzten Rechnungsbuch, in dem geleistete und abgerechnete Arbeiten peinlich genau aufgeführt sind. Darüber stehen die Jahreszahlen, von 1691 bis [239] über die Jahrhundertwende hinaus. Die Worte riechen nach kümmerlichem Dasein und Plage.

Hier, in dem größten, dem höchsten Haus lebte also Carlo Agostino Lamberti – ein Name, aus dem Dunkel gerissen, um wieder im Dunkel zu entschwinden. Vorbei!

Das nächste Haus, das mit den vergitterten Fensterhöhlen, und die daneben liegenden Bauten waren Jahrhunderte hindurch von der großen Sippe der Zucconi bewohnt.

Das Dunkel weicht zurück, der schattenhafte Umriß eines Mannes zeichnet sich ab: Petri Zucconi aus Fontana Martina verkündet für den 4. Februar 1663 seine Hochzeit mit Joannina Belframelli. Er läßt ein paar Bemerkungen fallen, die zu erkennen geben, wie schwierig es für die beiden Familien war, sich vor der Eheschließung über die Mitgift und die Verteilung der Grundstücke einig zu werden – und das Dunkel nimmt ihn wieder auf.

Da ist Salvatore Antonio Zucconi immerhin ein viel gesprächigerer Herr. Er erzählt, daß er am 2. Februar 1749 geboren sei. An seinem Hochzeitstage setzte er sich hin und begann mit schwungvoll geschnörkelten Buchstaben seine Familien-Chronik zu schreiben. Das war am 16. Januar 1774, als er die 22jährige Maria Teresia, Tochter des Guiseppe Materni, heiratete und seine Eintragung mit den Worten anfing:

»Geschrieben im Jahre, da das Korn 17 mailändische Lire kostet, und mit der Gnade des Herrn, die mich bis zu diesem Tage davor bewahrte, Schulden zu machen.«

Ach, welche eitle, welche verfängliche Hoffnung! Dieser Satz drückt das ganze eingeschüchterte Dasein jener Zeit aus und erzählt mehr als dicke Geschichtsbücher, was ihnen wirklich am Herzen lag, was sie bekümmerte: der Korn-[240]preis, der Ruf um Erbarmen, und die grenzenlose Furcht davor, den Blutsaugern von Geldverleihern verschuldet und ausgeliefert zu sein. Hatte er bereits geahnt, daß er verschuldet enden würde?

Aber ich will nicht vorgreifen, noch geht es ja gut. Hier hat er gesessen, der Salvatore Zucconi, in diesem Gemäuer, und gewissenhaft seine Buchstaben in die Chronik gemalt:

»Das erste Kind, ein Sohn, Giovano Battisto, geboren 11. November 1774.
Der zweite, Pietro Antonio, 26. Februar 1776.
Der dritte, Virgilio Vincenzo, 29. Oktober 1777.
Das vierte Kind, ein Mädchen, Maria Annunziata, 25. Februar 1784.«

Die lilabraun schillernde Sepiatinte, mit der er bis jetzt geschrieben hat, ist alle. Er schafft sich neue, schwarze Tinte an, und dann legt er wieder los:

»Der fünfte, Gaudenzio, 20. Oktober 1785.«

Er hört auf damit, die feinen, geschnörkelten Buchstaben zu malen. Seine Schrift ist von Eintragung zu Eintragung kleiner, bedrückter geworden. Hastig, das Datum in eine Ecke geklemmt, fast unleserlich, notiert er:

»Das sechste, ein Mädchen, sterbend geboren, 31. Dezember 1791.
Der siebente, Luigi Angnieri, 13. Februar 1793.«

Danach kratzt er ohne die Spur von Schönschrift hin:

»Das achte, ein Mädchen, Maria Francesca Catarina Rosa, 31. Januar 1796.«

Natürlich hat er Schulden machen müssen. Es fängt an mit Mahnbriefen und es endet mit Prozeßdrohungen: Chiesa di S. Martino contra Salvatore Zucconi. Jetzt hat er die Kirchenbrüder auf den Nacken bekommen. [241]

Dem armen Kerl blieb nichts erspart. Als am 8. Dezember 1790 französische Truppen auftauchten, mußte er ihnen Quartier schaffen und sie versorgen. Dann suchten ihn wieder österreichische Soldaten heim, die in der Casa Ciseri in Ronco einquartiert waren. Und schließlich tauchten auch noch zehn versprengte Kosaken zu Pferd auf, die er mit Proviant versehen sollte.

Am 13. Januar 1806 verheiratete sich seine Tochter Maria Annunziata, und es wird eine peinlich genaue Liste über jeden Strumpf, jeden Unterrock, jedes Hemd und jedes Laken – ob hausgewebt oder gekauft – aufgestellt, über jedes Stück, das sie als Mitgift mitbekommt. Anzahl, Art, Qualität, Farbe, sind genauestens vermerkt. Da soll nachher einer kommen und sagen... Nein, es war alles zusammen kaum beneidenswert, es war ein kümmerliches Dasein.

Und dann verschwindet der alte Salvatore sang- und klanglos. Nichts berichtet mehr von ihm, und kein Wort erzählt mehr von dem Schicksal seiner beiden ältesten Söhne.

Jetzt ist Virgilio Vincenzo, der dritte Sohn, am Ruder. Er ist Pittore – Maler. Er hat die Schulden seines Vaters geerbt und schleppt sich sein Leben lang damit kerum. Wie haben ihn doch seine Gläubiger gepiesackt! Ein dickes Bündel Mahnbriefe – das ist sein Dasein.

War es Flucht vor seinen Gläubigern oder die Hoffnung, in der Fremde Geld verdienen zu können, was ihn immer wieder nach Italien trieb?

Keiner steht so deutlich und klar umrissen da wie er: Ein mittelgroßer Mann mit dunklem Haar, dunklem Bart, dunklen Augenbrauen. Die Augen, kastanienbraun. In dem ovalen Gesicht ein großer Mund und eine starke, kräftige [242] Nase. So steht er im scharfen Licht bürokratischer Beleuchtung. So beschreiben ihn seine drei Reisepässe.

Wie bitte – seine Pässe?

Jawohl! Da hat man uns immer vorgeflunkert, wie einfach das alles früher war, als man nur mit seinem Taufschein ausgestattet in der ganzen Welt herumreisen konnte.

Na, Prost Mahlzeit! Hier sind Virgilio Vincenco Zucconis Pässe und erzählen etwas ganz anderes. Drei Pässe, alle im großen Zeitungsformat, ausgestellt in den Jahren 1831, 1835,1843. Du lieber Himmel, das muß man sich mal ansehen, gestatten Sie, Signore Zucconi? Diese Papiere im Zeitungsformat sind von oben bis unten dicht übersät mit Stempeln und Eintragungen. Und dabei war der Mann nie weiter als bis Florenz gewesen. Allein in Bologna ist sein Paß viermal am selben Tage bestempelt und bekritzelt worden. Einmal steht da sogar in deutscher Sprache: »Militärisches Platz-Commando zu Bologna«. Es ist also alles schon dagewesen. Die Österreicher haben diese Eintragung am 10. März 1833 gemacht. Ach ja, es war schon schlimm. Dagegen ist die Reiserei heutzutage beinahe ein Vergnügen zu nennen.

Na, lassen Sie mal sehen, Signore Zucconi. Sie waren also immerhin schon 66 Jahre alt, als Sie zuletzt aus Italien heimkehrten. Hübsches Alter, und dann?

Und dann wurde er weiter gepeinigt. Die Schulden – etwas davon arbeitet er durch Holzschlagen ab. Dann werden die Gläubiger grob und zwicken ihm einige Wiesen von seinem Grund und Boden weg. Dann werden sie noch gröber und pressen ihn zu einer Zwangsauktion. Zuletzt verkauft er den Rest seines Eigentums für 600 Lire an seinen Neffen Carlo Zucconi. Im Kaufvertrag vom 24. Februar [243] 1858 bedingt er sich aus, daß der Neffe Carlo ihm bis zu seinem Tode einen halben Franken pro Tag oder fünfzehn Franken im Monat bezahlen soll, ferner seine Begräbniskosten. Und er bestimmt zugleich, daß seine, Virgilios Erben, keinerlei Erbschaftsansprüche haben.

Aha, da haben sie auch wieder ein Ding gedreht. Auf diese Weise umgingen sie nämlich die Erbschaftssteuer!

Ach ja, alles schon gehabt, damals schon: Erbschaftssteuer - Hinterziehung und Steuerbetrüger! Alles,alles schon dagewesen.

Leider hatte der arme Kerl, der alte Virgilio Vincenzo nicht mehr viel Spaß an diesem Streich. Er starb ein Jahr später.

Jetzt fallen sie über den Neffen Carlo her und fordern von ihm Erbschaftssteuer. Aber er schlägt zurück: hat er vielleicht nicht den ganzen Kram gekauft? Er hat nichts geerbt, haha! Wieder häufen sich die Papiere. Nun ist Carlo an der Reihe. Er ist schon gewiegter und versteht es, sich ein Plätzchen als Grenzwächter zu verschaffen. Er wird sogar Zöllner, bei der »Guardia di Finanza«. Das ist ein hübsches Wort, wenn man es wörtlich übersetzt. Der tief verschuldete Steuerhinterzieher Carlo ist nämlich ein – Finanzgardist. Das letzte, was man dann von ihm hört, sind ein paar Briefe an ihn aus dem Jahre 1867, die an seinen Arbeitsplatz nach Lugano adressiert sind, aber dann in Fontana Martina endeten. Und in diesen Briefen, da steht es auch noch zuguterletzt, das Plagewort »debitore« – Schuldner!

Als er starb, vermachte er das Haus in Fontana Martina seiner Wirtschafterin, von der niemand mehr etwas weiß. Und damit hört überhaupt jegliches Wissen über Fontana [244] Martina auf. Wo blieben Virgilio Vincenzos Erben? Wo blieb die große Sippe? Wo blieben die Lambertis? Und warum liefen sie alle davon, als flüchteten sie vor dem leibhaftigen Teufel in Fontana Martina?

Da sitze ich und sehe die nackten Wände an und bedauere die Geister, die ich rief. Du meine Güte, da ist bereits vom 9. Februar 1648 ein Brief an einen Batista Zucconi, den sie wegen Geld überfallen. So fängt es an und so hört es auf. Es ging ums Geld, immer nur um Geld und um Geld. Schreibereien, Steuern, Schulden, Papiere, Mahnungen, Drohungen, von der Wiege bis zum Grabe, und weiter bei der nächsten Generation. Da glaubt man, es wäre ein Idyll gewesen, und dabei – dabei entdeckt man, es war alles, alles dasselbe, nur in einer anderen, einer vielleicht etwas vergröberten Ausgabe.

Die Toten schweigen, Fontana Martina schweigt. Ich blicke auf. Es ist spät geworden, fast Mitternacht. Ein paar große grüne Heuschrecken springen im Zimmer herum. Über den Steinfußboden läuft eine resedagrüne Raupe mit zinnoberroten Tupfen. Auf der Balkonschwelle sitzt ein fetter Tausendfüßler. Ein paar Nachtfalter gaukeln unter der Zimmerdecke herum. Die riesige Hausspinne sitzt in ihrem Netz, wechselt faul die Beinstellung und schläft weiter. In der Gardine sitzt eine Eidechse, wo sie immer abends sitzt, und blinzelt mich schläfrig an. Schläfrig? Ich habe sie im Verdacht, daß sie nur wartet, bis ich im Bett bin, um sich dann über meinen Rotweinrest herzumachen. Sie sieht immer so verschwiemelt aus.

Draußen trommelt es jetzt sachte auf den Blättern, und dann dröhnt es als dampfender Wasserfall herab. Endlich ist der Regen gekommen. Seit fast zwei Wochen schon [245] wurde es jeden Tag schwüler und drückender. Die Luft war kaum noch zu atmen. Die Wolken ballten sich fester zusammen und hingen fast bis auf den Wasserspiegel des Sees. Und es konnte und konnte nicht regnen. Es wurde immer heißer. Über dem Gambarogno rollte der Donner seit vielen Stunden. Ferne Blitze zuckten.

Wie ein rauschender Vorhang steht der Regen jetzt vor dem Balkon. Von allen Seiten krachen die Blitze. Der Donner heult mit vielfältigem Echo durch die Bergschluchten. Alle Lichter rund um den See sind erloschen. Und auf einmal entzündet sich diese dampfende und kochende Luft dort draußen. Es sind keine einzelnen Blitze mehr, der gesamte elektrisch geladene Luftraum flammt auf. Ein lilaroter Feuerschein flackert und beleuchtet See und Berge mit unheimlich zuckendem Licht.

Ich gehe zur Balkontür und ziehe mit einem Ruck die Gardine ganz zur Seite. Im selben Augenblick klatscht mir etwas Eisigkaltes in den Nacken. Ich fahre herum...

Die schlaftrunkene Eidechse ist heruntergefallen.[246]
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