Am äußersten Ende des Lavizzara-Tales, in 1281 Meter Höhe, ragt Fusio auf. Kühn und stolz anzuschauen, hoch auf den Felsen zusammengedrängt, hoch über dem oberen Lauf des reißenden Maggiaflusses, ein Dorf, das sich imponierend wie ein Schloß erhebt.

Und dennoch, es ist als ob sich ein dunkler Vorhang der Trauer und Sorge herabsenke, als ich mit den Leuten spreche. Die Armut, die Not, die Lawinen, alles das ließe sich ertragen, mit all dem würden sie noch fertigwerden.

»Sehen Sie dieses Kind, das Mädchen, es ist meine Tochter«, sagt eine Mutter. »Das Kind war unter der Lawine begraben, die unser Haus überrannte. Es wurde unter die Treppenstiege gepreßt, und wir fanden es erst, als es schon ganz blau war. Aber jetzt springt die Kleine wieder herum, es ist ihr fast nichts mehr anzumerken. Sie ist nur noch immer sehr scheu.«

Nein, es ist nicht das, und nicht die Einsamkeit und der lange Winter, in dem sie dreizehn Meter Neuschnee und fünf Meter festgetretenen Schnee gemessen haben. Nein, es ist nicht das, und es sind auch nicht die Menschen.

»Ganz gewiß, die Armut verbittert oft das Leben. Die Leute werden böse, wenn es einem gut geht, aber sie sind [228] auch sofort hilfsbereit, wenn es einem schlecht geht – sie kamen alle und halfen mir das Kind unter der Lawine auszugraben.«

Das alles bekümmert sie sehr, aber es ist nicht das, was sie hilflos erdrückt. Es ist das Werk. Das Stauwerk, das riesige Kraftwerk ist es, das jetzt bei Fusio am oberen Lauf der Maggia aufgewachsen ist.

800.000 Kubikmeter Beton, sagt das was?

Nein, man kann sich wohl keine richtige Vorstellung davon machen. Aber man kann sich vorstellen, was die Leute von Fusio erzählen. Es ist ein barscher Fleck Erde, das obere Lavizzara-Tal. Hier gedeihen eigentlich nur Kartoffeln. Und dann das Vieh, das sie jeden Sommer in Pacht nehmen und sogar von den Ufern des Lago Maggiore bis hier heraufholten. Es wurde dann eine kurze Zeit bei Fusio stationiert, damit es sich erst an das Höhenklima gewöhnen konnte. Und dann führten sie es hinauf zu den saftigen Weiden des angrenzenden Sambucotales – dort, wo jetzt das Werk liegt und den Lauf der Maggia zu einem See aufstaut.

Die Bergbauern von Fusio sind berühmt wegen ihrer erstklassigen Käseproduktion, aus unentrahmter Milch gewonnen, vollfett, brachte dieser Käse die besten Preise ein. Es ließ sich auskommen.

Vor ihren Augen erhebt sich nun das Maggiawerk wie eine feindliche Festung, die ihr Dasein bedroht.

Der Geistliche des Dorfes kommt gerade von einem Begräbnis zurück, als ich ihn treffe. »Wieder ist ein Arbeiter vom Werk verunglückt. Unter dem schwerbeladenen Lastwagen rutschte der aufgeweichte Bergweg fort. Mann und Lastauto rollten siebzig Meter tief in den Abgrund. Es war [229] der elfte Todesfall. Auch wieder ein Italiener, wie die zehn anderen vorher.«

Denn die Einheimischen sind weder befähigt, als Bauarbeiter mit den dazu erforderlichen Spezialkenntnissen beim Kraftwerk arbeiten zu können, noch vermögen sie als Mineure oder Lastautochauffeure dabei Geld zu verdienen. Alles das ist ihnen wesensfremd, es liegt ihnen nicht. Sie haben dabei keine Chance. Sie stehen außerhalb des Geschehens, das sich hier vollzieht, und sehen, wie ihr Dasein untergraben, wie ihr Grund und Boden weggesprengt, abgetragen, fortgeschafft wird. Wo Gras und Blumen wuchsen, erstarren Zementflächen. Ein Großbetrieb füllt die ganze Talbreite aus, verändert die Natur, schafft das Gesicht der Landschaft um. Die Touristen, die von der stillen Schönheit des Sambucotales begeistert waren – sie kommen nicht mehr. Auch dieser Nebenverdienst der Sommermonate fällt weg. Und wenn das Werk erst mit allen Kräften loslegt, dann wird das ganze Sambucotal mit seinen grünen Viehweiden von einem einzigen, riesigen Stausee überschwemmt sein. Und es gibt keine Viehweiden mehr.

Was dann? Die Bauern wurden enteignet und abgefunden, sehr gut und reichlich abgefunden. Aber, sagen sie verzweifelt, was hilft uns das Geld? Es verschwindet, es wird schnell alle, es ist bald aufgezehrt. Die Erde blieb uns immer. Sie gab uns zu jeder Zeit ein Auskommen, eine Lebensmöglichkeit. Aber was wird mit unseren Kindern, der Jugend, unseren Nachkommen? Sie stehen mit leeren Händen da. Was sollen sie anfangen, wovon sollen wir alle künftig hier leben?

Wer vermag ihnen zu antworten?

Ein armes, sterbendes Tal blickt angsterfüllt und erbit-[230]tert auf das große Wunder moderner Technik. Das herkömmliche Dasein eines Bergtales entschläft. Ein Kraftwerk erwacht.

So könnte es aussehen, und so sieht es tatsächlich für die Bewohner von Fusio aus. Aber das ist nicht alles. Das Lavizzaratal zieht sich von Fusio abwärts, am schäumenden Lauf der Maggia entlang, bis Bignasco. Und auf dieser langen Talstrecke ist es schon fast ausgestorben. Das Werk kam plötzlich, wie eine erschreckende Bestätigung dessen, was man fürchtete, was bereits im Laufe der Zeit unaufhaltsam fortgeschritten war, wie eine unheilbare Krankheit. Eigentlich ist das Werk nur noch die sichtbare Bekräftigung, die mit einer letzten Formalität verglichen werden kann, nämlich – mit der Ausstellung des Totenscheins.

Denn wie sieht es in Prato und Sornico aus?

Prato überrascht den fremden Besucher mit seinen gepflasterten Straßen und vor allem mit seinen vornehmen Patrizierhäusern. Es ist an Ausdehnung nicht größer als andere Dörfer, aber es erweckt den Eindruck einer kleinen Stadt. Die kostbaren Bauten zeugen von vergangenen großen Zeiten, von Wohlstand und Festlichkeiten. Noch immer tragen sie den Schmuck kunstvoller Malereien und die alten stolzen Familienwappen auf den Fassaden. Aber das einstige Leben ist entwichen und bereits so unfaßbar fern, daß es sich nicht einmal mehr in Erinnerung rufen läßt. Überall begegnet man den untrüglichen Zeichen der Verlassenheit, der Verarmung, des Verfalls.

Eines der Patrizierhäuser trägt das stolze Wappen der Familie Medici mit der Inschrift: ARMA MEDICI, 1851. Es wird behauptet, daß ein Mitglied der Familie Medici sich vor der Verfolgung in Italien in den Tessin rettete und [231] nach gelungener Flucht in Prato Asyl und Frieden fand. Aber das ist alles so merkwürdig ungewiß, ganz erstaunlich ungewiß. Auf dem Friedhof entdecke ich ein ziemlich ungepflegtes aber aus kostbarem Stein errichtetes Grab, auf dem eingemeißelt steht: Romilda Medici, 1863 – 1950. Und doch ist schon nichts mehr mit Bestimmtheit zu sagen, ist alles in Dunkel gehüllt. »Es sind jedenfalls keine Urkunden vorhanden, keine Beweise, keine sicheren Anhaltspunkte«, sagt mir ein Geistlicher in der Kirche. Was soll man dazu sagen? Wer war Romilda Medici, die hier lebte und starb und begraben liegt? Hat es nie jemand erfahren? Hat sie ein Geheimnis mit in das Grab genommen?

Im stolzen Palais der Medici ist niemand mehr, der darauf antworten könnte. Noch prangt das Wappen, noch sind die Fenster geheimnisvoll vergittert. Aber man schüttelt den Kopf und glaubt seinen Augen nicht, wenn man zu den Fenstern des unbewohnten Hauses hineinsieht: die kahlen Räume werden jetzt als Lagerschuppen für Heu und Holz benutzt. Alles ist so vergänglich und in Auflösung begriffen in diesem sterbenden Tal, so schnell vergessen und verweht. Heute ist es schon zu spät, um Fragen nach dem Gestern beantwortet zu bekommen.

Zwischen Gestern und Heute traten Tod und Schweigen.

Und dann Sornico, das gespensterhaft still in der heißen Mittagssonne verharrt. Ein Dorf, das nur noch aus Ruinen großer, stolzer, kostbarer, mit Wappen und Malereien geschmückter, einstiger Prachtbauten besteht. Ruinen, wohin das Auge blickt. Und das war einst der blühende Hauptsitz der Pfarrei des ganzen Lavizzaratales. Eingestürzte Dächer und Häuserfronten, leere schwarze Fensterhöhlen, geborstene Mauern mächtiger, mehrstöckiger Patrizierhäu-[232; Zeichnung]

Zeichnung: Friedrich Meinhard
ser. Noch wehrt sich der stolze Glockenturm gegen den Verfall. Aber wie lange? Bereits jetzt ist kein Mann mehr hier, der die Glocken läuten könnte. Ein halbwüchsiger Knabe verrichtet dieses Amt. Die Töne verhallen. Man lauscht, aber nichts regt sich in Sornico. Nur zwei Häuser fand ich [233] noch bewohnt. Das eine ist mit Malereien und der Jahreszahl 1646 geschmückt.

Die Stufen der Treppengassen sind von Gras und Unkraut überwuchert. Stumm, tot, ausgestorben und doch immer noch unheimlich wirkend, steht das alte Gerichtshaus da – La Banca. Hier, vor diesen Mauern, auf dem freien Platz fanden die Hinrichtungen der zum Tode Verurteilten statt. Noch immer liegt etwas seltsam Beklemmendes in der Luft, selbst am sonnenhellen Tag.

Mein Blick fällt auf einen schweren, kantigen Stein, der etwas über dem Erdboden aus der Mauer des Gerichtshauses herausragt. Darüber hängt eine in der Mauer befestigte Kette mit zwei halbmondförmig gebogenen Eisenstücken. Es ist der alte Lasterstein. Da haben sie die armen Sünder hingestellt, auf diesen Stein, und haben ihnen das Eisen um den Hals gelegt und es geschlossen. Ich halte die schwere Kette mit dem Halseisen in der Hand – sie ist eigentlich so wenig verwittert, als wäre sie noch vor nicht allzu langer Zeit gebraucht worden. Und dabei ist sie doch hier draußen beständig dem Wind und Wetter ausgesetzt. Es geht bedeutend schneller mit dem Verfall der Häuser als mit dem Verfall der barbarischen Zeugen.

Der Hinrichtungsplatz, die Kerkermauern, das Halseisen und der kantige Stein, alles das erscheint selbst im scharfen Licht der Sonne so düster und unheimlich, als hätten sich die Seufzer der Gepeinigten hier für ewig erhalten. Wie ein böser Fluch wirkt das regungslose Schweigen an diesem Ort.

Es nützt nichts, hier nach dem Gestern zu fragen. Die toten Mauern schweigen, das tote Sornico schweigt grimmig, und wir hätten nie etwas von dem erfahren, was hier vorging, wenn nicht ein Augenzeuge dagewesen wäre, der [234, Foto: La Banca in Sornico]
La Banca in Sornico - Foto: Jonny Rieger
nicht schwieg. Der biedere Berner Karl Viktor von Bonstetten, dieser unbestechliche Gesandte der Nordschweiz, hat Sornico 1796 gesehen, und da sah es so aus:

»Ganz nahe ob Prato ist Sornico, wo der Landvogt von Lavizzara seinen Palazzo hat, der aus drei Kerkern und zwei Stuben besteht. Kein Bild ist trauriger als die Idee eines Kerkers in diesen engen Bergen, wo beim ersten Gedanken von Unglück die ganze Natur zum Kerker wird, wo kein Anblick des Himmels tröstet und wo Tod und Vernichtung in jedem Schall der Natur hindonnert. Da, in diesen finstern Höhlen der sogenannten Palazzi herrscht noch die Tortur, zur Schande aller Schweizer Regierungen. Wütender als die Landvögte sind die Blutrichter, die vom Lande gewählt werden und die das Volk nur aus Haß wählte. Der Herr Landvogt erzählte mir, daß diese Blutrichter aus Unverstand einen Mann an die Folter schlugen, der ohne Folter einen kleinen Diebstahl von sechs Zechinen bekannt hätte, denn, sagten sie, das Geständnis gilt nichts, wenn es nicht auch an der Folter wiederholt wird, und dann könne der Dieb auch zwölf Zechinen gestohlen haben, wenn schon alle Indizien da waren, daß er nur sechs gefunden habe.«

So ging es hier zu. Und weiter, Bonstetten:

»Der Landvogt war allein Richter über Leben und Tod. Die Mißbräuche, die bei dieser Verwaltung waren, sind unnennbar. In keinem finstern Winkel von Europa hat die Tortur wie in der italienischen Schweiz gewütet. Der Landvogt, der nicht auf einen Monat zu leben hatte, mußte von Bußen leben, und aus diesen Bußen manchmal die Bestechungen sich wieder vergüten, denen er in den demokratischen Kantonen sein Amt schuldig war.«

Hört weiter gut zu, ihr düsteren Mauern: [235]

»Da die Landvögte keine anderen Einkommen als Prozesse hatten, so war der Palazzo eine ordentliche Prozeßfabrik, die auch ohne Landvogt und selbst gegen seinen Willen ihren gewohnten Gang fortging. Bald fanden die Einwohner ein Gefühl von Freiheit in der Möglichkeit, jede Tat zu begehen, die sie zu bezahlen fähig waren, oder ganz ungestraft zu bleiben, da wo alle Prozeßkosten verloren waren.«

Na, was sagst du dazu, La Banca von Sornico? Was murmelst du in den Moosbart deines Gemäuers? Habe ich recht verstanden, meinst du: Eure Zeit, eure gesegnete und gepriesene heutige Zeit mit ihren Konzentrationslagern und Gaskammern, mit ihren körperlichen und seelischen Torturmethoden, die Menschenmillionen treffen, wollt ihr diese Zeit vielleicht als weniger barbarisch bezeichnen?

Und da gehe ich sehr nachdenklich fort.

Oberhalb Sornicos treffe ich die armseligste Wegkapelle des ganzen Tessin. Geradezu erschütternd in ihrer einfältigen Armut. Auf einer handgroßen, von der Rinde befreiten Stelle eines dicken Baumes, ist mit Reißnägeln eine Postkarte befestigt, die das Bildnis der Madonna del Sasso trägt. Durch einen darüber angebrachten Blechstreifen ist das Heiligenbild mit einem kleinen Dach versehen und sorgfältig gegen Regen geschützt. Dieses Bild erscheint mir kostbarer als alle vergoldeten und perlenbehangenen Skulpturen, denn es spricht in all seiner Primitivität von etwas Echtem und Unverfälschtem, das geradewegs aus dem Herzen kommt, ohne Umwege.

Und von hier oben werfe ich noch einmal einen Blick zurück auf die zerbröckelnden Stätten des Reichtums, der Macht und Willkür. Sornico ist tot. Es begräbt sich langsam [236] selbst in seinem eigenen Schutt. Prato entschläft leise. Ein Tal stirbt. Mir fällt wieder das große Bild ein, das sie auf die Fassade der Friedhofskapelle von Fusio gemalt haben: Da steht der Tod riesiggroß, als Knochenmann, ein grausliches Skelett, in der rechten Hand eine Sense, hochgestreckt in der linken eine Sanduhr, den hohlen Blick über dieses Tal gerichtet.

Die Zeit eines Tales ist abgelaufen.

*

Einige Zeit später sitze ich in Ascona einem Schweizer gegenüber, dem die Verhältnisse des Landes besonders eingehend vertraut sind. Nein, wir nennen keinen Namen. Es darf dreimal geraten werden.

Diesem Herrn erzähle ich vom Lavizzaratal, dem sterbenden Tal. Er nickt. Ja, so ist es. Es ist ihm bekannt. Es ist das Problem vieler Dörfer und Täler im Tessin. Er berichtet mir, was man alles versucht hat, um diesem Übel abzuhelfen: Staatliche Hilfe, Versuche der Industrialisierung, Experimente mit Heimarbeit, Eröffnung neuer Perspektiven und anderer Lebensmöglichkeiten. Im Großen und Ganzen aber sind alle diese Versuche fehlgeschlagen. Es scheiterte an Traditionen, an der besonderen Mentalität der Menschen, die sich nicht umstellen konnten, an vielen komplizierten Umständen. So erklärt er mir.

»Was sollen diese Leute aber tun«, frage ich, »was soll aus ihnen werden?«

Er zuckt die Schultern, er weiß es auch nicht.

Und da sage ich: »Wird das ganze Tessin letzten Endes als eine Art Ferienheim der Nordschweiz enden?«

Er zuckt wieder die Schultern.

»Vielleicht«, antwortet er. [237]

Ein paar Tage später studiere ich eine Schrift des eifrigen Verfechters der Tessiner Frage, Guido Locarnini. Und da lese ich:

»Die einzig ergiebige Wirtschaftsquelle, welche die Natur dem Tessin gegönnt hat, ist ausgerechnet das Gastgewerbe, das – sei es auch nur oberflächlich – sehr zur Entartung des bodenständigen Volkscharakters des Kantons beiträgt.«

Das mögen sie nicht, Gastwirte sein. Damit ist es also nichts.

Und da lese ich ziemlich am Schluß der umfangreichen Abhandlung, unter »Neue Wege«:

»Eine besondere Stellung nimmt die unter der weitsichtigen Förderung der kantonalen Regierung mächtig emporstrebende Elektrizitätswirtschaft ein, von der sich die ganze Tessiner Wirtschaft dauernde und befruchtende Impulse verspricht.«

Guten Morgen – da hat man sich gerade wegen des sie tödlich bedrohenden Kraftwerkes alle ihre Bekümmerungen zu Herzen genommen, und dann erfährt man ...

Also: Kreuzigung eines Tales, weil man sich etwas von der Auferstehung verspricht?

Die kantonale Regierung: Bravo, hoch!

Der bodenständige Volkscharakter: Nieder, nieder!

Und da bin ich einmal froh, in diesem Dilemma kein Tessiner zu sein, und ziehe mich schleunigst auf meinen Balkon zurück. [238]


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