Es ist das Märchen vom zartesten Frühling, erlebt mitten in einem sommerlich leuchtenden Land.
Wo der Maggiafluß in den Lago Maggiore mündet, bildet sein Delta einen riesigen Fächer. Die Luft zittert vor Hitze. Unbeweglich stehen die Palmen und strecken ihre gespreizten Blätter wie verdorrte Bettlerhände aus. Die Straße windet sich am Fluß entlang aufwärts. Ein wohltätiger und gefürchteter Fluß. Er schenkt dem Tal diesen üppigen Reichtum an Wein und Mais, Feigen und Kastanien. Zur Zeit der Schneeschmelze aber und bci Wolkenbrüchen kann er zu einem brüllenden Strom anwachsen, der schwere Katastrophen anrichtet. Die Geschichte des Maggiatales, die Bevölkerung und die Gedächtnistafeln wissen davon zu berichten. Dieser Fluß vermag sich im Laufe von einigen Stunden völlig zu verwandeln, dann wirbeln riesige Steine und entwurzelte Bäume in seinen Fluten, dann reißt er gewaltige Stücke kostbarer Erde mit sich, spült Häuser weg, unterminiert und sprengt Bergwände, löst Felsenklumpen und wälzt sie mit sich abwärts. Man erinnert sich an Katastrophenzeiten, in denen der Wasserspiegel des riesigen Lago Maggiore im Laufe von vierundzwanzig Stunden um zwei Meter stieg Die Stadt Locarno wurde überschwemmt. Der rasende Fluß riß einen Brückenpfeiler los, warf ihn um und [215] rollte den siebzig Tonnen schweren Betonklotz dreihundert Meter mit sich.

Wieder und wieder schwemmte der Fluß die Brücken weg, wieder und wieder wurden sie neu errichtet. Vier Jahrhunderte hindurch wurden Dämme und Absteifungen aus Stein erbaut, um den Fluß zu zähmen. Nach einer erneuten Raserei der Wassermassen begann man im Jahre 1891 den bisher größten Eindämmungsplan auszuführen. Zweihundert Arbeiter wurden eingesetzt. Lange Reihen von Ochsenkarren schleppten aus einem nahegelegenen Steinbruch die großen Felsenblöcke zum Fluß. Es dauerte neunzehn Jahre, die drei Kilometer langen Dämme aufzuführen. Und noch immer ist die Maggia nicht endgültig besiegt. Erst vor wenigen Jahren noch fand der Fluß während eines Unwetters neue schwache Stellen und brach aus, richtete unermeßlichen Schaden an.

Jetzt schäumt sein grünweißes Bergwasser tief unten in der Schlucht, in dem von der Eiszeit geschaffenen Flußbett. Üppig grün und fruchtbar dehnt sich das Tal mit seinen vielen Akazienbäumen und bunten Blumenwiesen, mit Obstbäumen und Kornfeldern. Hektisch blühen Rosen und Iris.

Es geht höher und höher hinauf, das Tal verengt sich, die Bergwände rücken dichter zusammen. Und dort, wo sich das Dorf Cevio gemütlich mitten im Tal breitmacht, beginnt die steile Bergstraße nach Bosco-Gurin. Wir verlassen das Maggiatal mit seinen reifenden Früchten, mit seinen Feigenbäumen, an denen die Feigen sich schon daumendick und saftgrün runden.

Die dunstige Hitze des Tales liegt bereits tief unter uns. Kühle Luft streift die Haut. Die Sonne scheint klar und kräftig und wirkt trotzdem ein wenig eisgekühlt. Noch sind [216; Foto: Bosco-Gurin mit dem Sonnenhorn]

Bosco-Gurin mit dem Sonnenhorn - Foto: Jonny Rieger
vereinzelte Kastanienbäume zu erblicken, dann nur Tannen, die sich senkrecht an den schrägen Bergwänden zu behaupten versuchen. Dann sind es Birken, die immer kleiner und immer verwitterter aussehen, je höher wir kommen. Und schließlich geben auch sie auf. Ganz oben halten nur die riesigen, starken Lärchenbäume der Witterung stand. Ab und zu zeichnen sich jetzt weiße Flächen von dem dunklen Steingrund ab – das ist Schnee. Wir haben die Schneegrenze erreicht. In der äußersten Ecke des Boscotales, von eisigen Bergzinnen umgeben, liegt Bosco-Gurin in einer Höhe von 1504 Metern. Es ist das höchstgelegene Dorf im Tessin. Und es ist das einzige Dorf in dem italienisch sprechenden Tessin, in dem eine deutschsprechende Bevölkerung lebt.

Es muß ein harter und zäher Menschenschlag gewesen sein, der einst dieser Namr zu trotzen wagte und sich hier ansiedelte. Diese Leute sind nicht italienischer Abstammung. Es sind Alemannen, die vormals ihre Wohnplätze im Oberwallis hatten, im Berner Oberland, wo man ihre Spuren bis ins sechste Jahrhundert zurückverfolgen kann. Es waren arme Menschen, die von Hunger und Not getrieben im 13. Jahrhundert über unwegsame Pässe gezogen kamen und sich in Bosco niederließen. Auf ihrem Hungermarsch nach der fremden südlichen Gegend brachten sie nicht viel mehr als ihre uralte Sprache mit, das Höchstalemannisch. Und diese Sprache sprechen sie heute noch. Das besagt viel über Bosco-Gurins Zurückgezogenheit vom übrigen Tessin.

Es berührt eigenartig, bei ihnen Worte zu hören, die anderswo schon seit Jahrhunderten verklungen und vergessen sind, die es in keinem lebenden deutschsprachigen Dialekt mehr gibt. »Tiiful«, sagen sie, wenn sie den Teufel [217] meinen. »D'Wybar« heißen die Frauen immer noch, und die alten Frauen sind »di altu Wiptschi«. Oder »Z'Chryz ufum Acher tarfmu öw net vergasse, d'Ahne hedisch as eistar gseit«, was bedeutet: >>Das Kreuzzeichen über dem Acker darf man nicht vergessen, die Großmutter hat es schon so gehalten.« So sprechen sie, so leben sie ihr Dasein, halb verborgen in den Wolken, fern von der übrigen menschlichen Gesellschaft.

Hilf dir selbst, so hilft dir Gott – das ist ihre Lebensbedingung in dieser unsagbar harten Bergwelt. Sie haben keine Reichtümer. Was unten in den Tälern wächst und reift, das keimt nicht mal hier oben. Kein Mais, kein Wein, keine Kastanien können hier gedeihen. Und keine Fruchtbäume – ausgenommen einige wenige Kirschbäume, die sie in besonders geschützten Ecken hegen und pflegen. Sie tragen kleine, unansehnliche Früchte, einmal spät im August. Von der Regierung bekommen die Dorfbewohner besonders billige Pipfel zugestellt, damit sie den Vitaminbedarf der Kinder decken können. Kartoffeln haben sie und einige Kühe und Schweine, und sonst das ganze Jahr hindurch Ziegenfleisch, wenn sie etwas Fleisch zum Essen haben wollen. Kurz, all zu kurz nur ist die Zeit des Grünens und Blühens, dann ist es schon wieder Winter. Sieben Monate lang hält sich der Winter im Dorf. Über drei Monate lang wird Bosco-Gurin von keinem Sonnenstrahl getroffen. Dann streift die Sonne nur gerade die höchsten Gipfel des riesigen Berges, der sich westlich des Dorfes erhebt. Darum tauften sie ihn Sonnenberg – das Sonnenhorn.

Aber heute ist der Tag blau und golden, die Höhensonne blitzt klar und warm, und der Himmel ist wie leuchtendes Kristall, von einer unwahrscheinlichen Reinheit. Auf den [218] Wiesen blüht der Enzian mit seinen tiefblauen Glocken. Das Gras ist intensiv lichtgrün, und ein paar Kirschbäume haben gerade angefangen zu blühen. Die Luft ist von dem scharfen Geruch der Alpenkräuter gewürzt. Rund herum erheben sich die Felsenwände und strahlen in rostroten, veilchenblauen und kupfervitriolgrünen Farbenschattierungen. Und das Dasein erscheint so großzügig herrlich, wie die hohen alten Lärchenbäume mit ihrer hellgrünen Spitzenpracht.

Unten in den Tälern, da ist es jetzt heißer Hochsommer, die Kastanien sind schon lange verblüht und setzen bereits kräftige Früchte an. Hier oben in Bosco beginnt der Frühling sich eben erst zart zu entfalten. Ein Frühling, so frisch wie ihn kaum die nordischen Länder kennen. So unglaublich lebenskräftig, wie es nur eine kurzstengelige, wilde Feuernelke zu demonstrieren vermag, die – oh Wunder! – auf einem kahlen Felsblock erblüht. Und hier singen wahrhaftig Vögel, hier singen Vögel. Das Herz wird so leicht und die Sinne werden so froh gestimmt. Nirgends auf der Welt kann der Frühling ergreifender sein als in Bosco-Gurin.

Vor einem Haus sitzt eine alte Frau auf einer Bank in der Sonne. Sie sitzt da mit dem Spinnrocken und spinnt Wolle. Ihr Fuß tritt sachte und regelmäßig, das Rad schnurrt. Ihre rechte Hand hält den Wollbausch, ihre linke zupft von dem Bausch, zwirbelt den Faden mit den Fingern. Das Rad läuft, die Spindel dreht sich. Ich setze mich zu der alten Frau auf die Bank und höre sie erzählen. Sie ist zweiundachtzig Jahre alt. Ja, das Leben ist zäh hier. Man hört nicht auf zu arbeiten, zu schaffen. Wenn man aufhört, ist man fertig. Und so lange es eben geht, gibt man doch nicht auf, [219] nicht wahr Sie hat Generationen kommen und gehen sehen. Meist gehen! Hier werden nur wenig Kinder geboren. Und zum Unglück wurden in den letzten Generationen viel mehr Burschen als Mädchen geboren, ungefähr dreimal so viel Burschen wie Mädchen. Und die Burschen, die kein Mädchen im Dorfe finden konnten, die wanderten aus, verließen Heim und Heimat. Viele zogen bis nach Australien. In diesem Jahre nun beispielsweise ist nur eine einzige Ehe im Dorfe geschlossen worden. Und im vergangenen Jahr war auch nur eine Hochzeit hier. Und gleich nachher ist das Ehepaar dann von hier fortgezogen. Und die alten Leute sterben. So verlassen sie nach und nach alle das Dorf. In diesem Jahr ist bis jetzt auch nur ein einziges Kind hier geboren und – man weiß ja alles voneinander – eins wird noch erwartet.

Der eine Enkel der alten Frau ist Postautochauffeur in Lugano. Der andere ist Grenzwächter. Und da das Gesetz bestimmt, daß ein Grenzwächter nie in der heimatlichen Gegend seinen Dienst ausüben darf, um bei seinen eigenen Leuten nicht durch die Finger zu sehen oder in Verlegenheit zu geraten, seine Eigenen zu verhaften oder auf sie schießen zu müssen bei Schmuggelgeschichten – darum wird er in eine ihm gänzlich fremde Gegend versetzt. Nun ist er auch weg. Und die Enkelin der alten Frau heiratete den Mann, der hierher kam, um den Bau des neuen Hauses für die Grenzgendarmerie dort oben zu leiten. Als er mit der Arbeit fertig war, nahm er die Enkelin mit in einen anderen Teil der Schweiz. So geht es zu, auf diese Art. Jetzt sind sie hier nur noch hundertsiebzig Seelen. Davon sind zwanzig alte Leute und fünfzig Kinder. Aber zum erstenmal seit langen Zeiten sind mehr Mädchen als Knaben in der Schule. [220]

Vielleicht ist das eine Hoffnung.

Diese zähe Hoffnung, die sie alle besitzen, hält sie aufrecht. Und dieses: niemals aufgeben. Sie sind gesunde, robuste, kräftige Menschen. Aber wenn Krankheit oder das Alter sie beschwert, auch dann wollen sie nicht nachgeben. Sie weigern sich, die Schwäche anzuerkennen, sie wollen sich nicht hinlegen, sie sind nicht ins Bett zu bekommen, so krank und schwach sie auch sein mögen. Sie setzen sich auf die Bank bei dem großen viereckigen Kachelofen in der Stube, und dort bleiben sie sitzen. Bis zum Ende wollen sie stärker als die Natur sein. So sind sie es gewöhnt, das ganze Leben hindurch den Naturkräften zu trotzen. Und wenn es ihnen klar wird, daß es zu Ende geht, daß es ernst mit dem Tode ist, dann verlangen sie ihr Bett neben den Ofen in die Stube gestellt Dann legen sie sich hin und sterben. Ihr Tod pflegt leicht zu sein, müde gleiten sie in das Dunkel hinüber – wie ihr kurzer Sommer in den ewiglangen, dunklen Winter.

Unten in den Tälern ernten sie nun bald die ersten neuen Kartoffeln. In Bosco-Gurin gehen sie jetzt erst zu den weit außerhalb des Dorfes an den Bergabhängen der Steinwüste verstreut liegenden kleinen Feldern, um die ersten Kartoffeln in die Erde zu legen, die gerade frostfrei geworden ist. In den Ecken und Winkeln, wo die Sonne noch nicht hingelangte, liegt immer noch Schnee. Harte, vereiste Schneeflächen, die nicht tauen wollen, die nur ganz langsam einschrumpfen und verschwinden. Und die klare Sonne hat immer noch nicht die gewaltigen weißglitzernden Schneemassen bewältigen können, die sich von den Berggipfeln bis zum Tal herunter ziehen. Die Schneeflächen sehen wie riesige Laken aus, die nach der Frühjahrswäsche auf den [221] Klippen zum Trocknen ausgespannt sind. Denn das Frühjahr ist zeitiger als sonst gekommen, mit unerwarteter und darum doppelt wunderbarer Sonnenwärme.

Trotzdem kann keiner den Schnee vergessen. Der Sommer ist zu kurz, um sich an ihn zu gewöhnen. Der Winter ist ihnen zur Gewohnheit geworden, ist immer in ihrem Bewußtsein. Mitten in einem Gespräch, mitten in diesem leuchtenden Frühling, können sie plötzlich auf einen Pfahl starren und zu einem mennigroten Strich hinweisen, der sich in über drei Meter Höhe befindet: »Bis dahin lag der Schnee im Winter.« Oder ihr Blick gleitet über die Fassade eines zweistöckigen Hauses, und sie sagen leise: »Bis zu dem obersten Dachfenster lag der Schnee, dort oben gingen wir, auf der Schneedecke, und gerade zum Fenster hinein.« Drei Meter Schnee, vier Meter Schnee, das ist das Normale. Oft hält sich der Schnee im Dorf bis lange in den Juni hinein. Am schlimmsten ist es, wenn die Bergstraße zwei oder auch drei Monate hindurch vom Schnee gesperrt wird und des Dorfes einzige Verbindung mit der Umwelt abgeschnitten ist.

Was dann mit der Verpflegung?

»Kartoffeln und Ziegenfleisch haben wir ja immer«, antworten sie.

Und keinen Arzt?

»Wenn der Arzt nicht durchkommen kann, telefonieren wir, und dann werfen sie vom Flugzeug Medizin für uns ab. Und wenn es ganz schlimm ist, stirbt man wohl auch ohne Doktor.«

Und dann kommt das, was immer wieder in den Gesprächen auftaucht, das was für sie schrecklicher als Hunger und Tod ist, dieses schicksalsschwere Wort »d'Löwwana«, wie [222] sie es in ihrer Sprache nennen. So bezeichnen sie die Lawinen, oder auch: der weiße Tod.

Bosco-Gurin ist jeden Winter so hart von Lawinen bedroht und heimgesucht, wie kein anderes Dorf im Tessin. Zu hoch, zu steil und zu dicht umgeben die Bergmassive das Dorf.

In früheren Zeiten stand Bosco-Gurin an einer anderen Stelle des Bergkessels. Aber die Lawinen ließen es nicht dort stehen. Erst rissen sie einen Teil des Dorfes weg. Das kostete vierunddreißig Menschenleben. Danach verschwand der Rest des Dorfes – einundvierzig Tote. Nun flüchtete die Bevölkerung auf einen höher gelegenen Klippenabsatz und baute sich dort wieder ein neues Dorf auf. Stetig donnern jeden Winter die Schneemassen herunter. Das letzte Mal wurden alle Stallbauten knapp außerhalb des Dorfes zertrümmert. Jetzt sind sie wieder aufgebaut, aber nun stehen sie in einer langen Reihe, wie ein Keil gegen das Lawinenfeld gerichtet. Man rechnet damit, daß zukünftige Lawinen sicher die ersten Stallbauten vernichten werden, die Lawine dann aber gespalten wird und an Kraft verliert.

Gibt es noch eine Möglichkeit zur Flucht, wenn man eine Lawine kommen hört?

»Nein, wenn man sie hört ist es schon zu spät. Die Gefahr liegt ja nicht nur in der reißenden Kraft und in der Schwere der Schneemassen, sondern in dem gewaltigen Luftdruck, der von der Lawine ausgeht und alles umreißt und wegfegt. Und dann wälzen sich die Schneemassen darüber hin und begraben alles.«

Hör Bosco-Gurins Kirchenglocken, sie klingen so zart und leise, wie in keinem anderen Dorf des Tessin. Seit alten Zeiten, ob Sommer oder Winter, läuten sie hier so vorsich-[223]tig. Es ist ihnen zur Gewohnheit geworden. Denn oft genügt schon ein scharfer Laut oder ein Schuß, ein Echo, eine geringe Erschütterung, um die Lawine zu lösen und den weißen Tod von den Höhen herabzurufen.

Ein Stückchen außerhalb des Dorfes stürzt der Rovanafluß dröhnend und wie Silber glitzernd von den Bergen herab. Das Wasser ist glasklar und verlockt zu einem Bad. Ich tauche nur den einen Fuß etwas ein und ziehe ihn mit überraschender Geschwindigkeit wieder heraus. Das Eiswasser von den Bergen läßt den Fuß umgehend erstarren und den nahen Krampf fühlen. Mit der Natur ist hier oben nicht zu spaßen. Es ist weder zu begreifen noch zu erklären, aber ich habe es mit eigenen Augen gesehen: die Dorfkinder waten mit dem größten Vergnügen bis zu den Knien in diesem Wasser herum. Das Wort »abgehärtet« erscheint mir in diesem Zusammenhang völlig unzureichend.

Da liegt das Dorf mit den hübschen Häusern, deren Stil und Bauart sich kraß von den Tessiner Bauten unterscheidet und sofort an das Berner Oberland erinnert. Alles ruht im tiefsten Frieden. Man ist aufrichtig davon überzeugt, daß sie hier, in dieser himmelhohen Zurückgezogenheit, niemals etwas von all dem Jammer und Krach der übrigen Welt verspürt haben.

Und dann muß man erfahren, das Phantastische und Unglaubliche ist wirklich einmal geschehen, die Welt dort unten erschien in Bosco-Gurin. Wie es fast immer geht, wenn die große Welt sich in versteckten und vergessenen Gegenden meldet, brachte sie auch hier nichts Gutes mit sich: In Bosco-Gurins Gemeindearchiv hat der Gemeindeschreiber Johan Anton Tomamichel sauber und gewissenhaft am 17. August 1799 eingetragen: [225]

»Es sind hier 5.000 Mann kaiserliche Truppen, von Pommat her kommend, angelangt. Sie hielten sich in unserem Dorf einen Tag und eine Nacht auf. Die Gemeinde mußte ihnen folgendes liefern: 6 Kühe, 500 Laib Roggenbrot, 12 Pfund Käse und 1 Kalb. Die Zahl der Ziegen und Schafe kennen wir nicht, denn die haben sie sich selbst genommen. Der in jedem Haus und auf dem Felde angerichtete Schaden ist unermeßlich.«

Die kaiserlichen Diebe ließen außerdem ansehnliche Mengen an Heu, Holz, Brettern und Balken von Bosco-Gurin mitgehen. Mit den »kaiserlichenTruppen« waren die Österreicher gemeint, die mit 6000 Mann unter dem Befehl des Oberst Gottfried Strauch das Oberwallis und den Grimselpaß besetzt hielten, dann aber von dem französischen General Gudin angegriffen und verdrängt wurden.

Das war Bosco-Gurins einzige, aber darum nicht weniger traurige Begegnung mit der Weltgeschichte. Auch damals schon war es nicht leicht, in Frieden zu leben – nicht einmal auf abseits gelegenen Bergen.

Es wurde ihnen nicht leichter gemacht im Laufe der Zeit.

Jetzt kommen zwar keine raubenden Krieger mehr nach Bosco-Gurin, aber die Bewohner beklagen sich über die harte und verrückte Welt dort unten, weil sie sich von ihr ausgeraubt fühlen durch die hohen Steuern, die der Kanton und der Staat ihnen auferlegen.

Der Gemeindepräsident des Dorfes ist erbittert über die unhaltbaren Zustände. Alle dem Dorfe zugestandene öffentliche Hilfe sei bisher nur immer eine Flickerei gewesen, meint er, keine Hilfe, die wirklich die vorhandenen Schwierigkeiten aus dem Wege räumen könnte. Eine Delegation von der Bundeshauptstadt Bern sei vor langer Zeit hier ge-[225]wesen, um sich alles anzusehen. Sie wurden gut aufgenommen, die Herren, aber man hätte dann leider nie mehr etwas von ihnen vernommen. »Ja, die Herren kommen im Sommer her, wenn es angenehm ist. Ich wünsche mir, sie würden einmal mitten im Winter kommen, da sieht es hier anders aus, da könnten sie was erleben.« Und der Gemeindepräsident schließt: »Wissen Sie, es ist hart hier, aber es ginge, es wäre was zu machen, wenn es richtig angefaßt werden würde, wenn wir von Grund auf mal richtig anfangen könnten. Aber so, wie es ist – wir leben hier alle zusammen nur von Schulden.«

Er ist ein ruhiger, besonnener Mann, der Gemeindepräsident, er weiß, was er sagt. Er ist der Bäcker des Dorfes, und davon kann er auch nicht existieren.

Eines Abends geschieht etwas Ungewöhnliches im Dorf, es ist halb neun Uhr und eigentlich Schlafenszeit hier. Dunkelheit und Stille haben sich über die Häuser gesenkt. Die Luft ist rein und frisch, und der Himmel sternenklar. Auf dem hochgelegenen Felsenvorsprung, auf dem die Kirche steht, flammt Licht auf. Und im Lichtschein stehen Bosco-Gurins Schulkinder mit ihrer Lehrerin vor dem Kirchenportal. Auf der breiten Mauer, die den Kirchplatz umschließt und gegen den Abgrund abschirmt, sitzt die Bevölkerung des Dorfes. Rechts die Frauen, links die Männer, und mitten zwischen ihnen der katholische Pfarrer in seinem langen, schwarzen Priestergewand.

Vor der Kirche stehen die Kinder und singen Lieder, sagen Gedichte auf, sowohl in deutscher als auch in italienischer Sprache. Sie haben sich mit kleinen Fähnchen, mit selbstgefertigten Papiergirlanden und mit bunten Papierkronen auf dem Kopf geschmückt. Es soll recht festlich sein, [226] denn es ist der Gedenktag der Befreiung des Tessins, den sie feiern. Es ist über hundertfünfzig Jahre her, seitdem das Volk die Macht der Landesvögte brach und die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht des Volkes proklamierte.

Und dann klingt der Chor der klaren Kinderstimmen in die schweigende Bergnacht hinaus, als sie den Freiheitseid aufsagen:

»Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
Eher den Tod, als in der Knechtschaff leben,
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.«


Wie unwirkliche Kulissen ragen hinter ihnen die nackten, steilen Bergwände im matten Mondlicht auf.

Am folgenden Morgen ist der Himmel mit leichtem Dunst überzogen. Weißgraue Nebelschwaden folgen, breiten sich wie Dampf, werden dichter und dunkler, löschen die Sonne aus, schieben sich schwerfällig über die gezackten Bergkämme, wälzen sich von den Höhen abwärts, tiefer und tiefer. Wie bleicher Rauch decken die Wolken nun das Dorf zu, hüllen es gänzlich ein. Die Häuser stehen nur noch als schwarze Klumpen im Wolkenmeer. Und dann ist auf einmal nichts mehr übrig. Ihre Welt ist in einem grauen und klammen Chaos versunken.

Die Geschichte des märchenhaften Frühlings in Bosco-Gurin ist aus. [228]

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