... und Verliebten

Liebe, liebe Ditte, nun bist du weg, und die Glyzinien auf unserem Balkon, die zu deiner Ehre anfingen zum zweitenmal zu blühen, sie blühen immer noch und duften mir etwas vor – das nicht mehr da ist. Sie standen dir so gut, besonders... na, du weißt!

Es war wunderschön, als du hier warst, ganz dicht bei mir. Und ich bin dir dankbar. Wie mag es dir jetzt gehen? Lach nicht so ungehobelt, danach hat man in Briefen zu fragen. Und du hast zu antworten: danke, auch einsam. Und ich habe dir das ausnahmsweise zu glauben.

Warum mußtest du schon fahren? Die Pflicht, die Arbeit... ach, wir sind alle neunmal verpflichtete Häuser, in uns wohnt so viel, Schönes und weniger Schönes. Was ich alles hätte schreiben sollen in der Zeit, als du hier warst. Und es wurde nichts draus, nichts wurde getan. Alles wurde getan! Wir taten alles, was uns einfiel. Ist das etwa keine volle Anerkennung deiner – reizenden Vorzüge oder vorzüglichen Reize? Wie gewöhnlich, du darfst wählen. Und nun sitze ich hier mit meiner Arbeit und schinde und schwitze und muß sehr viel Wein trinken, um das wieder gutzumachen.

Du kannst lachen, du läßt andere für dich arbeiten. So schön möchte ich es auch mal haben. Du stehst jetzt in [188] deinem Gymnastiksaal und läßt deine Schülerinnen schwitzen. Ich höre dich kommandieren: Kopf hoch, Brust raus, Becken vor, auf die Zehenspitzen – streckt! Na, deine Schülerinnen hätten dich mal hier sehen müssen, als wir beide den Pizzo Leone bezwangen, und du wie eine in Sherry getauchte und etwas angenieselte Weinbergschnecke den Berg raufgekrochen bist. Was hast du dazu zu bemerken? Nicht wahr: »Es ist nicht alles Spaß, was glänzt«, und »im Schweiße deines Angesichts sollst du deine Schokolade essen!«

Erinnerst du dich, wie das mit dem Pizzo Leone eigentlich kam? Natürlich waren wir neugierig, wie immer. Und schließlich türmt sich der Berg auch ziemlich herausfordernd gleich hinter unserem Hause als so eine Art Bruder des Ghiridone auf. Wer kann denn so etwas auf die Dauer aushalten? Na, was denn, immerhin sechzehnhundertfünfundsechzig Meter himmelwärts, ich bitte. Danke sehr, so etwas sieht man sich doch erst mal eine Weile an, bevor man die Hand aufs Herz legt und gelobt: jetzt oder nie!

»Also jetzt«, sagtest du, denn ein guter Kamerad, das bist du immer gewesen und ganz besonders, wenn unsere Touren wie üblich weit von Gottes und der Menschen Wege abwichen, und wir lachend und fluchend dort herumstolperten, wo es am allerbeschwerlichsten ist. Dann pflegst du zu sagen: »Na, der richtige Weg ist das wohl nicht, und ein Weg ist es auch nicht, aber es ist spannend, wo wir landen werden?.« Wir hutteln uns so durch dick und dünn weiter und kommen immer irgendwohin, zu dem einen oder anderen Ort, von dem wir vorher nichts ahnten. Und dann sprichst du die anerkennenden Worte: »Du, Dichter, das haben wir aber wieder mal fein gemacht, das hier hätten wir [189] sonst nie gesehen, und wir haben es doch gefunden.« Wahrlich: Findet, und ihr braucht nicht zu suchen.

Seitdem mein guter Onkel Theodor, der examengeprüfte Raubtierwärter, tief enttäuscht brummte: »Du bist mir schon ein schöner Dichter«, weil ich noch nie einen Reim zustande brachte und er von mir einen Schlachtgesang zu seinem Raubtierjubiläum vermißte, da glaubst du mich »Dichter« nennen zu müssen.

Und als Begründung führst du unschuldsvoll an: »Denn schließlich hast du mich gefunden, und wir reimen uns so gut.« Das tun wir.

So, und jetzt setz dich mal hin, halte deinen sündigen Mund und hör gut zu. Ich weiß schon, du willst mich nur von der Geschichte mit dem Pizzo Leone abbringen, aber das soll dir nicht gelingen, das laß ich mir nicht bieten. Schließlich schreibe ich hier was mir paßt, auch ungereimtes Zeug.

Also, liebes Fräulein Sylvia – denn so heißt du immer noch bei mir, wenn ich sinnig mit dir spreche – also versuch doch mal, so ehrlich zu sein, wie es dir mitunter wirklich gelingt. Schön. Dann mußt du zugeben, daß du niemals dieses »also jetzt!« ausgesprochen hättest, das uns auf den Pizzo Leone trieb, wenn du geahnt hättest, was uns blühte?

Das Holz des Anstoßes war jenes verwitterte Brett, das wir bei Ronco entdeckten, und auf dem geschrieben stand: Pizzo Leone 1 1/2 Stunden. Was solche infamen Hinweisungen schon alles auf dem Gewissen haben: Freundschaftsbrüche, Aufhebungen von Verlobungen, gegenseitige Bitterkeit für den Rest des Lebens, Ehescheidungen. Es ist gar nicht abzusehen. Denn diese Angaben stimmen nie, und die auf den Weg Gelockten entdecken es erst, wenn es zu spät [190] ist. Wir zwei haben das überstanden und reimen uns immer noch. Das will was besagen. Und darum komme ich darauf zurück, um dir, Fräulein Sylvia, diesen Kranz leidenschaftlicher Bewunderungsblumen flechten zu können.

Nun setz mal dein einnehmendes Verführerinlächeln auf deine schmeichelhaften Züge – nicht das Berufslächeln, das du hast, wenn du deine armen Gymnastikschülerinnen auf dem Parkettboden mit der Rückenschaukel schindest, bei der sie immer umkippen und sich blaue Knie und Ellbogen holen – nein, das andere, du weißt, jawohl! und dann entsinne dich an jenen Morgen. Die Wolken zerteilen sich, es trippelte noch ein bißchen, ein paar Regentropfen, die nicht richtig wußten, ob sie rauf oder runter wollten, und die Sonne kam hervor.

Wir befanden uns nicht ohne zwingenden Grund auf dem Wege nach Ronco. Unsere beiden Zweiliterflaschen waren leer und mußten zum Dorf geführt werden, wo sie den Roten vom Faß zapfen. Oh, feierliche Handlung! Die Sonne... das sagte ich schon, und dann kam uns jenes verdammte Brett mit den anderthalb Stunden in den Sinn, und ich hörte dich sagen: »Also jetzt! Du, Dichter, also jetzt wollen wir den Schopf bei der Gelegenheit fassen, wir lassen die Flaschen hier stehen, sehen uns das Pizzo-Löwchen an, und auf dem Heimweg holen wir den Wein ab. Was fehlt uns denn sonst noch daheim zum Frühstück?«

»Geehrtes Fräulein Sylvia«, antwortete ich ernst und gemessen, »bist du eigentlich darüber im klaren, wenn auf so einem dämlichen Brett anderthalb Stunden steht, dann rechne ich für meinen Teil drei Stunden.«

»Wann hast du denn angefangen, berechnend zu werden?« fragtest du Wunderholde und rechnetest mir mit un-[191]faßbarem weiblichem Elan vor: »Na, wenn schon, drei Stunden rauf und drei Stunden runterchen, also sagen wir fünf Stunden, dann sind wir gerade zurück um Ronco aus dem Mittagsschlaf zu wecken.«

Ach, du geliebter Engel des Leichtsinns, du weißt, wie es uns erging. Wir bekamen an diesem Tage keine Weinflaschen, kein Frühstück und kein Ronco mehr zu sehen.

Wir steckten uns eine Tafel Schokolade in die Tasche und pilgerten los, kletterten lotrecht über Ronco empor, keck und heiter, höher und höher. Es wollte kein Ende nehmen. Die Birken um uns wurden nach und nach zu Zwergbirken, und dann gab es dichtes Knieholz, das uns allerdings bis über die Ohren ging und schlimm riß und kratzte. Und du immer eifrig dabei. Ich sehe dich noch tapfer steigen und schwitzen, die eine Gymnastikstunde nach der andern, welches herrliche, welches unbezahlbare Training. Der Berg sonnte sich in fünfzig Grad schattenloser Hitze, und die Aussicht war einfach hinreißend. Wir blickten den Abgrund an. Der Abgrund blickte uns an. Wir blickten uns an: Nur nicht hinreißen lassen! Kein Wind, kein Luftzug, keine Menschenseele. Der Berg dampfte vor Wärme und wir mit. Aufwärts, immer schräg aufwärts...

Siehst du, und da fing es langsam an in uns zu dämmern. Man kann auch knurren dazu sagen, es fing an in uns zu knurren. Das Wort Frühstück wurde zaghaft erwähnt. Und jetzt hätten fünfundneunzig von hundert angefangen, sich gegenseitig zu beknurren. Das hast du nicht getan. Du gibst in solchen Fällen nicht auf, du bist auch im Ernst kein Spielverderber. Und dafür liebe ich dich. Wir fanden Bergquellen, kosteten, tranken, bedankten uns bei dem Berg, klopften dem Felsen auf die Schulter und stiegen weiter. [192]

Weißt du noch, wie festlich das war, als wir uns zwischen gewaltigen Felsenbrocken endlich eine halbe Tafel Schokolade genehmigten? Die andere Hälfte blieb unsere Notration. Aus tausend Meter Tiefe blickte das blaue Seeauge des Lago Maggiore zu uns auf und sah zu, wie du einen langen Kuß zum Nachtisch bekamst. Dann tranken wir nochmal Bergquell-Extra, und dann ging es weiter.

Einmal begegneten wir einem massiven, mannshohen Holzkreuz. Es stand am Rande des schmalen Pfades. Ein von Wetter, Sonne und Frost gebräuntes Holzkreuz. Was fühltest du da? Wir sagten weiter nichts, standen ein Weilchen still: da hatte es also einen erwischt, das Abgrundstier, der schlummernde Drache. Auf dem schmalen, bröckelnden Saum zwischen dem Pfad und dem Nichts stand das Kreuz. Hatte dort jemand seinen Fuß einen halben Schritt zu weit vorgesetzt, oder ist ausgeglitten, im feuchten Moos oder im Schnee, oder – ?

Die Luft wurde empfindlich dünner und klarer und schärfer, und merklich kühl trotz der Sonne. Die der Sonne abgewandte Seite des Körpers fühlte sich eisig an. Wir holten unsere Pullover aus der Schultertasche und legten sie um den Hals, über den eiskalten Nacken. Der Berg steilte sich, wie das ein richtiger Berg zu tun hat. Und da bekamst du einen deiner neckischen Einfälle und meintest: rauf müssen wir doch, so oder so, also dann lieber schon die Geschichte kurz machen und quer durch.

»Hochverehrtes Fräulein Sylvia, du mußt wissen, in den wilden Bergen den letzten Pfad verlassen, das ist genau so, wie auf hoher See aus dem Schiff aussteigen. Nämlich, nicht besonders zu empfehlen.«

»Du, Dichter, laß uns mal probieren, hm?« [193]

Wir probierten. Du liebes Himmelchen, wir versanken in einem Dickicht von stachligen Schlingpflanzen, messerscharfem Gras und hohen Farnkräutern. Nie zuvor habe ich so hohes Farnkraut erlebt. Es reichte uns bis über die Köpfe und wir sahen nichts mehr. Wie Elefanten brachen wir uns einen Weg durch diese Wildnis.

»Gibt es hier Schlangen?« hörte ich dich rufen.

Was soll man darauf antworten? Natürlich gibt es hier Schlangen, und mit der Bergviper ist nicht zu spaßen. Aber die Viper ist sehr scheu, und so wie wir herumtrampelten, da wäre selbst ein Tiger geflüchtet. Außerdem war das hier kein guter Ort, sich lange über Schlangen zu unterhalten.

»Nein«, rief ich zurück, »hier hat es nie Schlangen gegeben.«

Fast gleichzeitig hörte ich dich schreien: »Eine Schlange, eine Schlange! Paß auf!« Und zwischen uns glitt sie hindurch, abwärts, ein schönes, fettes Exemplar.

Das war nicht nett von der Schlange. Da ist man nun immer in den Bergen herumgekrochen und nie einer Schlange begegnet, und ausgerechnet jetzt... Aber wir bekamen anderes zu tun, als uns über Schlangen aufzuregen. Wir kämpften uns verzweifelt irrsinnig schräg empor. Wir glitten und rutschten, es schrammte und kratzte uns. Dann wurde es lichter, der Pflanzenwuchs wurde spärlicher, hörte bald ganz auf.

Prustend standen wir wieder auf einem Bergrücken. Und was sagtest du? Du sagtest innig: »Das hier, das war schlimm, du meine Güte, ich wäre beinah gestorben vor Angst – nie wieder, das verspreche ich dir, nie mehr in den Bergen von einem Pfad abgehen, mir wurde ganz blaßrot vor Augen und ich kriegte keine Luft mehr unter dem Farnkraut.« [194]

Um uns war nun nur noch heiteres Himmelblau. Aber vor uns reckte sich ein neuer, breiter, hoher Buckel. Der letzte. Mittendrin in der überwältigenden Masse Blau stand dieser letzte Felsenrücken. Hart und nackt und grau, mit eingesprenkelten grünen Tupfen. Eine wüste Angelegenheit von kolossal in Unordnung geratenen pittoresken Steinblöcken. So sahen wir es, als wir Hand in Hand da standen und den schmalen Ziegenpfad entdeckten, der zur Alpe di Naccio hinführt.

Ein paar kleine Häuschen standen dort, und eine herrlich hohe Schaukel. Eine Riesenschaukel, als ob das noch nicht hoch genug wäre hier oben. Und da schaukelte ein Kind, ein kleines Mädchen, schwang sich in all dem Himmelblau – vierzehnhundertunddreißig Meter über dem Meer. Das konnten wir auf der Karte lesen, und auch, daß uns immer noch gut zweihundert Meter bis ganz oben fehlten.

»Hier wäre ich gern ein Weilchen Kind gewesen«, dachte ich laut.

»In jedem Männchen schluchzt ein verrotztes Kindchen«, bemerktest du mütterlich und lehntest deine weichen, warmen Formen an meinen Körper und hängtest dich mit beiden Armen über meine Schultern – wie müde mußt du gewesen sein. Du sagtest nicht mal mehr einen deiner weisen Sprüche, wie: Mit mürben Schenkeln ist nicht gut Kirschen pflücken! Du sagtest nichts mehr. Wir ließen uns stumm in das bescheidene Gras plumpsen, und das war hart, denn es war kein Wiesenboden, sondern Stein.

Dann kam die Mutter des schaukelnden Mädchens und erzählte uns schonungslos, daß es immerhin noch eine kleine Stunde bis zum Gipfel des Pizzo Leone sei. Und während [195] wir da saßen und mit der Katze des Hauses spielten, entdeckte uns eine Horde Gänse, die sich mächtig über uns aufregten und gräßlich anfingen zu schreien. Da kam die Frau dicht zu uns hin, weil sonst bei dem verrückten Lärm nichts zu verstehen war, und fragte: »Wissen Sie, warum die Gänse so aufgeregt schreien?«

»Nein«, sagte ich, »weil wir fremd sind?«

»Nein«, antwortete die Frau und lächelte wissend. »So schreien die Gänse jedesmal, wenn sich jemand mit der Katze abgibt – dann werden sie eifersüchtig.«

Das hatte ich noch nie gehört. Es machte mir einen tiefen Eindruck. Es klang so unheimlich symbolisch: Eine Schar eifersüchtig schnatternde Gänse, wenn jemand mit der Katze spielt!

Denk mal an, was hätte der gute Professor Sigmund alles daraus schließen können, wenn er jemals auf der Alpe di Naccio gewesen wäre? Aber er war nicht. Und darum durfte das hier so hübsch unkompliziert verbleiben. Die Frau blickte mich nicht bedeutsam an und flüsterte auch nicht ehrerbietig: Sehen Sie, das war hier, wo der gelehrte Herr aus Wien die Idee für seine berühmte Abhandlung über die neurotischen Bedingungen des Eifersuchtskomplexes bekam, die dann zu der klassischen Theorie im fünften Band auf Seite siebenhundertundsiebzehn führte, daß... Nein, dem blauen Himmel sei gedankt, so was sagte die Frau nicht. Sie lächelte nur unergründlich wie die Mona Lisa und schwieg. Und ich erfahre es niemals, ob sie auf die Katze eifersüchtig war oder... Oder was meint das um anzügliche Bemerkungen nicht verlegene Fräulein Sylvia dazu?

Soll ich es sagen? Ich höre dich murmeln: »Mach dich nicht madig, mit deinen Pflaumereien!« [196]

Dabei verziehst du den Mund ein wenig zu der einen Seite, weil du glaubst, dann sähest du besonders pfiffig aus, und rollst eine halbe Umdrehung gymnastisch geschult mit den Augen – und schuldbewußt setze ich momentan und sehr sachlich fort.

Also, wir sagten zu der Frau: »Von hier aus können Sie weit nach Italien hineinsehen.« Wir taten das auch, wir sahen – die aus einer tiefen Schlucht aufragenden schwarzgrauen Steintürme, die ihre Spitzen in das Himmelsblau bohren.

»Ja«, sagte die Frau, »sehen schon, aber da kommt keiner rüber.«

Wir glaubten es ihr gern. Die gezackten Felsennadeln des Ghiridone wirken sehr eindeutig abweisend. Ein Adler kreiste um die steilen Zinnen und schien die atemberaubende Regungslosigkeit nur noch zu unterstreichen. Und hier leben sie nun, ein paar Menschen, wie in einer überirdischen Kathedrale, gesponnen aus dem Licht des blauen Nichts und Alls – sie leben schon halb im Himmel.

Wir verabschiedeten uns und tapsten höher hinauf, zur Dachetage. Wir waren schon zu weit weg, es war zu spät, als es uns einfiel, wir hätten doch fragen können, ob die Frau nicht etwas Eßbares verkaufen möchte.

Du sagtest: »Dichter, an was denkst du eigentlich?«

Ich sagte: »An dich, Donna Sylviana.«

Du: »Das merke ich, darum läßt du mich verhungern und verderben, und so was nennt sich Erholung in den Ferien, und überhaupt – nimm erst mal die Pfeife aus dem Maule, wenn du an mich denkst, also Männer heutzutage, meine Großmama sagt auch: es hat keinen Zweck sich mit Männern abzugeben, sie sind irritierender als ein zu stramm sitzender [197] Büstenhalter, und wenn man sie wirklich mal braucht, dann rauchen sie Pfeife und denken. Sag mal, an was denken Männer eigentlich immer, wenn sie nichts denken?«

Ich hätte antworten sollen: sie denken wohl an dasselbe, worüber Frauen viel und lange reden können, ohne etwas damit zu sagen. Aber ich schwieg und wanderte stumm auf dem Rückgrat des Pizzo Leone weiter. Denn hungrige Menschen und ähnliche Raubtiere soll man nicht reizen.

Und weißt du, woran ich dachte? An dasselbe, woran auch du sicher dachtest: an die halbe Tafel Schokolade, die wir noch besaßen. Ich dachte: auf die fünfzig Gramm müssen wir nun unseren ganzen Abstieg bauen! Diese wenig erhebende Erklärung wagte ich gar nicht laut zu äußern.

Dann standen wir endlich oben, sozusagen auf dem Dach unserer Welt. Wir waren mächtig stolz und ein klein wenig beklommen, wie von zu Haus ausgerissene Kinder. Tief, tief drunten ruhte der Lago Maggiore im bläulichen Dunst und zwinkerte uns anerkennend zu: Donnerwetter, da seid ihr ja, Kinder! Es war berauschend schön. Und wir brauchten nur die Hand auszustrecken, um den Himmel anzufühlen. Wie fühlte er sich an? »Wie Frühlingsseide, sagen die Chinesen.«

Und du sagtest: »Ach, denk mal an, wohnen auch Chinesen auf dem Pizzo Leone?«

Um dich zur Ordnung zu rufen, drehte ich mich still herum, streckte den Zeigefinger schräg nach unten und zeigte dir in sechzehnhundert Meter Tiefe einen dunklen Flecken am Rande des Sees, kaum so groß wie eine Streichholzschachtel. Das war Brissago, unser nächstes Ziel. Und dazu bemerkte ich leise: »Weißt du, meine Liebe, was die Mona Lisa von der Alpe di Naccio sagte? Sie sagte: nach Brissago? [198]

Vier bis fünf Stunden Weg. Du – und das vermochte diese Bergdame mit einem Lächeln zu sagen.«

Worauf du mich anblicktest und freundlich lächelnd meintest: »Wenn ich mir nun hier den Fuß verstauchen würde?«

Ich wollte dir beibringen, wie ich dich dann allein unter Adlern und Schlangen in Nacht und Grauen liegen lassen müßte, um abzusteigen und Hilfe zu alarmieren. Und am folgenden Tage würden sie dann kommen, um Donna Sylvias Reste auf ein Maultier zu binden und... Aber ich kam nicht dazu, dir das zu erzählen, denn so müde wie du warst, so furchtbar müde, – fingst du auf einmal an zu lächeln, du lächeltest mir zu, und wir verstanden uns wie immer, wenn es darauf ankommt.

Wir teilten unser letztes Stück Schokolade und sprachen davon, was wir alles essen wollten, wenn wir wieder in zivilisierte Gegenden kämen. Und dann ging es abwärts, stundenlang, mit matten Knien. Erst bei einbrechender Dunkelheit erreichten wir Brissago und stärkten uns, um uns dann auf das letzte Stück Heimweg zu machen.

»Irren ist menschlich«, seufzte ich, »aber der Hunger auch.«

»Und folgt gratis mit«, fügtest du mit einem müden aber unbezwinglichen Lächeln hinzu. Immer wenn ich liebevoll an dich denke, wird dieses Lächeln mitgedacht werden.

Und jetzt brauchst du bloß noch zu sagen: »Du alter Heuchler, du warst doch schon dabei, mich den Adlern vorzuwerfen und mein Skelett auf ein Maultier zu binden. Aber mein Lächeln rettete mich davor. Nun bilde dir bloß nicht ein, – ich lächelte nur aus Notwehr!«

Wirst du das sagen können und meinen Lorbeerkranz der [199] Bergbesteigung, den ich auf dein kluges Haupt drücken will, unter deinen Füßen zertrampeln?

Ach, Donna Sylviana, ich weiß, du kannst es nicht über dein blondes Herz bringen, wenn du wieder daran denkst, was wir beide hier alles anstellten. Von dem Augenblick an, als du kamst, als ich dich in Bellinzona abholte. Der Zug lief ein, und da warst du – mit einem mühlradgroßen, ultramarinblauen Strohhut flott über das goldene Haar gedrückt. Und als wir mit der Wiedersehensfreude und der langen Umarmung fertig waren, da sammelten wir atemlos deinen Strohhut vom Bahnsteig auf, bestiegen den Zug nach Locarno und fühlten, es war alles, alles gut und richtig mit uns beiden. Wir hatten uns so viel zu erzählen, wir mußten gleich mal in Locarno erst Station machen, in einem kleinen Hotel. Wir sehnten uns beide... Nein, hier überspringen wir siebzehn Zeilen. Und draußen vor der grünen Doppeltür unseres Zimmers, unter der Terrasse, da lag der alte erfahrene See und schmunzelte gerührt über so viel Verliebtheit.

Und als du dann deinen Einzug in meiner Wohnung hieltest, auf meinem Balkon, – da wurde es unsere Wohnung und unser Balkon. Dein Dasein schmückte die kahlen Räume, dein Duft breitete sich und belebte alles auf eine neue Art. Du hast sogar meine Hausspinne anerkannt. Denn so etwas hat man im Tessin, ein paar mächtig große Spinnen, die Hausrecht genießen und dafür alles Kribbelkrabbel im Hause vertilgen. Wir alten Tessiner wollen unsere Sitten und Gebräuche respektiert wissen. Du lerntest alle die Tierchen beim Vornamen kennen, die bei uns ein und aus gingen, die Eidechsen und Käfer, die Tausendfüßler und Nachtfalter, die Fledermäuse, die uns jeden Abend ihren Besuch im Zimmer abstatteten, alles, alles. [200; Zeichnung]

Zeichnung: Friedrich Meinhard
Alles lerntest du kennen, immer warst du dabei.

Wir kletterten in den Bergen, wir ruderten auf dem See und schwammen in ihm. Wir streiften schönheits- und auch [1201] anders trunken durch das lange Maggiatal. Wir fühlten uns heimisch in Brissago, wo sie die herrlichsten Speisen des Tessin zu bereiten verstehen. Wir drangen hier und dort über die Grenze ins Italienische ein und schwelgten in Luinos Südfrüchten, in Cannobios Sahneneis und im Lindenblütenduft von Cannero. Wir reisten bis ans Ende des Centovalli, wir kletterten bis nach Palagnedra hinauf, um die Grenzwächterstation zu beschnüffeln, die von Schmugglern belagert und ein paar Tage von der Umwelt abgeschnitten worden war. Wir konnten uns beinahe nie mehr von Camedo losreißen, wo wir fünfzehn Schritte von der Grenzbrücke entfernt wohnten und unsere Morgenbrötchen aus Italien bezogen. Wir wandelten verliebt auf den Brissago-Inseln durch Bambuswälder, schlenderten vorbei an duftenden Blumenbuntheiten und bizarren Agavenhecken. Wir saßen auf einer Bank unter Palmen und...

Und dann – stand ich auf dem Bahnsteig und du standest im Zug am offenen Fenster, reichtest mir Hand und Mund zum Abschied und sagtest mit schwacher Stimme, als sich der Zug schon in Bewegung setzte: »Wenn du traurig bist, siehst du also wirklich traurig aus.«

Und zu diesen goldenen Worten hätte ich beinah gesagt: »Bleibst du hier, wenn ich mitfahre?«

So etwas Schönes sagt man nur bei abfahrenden Zügen. Dann warst du weg, und da stand ich, erwischte gerade noch das letzte Postauto nach Porto Ronco, krabbelte in totaler Finsternis die achthundert Stufen empor und wandelte wie ein Mondsüchtiger über den Bergweg zu unserem Haus.

Auf einmal war es so einsam. Die Glyzinien, alle Nachtfalter und Fledermäuse weinten, als ich nun ohne dich heimkam. [202]

Bald steigt der Mond über dem Gambarogno auf – und wo bist du, Donna Sylvia?

Der Duft deines Körpers verweht aus meinem Zimmer, der Duft deines Haares auf meinem Kopfkissen ist nur noch schwach, und ich schreibe das hier, um den flüchtigen Duft der Erinnerung festzuhalten, das Gefühl der Rundung deiner Brust gegen meine Brust, die Wärme deiner Lippen, die weiche Berührung deiner Haut, das Spiel deiner Zärtlichkeit, wenn du... Du bist so weit weg, liebe Ditte, – und wir sehnen uns so sehr nach dir, wir alle, der See, die Tierchen, die Glyzinien, die Mondnächte, der Balkon und dein –

dein Dichter [203]
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