Bei der Postauto-Station in Locarno treffe ich jemand, der mir bekümmert mitteilt: »Sie wollen ins Onsernonetal? Das sollten Sie lieber sein lassen.«

Ich lache herzlich.

»Da ist gar nichts zu lachen. Sie wissen das nicht, nirgends ist es so düster und abgeschlossen wie dort, nirgends ist man so unfreundlich gegen alle Fremden eingestellt. Und mit Fremden meine ich auch uns andere Tessiner, die nicht aus dem Onsernone stammen. Wir scheinen dort recht unwillkommen zu sein, jedenfalls läßt man uns das deutlich fühlen.«

Ich winke ab, setze mich ins Postauto und los geht es.

Im Tessin mit Postautos herumzufahren, kann zu einem spannenden und zugleich schicksalergebenen Sport werden. Man kann es kaum unterlassen, man muß alle Routen probieren, die halsbrecherischsten Bergstraßen, die abseitigsten Linien. Man legt sein Leben in die Hand des einen oder anderen Chauffeurs, sieht sich den mörderisch schmalen Bergweg an und die teuflischen Abgründe, und hofft darüber hinaus das beste. Klar, der Traum aller Dorfjungen des Tessin ist es, Postchauffeur zu werden.

Wir fahren durch das fruchtbare Maggiatal und biegen ein Stück hinter Cavigliano in nördlicher Richtung ab, in [180; Zeichnung] 

Zeichnung: Friedrich Meinhard
die steile Bergwelt hinein. Das hochgelegene Dorf Intragna, dessen stolzer Glockenturm im ganzen Maggiatal sichtbar ist, entschwindet nun. Wir fahren am Lauf des Isornoflusses aufwärts. Ein seltsamer Fluß, der fast nie sichtbar wird. Er rauscht tief unten, begraben in düsteren Felsenschluchten. Das Onsernonetal liegt zwischen zwei fast zusammenstoßenden Bergketten, die sich in ost-westlicher Richtung hinziehen. Die nördliche Seite des Tales weist gegen Mittag [181] und liegt im hellen Sonnenschein. Die südliche Seite liegt fast immer im Schatten der Berge, sie ist düster und völlig unbewohnt. Nur am Nordhang liegen die kleinen, einsamen Bergdörfer. Es ist ein wildes und zerklüftetes Tal, mit wilden und gewagten Brücken. Schon der Name der größten genügt und besagt alles: Ponte Oscuro, heißt sie, die Dunkle Brücke. Sie legt sich zwischen hohen, düsteren Bergwänden über eine schaurige Schlucht. Es ist so eine Brücke, die einen in bösen Träumen verfolgen kann.

In dem Dörfchen Russo steht die Kirche auf einem Felsensockel. Und gerade unter der Kirche, rechts neben der Treppe, die zum Portal hinaufführt, da haben sie einen großen Blechschirm hingesetzt, so ein nützliches öffentliches Häuschen, das absolut nicht zu übersehen ist. Hier können sie das Wasser lassen und eine Etage höher die Sünden. So praktisch ist es mitunter im Leben eingerichtet.

Alle diese Dörfchen des Onsernonetales erhalten ihre besondere Prägung durch die laubenartigen Holzbalkone, die oft in mehreren Stockwerken die Häuser umgeben. Wie riesige Vogelkäfige sehen die Häuser aus. Diese geräumigen Holzveranden wurden zum Trocknen des Strohs gebraucht. Das gesamte Talgebiet des Onsernone war berühmt wegen seiner feinen Strohflechtarbeiten. Die besten Körbe, die ausgesuchtesten Strohhüte kamen von hier und wurden nach Südfrankreich, Italien und sogar bis nach Mittel- und Südamerika exportiert. Doch als die Maschinen sich auch dieser Industrie bemächtigten, konnten die Strohflechter des Onsernonetales nicht mehr folgen. Einst flochten sie alle hier, Männer, Frauen und Kinder, überall und Zu jeder Zeit. Und dennoch reichte es kaum dazu aus, sie zu ernähren. Noch einmal rafften sie sich auf und machten den Versuch, [182] mit Maschinenkraft fortzusetzen. Da trat die japanische Konkurrenz auf den Weltmarkt. Selbst die anspruchslosen Onsernoner konnten die japanischen Preise nicht unterbieten. Sie mußten aufgeben. Im ganzen Tal trocknet niemand mehr Stroh. Die mächtigen Holzveranden stehen nackt und leer.

Die Bevölkerung verarmte mehr und mehr, geriet in einen apathischen, schwermütigen Zustand. Die Männer suchten sich Arbeit in der Fremde, die große Auswanderung begann. Die verarmten Dörfer leerten sich, vereinsamten, verfielen.

Im Tessin sagt man, allerdings nicht laut, die drei Merkwürdigkeiten des Landes seien: Der Campanile von Intragna, der höchste Glockenturm. Der Melide-Damm, die imposante Überbrückung des Luganersees. Und -- der Hunger des Onsernonetales. Das letztere wandelte sich nach und nach im Volksmunde zu dem Wort: Mut. Denn die Onsernonen hielten zäh aus, sie behaupteten sich stolz durch die Zeiten arger Not und Armut. Und wer kann es ihnen verdenken, daß sie sich in ihrem Kummer gern mit Wein trösteten. Den Wein hatten sie doch jedenfalls, wenn sie weiter nichts bekommen konnten. Der Wein wuchs bei ihnen. Doch nun wurde eine andere boshafte Redensart über die Onsernonen geprägt: So lange man im Onsernonetal noch einen Brotkanten in der Schublade hat, ist man großschnäuzig und rührt keine Arbeit an. Natürlich verbittern solche Worte die Bewohner des Tales. Und das mag viel dazu beigetragen haben, daß sie in Opposition zu den übrigen Tessinern gerieten und sich nur noch mehr in ihren entlegenen Talwinkeln abschlossen.

In Spruga endet die Fahrt des Postautos, in elfhundert [183] Meter Höhe. Wo das Dorf zu Ende ist, steht das Haus der Grenzgendarmerie. Drüben, hinter den Bergmauern, liegt Italien.

Und nun fangen meine Überraschungen an. Die Gasthäuser in Spruga, ein paar Hotelbauten, wirken merkwürdig tot mit ihren geschlossenen Fensterläden, alles so verrammelt. Ich trete in die Gaststube ein, trinke ein Glas Wein und stelle die übliche Frage nach einem Zimmer, einem Bett für die Nacht. Eine Mauer kalter Luft merke ich um mich herum aufwachsen. Und dann die Antwort, die Art, in der die Antwort kommt: der Gastwirt wendet kaum den Kopf, blickt über die Schulter hinweg zu mir hin. Dann wendet er sich wieder seiner Beschäftigung zu. Und ohne sich weiter um mich zu kümmern, schüttelt er nur den Kopf. Ich frage, ob er weiß, wo man ein Bett bekommen könnte? Kopfschütteln. Fertig. Und da ziehe ich los, zum nächsten Gasthaus und zum nächsten. Und dann zum nächsten Dorf, das weit entfernt liegt. Dasselbe. Überall das düstere Schweigen, die gleichgültige Haltung, der spürbare Unwillen, die frostige Kälte gegen den Fremden, den sie damit hinausfrieren.

In Vergeletto ist das Gefühl des Ausgestorbenseins noch fröstelnder. Da steht ein mächtiger Kasten, ein mehrstöckiger Hotelbau, der völlig tot anmutet. Ich gehe rein. Nur der Klang meiner Schritte durch die leeren Hallen. Leere Treppen und Gänge, unbenützt, verstaubt. Ich klatsche in die Hände und rufe. Nur das hohle Echo meiner Bemühungen ist hörbar. Ich steige eine Treppe hinauf. Ein Gang mündet in einen hallenartigen, düsteren Raum. Fast pralle ich erschrocken zurück. Dort sitzen zwei alte Frauen vor einem Kaminfeuer, ganz allein, unbeweglich, [184] finster schweigend. Ich grüße höflich, wiederhole meine ewige Frage. Erbittertes Schweigen ist die Antwort. Ein mächtiger Hotelbau steht leer und tot. Und die eine der alten Frauen schüttelt endlich den Kopf: nein, sie hat kein Zimmer für mich. Darauf blickt sie zu einer Uhr hin und sagt leise: »In zehn Minuten fährt das letzte Postauto von hier, damit können Sie nach Locarno gelangen, und dort bekommen Sie sicher ein Zimmer.« Das ist alles. Sie wendet sich ab. Der Fall ist für sie erledigt.

Im Halbdunkel sehe ich die beiden alten Frauen sitzen, in ihren dunklen, altertümlichen Kleidern. Der Schein des Kaminfeuers flackert über ihre zerfurchten Gesichter. Sie unterhalten sich miteinander, flüsternd, als ob ich gar nicht mehr anwesend wäre. Für sie bin ich nicht mehr da. Und während ich mich abwende und gehe, da ist es auf einmal, als ob sich das alles vor langer, langer Zeit abgespielt hätte. Als ob die Frauen und ich schon lange gestorben wären in diesem großen, dunklen, toten Haus, und alles nur eine unwirkliche Erscheinung sei, ein Spiegelbild auf der Netzhaut eines Toten. Mir wird unheimlich zumute und ich beeile mich, das Haus zu verlassen.

Auf einmal kann ich verstehen, wie es Karl Viktor von Bonstetten zumute gewesen sein muß, ihm, dem hohen Herrn Syndikator, dem Gesandten von Bern, was er hier gefühlt haben muß, um über seinen Besuch im Onsernonetal im September 1796 zu berichten:

»Das Dorf Loco war wie die ganze umliegende Gegend in zwei Fraktionen zerrissen, welches schon zu mancher Mordtat Anlaß gegeben hatte. Alle Einwohner gingen bewaffnet, und es war zu besorgen, daß der Bürgerkrieg ausbrechen würde. Das Syndikat hatte mir den Auftrag ge-[185]geben, die Ruhe in diesem Lande wo möglich wiederherzustellen und den erbitterten Parteien gewisse Friedensvorschläge zu machen.«

Und dann geht es los:

»Wir langten beim Pfarrer Broggini an. Er zeigte mir die Stube, in welcher man in der Nacht auf ihn geschossen hatte. Seine Leute waren bewaffnet; das Dorf, das Tal, jede Familie war in Parteien geteilt.«

Es ist eine tolle Geschichte:

»Ich ließ die Gemeinde versammeln. Die Ursach der Zwietracht, die 2387 Talbewohner zu Feinden machte und dieses paradiesische Land zur Hölle umschuf, war eine Mahlzeit, die der Pfarrer auf Kosten der Gemeinde dem Bischof gegeben hatte. Broggini, der das größte Haus besitzt, hatte die Mahlzeit für einen Taler auf die Person übernommen; nun war die Frage, ob für einen Verwandten von ihm auch ein Taler hätte angerechnet werden können. Aus diesem Taler entstand ein Prozeß, der in seinen ersten Vorfragen (denn die Hauptsache war bald verschwunden) nach gehaltener Rechnung schon 40 000 Lire gekostet hatte. Ein paar wohlabgerichtete Menschen hatten sich zur Betreibung des Prozesses eine unbegrenzte Vollmacht geben lassen, die ihnen ein Recht über das sämtliche Vermögen des ganzen Tales gab, wovon sie jahrelang mit ihren Spießgesellen zu Locarno schmausten, welches sie vermutlich noch jetzt tun.«

Aber Bonstetten hatte ja den Auftrag, Frieden zu stiften im Onsernonetal. Und das gestaltete sich folgendermaßen:

»Das Volk war nun versammelt. Ich ging auf das Rathaus. Die Männer waren jeder, so wie er anlangte, zu seiner Partei getreten, so daß die einen zu meiner Rechten, die an-[186]dern zu meiner Linken wie feindliche Heere standen. Ich saß in der Mitte, alle Ermahnungen, alle Vorschläge zum Frieden waren fruchtlos, nur Gewalt hätte da gegen Gewalt helfen können. Ich war aber ohne Mittel dazu und hatte nur zu Ermahnungen und Friedensvorschlägen Vollmacht. Bald wurden diese Menschen hitzig, ich fühlte mich von wütenden Wilden umringt, von Jugend an gewohnt, auf das erste beleidigende Wort das Messer zu zücken. Ich suchte bald eine Gelegenheit, mit Anstand zu entkommen.«

Prost Mahlzeit, so ging es also hier zu.

Und trotz allem, ich kann es nicht lassen, ich weiß nicht, aber irgendwie hat es mich gepackt. Ich kann den Leuten nicht mal böse sein. Ich achte sie, ich verstehe ihren verbitterten Trotz, ich fühle mit ihnen, sie beschäftigen mich und lassen mich nicht ruhen.

Da nehme ich das letzte Postauto und fahre zurück, weit zurück, bis dahin, wo ich sicher bin, eine Bleibe für die Nacht zu bekommen. Und am nächsten Morgen fahre ich wieder nach Spruga, bin wieder da – der Abgewiesene, der Verwiesene, der Ausgefrorene – und gehe ins Gasthaus hinein, in dasselbe Gasthaus, dessen Wirt mir über die Schulter hinweg seinen vernichtenden Blick sandte, bevor er den Kopf schüttelte. Ich will mir bei ihm einen Morgenschoppen Wein bestellen.

Aber da ist es auf einmal seine Tour, überrascht zu sein.

Als ich eintrete, wendet er den Kopf und sieht mich an, als wäre ein Gespenst zur Tür hereingekommen.

Und jetzt bin ich es, der sachte den Kopf schüttelt. [187]
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