Minusio ist ein Vorort von Locarno mit einer ewig langen, grauen und langweiligen Hauptstraße. Bei der Kirche stehen sieben Menschen in der prallen Vormittagssonne. Nun pflegt sich hier kein Mensch in die sengende Sonne zu stellen, es bedeutet also etwas Außergewöhnliches. Zehn Minuten später wimmelt die sonst öde Straße von Menschen. Alle Blicke sind erwartungsvoll zum Kirchenportal gerichtet. Die Erztöne der Glocken zerreißen die schläfrige, sonnenschwere Vormittagsstille. Und dann geschieht es, dann kommt endlich die erwartete Prozession. Es ist ein großer, ein ganz großer katholischer Feiertag: Corpus Domini – der Tag des Altarsakramentes, Fronleichnam.

Aus dem weit offenen Kirchenportal quillt ein Strom festlich gekleideter Menschen. Jetzt kommt ein Zug kleiner Knaben. Die sonst so frechen und wilden Bengel sind gar nicht wiederzuerkennen. Sie rufen und schreien nicht durcheinander. Schweigend und ehrfürchtig schreiten sie daher, blankgescheuert und mit wassergekämmten Scheiteln. Die sonst munter plappernden Schulmädchen schweben in weißen Kleidern und mit weißem Schleier auf dem Kopf über die staubige Straße, als wären sie auf einmal Engel geworden. Die steif vorgestreckten Kinderhände tragen weiße [171] Lilien und Kerzen. Bunte, seidenschwere, gestickte Standarten tauchen auf, Kreuze, Weihrauchgefäße auf hohen Lanzenschäften. Männer in langen, weißen Gewändern, eine knallrote Kappe über die Schultern, nähern sich nun. In großartiger Haltung, wie die Fürsten von Minusio, wandeln sie. Eine meterlange, dicke Kerze halten sie vor sich hin wie einen Marschallstab. Und jetzt folgt ein riesiger Baldachin, von vier kräftigen Männern in strahlenden Gewändern getragen. Es wird immer bunter, immer prächtiger, immer leuchtender. Inmitten dieses orientalisch anmutenden Aufzuges sieht man jetzt einen Kirchenkaiser, einen Sohn des Himmels geradezu, in einem augenblendenden Aufgebot von Weiß und Rot und Gold. Er trägt die heilige Monstranz mit dem Leib des Herrn -- die er mit beiden Händen zur Stirnhöhe emporhebt, so daß sie sein Gesicht verdeckt. Das gibt eine Wirkung, als ob er sich hinter der Monstranz verberge, als ob sie ihm voranschweben und ihn tragen würde. Denn sein Körper erscheint unbeweglich, ist unter den steifen Gewändern ganz verborgen. Ein optischer Trick, der einen fast überirdischen Eindruck hervorruft. Es ist eine großartige Szene. Die Regie ist ganz vortrefflich und verfehlt nicht ihre Wirkung.

Eine Stimmung von Fest und Feierlichkeit hat die schläfrige Straße in einen aufsehenerregenden Schauplatz verwandelt. Unter Gemurmel, Gebeten und Chorgesang nimmt die Prozession Form an. Frauen und Knaben und Mädchen und die feierlich verkleideten Männer kommen in Bewegung. In der Mitte schwebt der Baldachin, unter dem der Sohn des Himmels hinter der schwebenden Monstranz einherschwebt. Dann der Rest, die Statisten, in zwei Reihen, einer nach dem andern, im Gänsemarsch. Und jetzt schrei-[172]ten sie nicht mehr, jetzt gleitet die Prozession dahin, durch enge Gassen schräg aufwärts, den Berg hinauf.

Niemand konnte von der traurigen Hauptstraße dort unten sehen, was hier hinter den Fassaden vorbereitet worden war. Die Prozession bewegt sich nicht mehr durch gewundene, schmale Dorfgassen, sondern zwischen Wänden von Blumen. Die ganze südliche Farbenpracht leuchtet und flimmert in den Gassen. Balkone, graue Steinwände, Mauern und Zäune sind mit den vornehmsten und strahlendsten Tüchern und Teppichen verhängt. Alle Vasen und Blumentöpfe aller Häuser sind am Rande des Weges aufgestellt. Vor jedem Hauseingang stehen blumengeschmückte Tische mit Heiligenbildern und Heiligenstatuen und ÖIdrucken, die biblische Szenen in Orgien von schreienden Farben schildern. Selbst der Boden der Gassen, bis zum Berg hinan und auf der anderen Seite wieder abwärts, ist mit Blumen bestreut, die von der Prozession flachgewalzt und in den Staub getreten hinterlassen werden.

Auf einmal wird es mir klar, und ich kann es erkennen: es sind die grellen orientalischen Motive der Glanzbilder und ÖIdrucke, die sie sich zum Vorbild genommen haben und hier zu erreichen und zu übertreffen versuchen. In einer der Gassen haben sie nicht nur die Mauern und den Erdboden mit Blumen und Bildern und Teppichen überhäuft, sondern auch über die Gasse hinweg, von Haus zu Haus, brennend gelb- und rotleuchtende Tücher gespannt. Die Illusion ist vollkommen: es ist eine orientalische Bazargasse. Und jetzt erblicke ich auf einem offenen Platz, fast unter Blumen begraben, einen Altar unter dem blauen Himmel, mitten in der stechenden Sonne. Dort wird man eine religiöse Zeremonie vornehmen. [173]

Nichts mehr von dem mystischen Dämmerlicht der Kirchenbauten. Es hat nichts mehr zu tun mit dem Kerzengeflimmer im Halbdunkel katholischer Kirchen, mit der kühlen Atmosphäre, mit den gebrochenen Farben und den rettenden Lichtpunkten goldglitzernder Gewänder und edelsteingeschmückter Kronen der Heiligenstatuen, die aus Schattenfalten unheimlicher Tiefen und dem Dunkel ewiger Verlorenheit hervorschimmern. Das hier ist der Altar der Sonne, der in einem Meer glühender Blumen schwimmt, im goldenen und heißen Lichtschein, unter einem hohen, knallblauen, zitternden Himmelsgewölbe. Wo sind alle die dunklen Worte um einen bleichen und gefolterten Körper, um tropfendes und gerinnendes Blut geblieben? Die südliche Sonne hat auf einmal alle Macht und Herrlichkeit übernommen und im Laufe eines Augenblicks die Finsternis des Mittelalters ausgebrannt, den Ernst der Gotik, die Schwere des romanischen Steinbogens, den Nippsachenhimmel des Barock, die Gipshölle des Rokoko, das alles ist im jubelnden Sonnenschein dahingeschmolzen und hilflos verloren. Diese Sonne hat alle Lackschichten kirchlicher Theorien und Dogmen abgesengt, bis ganz hinein zu der rührend primitiven biblischen Legende, die sich nun im scharfen Licht des Tages behaupten soll.

Und das konnten sie nicht ertragen.

Sie konnten und wollten sich nicht damit begnügen, am Tage des Festes das Erhabene in der unbarmherzigen Offenheit des Tageslichtes als einen entkleideten Gedanken zu erblicken. Da soll mehr sein, mehr als selbst die Natur des Südens aufzubieten vermag. Die erhitzte Phantasie will mit Träumen von übernatürlichen Bildern gesättigt werden, die den südlichen Alltag überbieten können. [174]

Das ist schwer, aber es glückte ihnen.

Ganz gewiß haben sie getan was sie konnten, indem sie alle diese Greuel von religiösen ÖIdrucken auf die Straßen schleppten und zu beiden Seiten des Weges aufstellten, wie von ohnmächtiger Raserei besessen, um noch mehr schreiende, noch viel wildere Farben zu finden. Aber sie müssen das Hoffnungslose ihres Vorhabens gefühlt haben. Sie sahen wohl, daß selbst die schauerlichsten Farben der Öldrucke neben dem wahnsinnigen Blau der Hortensiablüten einfach verblaßten. Dieses irrsinnig krankhafte Gelbgrünlichblau der Hortensien muß geradezu der Wunschtraum und das bisher unerreichte Ideal eines unnatürlichen Farbtons für die ÖIdruckfabrikanten in aller Welt sein.

Mit dem stillschweigenden Segen der Kirchen aller Länder und selbst der verschiedenen Religionsauffassungen gingen die Glanzbild-Fabrikanten zu Werke mit der bildlichen Übersetzung und Auslegung der Bibel. Eine der merkwürdigsten Industrien, über die bisher noch kein Buch berichtet hat, und deren Geschichte doch ebenso komisch wie erstaunlich ist. Denn auf diese mild gesagt dreisten Machwerke starrten Menschengenerationen und sahen sich bildkrank.

Hier suchte man also nach kräftigeren Wirkungsmitteln. Und da ist der naheliegende Gedanke, die Öldrucke größer zu machen, in Lebensgröße auszuführen. Aber das ist eine sehr kostbare Geschichte, und es ist und bleibt doch ein flaches Bild. Wie wäre es, wenn man selbst Körper, Form und Farbe dafür einsetzte? Das taten sie. Sie stellten lebende Bilder und füllten sie mit orientalischer Glut.

Längs des Weges, den die Prozession kommt, haben sie ihre lebenden Gruppenbilder aus der biblischen Geschichte [175] aufgestellt – bei deren Anblick alle ÖIdruckfabrikanten vor Neid erblassen müssen.

Da ist eine große Gruppe mit Männern und Frauen und Kindern, die sich in flimmernde Seide und bunte Tücher gehüllt haben, und wo der Stil bis zur kleinsten Einzelheit verblüffend echt durchgeführt ist. Das Bild stellt Christus dar, wie er die Tochter des reichen Mannes vom Tode auferweckt. Es ist rührend und zugleich imponierend, welches saubere Stück Arbeit diese Menschen mit ihren bescheidenen Mitteln und ihrer maßlosen Lust am Schauspiel durchgeführt haben. Der sichere Sinn für Rhythmus, Farbe und Komposition liegt ihnen im Blut. Aber niemals würde man ihnen soviel Geduld zugetraut haben. Das Bild ist in seiner Art vollendet. Da gibt's nichts dran zu tippen. Es muß mit weiser Überlegung von einem unbekannten Meister-Regisseur durchgearbeitet worden sein. Hollywood könnte es unmöglich zu einer Aufnahme für den Farbenfilm besser machen. Es ist die Verwirklichung des nie erreichten Traumes der Glanzbilder: Hier steht wahrhaftig Jesus Christus und erweckt das Mädchen – die Schönheit des Ortes – vom Tode auf, während der reiche Mann sich über das Sterbebett geworfen hat und eben den Kopf hebt, um das Wunder zu erblicken. Wie lange mögen sie das geübt haben? Jede Geste ist abgerundet lebendig. Da ist nichts Steifes, nichts Störendes. Bis zum letzten Augenblick sah ich sie noch immer korrigieren, kaum erkennbare Feinheiten wurden noch verbessert, eine Fingerstellung, die Neigung eines Kopfes eine Schulterdrehung. Es ist Präzisionsarbeit, ohne einen einzigen Fehlgriff. Es ist ein in reine Farben übertragenes, Wirklichkeit atmendes Glanzbild des Erhabenen.

Jetzt nähert sich die Prozession. Die Spitze des Zuges [176] verharrt einen Moment vor dem Bilde. Alle drehen sie den Kopf in die gleiche Richtung und in ihren Gesichtern spiegelt sich das Großartige: hier ist der leibhaftige Jesus Christus, nicht nur mitten unter ihnen, sondern in Gestalt eines der ihrigen. Hier ist einer der ihrigen als lebendiger Jesus Christus! Ist das vielleicht nicht wunderbar, und etwas ganz anderes als alle Farbendrucke der Welt?

Die ganze Zeit, während sich die lange Prozession vorbeischiebt, steht die Gruppe unbeweglich. Das ist fast unbegreiflich, denn sie stehen nicht steif und verkrampft da. Das nächste Gruppenbild stellt den Zimmermann Joseph mit Maria und dem Jesuskind dar. Im Privatleben ist es der Schreiner des Ortes mit seiner Familie. Etwas weiter oben, in der Wegkurve, haben sie die letzte und meist dramatische Szene aufgestellt: die Steinigung des heiligen Stephan.

Die Prozession gleitet vorbei, die letzten Teilnehmer verschwinden um eine Wegbiegung. Die Figuren des Gruppenbildes bekommen wieder Leben. Die großen Felsenstücke, die glücklicherweise unseren Stephan hier nie trafen, werden mit dumpfem Gedröhne in den Staub befördert. Ein Lächeln gleitet über die Gesichter der Beteiligten. Der heilige Stephan erhebt sich, streckt sich und öffnet seine lange Kutte. Er schwitzt in dieser Hitze und muß erst mal Luft haben. Einer dieser Gewaltskerle, der gerade seinen Stein weggeschleudert hat, hebt die Toga hoch und befördert sich zuerst eine Zigarette in den Mund. Während er losdampft, zieht er sich die Stiefel auf die nackten Füße. Der Zimmermann Joseph hat sich den Bart abgenommen und hält ihn in der linken Hand, während er mit der rechten eine Dame begrüßt. Das Jesuskind steht unbeachtet dahinter und polkt sich in der Nase. [177]

Die Prozession ist wieder auf dem Wege zur Kirche dort unten, wo sie sich auflöst. Es flimmert noch gewaltig vor meinen Augen. Ich suche mir einen abgelegenen Pfad, der zum See hinunterführt. Dort unten, an dem stillen Ufer mit den paar leeren Fischerbooten und dem stolzen Namen Rivapiana, dort will ich mich ein bißchen ausstrecken.

Und nun kann ich es erzählen: Die ganze Zeit in der ich mit der Prozession ging, lag tief in mir ein kleiner Hintergedanke. Das war die Fluchtmöglichkeit, an die ich manchmal dachte. In meiner Tasche konnte ich ein Billett fühlen, das ich mir vorher besorgt hatte. Ein Billett für das Postauto, das mich weit weg und hoch hinauf in die befreiende Klarheit der Berge führen würde, sobald ich es wollte. Dankbar dachte ich daran, wie herrlich dieses Land eingerichtet ist, in dem man von fast tropischen Gegenden im Laufe einiger Stunden die kühlen Bergzinnen erreichen kann.

Mit dem Billett in der Hand war es leichter, sich der farbenberauschenden Festlichkeit zu überlassen. Ich brauchte mich nur mittreiben zu lassen. Ja, ich versuchte, mich mitreißen zu lassen, ohne an etwas anderes zu denken. In meiner Tasche lag der Fahrschein zum Paradies bereit, mir konnte nichts passieren. Denn ich kenne die plötzliche Müdigkeit, von der man im Gewimmel heißer Menschenkörper unter stechender Sonne überfallen werden kann. Diese Wolken von aufgewirbeltem, trockenen Staub, der im Hals kratzt und brennt, der die Nase verstopft und sich auf der Haut als ätzende Schicht absetzt. Diese stillstehende Luft, dieser Dampf von Schweiß und Knoblauch. Diese Monotonie des stundenlangen Schurrens unzähliger Füße, diese Monotonie der ununterbrochen gemurmelten Tonskalen [178] der Gebete. Das setzt ungeteilte Begeisterung voraus. Das setzt voraus, daß man sich willenlos der Massensuggestion ergeben kann. Das fordert bedingungslosen Glauben. Ich habe diese Form des Glaubens nicht.

So fühlt es der Fremde, der nicht der Einwirkung unterliegt. Es verstimmt und ermüdet, fromme Gebärden bis an das sinnlos Grenzende wiederholt zu sehen.

Ich bin Gast in diesem Land, bei diesen Menschen, die ich liebe. Aber es gibt Angelegenheiten, bei denen ich anders fühle und anders denke, von denen ich eine andere Meinung habe. Und wenn es mir nicht mehr paßt, dann entferne ich mich stillschweigend und fahre weiter. Darum trug ich das Billett in der Tasche.

Ich folgte der Prozession bis fast zum Schluß. Das sind ihre Angelegenheiten und das ist ihre Art, das Leben zu leben, sage ich mir. Wir haben unsere – und mehr als genug, damit zu tun.

In meiner Tasche berührt meine Hand das Billett zu dem Erhabenen, dem Symbol des freien Denkens, den Bergen. Oder war es vielleicht nicht auf einer versteckten Wiese, umgeben von Berggipfeln, wo sich die Repräsentanten der Freiheitsidee in der Schweiz heimlich trafen und ihren Eid ablegten, um die Macht der Vögte zu stürzen?

Seitdem beugt sich das Schweizervolk den Beschlüssen der Bundesregierung, – aber es würde ihm schwerlich einfallen, sich vor dem Hut des Bundespräsidenten zu verbeugen. [179]


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