»So ist auch da also ein temperierter unnd gesunder lufft als jhn einer wünschen möcht. Die mittag wind mögen da nicht starck wäyen / sonder werden gebrochen durch das gebirg so jnen entgegen gesetzt ist / so ist der bisswind auch milter von wegen der hohen Bergen /so die Statt schier bedecken. Von aufgang aber gegen nidergang haben die wind jren freyen durchgang /so sind da keine pfützen und stillstehnde wasser / in summa es ist ein lustig ort.«

So schrieb der kritische Josias Simler 1576 über »Die Statt Luggaris / Italianisch Locarno«.

Und das kann man sagen. Noch immer ist Locarno ein lustiger Ort. Die Luft und die Gemüter sind heiß, die Sonnentage unzählig, und das Leben brodelt. Es ist eine bunte Stadt, mit Straßenbahnen, die jubelnd in den Kurven quietschen, mit hupenden Autos – denn was ist ein Auto für die Tessiner, wenn man es nicht hören kann – und mit einem Dutzend Banken, die imponierender aussehen als die Regierungspaläste. Es ist die Endstation der Bundesbahn, die von Bellinzona abzweigt, und der Halteplatz für alle Postautos, die zu den umliegenden Tälern und Bergdörfern fahren. Und mitten auf der Straße vor dem Bundesbahnhof, da steht ein allerliebstes altertümliches Züglein mit ein [161] paar Wägelchen, das sich wild schnaufend und pfeifend in Bewegung setzt. Das ist die Centovalli-Bahn.

Wenn man sich nun vorstellt, daß das alles belebt, von Tausenden verwirrt umherfahrender Touristen bevölkert ist, dann kann man ermessen, daß es nicht gerade leise hier zugeht. Immer ist ein Strom von Bewegung in dieser Stadt, die anscheinend den Touristen gehört. Sie kommen an, sie fahren herum wie aufgescheuchte Hühnerschwärme, sie reisen ab.

Es ist ein bedenkliches Zeichen unserer Zeit: die Einzelreisenden sind am Aussterben. Man reist in Schwärmen, in Gesellschaften, in Gruppen, massenweis. Man läuft einem Reiseführer nach, läßt sich gedankenlos leiten, rennt mit. Man überläßt alles einem Führer und nimmt an: der weiß Bescheid, der ordnet alles, der trifft die Abmachungen für alle und trägt die Verantwortung, daß die Herde gut und sicher von einem Ort zum anderen verfrachtet wird. Initiative und Individualität gehen flöten: die beschwerlichen Herren nach links raus! So äußert sich der vielgepriesene Gemeinschaftssinn unserer Zeit in seiner harmlosen und gutartigen Form.

Der unheimliche Gedanke an eine weniger friedliche Form ist naheliegend: Der Gemeinschaftstransport in den reservierten Zügen, deren Ziel ein anderer bestimmt. Man hat sie alle in dieselben grauen Anzüge gesteckt. Anstelle des Fotoapparates hat man ihnen einen Karabiner über die Schulter gehängt. Und los geht die Gesellschaftsreise in den gemeinschaftlichen Tod. Sie sind das so gewöhnt, -- irgendeiner da oben wird alles Weitere ordnen!

Das ist keine angenehme Perspektive. Und man sollte wohl so etwas nicht in einer Friedensstadt denken, die [162] immer noch das leere Gehäuse des längst ausgehauchten »Geistes von Locarno« vorzeigt. Oder muß man gerade hier daran denken?

SILENZIO

Ruhe! Jadoch, man darf sich wohl seinen Teil noch denken, ohne allzu störend zu wirken? Überall fällt mein Blick auf das große Schild:

SILENZIO

In den Hauptstraßen Locarnos ist es aufgestellt, das Schild mit diesem einen mahnenden Wort. Auf den Verkehrsinseln, am Rande der Bürgersteige. Was ist los? Ich sehe eine lange Gebäudefront, geschmückt mit den Fahnen aller Nationen. Ein neues Locarno? Ist »der Geist von Locarno« auferstanden? Bittet die Friedensstadt um Ruhe, weil sie eine Erklärung über die Einigkeit aller Nationen und die Heiligkeit der Menschenrechte abgeben will? Oder hat diese Stadt alle lärmenden Gesellschaftsreisenden mal richtig satt bekommen und bittet darum, ein bißchen Rücksicht auf die Einheimischen zu nehmen? Das könnte ich mir vorstellen. Manchmal muß es ihnen doch zum Halse heraushängen, immer unter Fremden zu sein. »Aber sie leben doch davon!« Leider. Macht es das besser?

SILENZIO

Ja, ich schweige, denn das ist ihre Sache. Und übrigens sehe ich jetzt, daß die fahnenwehende Fassade das Freilufttheater des Filmfestivals beherbergt. Und die Friedensstadt bittet um Ruhe für die tönende Leinwand, damit die Filmonkels hören können, was ihre Sterne flüstern. Denn schließlich macht man hier nicht nur zum Vergnügen Theater. Die Messe der Traumhändler...

SILENZIO [163]

Ich versuche mich im Schatten der Bogengänge vorbeizudrücken. Aber da hat mich schon jemand beim Wickel: »Sieht man Sie endlich mal in Locarno? Dann kommen Sie doch heute zum Filmfestival!«

Und da muß ich antworten: »Nein, danke, wissen Sie, dieser Trubel, und außerdem, ich – ich gehe ins Kloster.«

Und das soll kein schlechter Witz sein. Das Kloster Madonna del Sasso hat mir die Erlaubnis erteilt, die Mönche innerhalb der dicken Mauern besuchen zu dürfen. Viele kennen die berühmte, malerisch auf einem schroffen Felsen oberhalb Locarnos gelegene Wallfahrtskirche mit dem Kloster. Wenige nur haben die geschlossene Klosterpforte passiert.

Madonna del Sasso bedeutet: Maria-Stein, oder: Unsere Liebe Frau vom Felsen. Die Überlieferung sagt, daß noch zu Lebzeiten des heiligen Franziskus von Assisi eine Niederlassung des Franziskanerordens in Locarno gegründet wurde. Dieses Kloster sei vom heiligen Antonius von Padua gestiftet worden, und in ihm lebte um die Mitte des 15. Jahrhunderts Pater Bartholomäus Piatti, der selige Gründer der Wallfahrt zur Madonna del Sasso.

Dort oben, auf dem spitzen Bergkegel, soll dem Pater Bartholomäus zu später Abendstunde des 14. August 1480 die Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm erschienen sein: »Er vernimmt den Auftrag, an dem auserwählten Ort, an dem Maria ihm erscheint, ein Kirchlein zur Ehre Gottes und zur Verehrung der Gottesmutter zu errichten.« Der fromme Sohn des heiligen Franziskus tat wie ihm geheißen. Aus dem »Kirchlein« wurde dann eine steinerne Kirche, und dann ein riesiges Bauwerk mit einem Kloster und vielen Kapellen. [164; Fotografie: Das Kloster Madonna del Sasso]

Das Kloster Madonna del Sasso - Foto: Jonny Rieger
Madonna del Sasso ist herrlich gelegen, mit der Aussicht über den See und die Berge, tief unter sich das weltliche Locarno, in dem sie nun ihre Filmsterne vergöttern.

Ich klopfe an die schwere Holzpforte des Klosters, und als sie geöffnet wird, zeige ich mein Einladungsschreiben vor und darf eintreten. Zwei, drei Mönche in den braunen Kutten der Kapuziner, mit den prächtigen, wohlgepflegten Bärten, die Füße in Sandalen, stehen um mich herum, betrachten mich argwöhnisch, fragen mich ein klein wenig aus: wie und warum. Ich kann das verstehen, schließlich bin ich ein Fremder, und ich erzähle ihnen, warum ich hier bin. Ich respektiere ihren Glauben sehr, aber ich weiß nichts von ihnen. Wenn ich nicht offen und bereit wäre, sie anzuhören, von ihnen etwas über ihr Dasein zu erfahren, dann brauchte ich sie nicht zubesuchen. Ich komme nicht mit Vorurteilen. Wer Vorurteile braucht, kann sie sich zu Haus zurechtschneidern und weite Reisen sparen.

Die Stimmung der Mönche, die erst voller Vorbehalte war, verändert sich schnell, weicht einer entgegenkommenden Freundlichkeit. Sie beantworten willig meine Fragen, ich darf mich frei bewegen und alles anschauen.

Sie zeigen mir ihre große Bibliothek mit den rund zehntausend Büchern, und ihre Schätze, vier wunderbare Psalterien aus dem Jahre 1315, mit unbeschreiblich schönen Miniaturen. Mein Herz schmilzt. Leider sind einige der Miniaturen, bevor die Werke in die Klosterbibliothek gelangten, von Diebeshänden herausgeschnitten wolden. Ein schmerzlicher Anblick. Ich sehe die steinernen Wandelgänge des Klosters, die gemeinschaftlichen Aufenthaltsräume, den Speisesaal und den großen Garten, der mühevoll auf den felsigen Terrassen angelegt ist. Alles ist sehr sauber und ordentlich [165] gehalten. Und ich sehe ihre Zellen: das Bett mit dem Strohsack, eine Uhr, ein schmales Bücherbrett über dem Tisch, ein Stuhl und der Heizkörper einer Zentralheizungsanlage. Auch das ist verständlich, denn sie sind ja nicht hier, um hinter den klammen Mauern an Lungenentzündung zugrunde zu gehen. Alles ist sehr nüchtern eingerichtet, so einfach und bescheiden, wie es sich nur denken läßt. Denn die Mönche dürfen nichts besitzen, nichts ihr eigen nennen.

In den mächtigen Bauten leben jetzt nur noch fünfzehn Mönche und der Guardian, wie sie ihn nennen, das Oberhaupt des Klosters. Er ist ein hagerer Mann mit schneeweißem Bart und einem feingezeichneten Gesicht, wissend und intelligent, und hinter allem noch etwas – die Erfahrung. Diese milden, festen Augen müssen sehr viel gesehen und verstanden haben, was der Mund nie ausgesprochen hat. Mit dem Mann hätte ich mich gern ein paar Tage unterhalten mögen.

Die Mönche erzählen mir von ihrem Dasein, von dem Gefühl der »Berufung«, das sie hierher führte, von der Strenge und Härte des Klosterdienstes, den langen Jahren der Prüfung, der Probe, des Studiums.

Wie wird man Kapuzinermönch? Nach sechs Prüfungsmonaten folgt ein Probejahr, danach eine provisorische Gelübdeablegung. Das endgültige Gelübde kann erst drei Jahre später abgelegt werden und bindet dann für den Rest des Lebens. Und dann folgen sieben Jahre Studium, bevor es möglich ist, die Priesterweihe zu bekommen. Die Hauptpunkte des Gelübdes sind: Gehorsamkeit, Armut und Keuschheit. Und dann werden die Mönche hinausgeschickt, wohin es auch sein mag, zur Predigt, zur Beichte, um zu helfen, wo es not tut. [166]

Ihr Dienst im Kloster ist anstrengend. Ich habe ihren Stundenplan studiert. Viel Freizeit ist da nicht, und von einem Faulenzerdasein kann keine Rede sein.

Gewiß haben sie ihre kleinen traditionellen Späßchen nebenbei, und ihre Spezialität ist die Bereitung eines Nußlikörs. Ich habe ihn gekostet, und er ist ganz vortrefflich.

Das scheint etwas anders gewesen zu sein, als Hans Jakob Faesch, der »Ehrengesandte und höchste Vertreter der landesherrlichen Autorität«, am Montag, dem 27. August 1682, sein Notizbuch zückte und eintrug:

»Zu Luggarus seind Capuciner, Franciscaner und andere, auch Bauren, die eine schöne Haubtkirch, il Domo alla Madonna del Sasso genandt, auff dem Berg haben. Die Franciscaner haben uns schlechten Wein zu trinckhen geben, doch sich alles Guths anerbotten.«

Nun, ich kann nicht klagen.

Und die Mönche beklagen sich auch nicht, über nichts. Vielleicht ist da einmal so etwas wie ein leise beklagender Unterton, als sie erwähnen, daß die schweizerischen Gesetze nur das Bestehen von vier Klöstern im Tessin zulassen: dieses hier, und außerdem je eines in Lugano, Tesserete und Faido. Aber schließlich haben sie ja hier noch viel Platz, solange nur sechzehn Mönche dieses riesige Kloster bewohnen.

Und einmal nur, fällt vorsichtig, höflich, diskret, eine persönliche Frage: »Sind Sie Katholik?«

Ich muß das verneinen und ihnen sagen, daß ich gerade deshalb zu ihnen komme, um etwas über das katholische Klosterleben zu erfahren. Das ändert nichts in ihrem Verhalten mir gegenüber. Ich vernehme keinen Vorwurf in ihren Stimmen, kein Wort, mit welchem sie mich vielleicht überzeugen wollten, nicht ein einziges Mal auch nur der [167] Versuch eines Angriffes gegen den Andersdenkenden, keine kleinlichen Plänkeleien, keine indirekten Anspielungen. Nichts dieser Art. Klar, rein und sauber sind unsere Gespräche. Und dafür muß ich ihnen meine ganz besondere Anerkennung aussprechen. Denn das können sich die protestantischen Geistlichen Andersdenkenden gegenüber meistens nur schwer verkneifen. Die Katholiken besitzen durchgehend eine bessere Menschenkenntnis.

Einmal nur blitzt etwas auf in den Augen eines jungen Mönches, als wir auf die Jesuiten zu sprechen kommen. Er bewundert sie: ihre viel, viel strengere Zucht und Ausbildung, vor allem ihre weitaus größere Gelehrsamkeit, ihr Können und Wissen. Und dann kommt es: das Jesuitengesetz!

Er führt mich wieder zur Bibliothek, findet das Buch, das die Verfassung der Schweiz enthält, schlägt es auf: »Costituzione Federale, 1848.« Er blättert darin und dann deutet sein gepflegter Zeigehnger auf den »Artikel 58«:

»Non possono essere ammessi ín nessuna parte della Svizzera nè i Gesuiti, nè le società ad essi affigliate.«

Oder wie es ein früherer, katholischer Bundespräsident der Schweiz, Herr Celio, allgemeinverständlich ausdrückte: »Die Bestimmung, daß der Orden der Jesuiten und die ihm affilierten Gesellschaften in keinem Teile der Schweiz Aufnahme finden dürfen und ihren Gliedern jede Wirksamkeit in Schule und Kirche untersagt sind.«

Ja, das steht in der Schweizer Verfassung. Und es wird behauptet, daß auch weite katholische Kreise keine Jesuiten in der Schweiz dulden wollen. Es wird vor »fremden Herrschaften« gewarnt, vor »Tyrannenansprüchen gegen die Freiheit des menschlichen Gewissens«. [168]

Die Fürsprecher beteuern: Für den Orden der Gesellschaftt Jesu bedeutet die katholische Orthodoxie Gesetz und Stolz.

Die Gegner bedauern: Die Jesuiten täten alles das, was Jesus nicht getan habe.

Und die katholische Kirche?

Papst Clemens XIV. hob am 21. Juli 1773 den Jesuitenorden auf und verbot ihn.

Papst Pius VII. erneuerte den Orden wieder in seiner vorherigen Gestalt im Frühling 1814.

Und die Jesuiten?

Als der Jesuitengeneral Ricci aufgefordert wurde, die Verfassung des Ordens zu ändern, antwortete er: »Sint ut sunt aut non sint« – »Sie sind wie sie sind, oder sie sind nicht.«

Und wie sind sie?

Das charakterisierte der dritte General der Gesellschaft Jesu, Franz Borgia: »Wie Lämmer haben wir uns eingeschlichen, wie Wölfe regieren wir, wie Hunde wird man uns vertreiben, aber wie Adler werden wir wiederkommen.«

Na und? Ich bin kein Schweizer. Ich blicke den jungen Mönch gespannt an und warte, was er mir sagen will. Über sein kluges Gesicht gleitet ein Lächeln, er läßt eine knappe Bemerkung fallen. Er meint: Wenn es den Herren Spaß macht, diesen Artikel 58 in der Verfassung zu behalten, dann sollen sie ihn ruhig da lassen – die Jesuiten fühlen sich dadurch jedenfalls nicht gestört!

Ich höre mir das an und überlasse es den Schweizern, ihr Land zu regieren.

Der junge Mönch begleitet mich zum Ausgang und ich danke ihm für alles, was ich gesehen und erfahren habe. [169]

Was diese Mönche von ihrem Leben in der Einsamkeit, von ihrem Glauben und Wirken erzählen, klingt aufrichtig und ist mit innerster Überzeugung gesagt. Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln. Es sind ernsthafte und sehr intelligente Menschen, die mit dem Verzicht auf alles Weltliche ihr ganzes Leben als Einsatz für eine Idee gaben. Diese Konsequenz muß man sich einmal richtig klar machen und darf sie keinen Augenblick dabei vergessen.

Hinter mir schließt sich die schwere Pforte. Ich stehe wieder draußen, angesichts der Welt, der sie sich versagt haben. Tief drunten glitzert Locarno, diese wohlgenährte Stadt, die alle Freuden kennt, und die wir alle so gut kennen. Aber ich habe eine Welt im Rahmen dieses Locarno berührt, die den meisten Menschen fremd ist und fremd bleiben wird.

Und da fällt mir auf einmal die heikle Frage des guten alten Lichtenberg ein: »Glaubt ihr denn, daß der liebe Gott katholisch ist?«

SILENZIO! [170]
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