Die Glyzinien auf meinem Balkon haben Blätter bekommen, ihre Blumentrauben sind am Verblühen, der Schnee auf den Berggipfeln ist geschmolzen, und für den Mann von Fontana Martina bin ich kein Fremder mehr, wir sind längst gute Freunde.

Diese Herrlichkeit hier hat er von seinem Vater geerbt, der das ganze verhexte Dorf einst für eine unbegreiflidl geringe Summe kaufte. Fontana Martina war verödet und verfallen, tot und vergessen. Keiner wollte es haben. Kein Mensch wohnte mehr hier, es gab keine Einwohner. Und das ist Fontana Martinas Mystik: keine Chronik gibt über dieses Geheimnis Aufschluß. Die Kirchenbücher der benachbarten Ronco, dem Fontana zugehört, schweigen über das Dorf, und die alten Archive sind zirka 1700 verbrannt. In Ronco sind 1383 dokumentarisch bestätigte Gottesdienste abgehalten worden, aber man weiß, daß Fontana Martina viel älter ist und zu jener Zeit schon eine eigene kleine Kirche besaß. Der alte Römerweg führte einst hier hindurch und es wird behauptet, Fontana sei eine römische Wegstation gewesen. Der Name Fontana Martina deutet auf den katholischen Schutzheiligen Martinus hin und heißt also: Quelle des heiligen Martinus oder Martinsquelle. Fertig, das ist alles. [143]

Und die Menschen? Was bewog sie dazu, ihr Heim, ihre Häuser, ihre Weinterrassen, ihre Erde zu verlassen und spurlos zu verschwinden? Wo sind sie geblieben, ohne eine Verbindung aufrechtzuerhalten, ohne eine einzige Nachricht zu hinterlassen? Und warum verschwanden sie restlos? Und wann? Keiner kann sagen, wann das Leben in Fontana Martina aufhörte. Selbst die katholische Kirche, die über alles Buch führt, ist in diesem Fall verlegen und hat keine Antwort. Nichts berichtet über den Untergang und Tod dieses abenteuerlichen Bergnestes.

Warum zog nie jemand von dem dicht bevölkerten und nur eine Viertelstunde entfernt liegenden Ronco hierher, in diese Märchenwelt mit den leeren Häusern und der reichen Erde? Rätselhaft. Fontana Martina schweigt geheimnisvoll und träumt weiter.

Natürlich tuscheln die Leute in der Umgebung mancherlei über Fontana Martina. Es ist unheimlich, darüber scheinen sie sich einig zu sein: Fontana ist ein unheimlicher Ort! Warum? fragt man. Nun ja, es ist merkwürdig tot und einsam, und im Stich gelassen von allem und allen – und so düster, so dunkel und geheimnisvoll.

Und es fehlt auch nicht an Vermutungen. Es gibt sogar drei verschiedene Darstellungen des Unterganges. Also freie Wahl. Nummer eins sagt: Fontana war in alten Zeiten ein berüchtigtes Schmuggler- und Seeräubernest, dessen Bewohner die reichen Schiffe kaperten, die Norditaliens Adel und Handelsherren über den Lago Maggiore hinauf nach Magadino und Locarno schickten. Das endete plötzlich mit einer Strafexpedition. Vielleicht hat man einige der Banditen gefangen und hingerichtet, der Rest aber flüchtete über die Höhen des Ghiridone und verschwand für immer, weshalb [144] auch keine Aufzeichnungen mehr von ihnen berichten. Eine andere Erklärung besagt, daß die Pest nach Fontana kam und alles Lebendige ausrottete. Die dritte berichtet von der Weinlaus, die solche Verheerungen in den alten Weinterrassen anrichtete und sie so völlig vernichtete, daß die Bevölkerung sich gezwungen sah, den Ort zu verlassen.

Diese drei Gerüchte klingen gleich wahrscheinlich und gleich unwahrscheinlich. Fast alle Gegenden hier wurden im Laufe der Zeit von der Weinlaus mal mehr oder weniger heimgesucht. Ganz gewiß ist Fontana Martina von überraschend vielen verfallenen Weinterrassen umgeben, die nun von hohem Edelkastanienwald bedeckt sind. Aber schließlich vermochte die Weinlaus in keinem anderen Ort des Tessin die gesamte Einwohnerschaft eines Dorfes zu vertreiben, auf Nimmerwiedersehen. Auch die Pest überfiel und tötete in den fürchterlichen Pestjahren viele Menschen im ganzen Lande, ohne daß die Dörfer darum aufhörten zu existieren. Und drittens: es ist richtig, in Fontanas Ruinen wurden Ruder, Enterhaken, Schiffstaue und Leinen gefunden. Das klingt vielleicht etwas merkwürdig, wenn man bedenkt, daß Fontana an einer steilen Böschung dreihundertfünfzig Meter hoch über dem See liegt. Aber was besagt das, warum sollten sie nicht gefischt haben? Würden der Nachwelt sonst nicht wenigstens einige handgreifliche Beweise, einige Gerichtsakten, einige Protokolle über das Treiben dieser Piraten und ihre grausame Bestrafung erhalten sein? Vielleicht nicht. Im Tessin kamen früher viele dunkle Morde und Gewalttaten vor, und die Rechtspflege unter der Herrschaft der Vögte war entschieden ein noch dunkleres Kapitel.

Was ging hier vor, was geschah hier wirklich? [145]

Das alte Gemäuer schweigt verdrossen und will nicht heraus mit der Sprache. Und da ist es ja immerhin gut, daß ich der Erinnerung wenigstens etwas nachhelfen kann. Siehst du, dort oben vor der Bergwand, wo sidl die kahle Plattform befindet, da fehlt etwas, nicht wahr? Da stand die Kirche, und über sie kann man auch nirgends etwas lesen. Über der Kirchentür war ein schwerer Granitstein in der Mauer eingelassen, auf dem das Renovationsjahr 1601 eingemeißelt war. Stimmt's? Aber die Kirche stand da schon sechshundert oder siebenhundert Jahre oder noch viel länger. Eines Tages fand sie dann, daß ihr das Steindach zu schwer wurde. Sie seufzte, so wie man seufzt, wenn man allzu lange von Gott und Menschen vergessen wird, und dabei zuckte sie eine Kleinigkeit mit den Schultern. In ihrem Alter genügte das schon. Die schweren Steinplatten des Daches schreckten aus ihrem vielhundertjährigen Schlaf auf, stürzten zusammen, trafen dabei das Deckengebälk, das die Mauern nach außen preßte, und dann ging es schnell mit dem Rest. Übrigens war schon lange nichts mehr drin in der Kirche. Es hatte sich alles in weiser Vorausahnung so langsam auf die Beine gemacht. Das uralte, in Stein gehauene Taufbecken kannst du vermutlich irgendwo in einem Garten wiederfinden. Wenn du Zeit und Geduld hast, kannst du in irgendeinem Hause eine mit Holzschnitzereien verzierte Messe-Truhe entdecken. Es war ja schon so viel Zeit vergangen, die Menschen konnten sich nicht einmal mehr daran erinnern, wann zuletzt ein Priester in der Kirche gestanden hatte. Wenn diese verlassene Kirche des verlassenen Dorfes trotzdem noch Interesse zu wecken vermochte und hin und wieder mal jemanden anzog, dann hatte das schon andere Gründe. [146]

Hast du übrigens das dunkle, nach außen ganz mit Steinmauern abgeschlossene Haus am obersten Pfad bemerkt? Nicht in Fontana, ein hübsches Stückchen weg und auch ein hübsches Stückchen höher. In diesem Haus also wohnt ein Mann, der hinter verschlossenen Türen ein sehr altes und sehr schönes Stück Kunstschmiedearbeit verwahrt, das die Form eines großen Malteserkreuzes hat. Das war Fontana Martinas Kirchturmspitze. Sie verschwand in einer schwarzen Nacht, kurz bevor das Dach ganz einstürzte.

Dieser Mann weiß übrigens mehr, als viele glauben. Er weiß beispielsweise, daß eifersüchtig darüber gewacht wurde, wer sich in der Nähe der Kirche herumdrückte. Und er weiß auch, wem es glückte, sich dennoch zur Kirche zu schleichen -- ohne Rosenkranz, aber mit Hacke und Spaten. Um es gleich zu sagen, der vermutete Schatz, der hier versteckt liegen sollte, wurde nie gefunden. Es wurde viel gemunkelt, und die Gerüchte hatten zähe Lebenskraft. Der Schatz der Männer von Fontana Martina sollte in der Kirche vergraben sein, weil sie ihn an diesem heiligen Ort sicher wähnten, bis sie einmal zurückkehren und ihn holen konnten. Es kam niemals jemand zurück. Wo sind sie geblieben? Frage nicht. Wo sind die Feigen vom letzten Sommer?

In den blauschwarzen, lautlosen Nächten kann man leise Schritte über die Steintreppen gleiten hören, ein eiserner Riegel wird zurückgeschoben, eine Tür knarrt. Es ist kein Spuk und es geistern auch keine Gespenster umher. Es ist der Mann von Fontana Martina, der Mann, der alles weiß über das Leben der Tiere und das Blühen der Blumen in seinem Reich. Mitten in der Nacht steigt er in die Tiefe des Steinschachtes hinab. Dort werden seine Träume zu Wirk-[147]lichkeit, wenn er seine Statuen modelliert, seine Tonschalen und Vasen dreht und sie bemalt und neue Glasuren ausprobiert. Hier ist seine Werkstatt und hier steht sein Brennofen. Keine Reklame, kein Schild, absolut nichts macht auf seinen Namen oder sein Werk aufmerksam. Manches gelangt von Fontanas Abgeschiedenheit hinaus und wird in Kunstgeschäften verkauft, ohne daß der Käufer ahnt, wer dieser anonyme Künstler ist und wo er lebt.

Er ist hier aufgewachsen und lebt hier mit seiner Frau, seinen Kindern und seinen Tieren. Er ist kein Freund von vielen Worten. Man sagt von ihm, daß er das Sprechen verlernt habe. Das ist nur bedingt richtig. Er kann sich lange mit seinen Tieren, mit einem blütenduftenden Zimtbaum oder den Tigerlilien unterhalten.

Das Leben in der Einsamkeit hat ihn gelehrt, mit allem selbst fertig zu werden. Er ist sein eigener Tischler und Baumeister, er bestellt seine Erde auf der Bergschrägung, sorgt sich um seine Ziegen, Kaninchen, Hühner, Bienen und Katzen. Und er ist sein eigener Töpfer, er ißt von seinen eigenen Tellern, trinkt aus seinen eigenen Tassen.

Ein Träumer in einem phantastischen Dasein? Auch von ihm holt man Steuern, auch für ihn ist es schwer, Geld heranzuschaffen und durchzuhalten, auch die Einsamkeit hat ihre Härten.

Aber er hat die verborgensten Schönheiten des Lebens in sich aufgenommen. Leute, die es wissen müssen, nennen ihn einen der besten Keramiker des Tessin. Sein Name ist Pietro Jordi. Wenn ihr einmal nach Fontana Martina kommen solltet, dann grüßt ihn!

So, sage ich darauf zu den dicken Mauern, nun habt ihr mir die ganze Zeit,während ich das schrieb, über die Schul-[148]ter geguckt und dabei... und dabei wißt ihr das alles zusammen so gut, seid nicht so dickfellig und stellt euch nicht so dumm an!

Die Mauern haben scheinbar nichts dazu zu bemerken.

Aber als ich vom Stuhl aufstehe, um endlich zu Bett zu gehen, da bleibe ich auf einmal mit steifem Blick wie angenagelt stehen und fühle das berühmte Gruseln im Rücken.

Vor mir – über den Fußboden, wandert gemächlich ein Skorpion. [149]


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