»Es widerstrebt unserem Stolz, unser Elend vor aller Augen auszubreiten. Nur eines sei nicht vergessen: die Minderwertigkeit unserer Schulkinder. Sie zeichnen sich nicht durch Zuchtlosigkeit aus, wohl aber durch eine unheimliche Ruhe, Gleichgültigkeit, Gedanken- und Gefühlsarmut. Die erste, wenn auch nicht einzige Ursache dieser traurigen Zustände ist immer die düstere Einsamkeit, in der wir wohnen. Wir haben schon viele Schritte getan, um uns zu helfen, bisher ohne Erfolg. Aber jetzt können und wollen wir nicht länger dulden, daß im zwanzigsten Jahrhundert in der volksfreundlichen Schweiz der schmachvolle Zerfall der armen Bevölkerung unseres Dorfes zur Tatsache wird. Unsere armen Frauen sollen von der Sklaverei, die Lasttiere aus ihnen macht, befreit werden, und dem Tessin muß die Schande erspart bleiben, daß es einen Teil seiner treuen Söhne im Stiche läßt. Darum erhört unser Flehen und helft uns!«

Mit diesem Notschrei schloß das erschütternde Gesuch, das der Gemeindevorsteher, der Lehrer und der Pfarrer von Indemini gemeinschaftlich an die Tessiner Regierung richteten, um Hilfe für den Bau einer Straße zu erwirken. Für Indemini mußte eine Möglichkeit des Verkehrs mit der Um-[119]welt erschlossen werden, bevor es völlig verödete und abstarb.

Das war im Jahre 1915. Die Tessiner Regierung allein verfügte nicht über die dazu erforderlichen riesigen Summen und wandte sich an die Bundesregierung in Bern. Erst zwei Jahre später bewilligten die eidgenössischen Räte in Bern ein Darlehen von 360 000 Schweizer Franken für den Bau einer fahrbaren Straße. Die Tessiner Kantonsregierung schoß 90 000 Franken zu. Und im Sommer 1917 wurde mit der Arbeit begonnen.

Indemini bekam eine Bergstraße.

Aber das war nicht leicht. Und es war keinesfalls nur reine Menschenfreundlichkeit zu der im dunkelsten Gambarogno eingeschlossenen Bevölkerung, die das Unternehmen endlich in Gang brachte. Es waren starke militärische Interessen, die dafür sprachen. Denn Indemini ist das oberste Dorf des italienischen Vedascatales, das sich von dem zweitausend Meter hohen Gipfel des Monte Tamaro bis zum italienischen Teil des Lago Maggiore hinab erstreckt. Und es ist im ganzen Taldas einzige Dorf, das noch zum Tessin, also zur Schweiz gehört. Hinter Indeminis Kirchhofsmauer steht schon der Grenzpfahl. Das gesamte wilde Berggebiet des inneren Gambarogno war tatsächlich für moderne Transportmittel völlig unzulänglich und damit eine sehr empfindliche und unkontrollierbare Grenzstrecke, die dagegen verhältnismäßig leicht von der italienischen Seite her zu erreichen war.

Wie es überhaupt dazu kam, daß ein einzelnes Dorf zuoberst in einem sonst völlig italienischen Tal noch zur Schweiz gehört, ist eine merkwürdige Geschichte politischer Zufälle. Wir kennen das auch an modernen Beispielen, wie [120] es zugeht, wenn die Machthaber anfangen um die Beute zu schachern. So auch hier. Als die Schweiz 1517 mit Frankreich über die südlich der Alpenpässe besetzten Gebiete verhandelte, wurde von den Schweizer Vertretern das ganze Vedascatal aufgegeben, das große Kastanienwälder besitzt, um dafür das an Weinbergen reiche Mendrisiotto einzuheimsen. Die Schweizer sagten sich: »Wir haben genug Kastanien, es wäre uns lieber, wenn wir uns noch ein wenig Wein sichern könnten.« Damit fiel die Entscheidung, zuungunsten des Vedascatales. Und nun geschah das Merkwürdige: Indemini berief sich auf eine Urkunde, die besagt, daß Indemini zu Locarno und damit also zur Schweiz gehöre. Bei dem großen Tauschhandel in Ponte Tresa wurde dieser Einspruch tatsächlich anerkannt, was noch merkwürdiger ist. Indemini wurde von dem übrigen Tal abgetrennt und verblieb als einsamer Vorposten der Schweiz. Und die komplett verzweifelte Situation war geschaffen. Die neue politische und vor allem die Zollgrenze schnitt Indemini von dem restlichen Tal ab, in dem es lag. Und es existierte kein Weg, der es mit der Schweiz oder überhaupt mit der Umwelt verband.

Der Vorhang fiel und schloß Indemini vierhundert Jahre lang im finstersten Winkel des Gambarogno ein.

Endlich, im Jahre 1917, wurden Grenzbesetzungstruppen für die Bauarbeiten eingesetzt, – die lange geplante Straße war nun eine Angelegenheit des Festungs-Departements der Schweizer Bundesregierung geworden.

Zwei Jahre dauerte es noch, dann war die beschwerliche Bergstraße endlich fertig.

Vermochte sie Indeminis dunkle Abgeschlossenheit zu erhellen? [121]

Rund um den Lago Maggiore sagen die Leute immer noch: Wenn du wissen willst, was Einsamkeit ist, dann geh nach Indemini. – Ich wollte es wissen und zog los.

Die Bergstraße ist drei Meter und dreißig Zentimeter breit. Das bedeutet, sie ist nur eine Kleinigkeit breiter als das moderne Postauto, das dort täglich von Magadino aus hinaufschnauft. In den vielen scharfen Kurven ragt das Postauto immer einige Augenblicke mit der Kühlerpartie oder dem Hinterteil über den Abgrund. Man schaukelt beständig gerade so am leeren Raum vorbei. Ich habe einen jungen starken Mann, der mir im Auto gegenüber saß, dabei zuerst bleich und dann grün im Gesicht werden sehen. Von mir reden wir gar nicht, – ich schloß die Augen und vertraute auf den Gott der Automobilmechanik und die Unerschütterlichkeit des Chauffeurs.

Fast siebzehn Kilometer lang ist diese Straße. Da ist also Zeit genug, sich entweder langsam an die Zirkuskunststücke des Autos zu gewöhnen oder in sich gekehrt sein Testament zu machen. Das ist eine Straße! Aus lotrechten Felswänden gesprengt. In die Falten des Berges eingehauen. Auf schmalen Überbrückungen über schwindelnde Tiefen hinweg. Stellenweise an der steilen Wand aufgemauert, an den Rand des Abgrundes geklebt. Die Straße windet sich verzweifelt, um irgendwie und irgendwo über die Berghöhe zu kommen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, denn Indemini liegt hinter dem Rücken des Gambarogno. Das Auto muß bis zu Corte di Neggia's 1400 Meter hinauf, um danach in tollen Haarnadelkurven wieder 400 Meter bis Indemini hinabzutauchen.

Das ist die kostbare Straße, die Indemini den Weg ins Leben, das Tor zur übrigen Welt öffnen sollte. [122]

Aber – und jetzt kommt das Aber, das die starrsinnigen Berge sich immer vorbehalten: aber Indemini befindet sich ja im letzten Winkel des Gambarogno in fast tausend Meter Höhe, und der Winter ist so streng dort oben, daß der Schnee über zwei Meter hoch anwächst. Und dann ist es Schluß mit der Straße. Dann ist Indemini wieder von der Umwelt abgeriegelt, ohne Versorgungsmöglichkeit, ohne Post, ohne ärztliche Hilfe. In Ausnahmefällen geschah es, daß sich die Hebamme oder der Arzt oder auch die Vertreter der Regierung mit italienischer Genehmigung von Italien her einen Weg durch die Schneemassen bahnten. In besonders harten Wintern aber, wie im Jahre 1945, kann es drei Monate dauern bis die Straße wieder brauchbar wird.

Und dann geschieht es, daß der alte Weg wieder zu seinem Recht kommt. Obwohl da eigentlich keine Rede von einem Weg sein kann, denn sie bezeichnen ihn selbst als einen Ziegenpfad. Aber wenn es nicht mehr anders geht, wenn sie heraus müssen, um Lebensmittel oder ärztliche Hilfe Zu holen, dann werden die Männer und Frauen des Dorfes zusammengerufen und bilden eine menschliche Kette, eine lebende Walze. Die Männer voran, die Frauen hinterher, so stampfen sie durch den Schnee, trampeln ihn zusammen, arbeiten sich über die Paßhöhe von Sta. Anna hinweg und dann bis S. Nazzaro, bis zum Seeufer hinab. Das sind fünfzehn Kilometer. Und diese fünfzehn Kilometer wird die Bevölkerung von Indemini niemals vergessen können.

Besonders die Frauen erinnern sich des Ziegenpfades nach S. Nazzaro nur allzu gut. Es war ihr Leidensweg – von Kind an. Denn es waren keine Männer da, ausgenommen in den drei härtesten Wintermonaten. Indemini war zu [123] arm, um sie ernähren zu können. Alle rüstigen Männer mußten – und müssen es auch heute noch! – ausziehen und in der Fremde Geld verdienen, damit Indemini überhaupt existieren konnte. Indeminis Männer sind als Lastträger in den norditalienischen Städten bekannt. Die Gepäckträger des Mailänder Bahnhofes sind meistens Leute aus Indemini.

Daheim schlugen sich Frauen und Kinder kümmerlich durch und mußten alle täglichen Arbeiten verrichten. Und da war der ewige Weg über Sta. Annas 1350 Meter Höhe und hinab nach S. Nazzaro und wieder zurück, dreißig Kilometer hin und zurück. Wer es nicht selbst vermochte, mußte andere dafür bezahlen. Die übliche Gebühr für diese dreißig Kilometer Bergpfad, mit hochgepackter Last auf dem Rücken, betrug 1 Franken und 20 Rappen. Es war meistens die Aufgabe der Kinder, und hauptsächlich der Mädchen, diese unmenschlichen Tagesmärsche zu bewältigen. Denn die Frauen mußten vor allem die Picker bestellen und dann für Haus, Essen und Kleidung sorgen. Die Knaben aber waren als Hirten mit dem Vieh in den Bergen.

Aus diesem Grunde sind in dem Gesuch um eine fahrbare Straße auch die verzweifelten Zeilen zu lesen: »Was noch trauriger ist und eure Herzen mitleidig stimmen sollte, das sind unsere Mädchen von zehn und zwölf Jahren, denen auch schon diese schwere Last aufgebürdet wird, die ihre körperliche Entwicklung hemmt, ihr Gemüt bedrückt und diese armen Geschöpfe um ihre gesunde, fröhliche Jugend betrügt.«

Schmerzlich deutlich bestätigen sich diese Worte, unverkennbar sind die Menschen Indeminis von ihren Leiden geprägt. Alle älteren Leute sind von der ewigen Plackerei [124] zusammengekrümmt, von Mühe und Entbehrungen ausgezehrt und erschöpft. Sie haben ernste, müde Gesichter und diesen gequälten Ausdruck, in dem jegliches Lächeln schon lange erstarb. Ein unbarmherziges Dasein zwang sie ihr Leben lang, gebeugt zu gehen, auf schrägen Bergpfaden, den gefüllten Tragkorb auf dem Rücken, immer nur auf oder ab, immer schleppend.

Auch heute sieht man noch keine jungen Menschen in Indemini, ausgenommen vielleicht am Sonntag, wenn sie mal heimkehren, um ihre Familien zu besuchen. Indemini hat keine Erde und kein Brot für sie – nur Stein.

Keine Bergstraße kann das ändern.

In einem Schweizer Schulbuch las ich: »Am westlichen Fuß des Monte Tamaro ruht Indemini, das einsamste Dorf in der ganzen Schweiz.« Ja – in der ganzen Schweiz! Nur ein Wort scheint mir dabei nicht recht zu passen, nämlich das behäbige: ruht. Indemini «ruht» nicht, es klammert sich krampfhaft an den Felsenhang, es verkrallt sich im Gestein. Selbst die Bezeichnung Dorf ist hier nicht richtig angebracht. Indemini läßt sich nicht mit den üblichen Vorstellungen von einem Dorf vereinen. Es gleicht keinem anderen Dorf. Grimmige Dämonen der Finsternis scheinen es in einem Anfall von Raserei aus Bosheit und Trotz erschaffen zu haben.

Aus der Ferne gesehen ist Indemini ein grauer Steinklumpen, ein Schorffleck am Felsen. Nähert man sich, wird dieser beunruhigende Eindruck keinesfalls gemildert. Man fühlt sich beklommen von der steinernen Schwere, bedrückt von der farblosen Düsterkeit. Indemini ist ein einziger Wirrwarr von ineinander verschlungenen schulterbreiten Steingängen zwischen den nackten, rauhen Steinmauern der [125; Zeichnung] Häuser, grau in grau. Hier gibt es keine Farben. Kein Baum kann hier wachsen, kein Busch und keine Blume. Selbst die düsteren Häuserblöcke scheinen in der Kälte der Einsamkeit Zu frösteln und drücken sich eng zusammen. Es gibt keinen Dorfplatz in Indemini, keine Piazza, keinen Mittel-[126]punkt, keinen freien Fleck. Selbst ihre Kirche hat hier keinen Platz mehr gefunden und steht weit weg, weit außerhalb der finsteren Mauern, einsam für sich selbst, fremd und unwillkommen. Nicht mal den lieben Gott haben sie bei sich wohnen lassen.

Barsch, kalt und abweisend ist der Anblick. Ineinander und übereinander geklumpt ungefähr achtzig klotzige Bauten. Kein Ziegel befindet sich in diesem Steinhaufen. Die Dächer bestehen aus demselben grauschwarzen Stein wie alles andere. Es gibt keine Straße, keine Gasse. Nur diese unheimlichen Schächte zwischen den Steinmauern, gewundene Gänge, schräg und steil, Steintreppen, Steinwendeltreppen, dunkle Steinschluchten, die quer durch Häuser führen oder sich buchstäblich unter den Häusern hindurchbohren. Und immer und überall tritt der Fuß nur auf Stein, berührt die Hand nur Stein, sieht das Auge nur Stein.

Stein und Stein, und keine Fenster. Nur wenige, hochgelegene, leere Löcher, ohne Glas, Im Sommer sind sie offen, im Winter, wenn sich hier alles Lebendige gegen die Kälte verbarrikadiert, werden sie mit Brettern und Lumpen abgedichtet. Innerhalb dieser Mauern gibt es nichts Ermunterndes, hier wird um das nackte Leben gerungen.

Indemini ist ein einziger, klammer Fuchsbau. Es ist im Zwielicht der Einsamkeit erstarrt, verwittert, ohne einen Lichtpunkt, ohne die Andeutung eines Lächelns. Der nackte, der rauhe und armselige, der unbarmherzige und unveränderlich dunkle, harte und schweigende Stein – das ist Indeminis Antlitz. Hier ist jegliche Hoffnung versteinert. Hier hat die Einsamkeit sich festgebissen und hinter meterdicken Steinmauern verschanzt. Hier erstickte die überwältigende Einsamkeit der Berge, des Himmels und des Ge-[127]steins alles Lebendige mit ihrem Schweigen. Es ist eine frostige und finstere Einsamkeit, die eine unheimliche und an Panik grenzende Stimmung erzeugt.

Keine Autostraße vermochte die verschlossenen Züge zu verändern oder ein Lächeln in das versteinerte Antlitz zu bringen. Nie ist die Einsamkeit von Indemini gewichen.

Nur den harten Klang meiner eigenen Schritte höre ich zwischen den Hausmauern. Alles ist totenstill, wie ausgestorben. Manchmal treffe ich eine Katze oder ein paar Hühner. Und ganz selten mal sehe ich gerade noch den Schatten eines Menschen, der eilig verschwindet, wenn er den Fremden gewahrt. Eine Tür schlägt zu. Und kein Laut, keine Stimme. Niemand zeigt sich. Da ist kein Mensch, mit dem man in Kontakt kommen kann, dem man auch nur eine Frage stellen könnte. Ich fühle die auf mich gerichteten Blicke, die Augen hinter den Mauerspalten. Doch die Schluchten zwischen den Hausmauern bleiben menschenleer.

Oberhalb der Steinlabyrinthe Indeminis, dort wo das Postauto hält und die Straße, die berühmte Straße zu Ende ist, da haben sie neuerdings in einer primitiven Steinhütte so was wie eine Postautostation eingerichtet. Dort können Reisende in der kurzen Zeit zwischen der Ankunft und der Rückfahrt des Postautos eine Tasse Kaffee und eine Scheibe Brot, trockenes Brot natürlich, und vielleicht auch ein Stückchen Käse kaufen. Das ist alles. Aber Indemini selbst schließt sich ab und bleibt verschlossen.

Dort oben frage ich nach einem Bett für die Nacht. Denn das Postauto habe ich abfahren lassen. Damit sind alle Brücken zur übrigen Welt hinter mir abgebrochen. Ich habe mir geschworen, unter allen Umständen hier zu bleiben und Indemini zu erleben. [128]

Auf meine Frage nach einer Übernachtungsmöglichkeit zucken sie nur die Schultern: »Vielleicht unten in der Osteria, aber sonst...?«

Wieder tappe ich in den dunklen Löchern der Steinschächte herum, um diese Osteria zu suchen, diese angebliche Kneipe. Hier etwas zu finden, ist eine zweifelhafte Beschäftigung. Fragen kann man niemanden, keine Seele zeigt sich. Man muß schon Schwein haben, um das kleine altersgeschwärzte Holzschildchen mit dem einzigen Wort »Osteria« zu entdecken.

Es ist ein rauchgeschwärzter, niedriger Raum, ein Zimmer eigentlich nur. Ein Tisch und ein paar Stühle stehen vor einem rauchgeschwärzten Kamin. Ein alter Mann erscheint – und der soll mir nicht entgehen. Jetzt will ich es wissen. Ich muß ein Bett haben, oder auch nur ein paar Bretter und ein Dach überm Kopf. Der Alte sieht mich mit seinen traurigen Augen an, hebt klagend die Hände und läßt sie wieder fallen.

»Das bestimmt sie«, sagt er aufgebend.

Sie – das ist ein uraltes Weib, das zusammengekrochen im Dunkel der Kaminecke kauert. Ich hatte die Alte gar nicht bemerkt, weil sie schwarzgekleidet in dem finsteren Winkel sitzt, und weil sie im Laufe der letzten hundert Jahre zu der Größe eines zehnjährigen Kindes eingeschrumpft ist. Nun wendet sie den Kopf und sagt etwas. Aber sie spricht nicht mal, sie murmelt nur unverständliche Laute, eine ununterbrochene Folge gleichartiger Laute. Vielleicht haben die Leute von der Lombardei vor siebenhundert Jahren so gesprochen, als sie sich hier niederließen?

Ich bitte den Alten mit ihr zu sprechen, sie zu fragen. Drei, viermal nimmt er einen Anlauf dazu. Dann traut er [129] sich endlich. Die können sich wirklich gegenseitig verstehen, stelle ich fest.

Der Mann kommt wieder Zu mir hin, und seine sonst halbgeschlossenen Augen sind jetzt fast ganz geschlossen. Nur ein schmaler Spalt ist noch zu erkennen.

»Sie sagt«, erklärte er, »da ist kein leeres Bett. Da stehen nämlich zwei Betten dort oben, wo zwei Grenzwächter drin schlafen. Und wenn der eine von den beiden mal eine Nacht weg ist, dann ist sein Bett ja für die Nacht frei, verstehen Sie das? Das ist aber auch das einzige Bett im Dorf, das manchmal leer steht. Wir haben keine leeren Betten. Hier kommt nie einer, müssen Sie wissen, wir erwarten keine Fremden. Aber der Grenzwächter also, der hat nichts gesagt, daß er heute nacht wegbleiben wird. Der wird wohl kommen, sagt sie. Sie sehen also, da ist kein Bett. Wir haben kein Bett. Und ich weiß wirklich nicht, wo Sie sonst schlafen könnten, – nein.«

Das war eine lange Erklärung. Aber mir wird klar, wie hoffnungslos mein Vorhaben aussieht. Ich verabschiede mich von dem Alten und gehe in Richtung der Kirche.

Jetzt muß ich verdammt noch mal bald eine Schlafstelle haben. Hier gibt es keine Straßenbeleuchtung, und sobald die Sonne weg ist wird es augenblicklich rabenschwarze Nacht. Mir ist nicht sehr wohl bei dem Gedanken, obdachlos in dem unheimlichen Schweigen der nachtdunklen, klammen Schächte umherzuirren.

Auf einem Fleckchen Erde vor der Kirche entdecke ich in den letzten Strahlen der sinkenden Sonne eine eigentümliche Gestalt. Ein magerer, schwarzgekleideter Mann mit einem – ja, mit einem gelben Tropenhelm auf dem Kopf. Er wühlt in der Erde herum. Das ist der Pfarrer, der katho-[130]lische Pfarrer, denn der Tessin ist ein völlig katholisches Land.

Wir begrüßen uns, ich erzähle ihm mein Schicksal und schließe: »Jetzt bin ich also hier, Padre, und ich bitte Sie, mir zu einem Nachtquartier zu verhelfen.«

Er nimmt den Tropenhelm ab, streichelt sich bedächtig den Spitzbart. Ich kann mir kaum ein herzliches Lächeln verkneifen. Aber seine Kopfform, sein Gesichtsausdruck, der Spitzbart, seine ganze Gestalt, alles zusammen ergibt, der Mann repräsentiert eine phantastisch herrliche Typenmischung, er ähnelt überraschend – sowohl Kungfutse als auch Trotzki! Unwahrscheinlich.

Meine sonderbaren Empfindungen bestätigen sich sehr schnell. Als wir in das Pfarrhaus kommen, sehe ich eine große Fotografie von ihm, in chinesischer Kleidung. An den Wänden hängen chinesische Seidenstichereien, und auf dem Kaminabsatz prangt tatsächlich eine Buddhastatue aus bemaltem Holz. Wer hätte das in Indemini erwartet?

Er nickt bekräftigend auf meine Frage. Ach ja, er ist viele Jahre in China gewesen, als Missionar. Und er taut ganz auf, als ich ihm erzähle, daß ich China auch etwas kenne. Eine Viertelstunde später sitzen wir bereits bei Kaffee und Zigaretten und tauschen China-Erinnerungen aus, malen chinesische Schriftzeichen und sehen uns Fotos an – wie zwei eifrige Schulknaben. Er ist begeistert, endlich hat er jemand, der ihn verstehen und sein China würdigen kann.

Ein Bett? Aber selbstverständlich, das Gastzimmer des Pfarrhauses steht doch zur Verfügung. Bitte sehr. Danke sehr. Seine Haushälterin bekommt Bescheid, Abendessen und Wein für uns aufzutafeln. Im Radio spielen sie Tanzmusik aus Milano, – denn schließlich ist er doch Italiener, [131] der weise Mr. Kungfutse von Indemini, Padre Brignoli Fortunatus, Brignoli der Glückliche.

Es ist Sonnabend abend. Jetzt hat er wohl vor lauter Aufregung vergessen, seine Sonntagspredigt zu komponieren? Er lächelt, ach – und jetzt gleicht er Kungfutse – das ist kein Problem, das schüttelt er sich aus dem Ärmel. Das sind doch kleine Fische für einen Mann von seinem Format. Hier in Indemini vermag man leider nicht immer so genau mein und dein zu unterscheiden. In letzter Zeit verschwand wieder einiges. Da haben wir schon das Grundthema, und darüber wird morgen ein bißchen Jüngstes Gericht abgehalten werden. Übrigens – die Glocken, das Abendläuten! Wir beeilen uns, kommen durch einen unterirdischen Gang zu einem Kellergewölbe und zum Glockenturm. Wir läuten mit vereinten Kräften die Glocken. Zwar etwas verspätet, aber das erschüttert wohl kaum Indeminis Weltbild. Dann setzen wir uns wieder zu unseren chinesischen Aufgaben.

Draußen hebt sich das gewaltige Schattenbild des Monte Tamaro vom Himmel ab, zweitausend Meter unerschütterliches Schweigen.

Die Haushälterin sitzt dicht am Kaminfeuer. Hier oben wird es abends empfindlich kühl. Sie schmiegt sich wie eine Katze an den gemauerten Rand, kraucht fast in den Kamin hinein. Beide Beine stützt sie auf den Rand der Feuerstelle, dann schürzt sie den Rock bis auf den Knien auf, läßt die Wärme auf sich eindringen.

Der Padre ist kaffeedurstig, und er sagt das deutlich. Sie rührt sich nicht. Sie sitzt so angenehm. Sie denkt nicht daran aufzustehen. Sie murmelt ihm ein paar Worte in den Kamin hinein. Er kann selber Kaffee machen. [132]

Und das tut er.

Er ist ein weiser Mann, ich weiß ihn sehr zu schätzen, den guten Leo Confucius Fortunatus von Indemini. Er hat gelernt, wie viel sich mit asiatischer Ruhe, jesuitischer Geschmeidigkeit und buddhistischer Geduld erreichen läßt – auch hinter des Gambarognos und des Herrgotts Rücken.

Warum sitzt so ein gewiegter Knabe wie er eigentlich hier in der Einsamkeit begraben? Ich weiß es nicht. Ich liege im weichen Bett und denke mir mein Teil. Wie sagten sie doch unten, in den seligen Gefilden am See? Sie flüsterten: Indemini, das ist auch so eine Art Verbannungsstätte für Geistliche die... pst, pst. Na, ich habe nichts gehört. Und übrigens will ich jetzt schlafen. Gute Nacht!

Sonntagmorgen. Der Himmel ist klar und hyazinthenblau. Die Berge liegen so unsagbar friedfertig da und nehmen Höhensonnenbäder. Selbst der wüste Steinhaufen des Dorfes erscheint in dem milden Licht versöhnlicher. Die dunkelgrauen Steinplatten der Dächer haben sich in der Sonne einen silbrigen Glanz zugelegt. Und die Männer sind gekommen, einige wenige Männer, auf Sonntagsbesuch.

Einer von ihnen besucht den Padre, um ein wenig zu plaudern, von der großen Welt dort draußen zu berichten und zu hören, was sich hier inzwischen zugetragen hat. Er ist ein frischer junger Mann, vielleicht fünfundzwanzig Jahre. Aber er sticht ganz entschieden von den anderen ab. Er ist in feiner Schale, reist viel herum als Handelsagent, spricht mehrere Sprachen, ist von Mailands Großstadtleben und der Pariser Luft dem düsteren Indemini entfremdet worden. Meiden sie ihn darum unten im Dorf? Sucht er darum seine Zuflucht zu dem klugen Padre?

Während der Pater sich zur Messe vorbereitet, sitze ich [133] mit dem jungen Mann vor dem Pfarrhaus in der Sonne. Er sieht mehrmals auf seine Armbanduhr. Er will mir wohl zeigen, daß er ein Mensch geworden ist, der genötigt ist die Zeit zu beachten. »El padre ist immer verspätet«, bemerkt er mit einem nachsichtigen Lächeln, »immer fängt er zu spät an mit der Messe, das war schon immer so.« Wir kommen auf die Kirche zu sprechen, auf die Religion. »Ob ich gläubig bin«, antwortet er ausweichend auf meine Frage, »ja – es ist schön, den Gesang zu hören und selbst mitzusingen. Wenn ich hier oben bin, komme ich immer zur Messe. Sehen Sie, man kennt das alles, als Kind habe ich im Chor gesungen und die Weihrauchgefäße geschwungen, das gehört so dazu, man fühlt sich zusammengehörig. Die Kirche hier ist ja sonst nichts Besonderes, nachdem sie instand gesetzt worden ist, sieht sie ziemlich langweilig aus, viel ist damit nicht los.«

Wir gehen in die Kirche und hören die Morgenmesse. Der feine junge Mann fällt auf die Knie und bekreuzigt sich – »das gehört so dazu«.

Alles ist so wie es sein soll. Der Padre gibt seine Rolle. Er kann seinen Kram im Schlaf, ein tüchtiger Fachmann. Da ist nichts Unechtes an ihm. Sein reißender Wortstrom und seine feurige Rede wirken sympathisch natürlich. Er ist zu klug und zu erfahren, um sich zu gebärden und großes Theater zu spielen, er jongliert geschickt und läßt das Einfache wirken. Er legt langsam ein solides Feuerchen zurecht, heizt gut ein, und dann bekommen sie ihr sonntägliches Schwefelbad. Ungefähr sechzig Frauen und Kinder sitzen auf den Bänken und lassen sich von ihm unterhalten. Im Hintergrund stehen drei uralte Männer. Ja, gewiß, die Männer sind ins Dorf gekommen – aber nicht in die Kirche. [134]

Nachher sitzen wir wieder mit dem jungen Mann zusammen im Pfarrhaus, und da frage ich, warum die Leute im Dorf sich eigentlich so scheu benehmen und sich geradezu verstecken, sobald man sich nur nähert.

»Ganz richtig«, nickt der Pater, »das tun sie. Diese Leute fürchten und hassen es, fotografiert zu werden. Es ist einfach unmöglich, es ihnen zu erklären. Sie werden von einem unerklärlichen Schrecken gepackt, wenn sie bloß einen Fotoapparat sehen.«

Der junge Mann nickt zustimmend. »Diese Leute hier sind nicht nur abergläubisch«, sagt er, »sie befinden sich immer noch im Bann uralter heidnischer Vorstellungen, sie sind nie richtige Katholiken geworden, sie kennen kein Christentum im religiösen Verstand, sie ahnen nicht mal was das ist. Die kommen überhaupt nur zur Kirche, weil sie sich sagen, das kann ja wohl nichts schaden. Um auf der sicheren Seite zu sein, nehmen sie auch das noch mit. Und sonst, als Kinder müssen sie ja das schon mitmachen. Aber sobald sie aus der Schule sind, zeigen sie sich nicht mehr in der Kirche. Ausgenommen die Frauen, für sie ist es die einzige Abwechslung, die sie hier haben, und vor allem ist es ein Grund für sie, um von zu Haus wegzukommen. Wenn die Männer alt werden, dann kann es passieren, daß sie sich hin und wieder mal bei der Kirche sehen lassen. Nein, niemand und nichts vermag in sie einzudringen!«

Der Pater hört das alles stillschweigend mit an. Jetzt gleicht er auf einmal Trotzki, der anklagende Abweichungen von der Generallinie überhört. Er protestiert nicht, er weiß es gut genug. Die Andeutung eines Lächelns versickert in seinem Spitzbart. In seinen Augen blitzt etwas auf, aber es folgt kein Donnerwetter, nur ein ausglättendes Blinzeln. [135]

Dieser Kobold!

Wir blättern auch ein wenig in Indeminis Geschichte. Nur ein klein wenig, – denn niemand vermag in das Dunkel ihrer eigenen Geschichten einzudringen, die im Verlies der Steinschächte verborgen liegen, bewacht von trotzigem Schweigen. Das sind Geschichten von unerbittlichen Familienfehden, die schon Jahrhunderte bestehen, und von denen keiner mehr den wahren Grund ahnt. Aber die Feindschaft und die Rachegefühle sind immer noch lebendig und werden nie vergessen. Und da sind Geschichten von eingeheirateten Familien und von Degeneration und dunklen Drohungen und Erbschaftsstreit und von unsäglichem Elend und schwarzer Magie und der Unverbrüchlichkeit uralter Vorurteile.

»Wie in Sizilien«, sagte der junge Mann.

Und da ist die andere, die offizielle Geschichte: Die Spitze, der Abschluß, soll der Name Indemini nach alten Überlieferungen bedeuten, die äußerste Spitze, der Abschluß des Tales. Die Kirchenbücher können berichten, daß der Bischof von Locarno bereits 1597 eine Messe in Indemini gehalten hat. Und sonst dasselbe, was ich in anderen Kirchenarchiven feststellen mußte: nämlich das große Loch. Indemini wird schließlich schon im 14. Jahrhundert erwähnt. Die ältesten Chroniken aber stammen aus dem Jahre 1663. Wieder und wieder treffe ich das Loch -- diese totale Finsternis, von der die Geschichte des 15. und 16. Jahrhunderts umgeben ist. Die Chroniken dieser Zeit fehlen. Sie sind dagewesen. Denn ich habe Fragmente, ziemlich nichtssagende Pergament-Dokumente über gleichgültige kirchliche Geschehnisse aus dieser Zeit gesehen. Aber die Chroniken – welche dunkle Macht ließ sie verschwinden und warum? [136]

»Komm«, schlägt der Pater vor, »wir gehen zum Dorf, und während ich mich mit den Leuten unterhalte, können Sie fotografieren. Wir versuchen.«

Das glaubt er.

Natürlich ist es nichts damit. Nur ein paar der sonst in den großen Städten arbeitenden Männer halten Stand, und auch nur mit skeptischen Seitenblicken. Sie wollen sich nicht blamieren und davonlaufen. Aber dazu müssen sie deutlich viel Mut aufbringen. Und bei ihnen braucht es nicht Aberglaube zu sein. Es gibt viele Schmuggler hier: fotografieren unerwünscht, verständlich. Doch alle die anderen, die Frauen und die alten Männer, sie machen sich eilig davon. Nicht mal die Kinder kann der Pater dazu bewegen, bei ihm stehen zu bleiben. Weder durch milde noch durch harte Worte gelingt es ihm. Aus Fenstern und Türen rufen die Eltern ihre Kinder zu sich. Wie vor der Pest flüchtet alles vor uns. Weder ein Gott noch ein Priester kann sie dazu bringen, sich dem bösen Blick einer Fotolinse auszusetzen.

Wir geben es auf, verstauen den Apparat und besuchen einen alten Mann. Er ist siebzig Jahre, ist hier geboren, hat hier gelebt. Der weiß Bescheid. Aber was im Dorf vor sich geht, was die Leute bewegt, was sie denken, worüber sie sprechen, was sie vorhaben? Darüber schweigt er sich aus. Er will nichts davon wissen. Er erzählt, wie stolz Indemini immer noch auf seinen großen Sohn ist, den maestro, signore Pedroni, der es erreichte, sich die Mailänder Scala zu erobern – vor fünfhundert Jahren. Und wir können erfahren, wie das Leben sich hier vor einem halben Jahrhundert gestaltete, als Indemini so arm war, daß einmal im Jahre, zu Weihnachten, eine Frau von Italien kam, um ihnen weißes Brot zu verkaufen – einmal jährlich. Sonst [137] gab es nur schwarzes Brot, wenn es überhaupt welches gab. Unten im Tal mahlte die alte Mühle den Mais, der von Italien eingeschmuggelt wurde. Aber es war auch nicht so, daß sie immer Maismehl hatten, wie im übrigen Tessin. Gewöhnlich gab es nur Soyabohnen. Und an den Feiertagen bekamen sie Torte, die aus Kastanien, Mais und Soyabohnen bestand. Schokolade und Bonbon waren unbekannte Begriffe und sind es im großen und ganzen auch heute noch. Vor gar nicht langer Zeit brauchte man hier noch Öl zur Beleuchtung, das aus Nußbaumholz gepreßt wurde. Ein Teller oder eine kleine Schale mit einem Docht und Öl drauf, das waren Indeminis Lampen. Noch immer verfertigen sie ihre Schuhe selbst, die den messerscharfen Stein aushalten müssen. Hier und dort, rund um Indemini verstreut, liegen kleine Fleckchen Erde. Das sind Steinterrassen, mühsam errichtet, aus Millionen Steinen aufgestapelt, bis kleine ebene Flächen entstanden. Da wurde dann Erde aufgefüllt, auf die Steine. Erde, die zusammengekratzt und zusammengeschleppt wurde von weit her. Grabe etwas tiefer in dieser Erde, und du stößt auf Stein. Aber das schlimmste ist, daß die Leute sich nie darüber einig werden können, ihre Erdstückchen zu tauschen, um sie an einem Ort zu sammeln. Das ist unmöglich. Eine Familie kann ein Stückchen Erde östlich des Dorfes und ein anderes Stückchen westlich, und ein drittes zwei Stunden entfernt besitzen. Und die allermeisten Erdflecken sind doch nur von der Größe eines Teppichs oder eines Zimmers. Aber nichts kann sie dazu bewegen, diese Stückchen auszutauschen, damit sie nicht stundenlang von dem einen zum anderen Flecken laufen müssen. Es gibt zu viele und zu tiefliegende Gründe, es läßt sich nicht machen. Viele Gründe kennt man schon nicht [138; Zeichnung]

Zeichnung: Friedrich Meinhard
mehr. Aber man weiß, daß da mal irgend was gewesen ist. Und das genügt, um nicht daran zu rühren. Und dabei bleibt es.

»Aber jetzt«, frage ich den alten Mann, »jetzt habt ihr [139] doch Wasser und Licht und die Bergstraße zur Umwelt, was wollen die Leute nun?«

Er blickt starr vor sich hin, als er antwortet.

»Weg«, sagt er. »Die Leute wollen von hier weg. Sie haben keine anderen Wünsche, als von hier wegzukommen, weg von der Einsamkeit. Die Autostraße hat es leichter gemacht – von hier zu flüchten. «

Nüchterne Zahlen unterstreichen nur allzu deutlich seine Worte: Im Jahre 1908 hatte Indemini 400 Einwohner gehabt, 1928 waren davon nur ungefähr 300 übrig, heute sind es 190.

Da stehen die zusammengeduckten Häuser. Das eine nach dem andern wird leer, bleibt verlassen, verfällt, stürzt ein. Die Ruinen vermehren sich.

»Es ist zu hart, hier zu leben«, sagt der alte Mann, »und wir können nie dazu kommen, alle zusammen gleichzeitig hier zu leben. Es läßt sich nicht ermöglichen – das Unmögliche.«

Was ist dazu zu sagen?

Indemini schweigt, der alte Mann schweigt, der Pater schweigt. Auch Gottes Wort vermag hier nichts zu retten.

Und dann ist es wieder Werktag, die Männer sind weg, die Kirche steht leer und der Pater opfert regelmäßig den dicken Mauern die notwendige Portion Weihrauch und die dazugehörigen Worte, so wie man es von ihm erwartet. Während ich im Pfarrhaus noch beim Morgenkaffee sitze, stochern zwei Knaben gerade mir gegenüber schon im Kamin herum. Sie füllen glühende Holzkohle in die Räuchergefäße, für die Morgenmesse. Der Pater ist dabei, sein Meßgewand anzuziehen. So sind sie alle beschäftigt.

Ich gehe hinaus in den Morgensonnenschein, stecke den [140] Kopf nur gerade so im Vorbeigehen zur noch öden Kirche rein und entdecke was Allerliebstes. Zwei Schulmädchen amüsieren sich großartig am Weihwasserbecken. Sie bespritzen sich gegenseitig mit Weihwasser und kichern dabei unterdrückt, daß es nur so gluckst. Viel Vergnügen! Sie haben mich nicht gehört, und ich ziehe mich still zurück, gehe unter dem schweren Bogengewölbe der Eingangspforte hindurch und am Friedhof vorbei. Ein trauriger, kleiner Flecken mit total ungepflegten Gräbern. Das ist sehr auffallend, denn katholische Friedhöfe sind sonst immer so wohlfrisiert. Aber das interessiert hier wohl keinen. Man erzählte mir, manchmal haben sie hier nur zwei Todesfälle im Jahre. Sie sterben draußen, in der Fremde, sie bleiben auf dem Felde der Arbeit.

Hinter der Kirchhofsmauer geht der Grenzwächter auf und ab. Da steht der Pfahl und das Schild: Dogane Svizzere. Der italienische Grenzposten liegt weit weg, mehrere Kilometer. Ein tiefes Tal mit einem hohen Wasserfall und einer kleinen, romantischen Brücke liegt zwischen den zwei Grenzstationen.

Ich spaziere ein bißchen im Niemandsland herum und komme in ein Gespräch mit zwei Männern, die auf dem Wege nach Italien sind.

Man darf doch mal fragen: »Indemini ist im Tessin berühmt dafür, das Schmugglerhandwerk in Ehren zu halten« ?

»Alte Gerüchte«, antwortet der eine Mann.

»Die Zeiten sind vorbei«, sagt der andere. »Was jetzt hier noch geschmuggelt wird, ist rein privat. Kleinkram für den Selbstverbrauch. Wir liegen allzu weit von den Städten weg, der Weg ist zu beschwerlich, es wird zu teuer, die Waren heranzuschaffen und umgekehrt wieder so weit weg-[141]zuschaffen. Das macht sich in unserer modernen Zeit nicht bezahlt. Nein, heutzutage muß man schon mit den gefüllten Lastautos bei der Grenze vorfahren, abladen, den Kram über den Strich bugsieren, auf der anderen Seite gleich wieder rauf damit auf die wartenden Autos und weiter. Nein, wenn Sie Schmugglerei sehen wollen, dann müssen Sie mal nach Carena gehen.«

Ich danke für die offenherzige Auskunft.

Als ich zurückkomme, streife ich noch etwas am Rande des Dorfes herum und bleibe bei dem öffentlichen Waschhaus stehen. Es liegt außerhalb der Steinmauern. Eine junge Frau hält dort Waschtag. Ganz allein. Sie beantwortet sogar meinen Gruß, ohne mir augenblicklich den Rücken zuzuwenden oder davonlaufen zu wollen. Auf meine Frage, ob ich sie fotografieren darf, sieht sie sich argwöhnisch um. Es ist niemand in der Nähe.

»Pronto«, sagt sie dann, »los, aber schnell.«

War es Mut oder Eitelkeit?

Wer weiß.

Ich wage es nicht, darauf zu antworten, seitdem ich Indemini gesehen habe und weiß, was Einsamkeit ist.

Wenn Indemini in Afrika liegen würde... Aber es liegt nicht in Afrika, es liegt hinter dem Gambarogno, umgeben von einer Steinwüste und ewigem Schweigen. [142]
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