Cento Campi entdeckte ich sozusagen vom Bett aus, nämlich durch den Ausschnitt meiner Balkontür. Bei Dirinella fällt der Gambarogno schräg in eine tiefe und breite Schlucht ab. Dort ist die Grenze. Jenseits der Schlucht beginnt Italien. Aber auf halber Höhe des Berges, mit dem bloßen Auge gerade noch erkennbar, liegt auf einer sich schräg zur Schlucht neigenden Felsfläche, wie auf einem abgestumpften Kegel, eine kleine Gruppe von Häusern. Das ist Cento Campi. Es liegt so beängstigend, daß man jeden Morgen besorgt nachsieht, ob es noch da ist. Denn bei einem Bergrutsch würde es in die Schlucht abgleiten und wahrscheinlich in Italien landen.

Wenn sich das abendliche Dunkel mild über das Gambarogno-Ufer legte, blickte ich von meinem Balkon gespannt zu dem schrägen Bergplateau an der Grenzschlucht hinüber. Es versank regelmäßig jeden Abend mit der sinkenden Sonne in Nacht und Nichts. Niemals flammte ein Lichtschein in Cento Campi auf. Niemals schien sich dort Leben zu regen. Waren die Bewohner dieser am Berghang klebenden Häuser ausgestorben? Existierte Cento Campi nur in meiner Phantasie und in den Köpfen einiger Einheimischen die mir diesen Namen – der »hundert Felder« be-[104]deutet – zu nennen vermochten, wenn ich sie wegen des fernen Häuserklumpens befragte?

Doch, etwas anderes erfuhr ich noch: Cento Campi, hundert Felder, hundert kleine Felder sollten dort oben liegen. Nach einer alten Sage soll der Teufel die Felder in einer einzigen Nacht auf den kahlen Felsen hinaufgeschafft haben, auf Grund einer Wette mit dem Glöckner der Kirche unten am Seeufer. Der Glöckner gewann die Wette, indem er den Teufel narrte. Aber ein heiliger Mann darf sich nicht mit dem Teufel in durchtriebene Wetten einlassen und ihm seine Seele verpfänden. Nicht mal, wenn er damit armen Bergbewohnern auf ihrem nackten Felsen zu fruchtbarer Erde verhelfen will. Darum erlitt der Glöckner die schlimmste Strafe, die ein Mensch erleiden kann: sein Name verfiel für alle Ewigkeit dem Vergessen!

Diese Geschichte rückte mir Cento Campi absolut nicht näher, machte es nur noch unwirklicher. Überall fragte ich nun nach diesem sagenhaften Ort. Vergebens. Wie sich bald herausstellte, war Cento Campi tatsächlich unbekannt wie ein Dorf auf dem Mond. Niemand wußte, wie es dort drüben aussah. Niemand war dort gewesen. Niemand ahnte, ob dort überhaupt noch Menschen lebten.

Was tut man?

Man nimmt seine Zuflucht zunächst zu einer Spezialkarte der Schweiz – Maßstab 1:500 000 – und stellt fest, daß Cento Campi auf dieser Karte nicht zu entdecken ist. Weg mit der Karte. Neue Expedition zur Auffindung einer Spezialkarte der Südschweiz, die ausschließlich den Kanton Tessin umfaßt. Skala: 1:25 000 steht nun da. Aber Cento Campi gibt es nicht, es existiert einfach nicht. Jetzt wird es schwierig. Es gilt, eine Karte speziell über das Bergge-[105]biet zu finden, das sich rund um den schweizerischen Teil des Lago Maggiore lagert. Gibt es so eine Karte überhaupt? Es gibt sie. Ich habe sie aufgestöbert. Das ist eine ganz vornehme, eine auserlesene Karte, geradezu ein Leckerbissen von einer Karte, auf der feierlich gedruckt steht: »Reproduktion und Veröffentlichung der Siegfriedkarte 1:50 000, im vergrößerten Maßstab, mit Bewilligung der Eidgenössischen Landestopographie vom 6.2.1948«. Und die hat dann auch den herrlichen Maßstab 1:35 000. Und da gelingt es endlich. Zum erstenmal sehe ich den Namen Cento Campi gedruckt auf einer Karte. Das gibt es also. Es existiert wirklich.

Wirklich?

Frage wohlbereiste Schweizer, und sie werden mit den Schultern zucken, die Köpfe senken und dann verwirrt auf der Schweizerkarte suchen – auf der es kein Cento Campi gibt. Fassungslos aufblickend werden sie plötzlich von einer erleuchtenden Idee beseelt ausrufen: Das Touristbüro kann darüber alle Auskunft geben!

Keine Illusionen – es kann nicht. Selbst die berühmten Schweizer Touristbüros kommen da in die Klemme. Sogar das am nächsten gelegene, das Touristbüro von Locarno, gibt auf. »Cento Campi? Sie meinen Centovalli!« »Nein, ich meine Cento Campi.« »Bedaure, mein Herr, kennen wir nicht.« Und dann ist es aus. Mehr Rettungsstationen gibt es nicht. Das war die letzte.

»Kann mir keiner sagen, wie ich nach Cento Campi komme? Wie es dort aussieht? Wie man dort lebt?«

Höfliches, aber bedauerndes Kopfschütteln ist die Antwort.

Denn kein Fahrplan, keine Touristenbroschüre und keine [106] Bilder geben darüber Auskunft. Niemand erwähnt es. Keine Eisenbahn, kein Postauto, kein Privatauto und keine Drahtseilbahn erreichen es. Nicht mal ein Briefträger, nicht mal ein Brief. Denn im Heimatlande der Weltpostunion gibt es keinen Postverkehr mit Cento Campi. Es ist nicht mehr von dieser Welt.

Und nun bin ich auf dem Wege, das vergessene Dorf im Gambarogne zu suchen.

Von meinem Bergpfad aus kann ich die Grenzstation Dirinella tief unten am See liegen sehen. Da haben sie sich eine richtige Grenze geleistet, das ganze Theater, mit Zoll und Wache, mit Mützen und Uniformen und Stempeln und allem, was sich Staatsmaschinisten zu erträumen vermögen. Die Italiener haben auf ihrer Seite riesige Scheinwerfer, die abends mit ihren blendenden Strahlenfingern den See abtasten – von wegen der bösen Schmuggler. Die schweizerisch-italienische Grenzlinie im See zwischen Dirinella und Maria di Ponte am anderen Ufer aber weckte mein Erstaunen: sie verläuft im Zickzack mitten im Wasser! Ich weiß nicht, ob die schweizerischen und italienischen Seewellen das zu respektieren wissen. Jedenfalls leuchten die italienischen Scheinwerfer nicht im Zickzack. Schade. Das hätte ich gern erlebt.

Mein schmaler Fußsteig schlängelt sich in dreihundert Meter Höhe durch schattige Weinterrassen nach Caviano, wo sie ein puppenstubenartiges Posthaus besitzen, das aus einem kleinen Raum besteht. Aber die nette Dame, die ein paar Stunden am Tage das Postamt repräsentiert und gerade privat beschäftigt ist, weil wohl niemand hier auf die ausgefallene Idee kommt, ein Posthaus zu besuchen – diese Dame weiß etwas über Cento Campi zu erzählen. [107]

Nicht gerade viel, aber immerhin ist sie schließlich der erste Mensch, der nicht glattweg Cento Campis Existenz ableugnet. Und sie berichtet: Dort leben Menschen. Da führt oberhalb Cavianos ein Maultierweg hinauf. Dort oben gibt es nichts zu kaufen, absolut nichts, weder Wein noch Brot, weder Milch noch Käse. Das war alles, was das gute Postwesen aussagen konnte. Ich danke und sage, ich werde mich da mal hinaufbegeben. Sie blickt mich mißtrauisch an.

Doch erst muß ich mir noch das Nachbardorf Scajano ansehen, das letzte Dorf an der Schwanzspitze des Gambarogno. Es ruht so völlig unberührt, daß man nie darauf kommen würde, hier an Grenzland zu denken. Ist es aber. Wo der Ort endet, da führt ein malerischer Fußweg bergab zu jener Schlucht, die ich von meinem Balkon am anderen Seeufer aus erblickt hatte. In der Schlucht rauscht mit viel Wasserfallgeplätscher ein Flüßchen. Mitten im Fluß aber steht zwischen großen Rollsteinen eine hübsche Frau mit zwei Kindern -- und wäscht große Wäsche.

Das muß ich mir richtig ansehen.

Hier ist also die Grenze. Den Bäumen und Sträuchern und Gräsern dort drüben, nur zehn Meter weiter, ist gar nicht anzusehen, daß sie italienisch sind und eine andere Flagge besitzen. Die junge Frau steht mit dem einen Fuß in Italien und mit dem andern in der Schweiz und scheint sich der unberechtigten Grenzüberschreitung überhaupt nicht bewußt Zu sein. Die Kinder badeten in dem schweizerisch-italienischen Wasser, und jetzt springen sie von dem Schweizer Sonnenschein in den italienischen Sonnenschein. Sie leben in glücklicher Unwissenheit darüber, was sie sich da eigentlich für empörende Sachen erlauben. Und die Frau [108] hat den Haufen mit der schmutzigen Wäsche in Italien liegen. Die gewaschenen Stücke aber legt sie auf einen Stein in die Schweiz. Lange und nachdenklich sehe ich mir das an.

Welch tiefer Frieden!

Kein Stacheldraht, kein Militär, keine Uniformen. Sonne, plätscherndes Wasser, lachende Kinder. Dort drüben also, wo die Frau jetzt mit ihrem linken Fuß steht, da haben sie Krieg gehabt und Diktatur und politischen Mord und Schandtaten und wieder Krieg. Da wo die Frau mit ihrem rechten Bein steht -- nicht. Kann man sich so viel Wahnsinn vorstellen? Dort drüben, wo sich diese bewaldete Höhe hinaufzieht, dort wurde man erschossen, wenn man nicht auf andere Menschen schießen wollte und viel lieber durch diesen Fluß hier waten mochte. Jetzt jubeln die Kinder und bespritzen sich mit Wasser.

So wie das hier, wie es jetzt ist – so habe ich mir immer die Grenzen gewünscht, alle Grenzen aller Länder auf allen Kontinenten. Wie haben sie uns als Kinder schon in der Geographiestunde damit geplagt. Mit einem Zeigestock jagten sie uns irrsinnig auf der Landkarte herum, immer einer gekreuzelten Linie nach. Was dort wirklich vor sich ging und daß auf beiden Seiten Menschen lebten und genau wie wir lachten und weinten, das war Nebensache. Die Hauptsache war: die Grenze! Und auf der anderen Seite, da drüben, jenseits aller Grenzen: da ist es dunkel, und da hausen die anderen, die Ausländer, die Fremden, die nie so gut sein können wie wir selbst, nie!

Wie haben sie es uns doch kompliziert gemacht. Na und – haben wir es seitdem besser eingerichtet?

Lange blicke ich auf diese wundervolle Grenze, die gar [109] nicht da ist, und dann wage ich mich endlich nach Cento Campi hinauf.

Der Aufstieg ist verdammt nicht einfach. Lange krümmt sich der Pfad durch verfilzten Bergwald. Und mit einer Steigung, die ganz unmanierlich ist. Man kriecht Schritt für Schritt hinauf. Man begegnet niemandem. Der Weg wird immer beschwerlicher, steiniger, steiler, er zerfasert sich, wird dünn und verschwindet zuletzt fast ganz. Eine schräge Ebene öffnet sich. Voraus, weit voraus, hoch oben, bellt irgendwo ein rasender Hund. Jetzt bin ich in allernächster Nähe. Cento Campi liegt nicht mehr in braunlila Dunst gehüllt als winzig verschwindender Punkt hoch oben an einem Berghang in unbestimmter Ferne, mit einem riesigen See dazwischen. Es liegt greifbar vor mir. Wie mag es aussehen? Vielleicht lassen sie große, böse Hunde frei herumlaufen, die niemanden in die Nähe kommen lassen? Vielleicht weisen sie mich einfach fort: Geh, Fremder, wir haben dich nicht gebeten, zu kommen! Wer weiß? Denn niemand hat das da oben gesehen, niemand vermochte es mir zu beschreiben. Man macht sich seine krummen Gedanken. Der grollende Hund da oben gefällt mir gar nicht.

Nun habe ich die Bescherung. Mir sinkt das Herz. Vor mir hebt sich eine steile Anhöhe. Oben, hinter Bäumen und Sträuchern, sind dunkle Steinbauten zu erkennen. Dort ist es. Ja, und dort hinauf führt ein Hohlweg, Ein Schlauch von einem Weg. Nur schulterbreit. Und wo dieser Hohlweg oben endet und wie eine Himmelsleiter in das unbekannte Dorf mündet, da liegt ein sehr schwarzer und sehr kräftiger Hund und paßt auf dieses einzige Loch auf, durch das man Zu diesen Häusern gelangen kann.

Mir erscheint es sonnenklar: hier dringt niemals jemand [110] ein. Keiner vermag dort durchzuschlüpfen. Darum hat nie jemand Cento Campi gesehen. Darum also weiß niemand, wie es dort drinnen aussieht, hinter dem steilen Bergwall, wo die Himmelsleiter endet. Das haben sie geschickt gemacht. Eine von Natur großartig angelegte und von den Leuten hier fabelhaft ausgenutzte, unzugängliche Festung. Wirklich raffiniert ausgeknobelt. Und der Hund ist rasend.

Was nun?

Jetzt kommt jemand. Erst erscheint ein Kopf über dem Rand der Böschung. Ein üppiger, blonder Engelskopf. Er gehört einer lächelnden, runden Frau voller Frohsinn und Freundlichkeit. So gesund und frisch und strahlend, daß es mir fast unwahrscheinlich vorkommt. Alles andere hatte ich erwartet, alles.

»Ist das hier Cento Campi?« frage ich verwirrt.

Sie nickt lachend.

»Ja, Cento Campi«, sagt sie und beruhigt den Hund, erzählt ihm allerlei. Der Hund scheint das Zu glauben. Er sieht jetzt ganz fromm aus und blickt mich andächtig an. Ich darf vorbei. Ich bin auf den himmlisch gelegenen und vom Teufel erschaffenen »hundert Feldern« willkommen geheißen. Und dann gehe ich durch die winzigen, sich auf und ab windenden Gäßchen, mit den lustigen kleinen Häuserchen, die hell und freundlich wirken, obwohl sie ärmlich und altersgrau sind. Aber alles wirkt hier so überraschend heiter und freundlich. Die Leute grüßen herzlich. Die Häuser sind mit lichtgrünen Weinranken umsponnen und von Sträuchern, Blumen und Bäumen umgeben. Und dann kommt der Mann des rundlichen, stattlichen Engels, der mir am Eingang des Dorfes erschienen war, und lädt mich zu seinem Häuschen ein. [111; Zeichnung]

Zeichnung: Friedrich Meinhard
Das Haus ist aus Steinbrocken erbaut, wie alle Häuser hier. Und es hat ein Dach aus flachen Steinen, wie alle anderen Häuser. Es besteht aus einem einzigen Raum. Und dieser eine Raum ist noch nicht mal so groß wie ein Zimmer einer durchschnittlichen Mietswohnung und lange nicht so [112] hoch. Das ist alles, was sie brauchen. Es genügt ihnen. Es ist sauber und heimelig.

Der Mann fragt, ob ich hungrig sei. Nein, danke, wirklich nicht. Hm, aber ein frischgelegtes Ei, das stärkt immer. Wir schlürfen frische Hühnereier aus der Schale. Und dann füllt er für jeden von uns eine Suppenschüssel mit rotem Wein. Wir trinken auf unsere neue Freundschaft, und die Frau freut sich, daß nun doch mal Besuch gekommen ist. Und das kann ich gut verstehen, denn sie erzählt: zuletzt, das war vor ungefähr zwei Jahren, da war ein Italiener hier!

Wenn es so ist, hat man ja Zeit, sich von einem Besuch zu erholen.

Der gute Mann erzählt mir nun, daß er zehn Jahre seines Lebens in einer Kohlengrube in Kanada gearbeitet habe. Auch in der Nordschweiz hat er sich etwas umgesehen. Und weil sie nun hier einen seltsamen Gambarogno-Dialekt sprechen, der für den Fremden so gut wie unverständlich ist, spricht er zu mir in einer Sprache, die sich aus italienischen, deutschen und englischen Brocken zusammenfügt. Das ist eine großartige Sprache, die ich auch sofort benutze und Centocampinesisch taufe.

Da sitzen wir also in dem sagenhaften Dorf, trinken roten Wein aus Suppenschüsseln und reden unser wunderliches Centocampinesisch. Er ist ein kluger Mann, der nach zehn Jahren den unheimlichen Kohlengruben für immer den Rücken wandte und sich nicht nur heimwärts begab, sondern auf seinen Berg. Er hatte sich drüben einen kleinen bescheidenen Batzen zusammengespart und denkt nun nur noch mit einem leisen Schauer an die Arbeit tief unter der Erde. Und das Allerschönste, er ist glücklich hier. Er ge-[113]nießt es, hier leben zu dürfen. Er hat die Welt draußen gesehen, er hat genug davon gesehen. Er erzählt es mir selbst: hier sei er ein freier Mann, sein eigener Herr, kann kommen und gehen wann es ihm paßt und wo es ihm paßt, die Berge sind frei und stehen ihm offen. Er ist glücklich, und der runde, blonde Engel an seiner Seite ist glücklich, – und sie wissen es!

Die können lachen, und sie tun es: Cheer! Prost! Salute!

Wo die Häuser von Cento Campi enden, breiten sich die fruchtbaren Felder aus, die gesegneten hundert Campis des Teufels, si Signore. Sie fallen nicht steil ab, sie neigen sich schonend und in behutsamer Schrägung. Und darum haben es die Menschen leichter hier als in den meisten anderen Bergnestern des Tessin, wo das Dasein oft zur Unmöglichkeit wird. Es ist tatsächlich wie ein Wunder, sie haben Felder mit guter Erde hier oben, und nicht nur Stein. Ihre Felder sind leichter zu bestellen, ihre Ernte ist reicher und unter weniger harten Bedingungen erworben. Darum sehen sie freundlicher auf das Dasein. Und sind weniger ausgezehrt, ihre Rücken sind weniger gekrümmt. Sie vermögen noch zu lachen. So viel macht das aus. Und darum sind ihre Sinne offener und die Gassen zwischen ihren Häusern einladender. Sie haben es sich behaglicher einrichten können.

Einzig in ihrer Art sind ihre Vorratshäuser. So was Lustiges gibt's vielleicht sonst nur noch am Kongo, aber jedenfalls nicht anderswo im Tessin. Es sind geduckte Bauten, deren dicke, dicke Strohdächer nach allen Seiten fast bis zur Erde herabreichen. Da kann sich der Winterfrost die Zähne dran ausbeißen. Sie sehen aus wie uralte Kobolde in verwitterten Strohmänteln.

Hier leben ein paar Dutzend Familien. Mit ihrem Vieh, [114] ihren Hunden und Katzen, ihren Hühnern und Truthühnern und Ziegen. Hier in fast siebenhundert Meter Höhe. Wenn die Sonnenlampe ausgeht, gehen sie schlafen. Es ist so einfach, so unkompliziert. Es geht auch gut ohne Elektrizität, ohne Gas und ohne Wasserleitung. Ihr Wasser holen sie sich vom Wasserfall des Flusses. Keine Post, keine Kneipe, nicht mal ein Landhandel, nichts. Keine Kirche, keine Polizei. Und sie leben und sind obendrein glücklich. Niemals können Autos hier heraufkommen und niemals die Tourist-Automobile mit ihren Lasten schnatternder, komischer Menschenvögel. Niemals kommen diese interessanten Leutchen hierher, die behaupten, die Schweiz bestände nur aus Hotels, Tourist-Service, Restaurants und netten Geschäften. Diese Leute haben nie Cento Campi gesehen und werden es nie entdecken. Sie haben nie centocampinesisch gesprochen und mit meinem Freund aus Suppenschüsseln roten Wein getrunken.

Darauf trinken wir noch einen!

Die gesamte Tessiner farbenbunte Herrlichkeit haben sie hier zu ihren Füßen. Über ihren Häuptern aber wachsen die Berge weiter, aufwärts, Berge und Wälder, höher und höher. Dort drüben reckt sich, immer noch mit Grün geschmückt, der Monti di Pino über tausend Meter auf – aber das ist Italien. Hier, gleich hinter den letzten Häusern, wo aus tiefer Schlucht die Kühle des fallenden Wassers heraufweht, ist die Grenze.

Die Grenze?

Wo denn, zeig doch mal? Und siehe – es ist gar keine Grenze da. Es gibt keine Grenze. Es gibt nur grüne Bergwälder, die sich diesseits und jenseits der Schlucht himmelan ziehen, grenzenlos, unbegrenzte Berghänge. [115]

Ich habe mich an die äußerste Grenze begeben – und habe sie gefunden. Und habe entdeckt: sie ist ein schäumender Fluß mit Kieseln und Felsgeröll, mit Sonne und Schatten und mit Menschen, die lachen können und weder Uniformen noch Maschinenpistolen tragen.

Salute! No Grenze, keine Frontiera, nix!

Ich leere meine Weinschale und blicke tausende Meter rechts und links über den weiten See, der dort unten leuchtet und glitzert. Und ich blicke auf die Berge rundum und nicke ihnen zu: diese Ruhe, dieser Frie... hätte ich beinah gesagt, aber ich beiße mir auf die Lippen, mir ist so wunderlich zumute, denn auf einmal sehe ich ihn deutlich vor mir: Er sitzt im Schatten einer Hausmauer auf der Erde, den Rücken gegen die Wand gelehnt, und liest einen Stapel Zeitungen. Alles ältere Jahrgänge, kann ich sehen. Und er priemt. Ein jovialer, älterer Herr mit rundem Kopf, etwas abstehenden Ohren, und einem dünnen, ausgefransten Bärtchen. Er macht einen ziemlich abgemagerten Eindruck. Seine etwas altmodische Kleidung ist ihm viel zu weit geworden und schlenkert um seine leicht komische Figur.

Als ich ihn begrüße, sieht er mich über die dicken Brillengläser hinweg an und beantwortet meinen Gruß mit einem Kopfnicken und einem milden Lächeln.

Ich frage, wie es ihm geht?

»Ach, danke«, antwortet er leutselig, »ich persönlich kann nicht klagen. Ich bin glücklich hier in Cento Campi, sehr glücklich. Wie geht es denn da unten, seitdem ich mich hierher zurückgezogen habe? Man hat es wohl überhaupt nicht bemerkt? Sehen Sie«, setzt er, gesprächig wie alle alten Leute, fort: »Man folgt ja nicht mehr so mit.« Er deutet auf die Zeitungen neben sich im Staub. »Ich bin ein paar [116] Jahrgänge im Rückstand, aber das macht ja nichts, es ist wohl dasselbe heute. Mir ist nur aufgefallen, daß sie nun alle meinen Namen im Munde führen. In 0st und in West reden sie unaufhörlich von mir, – aber sie kennen mich nicht mehr. Heute kennen sie ja nur noch den warmen Krieg und den kalten Krieg. Und meine Wenigkeit also nur dem Namen nach. Man hat ja so vieles erlebt. Vielleicht darf man sich auch in meinem Alter gestatten, etwas mißtrauisch zu sein? Unter uns gesagt, werde ich oft an etwas erinnert, weil es hier so ganz in der Nachbarschaft geschah. Sie wissen, was ich meine? Es war auch eine schlimme Enttäuschung. Es war geradezu – nein, so was darf man nicht sagen. Aber schließlich hatten sie mich ja gerufen. Und ich stand draußen im Korridor und wartete. Dann bereuten sie es. So ernst meinten sie es im Grunde nicht mit mir. Sie fanden später eine Entschuldigung. Die finden immer einen Vorwand, wenn ich ihnen unbequem bin. Na ja, sehen Sie, ich darf ja nicht schlagen. Aber manchmal habe ich Lust gehabt, ihnen ordentlich eine zu kleben. Also die Entschuldigung, das müssen sie hören. Sie können sich nicht vorstellen, was alles als Ausrede gebraucht wird, um mich nicht vorzulassen. Nein, Sie können es sich nicht vorstellen! Man ließ mir sagen, das ginge nicht an, ich mache ihnen nur Priemflecke in die feinen Protokolle, und das könne man nicht dulden, das sei unstatthaft. Ich habe es ihnen nicht übelgenommen, ich wußte schon wie es kommen würde. Es gab ja dann auch ganz andere Flecke. Ich ging still weg und weinte. Wissen Sie, es gibt gewisse Augenblicke im Dasein, wo man mit gutem Recht weinen darf. Und dann später... na, jetzt bin ich hier. Nein, ich habe niemandem meine Adresse hinterlassen. Ich traue den Brüdern nicht. Was die [117] alles machen – und immer in meinem Namen! Es war zu schlimm. Und dann bin ich also hier herauf gekommen. Das half, jetzt geht's mir besser.«

»Gestatten Sie mal«, sage ich, »was machen Sie nun eigentlich hier?«

»Ach, wissen Sie«, schmunzelte er, »man kann es ja nicht lassen. Ich pfusche so ein bißchen nebenberuflich und aus alter Gewohnheit. Als alter Expert in Schlichtung und Streitfragen befasse ich mich ein wenig mit der Grenzproblematik von Cento Campi, ja, Grenzproblematik – haha, es gibt nämlich gar keine! Aber bitte, sagen Sie's nicht weiter. Die Menschheit fühlt sich so unglücklich ohne problematische Streitfragen.«

»Haben Sie uns satt?« frage ich.

»Das ist nicht das richtige Wort«, sagt er und spuckt bedächtig den Priem aus. »Aber lassen wir das lieber. Sie brauchen ja da unten nicht zu erzählen, wo ich bin – sonst gibt's bloß wieder Krach. Unsinn, erzählen Sie was Sie wollen, es glaubt Ihnen ja doch keiner, haha.«

In den Bart schmunzelnd ruft er mir noch nach: »Ziehen Sie dahin in Frieden!«

Beinah hätte ich geantwortet: danke, gleichfalls!

Und der Lago Maggiore lächelt verständnisvoll zu mir herauf, diskret – denn er hat alles gehört und will doch nichts gehört haben. [118]


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