"Wäre er in Afrika, dieser Berghang, der sich auf dem linken Ufer des Lago Maggiore von Magadino bis Dirinella erstreckt, so würden ihn die alten Landkarten mit dem eindringlichen Satz kennzeichnen: 'Hic sunt leones' und damit zu bedeuten geben, daß hier ein unerforschter Erdstrich liegt."

Carlo Borella, Neue Züricher Zeitung

Drüben, auf der anderen Seite des Sees, da liegt der zwölf Kilometer lange Felsenschinken des Gambarogno. Täglich habe ich ihn vor Augen. Oben hat er eine mächtige Glatze, aber weiter nach unten hin ist er dick und saftig grün bepelzt, bis zum Seeufer.

Ja, ich muß wohl mal zu ihm rüber – morgen? Übermorgen?

Täglich blickte ich ihn von meinem Balkon aus abschätzend an, sagte respektvoll Guten Tag und Gute Nacht zu ihm – und sah den Mond hinter ihm aufsteigen, hinter der riesigen nackten Rückenlinie, die sich dann pechschwarz vom Abendhimmel abhob. Die Japaner besitzen ein klassisches Motiv von großartiger Schönheit: von Ishiyama aus den Herbstmond aufgehen sehen – über dem Biwasee! Nachdem es mir vergönnt war, den Mond über dem Biwasee zu bewundern, möchte ich nun Japan mal was erzählen: den Vollmond über dem Gambarogno aufgehen und seine lange Silberschleppe zwischen den beiden Brissago-Inseln [95] im Lago Maggiore glitzern sehen! Das ist auch nicht von Pappe, meine Herren!

Aber der Berg, der liegt da in schweigendes Dunkel gehüllt an den Abenden, von Sonne übergossen an den Tagen, scheinbar leblos – bis ich es einfach nicht mehr aushalte, an einem zeitigen Morgen nach Porto Ronco hinabsteige, auf dem kleinen Dampferchen den See kreuze und in Magadino an Land gehe, oder besser: In den Schatten des Gambarogno trete.

Es ist, als käme man in ein anderes Land. Man kommt in ein anderes Land! Wie kann das sein? Nur fünf Kilometer Seefläche liegt zwischen den beiden Ufern, und doch ist es anders hier drüben. Nicht so tropisch ausgedörrt, viel mehr lichtgrün als graugrün, nicht so von der Sonne ausgeglüht. Das ist es. Bis lang in den Vormittag hinein wirft der Bergrücken noch seinen Riesenschatten über die Laubenhänge und kleinen Ortschaften. Erst wenn die Sonne so hoch geklettert ist, daß sie über den 1738 Meter hohen Buckel des Gambarogno hinwegsehen kann, gibt es unten am Seehang des Berges Sonnenschein. Die milde Abendsonne verweilt dann zwar länger hier als am Nordufer, aber sie ist nicht mehr mörderisch sengend. Sie streichelt und liebkost die Früchte, läßt sie langsam ausreifen. Darum sind die untersten Terrassen des Gambarogno strotzende Obstgärten. Und von der besonderen Lage dieses Landstriches heißt es im Volksmund, in dem nur den Gambarognesen und den Bergziegen verständlichen Dialekt:

Gambarögn de la sfortuna
d'inverno senza soo,
e d'estaa senza lüna. [96]

Gambarogno, dir geht's schlimm:
winters siehst du keine Sonne,
und im Sommer keinen Mond.

Magadino. Schön, herrlich eingeschmiegt zwischen Berg und Seeufer. Totenstill. Es riecht so ausgestorben. Hier ging es einmal lebhaft zu. Der große Betrieb, den ein Handelsweg mit sich bringt, und der dazugehörige aufblühende Wohlstand. Vollgeladene Schiffe kamen den Lago Maggiore herauf. um hier ihre Lasten zu löschen: im Umschlaghafen Magadino. Hier lag einer der größten Transitwege des Handels – der sich von den Häfen des Mittelmeeres her durch die Po-Ebene zog, dann den Seeweg des Lago Maggiore bis zu seinem letzten Winkel Magadino benutzte, um wieder auf dem Landwege weiter nach Bellinzona und über den Gotthardpaß Zu führen. Als 1882 die letzten noch fehlenden Verbindungen mit den großen Eisenbahnlinien fertiggestellt wurden, da war es aus. Plötzlich wurde es tot hier, und dieser Landstrich versank in Vergessenheit. Die Schuppen und Lagerhäuser, die Kontorbauten und die Paläste der Handelsherren verödeten und verstaubten, der Verfall breitete sich aus.

Es bröckelt immer noch. Und es gibt auch immer noch vereinzelt Wohlstand, der dieser eigenartigen Todesstarre entgegenzuwirken versucht. Der Rest aber ist Armut, Schweigen und der kahle, riesige Bergrücken. Hier gibt es keine Attraktionen für vergnügungsfrohe Touristen. Wenn sie aus Versehen mal hier landen, trippeln sie verlegen auf dem schmalen Ufersaum herum, haben den See im Rücken und den barschen Berg vor sich, von dem sie nicht wissen was sie mit ihm anfangen sollen. Der Gambarogno weiß [97] das auch nicht, oder er will es nicht wissen. Er ist ein alter, rauher und unzugänglicher Herr, der am liebsten nicht gestört sein will. Und weil das alles Zusammen nicht gerade übermäßig einladend anmutet, verschwinden die Fremden eiligst wieder mit dem nächsten Schiff. Ein eigenwilliger Stammkreis von Nordschweizern hat das entdeckt und sich das himmlische Schweigen zu eigen gemacht. Sie entspannen sich hier ungestört von dem Tumult des Fremdenverkehrs. Eigensinnige Geschäftsleute und Künstler vor allem, die sich in dem Schweigen der Bergfalten verkriechen. »Spinnbrüder«, nennt sie die Schweizer Fotografin Angelica scherzhaft, die sich auch dort versteckt hält und sich Zu den vom Gambarogno bezauberten, fanatischen Eigenbrödlern bekennt.

Kein Gambarogno soll mich erschrecken, ich steige auf ihn los. Von Magadino geht es nach Vira, und dann keck und munter rauf nach Fosano. Dort verbindet ein Höhenweg die einsamen Dörfchen des Hanges. Es sind bescheidene, arme Dörfer, vielfach ziemlich zerfallen. Es scheint alles in einer anderen Zeit vor sich zu gehen, abseits vom Leben. Die »abgesonderten Gemeinden« wurden sie von dem übrigen Tessin geheißen. Da kann man sich ja vorstellen...

Die ersten Tropfen fallen, es fängt an zu regnen. Schwere und dicke Tropfen. Und nun schüttet es sich aus, es rauscht herab, so wie es nur im Tessin regnen kann. Ich flüchte mich in Fosanos Grotto.

Der Grotto ist ein Tessiner Begriff, es ist die Dorfschenke, der Halt im einsamen Dasein. Die Bezeichnung entstammt dem Wort »grotta«, was Grotte oder Höhle bedeutet. Und ursprünglich sind damit die Felshöhlen ge-[98]meint, in denen die Weinbauern heute noch ihren Wein kühl und bei niedriger Temperatur lagern, damit nichts von seinem duftigen Aroma verlorengeht. Die Bezeichnung Grotto wurde dann auch für die öffentlichen Weinschenken gebraucht.

Der Tessiner liebt guten Wein. Vom Weißwein ist er nicht begeistert. Wein muß bei ihm rot sein, leuchten und funkeln. Darum haben sie im ganzen Tessin fast ausnahmslos die kräftige blaue Nostrano-Traube angebaut, die französischen und piemontesischen Rebenarten entstammt. Ihre Blätter sind groß und kräftig, geben guten Schatten unter der Pergola, und die Trauben sind dickhäutig, mit sehr dunklem Saft, der wenig Säure enthält, überraschend würzig schmeckt und nach frischer Erde duftet. Aus diesen Trauben gewinnen sie ihren herrlichen Wein, den Nostrano, den »Unsrigen« oder »Einheimischen«. In jeder Berggegend, an jedem Hang, in jedem Tal, in jedem Dorf schmeckt er anders. Ein ewiger Grund zu neuen Proben und Überraschungen...

Die Regenhusche ist vorüber. Ich leere meinen Boccalino, mein Pokälchen, und ziehe weiter. Und da ergibt es sich, daß ich gerade den nächsten Dorfflecken erreichen kann, bevor ein neuer Regenschauer herabprasselt. Nun sitze ich in Piazzognas Grotto oder Dorfschenke oder Osteria – mir kann es gleich sein. Hier sitze ich gut, und der Wein ist ausgezeichnet, eine Kleinigkeit weniger herb als in Fosano, etwas perlend. Wenn er eingeschenkt wird, bildet sich ein hübscher Perlenstern auf der Oberfläche. Nicht übel. Es regnet immer noch. Ich schließe Freundschaft mit einer Katze. Wir bestellen uns Brot und Salami und noch einen Viertelliter von dem Roten. Ich höre ein paar Män-[99]nern zu, die am Vormittag im Grotto sitzen und Mengen von Zeit haben, um Wein zu trinken und eifrig mit den Armen fuchtelnd Forellenfischerei zu diskutieren. Als es ans Bezahlen geht, verschwindet die Katze, dafür darf ich aber auch den Wein allein trinken. Übrigens hat es aufgehört zu regnen.

Weiter. Vairano, Taverna, Casenzano – nein, ich werde mich hüten, alle Stationen zwischen den Regenschauern aufzuzählen. Sagen wir, zusammenfassend: so geht es von Grotto zu Grotto, bis nach S. Abbondio, und das liegt so wunderbar schön, und dort haben sie einen so gemütlichen Grotto und einen so vorzüglichen Nostrano – daß ich gerührt sitzen bleibe und mir vormache, es regnet auch noch den Rest des Tages.

Dieses glückliche S. Abbondio liegt auf einer Bergkuppe, hoch über der übrigen Landschaft, hoch über dem weiten See. Und sein Grotto ist sein ein und alles, seine einzige Weinschenke und sein Speisehaus, sein Gasthaus und das einzige Kaufmannsgeschäft am Orte. Und er ist überhaupt nicht zu verfehlen, der Grotto. Ich kann nicht dafür, aber er liegt direkt rechter Hand der untersten Stufe einer steilen Treppe, die hinauf zur Kirche, zum Friedhof und zum Himmel führt.

Am Eingang zum Grotto aber, auf eine große Mauer, da haben sie ein farbenfrohes und man kann schon sagen auch sonst sehr heiteres Fresko malen lassen. Moment mal, ich muß nur erst mein Pokälchen... so, Salute! Ausgezeichnet! Wirklich, der würzigste Nostrano, den ich getrunken habe. So was habe ich bisher noch nirgends im Tessin gefunden. Ein ziemlich gewichtiger, um nicht zu sagen schwerer Wein. Ganz dunkel, fast schwarzrot glühend. Und ein [100] Aroma – wie eine Gewürzhandlung. Er schmeckt nach, nach... das ist nicht so leicht zu bestimmen. Ich koste nochmal und nochmal. Und bei jeder Probe ergeben sich neue, leise Anklänge, neue Nuancen...

Ja, die Malerei also. Da haben sie sich das gesamte Paradies hinmalen lassen. Es ist eine grüne Wildnis, in der es von großen und kleinen Tieren wimmelt, die alle so fidel aussehen, als hätten sie ihr Leben lang nur von S. Abbondios Nostrano gelebt. Und das haben sie. Oder genauer gesagt, der Maler. Denn während er das Paradies schuf, verlangte er gratis Wein und trank und malte und malte und trank. Na, da haben wir die Schlange. Sie windet sich fett und träge und ist sichtlich desorientiert. Denn das mit dem Apfel klappt nicht. Da stimmt was nicht. Ganz gewiß gibt es auch Adam und Eva. Aber es ist ein Tessiner Adam und eine Tessiner Eva, obendrein von Gambarogno, von S. Abbondio. Und die beiden sitzen da, unbekümmert um Schlange, Apfel und den ganzen restlichen Kummer. Sie sitzen da und feiern den Sündenfall mit rotem Nostrano.

Das ist betörend.

Aber nach was schmeckt denn der Wein eigentlich? Ich kann es nicht... Mitten in meinen angestrengten Spekulationen erblicke ich auch hier, was ich in allen Weinschenken zwischen Magadino und S. Abbondio mit wachsendem Interesse beobachtete. Das erstaunliche Ideal männlichen Daseins, hier erlebe ich es wieder: der Mann, der endlich das Wort erobert hat und spricht. Um ihn herum der Kreis gespannter Zuhörer. Er kann unmöglich dabei sitzen bleiben, er springt auf, geht hin und her auf dem Steinfußboden, auf und ab, wirkungsvoll im Rhythmus der Kraft seiner Argumente. Er spricht mit dem Mund, den [101] Augen, den Schultern, Armen und Händen, mit dem ganzen Körper. Mit großartiger aristokratischer Geste läßt er ein paar Worte seitlich über die Schulter fallen. Jetzt ist er ein unabhängiger und freiheitsstolzer Mann, ein Fürst des Gambarogno, der es den anderen ordentlich gibt. Er wendet sich plötzlich um, dreht sich, spuckt auf den Boden, verächtlich bis dort hinaus, fleht, ihn doch zu verstehen, bittet, droht schicksalsschwer. Die andern hören, sitzen und lauschen. Ab und zu feuern sie ihn mit Zurufen an, mit Einwänden, mit einem Brummen, Räuspern, Spucken, Schnaufen. Endlich, als Schlußeffekt: der Mann läßt sich krachend auf seinen Stuhl fallen. Bumm! Punkt. Er hat ihnen seine Meinung über die weltbewegenden politischen Ereignisse des Gambarogno gesagt. Ein anderer spricht, erst ein paar Bemerkungen, gedämpft, fühlt sich vor, dann wird er bestimmter, dann fängt er an mit den Armen zu fuchteln, erhebt sich langsam, die übrigen beständig im Auge behaltend, stolziert hin und... Und jetzt kommt das Großartige, das worauf es ankommt: jedesmal wenn der hitzig Debattierende einen Satz zu Ende gebracht hat, jedesmal wenn er ein Argument hingeknallt hat, dann fahren seine Hände wie ein Blitz zurück in die Hosentaschen oder in die Gesäßtaschen. Das unvermeidliche Resultat: alle diese Männer, selbst die mit den ganz neuen Hosen, haben total zerschlissene Seiten- und Gesäßtaschen!

Prachtvoll.

Der Wein? Ach so, der Nostrano, der schmeckt... ich weiß wirklich nicht. Ich koste und probiere und schmecke.

Aus einem Tag sind fünf Tage geworden. Gewiß, es regnete auch etwas dazwischen, zugegeben, und ich habe mich in dieser Zeit rege über die äußersten Winkel des [102] Gambarogno erkundigt, wo ich nun hin will, über das, was sozusagen hinter Gottes und des Gambarognos Rücken liegt, im ewigen Schweigen. Auch sonst habe ich mich ganz hübsch umgesehen, war nahe dabei, in einem Talgrunde die Ruine einer Wassermühle kaufen zu wollen, habe entdeckt, wo die Fotografin Angelica sich versteckt hält, und habe einem teuren Verleger in Wien geschrieben, wo er mich zu suchen hätte, falls ich im finstersten Innern des Gambarogno verschollen bleiben sollte. Denn Wien ist so schön weit weg. Es dauert lange, bis der mich mal in Wien vermißt. Und inzwischen kann ich es ungestört gut haben. Man kann also kaum sagen, daß ich geradezu untätig war, immerhin...

Immerhin sitze ich wahrhaftig nun schon den fünften Tag in diesem S. Abbondio und versuche herauszufinden. .. Übrigens ziehe ich jetzt weiter. Zu meiner großen Beruhigung ist mir nämlich eingefallen, welch zwingendes Argument ich besitze, um wieder nach S. Abbondio zu kommen. Wer läßt sich denn einen solchen Grund entgehen? Man wird sich doch nicht seine besten Argumente selber verderben und eingestehen, daß der Wein nach – da hatte ich es gerade! – nach was schmeckt er doch?

Nun ist es wieder weg. [103]


weiter

 

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