Manchmal ist uns das Schicksal gnädig gesinnt, und wir begegnen unseren Traumbildern in der Wirklichkeit. Da sitze ich nun auf meinem Traum von einem Balkon und denke an die langen Jahre des Unterwegsseins, in denen es sich ein paarmal meldete, dieses Gefühl: Hier, hier ist es, hier sollte man wohnen, dieses Haus wäre...

Es sprach nicht von Größe und Reichtum und Pracht zu mir. Kein Schloß, keine mächtigen Säle, keine pompöse Villa. Nein, das Verborgene, das halb Vergessene sprach zu mir. Da war auf einmal der zündende Funke, der sofort den Kontakt schloß: ich fühlte mich heimisch, ich war heimgekommen. Es war einfach da, so selbstverständlich, als ob es schon immer auf mich gewartet hätte Es schien in seiner Umgebung aufgewachsen zu sein wie die Bäume. Es gibt Häuser, die man sich nicht in eine andere Landschaft verpflanzt denken könnte. Sie gehören einfach da hin, wo sie sich finden. Nirgends sonstwo auf der Welt wären sie anzubringen oder zu finden.

Etwas altersgrau muß so ein Haus sein, gezeichnet von den Spuren der Zeit, durch den Umgang mit Generationen abgeschliffen, gebeizt von langer Berührung mit mancherlei menschlichen Wesen. So hat es im Laufe der Jahre sein bestimmtes, einmaliges Gesicht bekommen. Es prägte und [82] wurde geprägt, erhielt Charakter. Es ist irgendwie ein bißchen verfallen, ein wenig unordentlich, und hat diesen ehrwürdigen Hauch einer ziemlich unbestimmbaren Patina. Es darf nicht größer sein, als daß man es mit seiner Anwesenheit zu beleben vermag. Mit solchen etwas verbauten Räumen, deren Wände zu einem flüstern: Ach ja, danke, es ging, hier ist geboren und gestorben worden, hier haben sie gelebt, geliebt und gelitten – nun probier du es mal! Nachts träumt so ein Haus von seiner Vergangenheit, es streckt sich, es legt sich zurecht im unruhigen Schlaf, es knackt im Gebälk, es tickt, irgend was klappert und raschelt im Luftzug, es stöhnt bei schwerem Gewitter und ächzt im Sturm. So ein Haus sollte es sein.

Manchmal, im Laufe der Jährchen, packte es mich. Da war es plötzlich und sprach zu mir, und ich lauschte. Wir verstanden uns auf den ersten Blick. Einmal war es ein altes und ziemlich verschrumpeltes Haus, noch aus der spanischen Kolonial-Epoche, ganz von Blumen überhäuft, mit einem großen Patio, duftdurchtränkt, von wuchernden Gebüsch fast erstickt, mit bröckligem, sattelartig eingesunkenem Ziegeldach. Das stand bei dem mexikanischen Töpferdörfchen Tlaquepaque. Indianerinnen kamen auf bloßen Füßen lautlos zu seinem Brunnen, um in irdenen Krügen Wasser zu holen.

Ein andermal ein schmuckes, altersgebräuntes japanisches Holzhäuschen, reizend wie ein Spielzeug, mit Schiebetüren und Treppchen, wo man es absolut nicht erwartete. Von der Schlafmatte aus konnte man auf einen kleinen Gartenteich blicken und Goldfische füttern. Das lag hinter dem alten Fuchstempel, in dem abseitigen Küstendorf Anamori, am Rande des Stillen Ozeans. [83]

Und dann war es ein chinesischer Yamen, in Würde gealtert und von Familie zu Familie vererbt, und es hatte die bezauberndsten und verstecktesten Ausgänge und Türen zu unzähligen kleinen Höfen und Höfchen, in denen man sich wundervoll verirren und endlos verlaufen konnte. Das war in der Straße Pei Ho Yen, die verschlafen am Ufer eines Kanals liegt, in der schönsten Stadt der Welt, in Peking.

Und dann auf der Pityusen-Insel Ibiza, in San Miguel, wohin sich nur selten ein Fremder verirrt, auf einer schroffen Klippe aus vulkanischem Gestein, ein kühnes Haus mit einer Stirn von maurischer Großzügigkeit, den Blick erhaben über all den kleinlichen Kram des Alltags hinweg auf das Gestade des Mittelmeeres gerichtet.

Verliebt sah ich mir diese Häuser an. Und nachdem sie mich ein Weilchen beherbergt hatten, drückte ich ihr Bild mit der wehen Innigkeit des Abschiedsnehmenden an mein Herz – und zog weiter.

Vorbei.

Glaubte ich. Aber etwas blieb in mir haften, keimte und wuchs sich stark. Eine sehnsüchtige Vorstellung: das Wunschhaus.

Der Krieg gab mir anderes zu denken. Die Verleger und Redakteure auch. Wir wurden alle so nüchtern, so ernst und sachlich. Wir leben im Schatten der Atombombe, der Zwangsbestimmungen und der endlosen Konferenzen, die uns immer nervöser machen. Wir sind keine Kinder mehr, leider, unsere Phantasie wurde ausgezehrt, und der Weltkrieg hat alle unsere Sehnsüchte und Wünsche über den Haufen gerannt und unter Blut und Tränen verschüttet. Aus müden Augen blicken wir uns an, arm und hundetraurig. Unsere Träume endeten als lahme Krüppel. Seit lan-[84; Fotografie: Die beiden Brissago-Inseln]

Die beiden Brissago-Inseln - Foto: Jonny Rieger

gem sind unsere Wunschhäuser eingestürzt – Ruinen. Das Dasein schmeckt nach Ersatz.

So ist es doch.

Aber die Erde kümmert sich wenig darum, sie grünt ganz überschwänglich optimistisch, die Sonne strahlt heißeste Lebensbejahung aus, die Blumen feiern duftende Schönheitswettbewerbe, und es ist unwiderruflich Frühling.

So ist es doch auch!

Und ich habe wieder ein Wunschhaus gefunden. Und liebe es heißer und schmerzlicher als jemals eines der andern. Denn unser Leben geht nun mal heute vor sich, und die Vergangenheit... Sag mal, ist es eigentlich hier am Lago Maggiore immer so friedlich gewesen, wie es heute aussieht? Haben die es besser gehabt, sind die immer vor allem verschont geblieben?

Na also. Natürlich nicht, die haben auch ihren schweren Kummer gehabt. Diese Landschaft, diese Dörfer, diese Flecken, das war bereits zur Bronzezeit ein von ligurischen Stämmen besetztes Gebiet. Dann kamen, sahen und herrschten die keltischen Barbaren. Im ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung tauchten die Römer auf und verschwanden erst wieder im dritten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung. Ihre Wachttürme, ihre Straßen, ihre Gräber, sie liegen heute noch hier. Der lombardische Adel regierte mit harter Hand im dunklen Mittelalter, über das man so erstaunlich wenig weiß. Und Friedrich Barbarossa befaßte sich im 12. Jahrhundert mit diesem Landstrich. 1260 griffen die Comasker Locarno an und brandschatzten es... Nun liegt es dösig da unten in der Sonne. Von meinem Balkon kann ich es sehen, ohne mich vom Stuhl zu erheben...

1342 fuhr eine Mailänder Flotte den Lago Maggiore hin-[85]auf, um Locarno abermals zu vernichten... Die haben wirklich auch nichts zu lachen gehabt... 1512 wurde Locarno wieder belagert und ein Jahr später von den zwölf Schweizer Kantonen erobert. 1515 war die furchtbare Überschwemmungskatastrophe des Tessinflusses. Erhebliches Dunkel senkt sich über das schwarze 16. Jahrhundert und seine fanatischen Religionskämpfe. Dazu wütete die Pest und dezimierte die Bevölkerung... Du lieber Himmel, es fehlte auch hier ganz gewiß nicht an tückischen Heimsuchungen. Erst 1803 tritt dieser Landstrich zusammen mit dem übrigen Tessin als Kanton in die Eidgenossenschaft der Schweiz ein. Das alles hat diese lächelnde Landschaft über sich ergehen lassen müssen. Jetzt atmet sie Frieden. Es ist so still. Im Dickicht unter meinem Balkon singen die Zikaden ungestört. Einen Wasserweg von Locarno nach Venedig hatten sie schon vor Jahrhunderten geplant, entsinne ich mich in einer Geschichtsschreibung gelesen zu haben. Nicht übel, das gäbe eine großartige Kanoetour.

Mein Wunschhaus denkt sich seinen Teil: wenn man erst mal so viel durchgemacht hat wie ich... na, Schwamm drüber. Es steht felsenfest auf den Felsen. Und es ist anzunehmen, daß es das mindestens schon seit fünfhundert Jahren tut. Ein viertel Jahrhundert mehr oder weniger, scheint es nachsichtig zu denken, was macht mir das schon aus. Die Tage vergehen, verstreichen lautlos. Man vergißt den Kalender. Welche Ruhe. Kein Telephon, kein Radio, kein Grammophon, keine Autos, keine Weckeruhr, keine Türklingel, niemand kommt und stört, niemand übt auf einem Klavier. Zweimal, in den ersten Tagen, steig ich nach Brissago hinab und kaufte eine Zeitung, dann vergaß ich auch das. Die zweite liegt immer noch ungelesen da. Neuigkeit-[86; Zeichnung]

Foto: Friedrich Meinhard
en? Wie fern und unwirklich! Die Blätter der Lorbeerbäume klappern im Lufthauch. Die echten Kastanienwälder am Berghang setzen bald Früchte an. Die Magnolienbäume duften aus großen Alabasterblütenschalen. Das Haus träumt, ich auch. Der Efeu rankt sich, wie er es seit Jahrhunderten [87] für gut und richtig befindet. Alles geht seinen natürlichen Gang.

Die Eidechsen klettern an der unebenen Hauswand und an den armdicken Glyzinienranken herauf und sonnen sich auf meinem Balkon. Selten, selten mal kommt ein Fremder vorbei, der kopfschüttelnd erklärt: das wäre nichts für ihn, jedesmal unter Lebensgefahr über diese Treppen sein Zimmer zu erklettern, und überhaupt, ob ich mir darüber klar wäre, daß dieser ganze alte Zunder vielleicht jeden Augenblick vom Felsen abrutschen und ein paar hundert Meter den Abhang hinunterrollen könnte?

Ich nicke vergnügt und schweige mich aus.

Hier will ich ein Weilchen wohnen und mir das Tessin ansehen. Von hier starte ich meine Expeditionen, und nach hier werde ich beruhigt zurückkehren und – beinahe hätte ich gesagt, und meine Katzen streicheln. Denn natürlich sollte man eine Katze haben. Oder zwei, zwei Katzen müßten da sein. Lautlose Tiere, die ruhig und würdig abgemessen durch die Stille gleiten, schmiegsam und unhörbar. So ein bißchen seidenweiches Leben, das den Kopf hebt und aus grünlichen Augenspalten glitzert: Guten Abend, kommst du schon nach Hause? So ein Schatten, der einem aus dem Dunkel entgegen gegeistert kommt: Da bis du ja! So sollte es sein.

Unmerklich ergreife ich Besitz von meinem Wunschhaus, richte mich ein. Wie wäre es wenn – wenn das mein Haus wäre, wenn ich immer hier bleiben, hier wohnen könnte? In Gedanken schleppe ich Bücher und Bilder herbei, rücke Möbel herum... Nein, nicht hier, etwas mehr nach links in die Ecke mit dem Schreibtisch, weg vom Balkon, – sonst bekomme ich nie mehr eine Zeile fertig, sonst träume ich [88] immer nur in diese Landschaft hinein. Lieber noch ein Stückchen weiter, ja, da steht also der Tisch. Und drüben ein großes Regal mit Büchern. Hm. Die Wände sind weiß gekalkt. Die Deckenbalken sind aus dem Holz echter Kastanien und dunkelbraun, fast schwarz, sehr schön. Der Steinfußboden ist von einer wunderlich besoffenen Farbe, die zwischen Veilchenblau und Fliederlila schwankt und sich nicht richtig zu entscheiden vermag, was sie eigentlich sein will. Ich werde mir darüber nicht den Kopf zerbrechen, fällt mir gar nicht ein. Drüben in der Ecke soll ein niedriger Diwan stehen, mit einer Decke in kräftigen, klaren Farben, sehr breit, sehr einladend. Wen zu was einladend? Unterbrechen Sie mich nicht, Sie sehen doch, daß ich mit der Einrichtung meines Hauses – ja, m e i n e s, Sie Stiesel! – beschäftigt bin!

So, und nun die Bilder, streng im Stil, farbig wie Blumen, – japanische oder chinesische sollen da hängen. Und endlich so wenig Möbel wie möglich. Ein massives Schubfachmöbel, in dem viel Platz zum Herumwühlen ist. Und einen Schrank, in den sich alles hineinquetschen läßt, was man aus den Augen haben will. Für die kühle Jahreszeit einen dicken, weichen, warmen Teppich in heißglühenden Farben, Belutschistan. Und einen Lehnstuhl selbstverständlich, in dem es sich ruhen, lesen und entspannen läßt. Und auch, damit man weiß, wo man hin soll, wenn man von der Schreibmaschine wegläuft. Ein kleines Tischchen fehlt noch, zwischen Lehnstuhl und Diwan gerückt, über das hinweg man bei Kaffee oder Wein plaudern kann, – denn natürlich würde Ditte angerauscht kommen und... Nein, ich habe wirklich keine Zeit zu Erklärungen, ich richte mein Haus ein, jawohl! [89]

Auf die schwere Balkentür aber, da will ich einen Vers von Eugen Skasa-Weiß schreiben, von diesem Vagabund, der viel heiterer war und viel weniger hochtrabend als der säuerliche Herr Geheimrat Wolfgang. Und der Spruch lautet:

Es sollen Spinnen, Katzen, Kröten um mich sein
und du.
Der liebe Gott darf auch herein,
doch freilich nur so ab und zu.
Und überdies wird nachher viel erzählt.
Die Barschaft wird verfüttert.
Zudem: an langen Abenden ist's schön,
wenn man sich quält.
Die Viecher sich, und wir uns auch;
und selbst der liebe Gott wird manchmal sehr erbittert.
So muß es meistens sehr harmonisch sein,
mit Spinnen, Katzen, Kröten und mit dir –
(der liebe Gott darf ja bisweilen auch herein.)
Oh: komm zu mir!

Warum nicht?

Basta. So sieht es aus.

Gleich mal probieren: Da steige ich also die krumme Treppe hinauf Der große Schlüssel knirscht im Schloß. Die Balkentür kreischt passend schauerlich in den Angeln. Ich stecke ein Licht an, schiebe den Eisenbalken innen vor die Tür, sehe mich um. Da liegen meine beiden Katzen auf dem Diwan. Da sie an den Glyzinienstämmen rauf- und runterklettern und die Balkontüren immer weit offenstehen, können sie gehen und kommen wann es ihnen paßt. Da liegen sie, dekorativ und oberfaul, blinzeln mich aus ihren Onyxaugen weltweise an, spekulieren über ihre In-[90]karnationen, schnurren dabei wie tibetanische Gebetsmühlen, meditieren, und sind übrigens völlig gleichgültig gegenüber allem, was ich von ihnen denken mag. Wir respektieren uns gegenseitig sehr.

Ein Weilchen bleibe ich an der Balkontür stehen, konstatiere, daß der Schnee auf dem Gipfel des Monte Tamaro schon wieder etwas mehr eingeschrumpft ist und eine weiße Sommerabendwolke von Italien her ohne Paß über die Grenze gesegelt kommt.

Dann setze ich mich zur Schreibmaschine, spanne einen neuen, herrlich weißen Papierbogen ein und – stopfe mir besinnlich die Tabakspfeife.

Was kann ich hier alles schreiben! Meine allerschönsten Bücher. Das eine immer sonniger und menschenfreundlicher als das andere. Meine Verleger reiben sich schmunzelnd die Hände, ihre versteinerten Herzen schmelzen, und sie schicken mir unaufgefordert Vorschüsse. So was ist in der ganzen Literaturgeschichte noch nicht dagewesen. Ich werde ganz gerührt und sende ihnen in einem Anfall von übertriebenem Altruismus eine große Kiste dieser berühmten Brissago-Zigarren, die mit dem gelben Strohhalm durch den langen schrumpligen Tabaksleib. Gott behüte sie! – die Zigarren.

So wunderbar unbequem zu erreichen wohne ich, keiner kommt und plagt mich mit seinem Familienstreit oder seinen Ehescheidungsgeschichten. Keiner findet mich hier. Und wenn mich doch mal jemand aufstöbert, dann bleibt er mutlos unten stehen, sieht sich die halsbrecherischen Treppen aus sicherer Entfernung an, überlegt sich sein Vorhaben dreimal und denkt: Um Himmels willen, von da oben die Treppe runtergeschmissen werden? Danke, so viel [91] ist der Besuch nun auch nicht wert! Denkt's und dreht sich um.

Ich sehe ihn dahinziehen und atme erleichtert auf.

Ab und zu kommt mal ein guter Freund und bleibt ein paar Tage oder Wochen. Wir streifen zusammen in den einsamen Bergen herum, probieren den Wein der Grottos stiller Dörfer, in den abgelegensten Tälern. Wir ordnen wieder mal die neuesten Klatschgeschichten von Zürich bis Stockholm, wir lachen herzlich, trinken ruhig und regelmäßig, und wir – nein, die Literaturdiskussionen sparen wir uns. Es gibt ohnehin schon so viel Hoffnungsloses auf dieser armen Welt. Verschont mich mit den gutgemeinten Vorschlägen, was für Bücher ich nun wieder unbedingt gelesen haben muß, um mitreden zu können.

Liebe Freunde, ich verspüre keinen Bedarf, ich besitze nicht den sportlichen Ehrgeiz, durchaus überall mitreden zu müssen. Darf ich mich damit begnügen, ab und zu mal was Unpassendes dazwischen zu brabbeln?

Abends sitzen wir dann beschaulich mit einer pechschwarzen Brasil auf dem Balkon und fabulieren darüber, wer wohl hier »einst gewohnt habe«, und was hier so alles vor sich gegangen sein mag. Wir erfinden hübsche und noch hübschere und allerhübscheste und weniger hübsche und gar nicht mehr hübsche, aber sehr nette Geschichten. Wir dichten uns für ein paar hundert Jahre Generationen von Weinbauern und Wilderern, Madonnenmalern und Seepiraten, Schmugglern und Handwerkern zusammen und erfinden prachtvolle Ahnengalerien von märchenhaft schönen und märchenhaft schlimmen Mädchen und Frauen für sie. Wir beleben die Gegend mit Geistern und Gespenstern: »Da zischte das Berggespenst den Quellgeist [92] und den Waldgeist an: Einmal soll dieses Haus, dieses verschwundene Wunschhaus...«

»Hört doch auf damit, das mag ich nicht hören«, unterbricht uns Ditte, während sie von meinem Whiskyglas nippt, »jetzt werdet ihr gruselig kindisch, und ich will ins Bett. Gute Nacht!«

So gehen die Jahre. Ich werde eine Reihe merkwürdiger Bücher geschrieben haben. Meine Verleger werden sich die gepflegten grauen Bärte streicheln. Ein paarmal werde ich verreist sein, nach dem See Dangra Yum oder zum oberen Lauf des Song-ka, werde meine Freunde in ein paar Erdteilen wieder mal besucht haben und werde dabei nachsehen, was in Totonicapam und in Sonsonate los ist. Aber selbst in Tegucicalpa noch werde ich sitzen und plötzlich von einem wehmütigen Gefühl zerrissen werden. Still werde ich dann vor mich hinlächeln und sehnsüchtig ergriffen denken: Es mag ja hier ganz nett sein, aber – aber bald bin ich wieder am Lago Maggiore!

Das Wunschhaus wird immer warten, wird immer bereitstehen, wird mich immer wieder liebevoll aufnehmen. Wenn es mir in der großen Welt zu kühl wird, wenn ich ernstlich mit der Literatur spaßen will – dann werde ich mich hierher zurückschleichen, werde meine krumme und halsbrecherische Treppe hinaufklettern, werde den breiten, schweren Eisenriegel vor die Tür schieben, mich an die offene Balkontür lehnen, meine müden Augen wieder im Liebreiz des Sees baden und auspusten: So!

Ach, ich weiß, ich weiß... Und mir wird ganz miserabel zumute, wenn ich an den Tag denke, an dem ich meine sieben Sachen zusammensuche, in den Koffer werfe, und von hier abhauen muß. So was dürfte nie aufhören – hat [93] mir mal ein Mädchen unter ganz bestimmten Umständen erklärt. Nicht so unrecht. Im Jammertal unserer Welt ist die Seligkeit immer nur kärglich kurz bemessen.

Zum Donnerwetter, gibt es denn keine Wunder mehr?

Wenn es eines Tages soweit ist, wenn ich endlich ziehen muß, dann werde ich mich noch zuletzt auf meinen Balkon begeben, um die ganze Offenbarung nochmal ins Herz zu schließen und flehentlich zu murmeln:

Oh, heiliger Nepomuk, du Schutzpatron der Wanderer und Scholaren, der fahrenden Sänger und der Heimatlosen, der Sehnsüchtigen und Liebenden – laß ein Wunder geschehen, schenk mir das Wunschhaus am Lago Maggiore.

Amen. [94]


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