MONTE VERITÀ
nun der ewige Berg des Tessins!

Die wohl vorläufig letzte Überraschung in der Geschichte des Berges erreicht mich in Form einer sachlichen Bekanntmachung der Tessiner Regierung: Baron Eduard von der Heydt hat – wie eine notarielle Urkunde vom 4. Januar 1956 bestätigt – sein Besitztum Monte Verita dem Kanton geschenkt.

Zu dieser großzügigen Geste, die den heiß umstrittenen Berg für alle Zukunft einem ungewissen Schicksal enthebt, seien einige Bemerkungen des Barons gefügt:

»Ich habe mir lediglich ausbedungen, daß ich zu meinen Lebzeiten die uneingeschränkte Verwaltung des Besitztums behalte. Nach außen wird sich gar nichts ändern, solange ich lebe, auch das Hotel wird weitergeführt. Der Zweck der Schenkung besteht darin, Monte Verita als kulturelles und künstlerisches Zentrum zu erhalten. Über die Ausgestaltung im einzelnen lasse ich dem Kanton freie Hand, da ich die Regierung nicht durch Bedingungen und Klauseln einengen wollte.«

Und damit schließt endlich der Kampf um diesen Berg, der siegte und sich für alle Zeiten seine geweihte Bestimmung sicherte. [76]

Das Orakel des Berges

Nur eine Viertelstunde von dem Hotel und seinem wohlgepflegten Park entfernt sieht die Welt des Monte Verita gänzlich anders aus. Ein fußbreiter Steg in der Wildnis, der schroff abfällt, sich wieder schräg aufwärts schlängelt, durch einen Dschungel von Bambus, vorbei an blühenden Mimosen und den geblichweiß leuchtenden Blüten der Lorbeerbäume. Steintreppen. Ein leeres Haus. Kein menschlicher Laut. Wieder schmale Treppen aus Felsgestein, aufwärts und abwärts und wieder aufwärts. Weiter, vorbei an einer mit fremdartigen, lilaroten Blumen überrankten Mauer. Ein alter Brunnenschacht, ein moosbewachsener weiblicher Torso aus müdem Stein, in trotzig verschlossener Haltung und mit dem Lächeln smaragdgrüner Brüste. Ein Pfad, der unter einer weinbewachsenen Pergola zu einem Platz mit einem Tisch aus rauhem Stein führt. Daneben eine Steinbank. Auf der Bank ein Mensch mit knisternd weißem Haar, das lang über Schulter und Nacken herabfällt. Eine alte Strickjacke und Kniehosen sind die Bekleidung. Die nackten Beine steckten in ausgetretenen Latschen. Und dieser Mensch sitzt da mit weit von sich gespreizten Beinen, schneidet sich seelenruhig einen Apfel durch, kaut wohlgefällig, spuckt die Reste aus.

Erst als ich direkt vor ihm stehe, hebt er langsam den Kopf, sieht mich bedächtig an. Aber welcher Blick! Aus dem greisen Gesicht leuchten die klaren, festen und springlebendigen Augen eines jungen Mannes.

»Guten Tag, Carlo, es freut mich, dich wieder zu sehen.«

Carlo Vester reicht mir die Hand, heißt mich willkom-[77; Zeichnung]

Zeichnung: Friedrich Meinhard

men, nicht freundlich und bietet mir so selbstverständlich einen Platz auf der großen Steinbank an, als ob wir uns jeden Tag träfen. Dabei ist es eine kleine Ewigkeit her, seitdem wir uns sahen. [78]

»Einen Augenblick, ich hole nur den Wein und das Brot«, sagt er und schon ist er weg, behändig wie ein Junge.

Es ist nicht Wein und Brot, es ist der Wein und das Brot. Der Wein ist sein eigener, das Brot bäckt er selbst. Der alte, unverwüstliche Carlo Vester, der letzte wirkliche Naturmensch, der letzte Pionier des Monte Verita, der Veteran, der sie alle zusammen überlebte. Alles hat er miterlebt, die ganze Geschichte des Berges. Nun ist er selbst ein Stück Geschichte geworden. Seine zerfurchten Gesichtszüge sind wie aus der Felsenwand des Berges gehauen.

Wir trinken seinen roten Wein und ich frage geradezu: Monte Verita, der Hotelbetrieb?

»Ist den Wenigen nun vorbehalten, die es sich leisten können, von fünfundzwanzig Schweizer Franken aufwärts pro Tag dafür zu bezahlen. Man kann es auch für fünfzig bekommen. Wie man will, es steht einem ja frei«, antwortet er.

Und Baron von der Heydt?

»Er hat doch sein Werk vollbracht, großartig, – großartig schöne Kulissen.« Vester macht eine Pause, bekommt ein schelmisches Leuchten in den Augen. »Oder auch der Fluch des Geldes, wie es einem behagt.«

Und wie steht es mit dem Kulturleben auf dem Monte Verita?

»Kuultuur?« wiederholt Vester und wiegt das Wort auf der Zunge. »Es gibt ja keine mehr, es ist keine Kultur mehr übrig, weder hier auf dem Berg noch in Europa. Die ist kaputtgeschlagen, und die Reste sind schon lange aufgebraucht. Wer hat denn die überschüssige Kraft dazu, neue Kultur zu schaffen?« Er steckt sich eine lange Brissago-Zigarre an. »Asien! Vielleicht Asien, sicher Asien. Von dort [79] wird es kommen. Von China! Die Welt wird mit China rechnen müssen. Vielleicht nur ein halbes Jahrhundert, dann wird man etwas zu sehen bekommen. Es wendet sich jetzt – zum Besseren, zum Positiven, es geht wieder aufwärts. Noch in unserer Zeit, in diesem halben Jahrhundert.«

Das Orakel des Berges der Wahrheit spricht.

Und ich frage nach der Wahrheit des Berges.

»Frage, und du bekommst vielleicht eine Antwort«, sagt Carlo Vester darauf gemütlich lächelnd. »Frage nicht, und du findest die Antwort. Darum schweig!«

Über ein halbes Jahrhundert brauchte das Himmelsstürmertum des Monte Verita um die Wahrheit zu erkennen: das Ziel liegt nicht darin, die ganze Welt umkrempeln zu wollen, sondern darin, sich sein Herz zu bewahren und Frieden mit sich selbst und seiner Umwelt schließen zu können.

Das ist die alte Wahrheit, die der eingesessenen Tessiner Bevölkerung schon immer bekannt war und nach der sie immer gelebt hat. Der Ring aller Lebensweisheit hat sich geschlossen, und es kann wieder von vorn beginnen.

Das Tessin ist und bleibt ein barockes Land.

Tief unter mir liegt Ascona. Dort kann man sie allezusammen heute noch treffen, sie sind immer noch hier, nur in einer neuen Ausgabe, eine neue Generation in Zellophanpackung: Psychoanalyseapostel und Astrologiepropheten, Astralbräute und Gemüsefanatiker, Dollarsucher und Picassoepigonen, und die ewige Prozession hysterischer Edelnymphen. Dort unten sitzen sie immer noch.

Beruhigt kann ich meines Weges ziehen, das Orakel des Monte Verita antwortete mir: Es ist nicht zu befürchten, daß sich vorläufig hier etwas ändern wird! [80]

Bei der Wegkapelle mit dem alten, geheimnisvollen Bilde der Madonna Nera, der Schwarzen Madonna, pflücke ich einen Zweig sprühend roter Blumen und lege sie der Madonna zu Füßen. Ob man eine schwarze Madonna zum Erröten bringen kann?

Ich bekomme ein dunkles Lächeln geschenkt und mache mich fort zu meinem Balkon der Wahrheit. [81]


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