Resignation auf Herbstchrysanthemen

Er liegt immer noch da, der Berg mit dieser verzauberten und bezaubernden Aussicht und mit dieser Stimmung, der sich keiner zu entziehen vermag. Die schimmernde Fläche des Sees, die Wucht der Berge, und die fast tropische Vegetation des durch die Alpenkette vor allen rauhen Winden abgeschirmten 46. Breitengrades. Und mitten auf dem Berg das Hotel, offen für Licht und Luft, durchleuchtet von Sonne. Aus hellem Beton und Glas, Nickel und Edelhölzern, mit kostbaren Teppichen und den ausgesuchtesten Kunstwerken aller Zeiten.

An einem bescheidenen Eckplatz des Restaurants sitzt mir gegenüber ein sonnengebräunter Mann in eleganter Kleidung, mit untadelig gebundenem Schlips. Er trinkt Mokka und raucht Zigaretten. Er macht einen tief in sich selbst ruhenden, behaglich harmonischen Eindruck. Die Nervosität der großen unruhigen Welt scheint ihm nichts anhaben zu können. Sein Blick ist offen, mild und sicher.

Es ist Dr. Eduard Freiherr von der Heydt, der Besitzer des Monte Verita. »Der Baron« sagen die Leute, wenn sie von ihm sprechen. Sein zuweilen etwas müdes Lächeln erinnert an den Zug weiser Nachsicht im Antlitz buddhistischer Skulpturen. Wenn er sich auf seinem Stuhl etwas vorbeugt, kann ich etwas von dem Kissen aus feinem asiatischem Seidenbrokat sehen, auf dem er sitzt. Er sieht sehr spannend aus.

Wir sprechen von den vergangenen zwei Jahrzehnten, über den Zweiten Weltkrieg, über geschlossene Grenzen, unbehagliche Auswirkungen in der Schweiz, über die jetzige [73] allgemeine Unsicherheit, und eine darauf zurückzuführende stillere Periode des Berges. Der Baron ist während des Krieges Schweizer Staatsbürger geworden. Den bedeutendsten Teil seiner Kunstsammlungen schenkte er dem Museum der Stadt Zürich. Wir kommen auf jene Generation von Liebhabern des Berges zu sprechen, die am Aussterben ist, die in einem chaotischen Europa ihr Leben lassen mußte, die auf der Flucht oder im Exil Selbstmord beging, die über den ganzen Erdball verstreut wurde.

Das Gesicht des Barons bekommt einen versonnenen Ausdruck. Sein Blick scheint Erinnerungen zu streifen, verweilt in Gedanken an Vergangenem, und gleitet wieder in die Gegenwart zurück.

»Wünschen Sie ein Glas Kognak zum Kaffee?« sagt er halblaut und um von etwas anderem zu sprechen.

Er erzählt, daß er jetzt den gesamten Betrieb des Berges verpachtet hat. Damit ist er sozusagen ein Gast in seinem eigenen Heim geworden. Dann kommen wir auf Skandinavien zu sprechen, das er liebt. Wir amüsieren uns über eine skandinavische Pressenotiz die >>etwas voreilig<<, wie er es bezeichnet, die Nachricht von seinem Tode brachte. Und dann frage ich nach dem Schicksal des berühmten roten Tessiner Sonnenschirms. Darauf erzählt der Baron von seiner langwierigen Krankheitsperiode, die ihn schließlich zwang das Lufthemd abzulegen, und damit auch den Sonnenschirm, und sich wieder an bürgerliche Kleidung zu gewöhnen.

Und der Monte Verita?

»...eine Zufluchtsstätte für Menschen, die Ruhe und Frieden suchen... nein, hier werden wohl keine größeren Veränderungen mehr geschehen...« [74]

Es ist, als wollte er noch etwas hinzufügen, aber er schweigt.

Mein Blick fällt auf die kostbare Umgebung. Die Sonne spiegelt sich in dem goldrandigen Kognakglas, auf dem das Emblem des Monte Verita, eine Palme und einige Bergkonturen, in Gold glänzt. Einen Moment streifen meine Gedanken die »Langhaarigen« und die »Nackten«, die sich hier einst mühten, unter primitivsten Verhältnissen, und anspruchslos lebten, darauf bedacht, die Wahrheit zu finden und sie der Menschheit mitzuteilen.

Auf dem fein registrierenden Gesicht des Barons zeichnet sich die Andeutung eines resignierenden Lächelns ab.

»Der alte Geist ist immer noch da«, sagt er still, »aber wenn man selbst nicht mehr mit gutem Beispiel vorangehen kann...«

Sein Blick umfaßt die herrlichen Kunstwerke an den Wänden. Seine tiefste und innigste Botschaft, die Signatur der Seele aller Zeiten und aller Völker, der mit Inbrunst, Liebe und Leidenschaft um letzte, ewig gültige Klarheit ringenden Seele.

Hat man die Flammenschrift an seinen Wänden gelesen und zu deuten vermocht, hat man ihn verstanden? Ist man sich darüber klar geworden, was von der Heydt eigentlich gegeben hat?

Schweigend nimmt der Berg eines weisen Mannes edle Resignation zur Kenntnis.

Wir erheben uns von den Stühlen, und jetzt kann ich das asiatische Brokatkissen in all seiner Herrlichkeit sehen: Schmetterlinge und Chrysanthemen – die uralten östlichen Symbole des Traumes und der himmlischen Erhabenheit, strahlend wie des Herbstes goldener Tau, leuchtend wie das milde Silberlicht des Herbstmondes. [75]

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