Zu meinem Besitztum hat jeder Zutritt!

Der Ruf nach der Wahrheit verstummte. Der Monte Verita sah wechselnde Pächter und wurde zum Verkauf ausgeboten. Es wurde öde und leer. Der Park wuchs zum [70] Dschungel. Carlo Vester hatte die Aufsicht über dieses verwildernde Terrain bekommen, das langsam verfiel und doch immer gleich zauberhaft schön blieb.

Einige Besitzer versuchten es auf kürzere Dauer mit dem unregierbaren Berg. Sie kamen und verschwanden. Dann begegnete Baron von der Heydt seinem Schicksal. Er bekam ein Angebot, den Monte Verita zu kaufen. Er wollte nicht. Aber er kannte den Berg, und die Erinnerung suchte ihn heim. Vielleicht versuchte er sich zu einem Nein zu überlisten, als er endlich die Hälfte der geforderten Kaufsumme bot. Zu seiner Überraschung erfuhr er eines Tages, daß er Besitzer des Monte Verita geworden war. Sein Angebot wurde angenommen: 160 000 Schweizer Franken, einschließlich Inventar. Das geschah im Februar 1926.

Der verödete Berg erwachte zu einem neuen Dasein. Die alten Dogmen fielen, alles wurde so liebenswürdig frei. Das neue Leben begann nicht mit festgemauerten Grundsätzen, sondern mit harmonischen Betrachtungen: Wie lassen sich alle modernen Bequemlichkeiten am besten mit ausgesuchter Schönheit und träumendem Frieden vereinen? Warum soll es für alle nur eine einzige Möglichkeit zur Erlangung von Gesundheit und neuer Lebenskraft geben? Wer ein gutes Beispiel braucht, der nehme sich eins!

Wie ein Tessiner Gandhi, mager und von der Sonne dunkelbraun gebrannt, nur mit kurzen weißen Shorts bekleidet und dem lose herabhängenden Lufthemd ohne Kragen und Ärmel, so bewegte der Baron sich nun ungezwungen zwischen seinen Gästen. Seine nackten Füße steckten in Sandalen und in der Hand hielt er den traditionellen, roten Tessiner Sonnenschirm. Gern wollte er seinen Gästen ein Vorbild sein, nie aber sich als Vorbild aufdrängen.[71]

So begann die Aera von der Heydt auf der Akropolis von Ascona.

Der Baron war eine international bekannte Persönlichkeit, seine einzigartigen Sammlungen asiatischer Kunst genossen Weltruf. Nun verwandelte er den Monte Verita zu einer Stätte auserlesener Kunstwerke. Im Park wurden Statuen aufgestellt, diskret, niemals das Landschaftsbild störend, nie prahlend. Alle Zimmer, Korridore, Hallen des Sanatoriums und der umliegenden kleinen Häuser wurden mit asiatischen sowie europäischen und afrikanischen Skulpturen und Malereien geschmückt. Unermeßliche Werte standen da in aller Öffentlichkeit. Und es ging, es ging gut. Sie wurden geachtet und geschätzt, und vor allem respektiert. Weder nennenswerte Beschädigungen noch Diebstähle kamen vor. Vielleicht -- weil es im Tessin war, und auf dem Monte Verita? Man wagt sich dieses Experiment kaum an jedem beliebigen Ort wiederholt vorzustellen. Etwas sträubt sich in einem bei dem Gedanken, Kunstwerke von Weltformat, die seltensten Schätze, draußen in unbewachten Parks oder in offen zugänglichen Gebäuden auszustellen und zu sagen: »Bitte, zu meinem Besitztum hat jeder Zutritt!« Von der Heydt wagte es zu tun.

Stimmte das wirklich? Wieder lauschte die Welt. Europas Kunstfreunde kamen zum Monte Verita gepilgert und sahen. Es stimmte!

Der Berg der Wahrheit wurde ein ungezwungenes Paradies für Erholungsuchende, ein Symbol für Frieden, Geist und Schönheit, ein Mekka der Kunst-Enthusiasten. [72]


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