Ein anständiger Mensch besitzt kein Geld!

Nirgends in Europa schien die Luft so mit Spannung geladen zu sein wie auf dem Monte Verita. Nur die wirtschaftlichen Verhältnisse gerieten nun völlig ins Stocken. Ganz gewiß ließ es sich hier immer noch unglaublich billig leben, und die durchschnittliche Auffassung war geprägt von dem Schlagwort: »Ein anständiger Mensch besitzt kein [65] Geld!« Doch Oedenkovens sehr vermögende aber über dieses Experiment entsetzte Familie, die den einen großen Geldzuschuß nach dem andern im Nichts verschwinden sah, dachte entschieden anders darüber.

Verständlich, wenn man bedenkt, daß Ida Hofmann und Oedenkoven ihr ganzes Vermögen der Idee geopfert hatten. Mit dem, was sie besaßen, hätten sie sich zurückziehen und den Rest ihres Lebens ein Idealdasein führen können. Aber sie waren bestrebt, auch anderen Menschen glücklichere Bedingungen zu schaffen. Die Enttäuschungen wurden grenzenlos.

Vielleicht war es der schwerste Schlag, als sie einsehen mußten, daß die strengen vegetarischen Prinzipien des Sanatoriums viele zahlende Gäste abschreckten. Nun hatten sie die kostbaren Anlagen für elektrische Beleuchtung durchgeführt, hatten das Luft- und Sonnenbad ausgebaut, für Wasser, Zentralheizung und viele andere Bequemlichkeiten gesorgt, neue Umbauten und Zubauten entstehen lassen. Neue Reklamebroschüren waren ausgesandt. Sie hatten sich von der irrationellen, weltanschaulich betonten Verwaltung auf eine rationell betonte und zu vielen Konzessionen bereite Verwaltung umstellen müssen. Nichts schien zu helfen. Sie revidierten nochmals die strengen Vorschriften. Immer noch waren Butter, Kochsalz, Käse, Eier, streng verpönt, und jeglicher Genuß von Tabak, Fleisch, Alkohol und Kaffee grundsätzlich untersagt. Aber sie entschlossen sich nun, Kartoffeln, Blumenkohl, Spargel und Bohnen in den Kostplan einzubeziehen, und sie gestatteten den Gebrauch von Kokos- und Haselnußfett. Doch das große Fiasko war da und wollte nicht mehr weichen.

Es schlug 1914. Der Weltkrieg warf seinen Schatten über [66] den Berg und jegliches Interesse erlahmte. Bitter enttäuscht mußte man erkennen, daß die Menschheit sich von dem Evangelium des Vegetabilismus nicht erlösen lassen wollte oder konnte.

Und 1917 begrub Oedenkoven die letzten Illusionen. Er gab seine Zustimmung, daß im Sanatorium Fleisch gegessen werden durfte und die Reformkleidung nicht mehr obligatorisch war.

Es schien, als hätten sich alle dunklen Mächte verschworen, um Oedenkovens Werk heimzusuchen, zu beschmutzen und zu vernichten. Nichts sollte ihm erspart bleiben. Der Untergang schien unaufhaltbar, als ein Herr Theodor Reuß aus England auftauchte, sich als Großmeister mehrerer Londoner Freimaurerlogen ausgab und angeblich mit Rudolf Steiner eng befreundet war. Oedenkoven wurde mißtrauisch, er hielt von all diesen religiösen Kreisen nichts. Aber jede Aussicht, sein Unternehmen zu retten, war ihm jetzt willkommen. Und der Magier Reuß machte seinen suggestiven Einfluß geltend, entwickelte phantastische Pläne und versprach dem Monte Verita unbegrenzte Geldmittel. Oedenkoven überlegte lange, unbehaglich berührt. Er schwankte, er zögerte, aber es gab wohl keine andere Wahl mehr für ihn. Vielleicht hoffte er immer noch auf ein Wunder.

Und er erlebte sein blauestes Wunder.

Reuß gründete mit Oedenkovens Erlaubnis auf dem Berg den OTO, den Ordenstempel des Ostens. Was der Sinn, Zweck und das Ziel dieses Ordens sein sollte, hat nie jemand erfahren. Es gab keine Erklärungen. Bedingungsloser Glaube und restlose Hingabe wurde gefordert. Alles verblieb ein tiefes Mysterium, hinter dem sich eine zynische [67] Geschäftigkeit verbarg, das schmutzige Spiel eines durchtriebenen Hochstaplers.

Alles wurde jetzt mit Geheimnissen umgeben, in magisches Dunkel gehüllt. Mystische Feste und Feierlichkeiten wurden arrangiert. Mary Wigman und Laban mit seinen Schülern traten bei nächtlichen Tanzvorführungen auf, beteiligten sich an Fackeltänzen im Freien und an undurchsichtigen Zeremonien.

Es wurde immer wilder. Den Brüdern und Schwestern des Ordens wurden religiöse Räusche in Aussicht gestellt, Andeutungen erotischer Art und wüster Orgien wurden gemacht. Reuß brauchte alle Mittel, weckte die schamlosesten Gelüste, brauchte alle verlockenden Möglichkeiten, um die Phantasie zu erhitzen, schwüle Stimmungen zu erzeugen und alles in den Nebeldunst des Geheimnisvollen zu verschleiern. Geschäftstüchtige Mitglieder des Ordens warben vermögende Leute und veranlaßten sie zu großen Geldspenden. Liebesbeziehungen und erotische Verbindungen wurden im Namen des Ordens aufgenommen und geschäftlich ausgenützt. Das war geradezu eine Forderung, die den Brüdern und Schwestern der höheren Grade gestellt wurde. Der Gottesgesandte Reuß führte sie dabei an. Die Frauen verfielen seinem dämonischen Reiz. Sie umschwärmten ihn. Alle wollten ihn haben. Und er nahm sie alle.

Ida Hofmann hatte früher schon deutliche Tendenzen geäußert, den Vegetarismus als eine Art Religion zu betrachten. Nun hatte sie sich offen den Okkultisten und Theosophen zugewandt. Abermals enttäuscht, stand Oedenkoven allein. Doch der Berg schien nicht gewillt zu sein, für ihn Gnade walten zu lassen. Ein junges Mädchen, mit dem sich Oedenkoven nun anfreundete, beging plötzlich [68] Selbstmord. Einige Zeit später lernte er eine Engländerin kennen. Die Zuneigung war gegenseitig und stark, aber die Engländerin Isabella war nicht zu einer freien Ehe zu bewegen. Der vielgeprüfte Oedenkoven steckte auch diese Niederlage ein und ließ sich in aller Stille standesamtlich trauen. Als aber seine Frau Isabella sich auch als eine fanatische Verehrerin des gottgesandten Hochstaplers Reuß entpuppte, und der Berg der Wahrheit zum Berg des Irrsinns gemacht worden war, wurde der gute Oedenkoven doch vom Zorn gepackt. Er räumte gehörig auf und jagte den Gesandten Gottes samt Orden zum Teufel.

Die frechste Scharlatanerie auf dem Monte Verita war beendet. Man versuchte sich wieder zu sammeln und zu sich zu kommen. Doch ein weiterer Selbstmord war nicht gerade geeignet, den in Verruf geratenen Berg in ein besseres Licht zu rücken.

Wenn auch im Laufe der Zeit wieder berühmte Maler, Dichter, Tänzer und Musiker den Monte Verita besuchten, die richtige Stimmung wollte nicht mehr aufkommen, – die Überzeugung fehlte. Es war zu viel kaputtgegangen.

»Die ethischen Wegelagerer«, wie Erich Mühsam einmal die zweifelhaften Elemente des Berges genannt hatte, gewannen nun am Rande des Zusammenbruchs die Oberhand und zogen viele andere mit sich. Aberglauben und Gespensterkult blühten. Die Inkarnations-Theorie war nun die große Mode. Ein jeder versuchte den anderen zu übertrumpfen. Sie wetteiferten in krankhaften Übertreibungen und überspannten Besessenheit. Alle waren auf einmal in einem früheren Leben weltberühmte Dichter, Könige, Hetären und Weise gewesen. Nur der aufrichtige Carlo Vester erzählte mit leiser Ironie und mit seinem herzlichsten Lä-[69]cheln, daß er leider in seinem früheren Dasein nur ein einfacher Galeerensträfling gewesen sei, der sich auf dem Lago Maggiore zu Tode gerudert hätte.

Das tollwütige Irrenhaus hatte sich zu einem Tummelplatz lallender Narren verwandelt.

Endlich gab Oedenkoven auf.

Dieser unbändige Berg wollte sich nicht regieren lassen. Im Januar 1920 verließ Oedenkoven zusammen mit seiner Frau Isabella und der kameradschaftlich zu ihnen haltenden Ida Hofmann für immer den Monte Verita und zog nach Brasilien. In Brasilien gründete er eine neue Kolonie, die heute noch in Catalao bestehen soll. Und wenn sie nicht gestorben sind... Sie sind, sie verblieben in Brasilien.

Mit der Götterdämmerung auf dem Monte Verita war es vorbei. Der Berg hatte einen Ausschnitt des Besten und des Schlimmsten erlebt, was die Menschheit hervorzubringen vermag – Genie und Wahn, Beglückte und Selbstmörder, tiefste Aufrichtigkeit und plattesten Schwindel, Fleiß und Faulheit, Kameradschaft und Egoismus, alle Hoffnungen und alle Enttäuschungen mußten über ihn hingehen.

Die Geschichte der Kindheit und Jugend, der Sturm- und Drangjahre des Berges der Wahrheit war abgeschlossen.
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