Der Monte Verità ruft Europa

So unfaßbar es klingt, Oedenkoven schuf inmitten dieses siedenden Hexenkessels einen mustergültigen Sanatoriumsbetrieb mit verblüffend hohem Niveau. Er hatte seinen ausführlichen Reklame-Prospekt »Provisorische Statuten der Vegetabilischen Gesellschaft des Monte Verita« ausgesandt, und Ida Hofmann konstatierte:

»Das gesamte Leben auf Monte Verita nimmt einen merklichen Aufschwung. Die gesamten Bedingungen für Beteiligte und Mitarbeiter am Unternehmen des Monte Verita sind festgesetzt, und die unablässig einlaufenden [63] Anfragen beweisen das vorhandene Bedürfnis nach veränderten Lebensbedingungen. Der Besuch unserer Anstalt von heilungsuchenden Kranken, Pensionsgästen und Besuchern wird stabiler; Pirzte bilden darunter einen großen Prozentsatz. Henris angeborene Heilgabe hat die günstigsten Erfolge aufzuweisen. – Der Monte Verita ist keine Naturheilanstalt im gewöhnlichen Sinne, sondern vielmehr eine Schule für höheres Leben, eine Stätte für Entwicklung und Sammlung erweiterter Erkenntnisse und erweiterten Bewußtseins, befruchtet vom Sonnenstrahl des Allwillens, der sich in uns offenbart – vielleicht ein Hort für spätere Zeiten, wenn der Kontrast zwischen Idealismus und Materialismus, zwischen Freund und Feind, zwischen gesundem und krankem Leben, zwischen Lüge und Wahrheit oder Gut und Böse zu groß geworden ist, und der Kampf ums Dasein entweder Untergang oder Rettung erheischt.«

Tatsächlich wurde der Berg in jenen Jahren ein geistiges Zentrum, zu dem die Welt draußen mit gewisser Spannung hinsah. Vertreter des fortschrittlichen europäischen Geisteslebens trafen sich nun hier. Die Stimmen vom Berge gaben ein Echo über ganz Europa. Die kulturellen Bestrebungen und Veranstaltungen auf dem Monte Verita fingen nun an, in die Welt hinauszudringen, und übten eine überraschende Anziehungskraft aus.

Die interessante Atmosphäre zog bedeutende Künstler und Wissenschaftler, Revolutionäre, Rebellen und Politiker zum Berg der Wahrheit. Unzählig sind die Namen, unmöglich sie alle zu nennen. Aber wer hätte je geglaubt Bakunin und Krapotkin, Lenin und Trotzki auf dem Monte Verita anzutreffen? Hierher kamen Leoncavallo, Dr. Rudolf Steiner, Emil Ludwig, Erich Mühsam, die Gräfin Reventlow, [64] Arthur Segal, Mary Wigman und der Tänzer Rudolf Laban, Leonhard Frank, Else Lasker-Schüler, Stephan George und Klabund, Paul Klee, Isidora Duncan und Hermann Hesse. Und in späterer Zeit kamen George Kolbe und Victor Adler, Max Piccard, Ernst Toller, die Tänzerin Trümpy, Henri van de Velde, Edwin Fischer, Gustav Stresemann, Alfred Flechtheim und viele, viele andere. Sie alle verbrachten eine Zeit hier, oder sogar ganze Abschnitte ihres Lebens.

Gleichzeitig trafen Ärzte aus den verschiedensten Ländern ein und viele, die an sozialen Experimenten interessiert waren, kamen, um die kooperative Verwaltung des Berges zu studieren und zu diskutieren. Einer der Väter des Sozialismus, der alte August Bebel, kam um zu sehen und Vorträge zu halten.

Es war eine blühende Zeit, positiv und lebendig, in der alle denkbaren und undenkbaren Formen des Geistes- und Seelenlebens ihre große Erneuerung feierten.

Wahrlich, der Berg war geduldig. Er ertrug alles mit der milden Erhabenheit eines Weisen – und dachte sich seinen Teil.

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