Träumer und Spekulanten

Am Fuße des Monte Verita liegt in einer sonnigen Bucht des Lago Maggiore das romantische Ascona. Die Künstler aller Länder haben es wegen seiner idyllischen Lage und wegen seiner anziehenden Atmosphäre heimgesucht und zum Athen des Tessin erkoren – mit der Akropolis des Monte Verita. Worauf sich die wimmelnden Scharen der Mitläufer, der Sensationslüsternen und schließlich der Mondänen auf das arme Ascona stürzten, es übervölkerten und flach traten.

Gewiß, noch immer hat Ascona seine Reize, wenn man sich [54] Mühe gibt und sie zu finden weiß. Zu jener Zeit aber, als die Geschichte des Monte Verita begann, war Ascona ein ziemlich unbekanntes Fischerdörfchen. Die Bewohner standen dem merkwürdigen neuen Treiben auf dem Berge zwar fremd und mit Erstaunen, aber keinesfalls feindlich gegenüber.

Man kann sich das vorstellen. In dieser unberührten Umgebung bildete sich nun ein phantastischer Mittelpunkt von energischer Arbeit und kindlichen Spielen, von Frömmigkeit und hohem Streben und verlorener Romantik, von Begeisterung und Phantasterei, von Hochstapelei und Enthaltsamkeit, von Schaffensdrang und Abtrünnigkeit. Mit einer magnetischen Anziehungskraft für Träumer und Spekulanten, die wieder und wieder ihre Niederlagen erlitten. Gewiß gab es viele Möglichkeiten für dreiste Spekulationen, und es blieb wohl auch keine unbenutzt, aber dem Ganzen lag doch eine tiefe und ernste Idee zugrunde, die sich immer wieder zu behaupten wußte.

Der Kern der Gemeinschaft, Henri Oedenkoven und Ida Hofmann, die rebellische Bürgermeisterstochter Lotte Hattemacher, sowie Idas schwermütige Schwester Jenny, eine Lehrerin, und der individualanarchistische Offizier Gräser, hatten ein großes Gebiet des Berges käuflich erworben und mit einem Kreis von Anhängern eine rege Kolonisationsarbeit geleistet. Sie hatten Häuser errichtet und die brauchbaren Gebiete des größtenteils felsigen Bodens urbar gemacht.

Ida Hofmann skizziert in ihren Memoiren Oedenkovens vorläufiges Programm: »Sein Gedanke ist, mit Zuhilfenahme von Kapitalien als augenblicklich größtem Machtmittel, dem Kapitalismus mit allen seinen sozialen Folge-[55]übeln entgegenzutreten. Späteren Geschlechtern ist es vorbehalten, denselben gleichzeitig mit Steigerung der allgemeinen Sittlichkeit ganz zu bekämpfen. Henris vorläufiges Unternehmen gipfelt in der Gründung einer Naturheilanstalt für solche Menschen, die in Befolgung einfacher und natürlicher Lebensweise entweder vorübergehend Erholung oder durch dauernden Aufenthalt Genesung finden und sich in Wort und Tat seinen Ideen, seinem Wirken anschließen wollen.«

In der Praxis zeigten sich sehr bald die ersten Brüche. Der ehemalige Oberleutnant Gräser entwickelte querulantische und egoistische Tendenzen und vertrat standhaft seine verschrobenen Ideen von der konsequenten Ablehnung jeglicher Kultur und Technik zur Erlösung der Welt und des einzelnen. Der mehr sachliche Oedenkoven forderte alle Mittel im Dienste der natürlichen Lebensweise. Bald konnten sie sich nicht mehr riechen, und der fanatische Offizier zog mit Jenny Hofmann, die unterdessen seine Frau geworden war, davon und siedelte sich in der Nachbarschaft an, um seine Form der Erlösung zu pflegen.

Auch Ida und Henri hatten inzwischen ihre freie Ehe verkündet. Ein anderer Mitarbeiter, ein tüchtiger Handwerker, der kaum in diesem Kreis unpraktischer Menschen zu entbehren war, verliebte sich gleichzeitig so sehr in drei Mädchen, daß er es vorzog, allein nach Amerika auszuwandern und dort seine Ideen zu verwirklichen. Aber schon in Neapel wurde der liebeserschrockene Mann auf Grund mangelhafter Papiere verhaftet, erkrankte in der Haft und starb in der Gefängniszelle.

Neue Mitarbeiter kamen und gingen. Sie tauchten aus allen Ländern Europas auf, und aus allen Gesellschafts-[56]schichten. Ein Gutsbesitzer wurde wegen seiner gar zu engherzigen theosophischen Ansichten freundschaftlich ausrangiert und abgeschoben. Während eine russische Studentin und eine tüchtige Prostituierte aus Zürich vor der Strenge und wohl auch Schwäche des beschließenden Tribunals Gnade fanden.

Ida Hofmann schreibt über jene Zeit: »Die Vereinigung so vieler verschiedener Elemente verursachte eine heillose Unordnung auf unserem Berge. Die meisten tun nicht das Notwendige zur Förderung des Zwecks, sondern ungefähr genau das, was ihnen beliebt. Es waltet eine schlecht verstandene Anarchie.«

An keinem anderen Ort der Welt würde diese unwahrscheinliche Versammlung von »Langhaarigen« und »Nackten«, wie sie wegen ihrer Pflege der Nacktkultur genannt wurden eine Chance gehabt haben, auf die Dauer toleriert zu werden. Das war nur hier im Tessin möglich, wo sieben Jahrhunderte lang ein unbändiger Freiheitsdrang die Bevölkerung beseelte und noch immer jedem gestattete, zu tun, was ihm gerade paßte, wenn er nur nicht die Ruhe und den Frieden der anderen störte. Selbst die Gesetze wurden hier leichter genommen. Das barsche und gestrenge Einschreiten von Bürokratie und Obrigkeit war unbekannt. Man sah alles in einem milderen Licht, verklärt durch den Glanz der Sonne. Alles war mehr nachsichtig. Man hatte wohl, dem Herrn sei's gelobt, seine eigenen und ganz bestimmten Auffassungen davon, wie man leben will und zu leben hat – und die hat man heute noch.

Gerüchte über den erstaunlichen Berg verbreiteten sich rasch. Oedenkoven hatte sein lange geplantes Sanatorium erbaut, und es kamen stetig mehr zahlende Gäste zur Kur. [57]

Neue begeisterte Idealisten meldeten sich, leisteten wirtschaftlichen Zuschuß oder nahmen aktiv an der Aufbauarbeit teil. Einer der Unverwüstlichen und am klarsten Sehenden war Carlo Vester, der sich im Jahre 1902 der Kolonie anschloß. Er war von tiefer Aufrichtigkeit, mußte jedoch bald die Mängel und Fehler des Unternehmens erkennen. Er landete als Kolonist auf der Südseeinsel Samoa. Einige andere folgten ihm. Aber der eine nach dem andern trat hurtig wieder den Rückweg an. Zuletzt stand Vester allein, hielt aber immerhin noch einige Jahre aus. Dann kehrte er zum Monte Verita zurück, um sich nach ein paar brauchbaren Leuten umzusehen, die ihm auf Samoa helfen konnten. Aber er fand nur Phantasten, Schwärmer, Prediger und Propheten. Da gab er endlich Samoa für immer auf und blieb auf dem Berg. Enttäuscht von der Kameradschaft, die nur aus hohlen Phrasen bestand, beschloß er für sich zu bleiben. Er hatte keine Erlöser-Gefühle mehr, trennte sich von der Kolonie, kaufte sich ein Stückchen weiter auf dem Berg ein schönes Stück Erde und baute sich sein eigenes Heim.

Dort lebt er immer noch. Der Berg ließ ihn nie mehr los. Er hatte die Wahrheit gefunden.


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