Die Entdeckung des Monte Verita

Henri Oedenkoven, der Sohn eines Antwerpener Großindustriellen, und Ida Hofmann, eine ausgezeichnete Pianistin und Musiklehrerin an einem russischen Institut in Cettinje, trafen sich in einer österreichischen Naturheilanstalt. Beide waren gleich verzweifelt und angewidert von der Verlogenheit und Heuchelei in ihren Gesellschaftskreisen. Beide suchten nach einem Ausweg, beide verstanden sich sofort und schlossen innige und aufrichtige Freundschaft. Ein Naturarzt hatte Henri gerade von einer lebensgefährlichen Krankheit kuriert, und Henri schwor nun auf den Vegetarismus, den er für einen neuen Weg zur Gesundheit und Lebensfreude, überhaupt zur sittlichen und geistigen Erneuerung der Menschheit ansah. »Friede, Wahrheit und Liebe für das Leben des einzelnen und aller verheißend«, war Henris edler Gedanke.

Beide wurden einig, sich irgendwo abseits anzusiedeln, wo es viel Sonne, Früchte und Schönheit gab, um eine Kolonie Gleichgesinnter zu gründen und weiter zu wirken, über ihren Kreis hinaus, über die Grenzen hinaus, für die Befreiung der Menschheit von der erstarrten Lebensweise einer dahinsiechenden Gesellschaft.

Nach einigen Entdeckungsfahrten und vielem Suchen endeten sie auf dem Monte Verita und wählten den Berg zur Basis für ihr so innerlich gut gemeintes Experiment – das von Anfang an den Todeskeim in sich tragen mußte. Ihren himmelstürmenden Ideen fehlte, trotz Oedenkovens kluger Einsicht und seines Vaters Reichtum, die nüchterne und rein praktische Beurteilungskraft. [52]

Und doch kämpften sie imponierend aufrichtig und imponierend lange für ihre Überzeugung. Auch mehrere Teilnehmer hatten sich ihrem Plan begeistert angeschlossen. Einer von ihnen, der frühere Oberleutnant Karl Gräser, war von der doch zweifellos sympathischen Idee besessen, daß der Soldatenstand unmoralisch und Geld sündig sei. Er hatte den größten Teil seines ererbten Vermögens verschenkt, aber doch nicht vergessen, sich einen Notgroschen zu reservieren. Gesellschaftsmüde Naturmenschen kamen, Vegetarier und Rohköstler, in Kniehosen und barfüßig, mit langem Haar, das sie wild wachsen ließen. Immerhin waren sie harmlose und gutmütige Vertreter menschlicher Eigentümlichkeit. Anders verhielt es sich schon mit den ziemlich zweifelhaften Erscheinungen, die nun gleichfalls auftauchten und ein Gebiet unbegrenzter Möglichkeiten für ihre Faulenzerei witterten. Einer der frechsten Brüder dieser Sorte wanderte in einer langen, malerischen Tunika umher und trug ein ledernes Stirnband im Haar. Es wird erzählt, daß die Kinder in den abgelegenen südlichen Gegenden vor ihm niederknieten und glaubten, der Heiland wäre ihnen erschienen.

Diese aufdringliche und ziemlich skrupellose Erlöserfigur war ein Bruder des gewesenen Oberleutnants, mit Namen Gustav Gräser. Er trieb es aber doch zu bunt, wurde sehr bald aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und sah sich gezwungen, weiterzuwandern.

Bei Szittya ist im »Raritätenkabinett« dann über ihn zu lesen: »Thomas Heine, der 'Simplizissimus'-Zeichner, pumpte ihm nur unter der Bedingung etwas, daß er mit ihm mittrinke. Der arme Gustav wurde zum erstenmal in seinem Leben besoffen und, was noch grausamer ist, man [53] zwang ihn, im betrunkenen Zustand seine antialkoholischen Gedichte zu verkaufen.«

Den Aufstieg und Fall vieler solcher Apostel sollte der Berg noch erleben, auf dem sich jetzt neue Kräfte entfalteten und hart gearbeitet wurde. Männer und Frauen waren gleichberechtigt, hatten dieselben Verpflichtungen und führten alle vorkommenden Arbeiten gemeinsam aus. Es war heiliger Ernst für sie. Nicht nur eine bleibende Heimat wollten sie sich schaffen, sondern auch einen lebenden Beweis für ihre – in jener Zeit aufsehenerregenden – Theorien führen, die sich von der Ernährungsreform über Frauenrecht und freie Ehe bis zur Militärdienstverweigerung und zum Internationalismus spannten.

Aber es war der Berg, der in dem Film ihres Lebens zur Berühmtheit gelangen sollte, – sie selbst blieben vergessene Statisten.

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