Natürlich kann ich es nicht lassen, ich kann es nicht übers Herz bringen und muß nach den ersten paar Tagen im Tessin unbedingt zum Berg der Wahrheit wallfahrten.

Wieso?

Kein Außenstehender kann das begreifen. Denn das ist eine lange und ziemlich verwickelte Geschichte, die weder des Humors noch der Tragik oder Spannung entbehrt. Und diese Geschichte will ich hier erzählen, während ich mich auf den Weg mache und zum Monte Verita hinabsteige.

Hinab? Hinab!

Da haben wir es schon. Sagte ich nicht, es ist eine verwickelte Geschichte? Aber um nicht bezichtigt zu werden, daß ich mir schon ein gehöriges Rotwein-Augenmaß zugelegt hätte, sehe ich mich genötigt zu erklären: Da Fontan Martina in einer Höhe von genau 367 Metern liegt und der Monte Verita, aber auch ganz genau, 351,5 Meter hoch ist, bin ich gezwungen, zu ihm hinabzusteigen.

Einig?

Und nun will ich keine vernünftigen Einwände mehr hören. Denn wer redet hier von Vernunft, wer ist vernünftig im Tessin? Hier nehmen die Gedanken genau so seltsame Formen an wie die Wege, die sich winden und schlängeln und schnörkeln. Mein Lieber, das gehört mit zur [50] Tessiner Mentalität. Das Tessin liebt den Barockstil, es ist gefüllt mit Barock, – es ist barock! Und es ist bis heute noch nicht richtig aus der Barockzeit herausgekommen. Was sollte man beispielsweise sonst von einem Mann halten, dem es gleichgültig sein kann und auch wirklich gleichgültig ist, ob wir heute Sonntag oder Donnerstag haben, ein Mann, der überhaupt nicht ahnt, welcher Wochentag auf dem Kalender steht. Und dieser Mann meint aber absolut darüber informiert sein zu müssen, wieviel Uhr es ist, und kauft sich aus diesem Grunde nicht etwa eine Uhr – sondern ein Fernglas, um die Turmuhr deutlich erkennen zu können. Absurd? Barock? Das ist echt tessinerisch! Vielleicht sollte man sich nur genügend Zeit lassen, mal näher darüber nachzudenken.

Im Tessin hat man Zeit, viel Zeit. Man nimmt sie sich einfach. Und wenn es sich irgendwie machen läßt, mit heiterer Grandezza den Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, so tut es der Tessiner. Wenn ein Haus abbrennt oder aus Altersschwäche zusammenfällt, dann wird daneben oder ein Stückchen weiter ein neues erbaut. Die Ruine darf stehen bleiben und malerisch aussehen.

Aber wir befinden uns auf dem Wege zum Monte Verita, und ein langes Stück dieses Weges führt auch hier über eine unverwüstliche Römerstraße. Im Laufe von zwei Jahrtausenden haben Menschenfüße diese Steine rund und glatt geschliffen. Da liegen sie und könnten viel erzählen, – aber wir lassen sie ruhig liegen und fangen unsere Geschichte im Jahre 1899 an: [51]


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