Da hat man sich ein halbes Leben lang in der Welt herumgetrieben – und auf einmal stockt der Atem vor Überraschung, ich werde ganz andächtig und stumm, die Augen blicken auf das Unfaßbare: da steht es wirklich und wahrhaftig, das immer Erträumte!

Zögernd nähere ich mich, lasse die Hand zärtlich über das rauhe Klippengestein der Mauern hingleiten. Der Anblick genügt nicht, ich muß es fühlen. Es ist wirklich da. Es ist alles zusammen da, alles – wie in einem Märchen der Wirklichkeit. Dieser Kranz von phantastischen Bauten, eingesponnen und versteckt in einem dichten Dschungel, hoch auf einem Vorsprung der Bergschrägung gelegen. Das existiert tatsächlich, was man sich mitunter in müden Stunden vorzustellen versuchte, erfüllt von luftigen Ahnungen und bunten Phantasien. Das gibt es also?

Ich habe es gefunden.

Vor mir liegt Fontana Martina, das geheimnisvolle Dorf.

Die Entdeckung ist überwältigend.

Ist es die unerklärliche Stimmung, dieses Verschmelzen von leuchtender Schönheit und dunklem Geheimnis, etwas zugleich Verlockendes und Drohendes, das so eigenartig stark berührt?

Selbst die Stille, diese beklemmende Stille, ist von My-[40,-Foto]

Blick auf den Lago Maggiore - von Fontana Martina - Foto: Jonny Rieger

stik durchdrungen. Es ist keine gewöhnliche Stille. Es ist diese fast unmerklich knisternde Ruhe, die ein Geheimnis in sich birgt. Es ist das Schweigen, das niemals etwas verraten hat und sich niemals sein Wissen über das, was in ungewisser Vergangenheit hier vor sich ging, entreißen ließ.

Nur das monotone, schläfrige Summen der Insekten ist zu hören. Brütende Sonne sickert durch Dickichte, flimmert über Gestein, erhitzt die drückende Luft, die einem als heißer Pflanzenatem entgegenschlägt. Der Duft fremder Blumen und Früchte liegt in dieser Luft und – die Ahnung einer Vorzeit, die immer noch gegenwärtig zu sein scheint, die Spur von Menschen, die das hier einst formten und belebten und dann davongingen. Niemand weiß wann und wohin. Aber sie prägten das hier mit ihrem einstigen Dasein, und zwischen den düsteren Mauern ist ein unbestimmbarer Hauch von menschlichem Schicksal haften geblieben. Es liegt in der Luft und im Zittern fahler Schatten, im Glitzern der Steinwände. Alle Sinne schärfen sich aufnahmebereit.

Vergebens.

Hier flüstern keine Stimmen. Kein Laut ist vernehmbar, scheinbar lebt kein Mensch hier. Nur das flatternde Spiel großer farbiger Schmetterlinge und das schattenhafte Gleiten der Eidechsen, sonst keine Bewegung. Meine Augen saugen dieses Bild auf, ich sehe das alles wie im Traum.

Doch es ist so wirklich, daß es fast weh tut. So unwirklich schön, daß es sich schmerzlich einbrennt.

Was tut man in solchen Augenblicken der Begegnung mit dem Märchenhaften? Ich weiß es nicht. Ich stehe ergriffen da und sehe diese unverwüstlichen Mauern, aus dem silbrigen Gestein des Berges wie für die Ewigkeit errichtet. [41]

Massive Steindächer, aus großen, übereinander greifenden Steinplatten, mit dem matten Abglanz des Sonnenschimmers. Daneben schwarzgrüne Laubschatten, knorrige Stämme, die mit ihren Kronen in das lichte Blau greifen. Die goldgrün durchleuchteten Wedel riesengroßer Bananenblätter. Und das ewige Dunkel, das in den Ecken und Winkeln der Mauern kauert. Beschwörend und fanatisch spreizen die Palmen ihre Fächerhände zum Licht. In der Luft klebt der aufdringlich süße Duft der Feigenbäume. Und dieses eigentümlich filtrierte Dämmerlicht, das die Bambushecken hinter dem Gitter ihrer klaren und strengen Linien sammeln. Welche Farbenspiele überall, welche prächtigen Schattierungen von Grün zu Gold und von Grau zu Silber, von Blaßlila über Tiefblau zu Samtschwarz.

Wo die Ringmauer der Häuser eine schmale Öffnung freigibt, steht eine kleine Wegkapelle, ziemlich zerbröckelt. Das schmiedeeiserne Gitter wirft barocke Schattenkringel auf eine fast ausgelöschte Malerei im Hintergrund. Direkt daneben, von Sonne grell beleuchtet, die üppige Pracht mächtiger Hortensienbüsche, mit Blüten, größer als Menschenköpfe. Wie Feuerwerk brennen die kräftig orangeroten Sterne der Tigerlilien. Heiß und fiebrig sind die Farben der Blumen, kalt und hart behaupten sich die tiefen Schatten der Steinmauern. Durchquert man das Dunkel, legt sich klammer Hauch über das erhitzte Gesicht, wie abgestandene Zeit.

Der magische Ring der verwitterten Mauern schläft seinen Dornröschenschlaf und nimmt keine Notiz von mir. Keine lebende Seele scheint hier zu sein. Hilflos gleiten meine suchenden Blicke umher, auf und ab – über [42; Zeichnung] 

Zeichnung: Friedrich Meinhard

Treppen. Überall Treppen, massive Steintreppen. Treppen wie Leitern, fast senkrecht hochkletternd, Treppen, die einen Bogen beschreiben, Treppen, die eine Brücke von einem Haus zum anderen schlagen. Eine mas-[43]sive Steinpyramide von einer Treppe führt zum ersten Stock eines Hauses. Aber das Allerbeste, da windet sich eine tolle, eine geradezu halsbrecherisch reizende Steintreppe, die Pyramidenstufen noch überbrückend, bis zum zweiten Stockwerk hinauf. Alle diese lebensgefährlichh steilen und unregelmäßigen Treppen führen vom Innenhof zu den verschiedenen Räumen empor. Und alle verzweigen sich außerhalb der Häuser, in der freien Luft, klammern sich irgendwie fest, ranken sich empor. Der besondere Reiz all dieser Treppen und Treppchen aber besteht darin, daß sie kein Geländer haben. Man muß schon einigermaßen schwindelfrei sein, um hier zu wohnen, – und kein allzu großer Pessimist.

Und über all dem breitet sich das Stadium eines äußerst fortgeschrittenen aber harmonisch edlen Verfalls. Diese abgebröckelten und teilweise eingestürzten Mauern mit den schwarzen Fensterlöchern. Diese Ruinen mit den schon vor langer Zeit eingestürzten Dächern. Im Innern der düsteren Mauern wachsen bereits große Bäume. Der Rest ist ausgefüllt von wucherndem Gestrüpp und saftig strotzendem Grün. Lebenskräftige Schlingpflanzen umklammern die toten Mauerreste. Und ich verliere mich im Anblick alter Lorbeerbäume, durch deren ölblanke Blattkronen das Sonnenlicht nur noch als irisierender Schimmer sickert, als ein bläulichgoldenes Flimmern, so unwirklich  –

Auf einer Treppe, über dem tiefen Schacht des Hofes, steht plötzlich ein Mann. Ich habe ihn nicht kommen hören. Er muß sich lautlos wie eine Katze bewegt haben. Er ist weder jung noch alt, weder groß noch klein. Er wirkt mager und sehnig, und er verharrt reglos in gespannter Aufmerksamkeit, während er langsam und gelassen seinen [44] Blick von meinen Füßen aufwärts bis zum Kopf wandern läßt, ohne eine Andeutung von Eile, – um ihn dann ebenso sachte wieder abwärts gleiten zu lassen. Er rührt sich nicht dabei, er sagt auch nichts. Betrachtet mich nur mit diesem umfassenden, witternden Blick, der sich so enorm viel Zeit nimmt, um alles mitzubekommen und sich ein gründliches Bild zu schaffen. Zeit und Geduld spielen keine Rolle. Meinen Gruß scheint er überhört zu haben. Der Bannkreis des Schweigens und der Scheu heißt keinen Fremden willkommen. Endlich fallen doch ein paar karge Worte, halblaut, fast nebenbei. Es ist knapp zu hören und aufzufassen, daß er mich einlädt, mit ihm auf seine Terrasse zu kommen. Denn augenblicklich dreht er mir den Rücken zu und gleitet lautlos die Steinstufen empor. Ich folge ihm.

Oben angekommen, wo sich zwischen strotzendem Grün und Blumenbuntheit ein überraschender Ausblick über den Lago Maggiore weitet, stellt er sich an die Brüstung und läßt den Blick in diese unfaßbare Schönheit tauchen. Er verweilt darin, scheint mich vergessen zu haben. Ich stehe neben ihm, genau so gefesselt von dem Anblick. Er bedarf keiner Worte.

Keiner spricht. Das Auge sucht den Horizont, – weit, weit über die strahlend blaue Seefläche und die fernen Bergketten hinweg, weit nach Italien hinein.

Wir können gut zusammen schweigen.

Der Bambus lispelt. Ein Käfer summt vorbei. Aus einer Röhre fällt ein Wassertropfen, trifft die Wasserfläche in dem darunter stehenden Steintrog und zersplittert sie mit einem klingenden Laut. Dann ist es wieder still.

Und da sage ich leise das zu dem Mann, was mich die [45] ganze Zeit bewegt hat: Wie gern ich hier einige Zeit wohnen möchte, und ob es nicht eine Möglichkeit gäbe, eine bescheidene Möglichkeit, ganz gleich wie...

Er holt seinen Blick meilenweit von den Gipfeln ferner Berge zurück, macht ein nachdenkliches Gesicht und schüttelt langsam den Kopf, überlegt, – nein, damit wäre es wohl nichts.

Schweigen, summendes Schweigen.

Eine Katze spaziert würdig und unhörbar vorbei. Tief unten glitzert der See in schillernden Perlmutterfarben, wenn eine leichte Brise ihn aufrauht. Der Bambus flüstert mir was Chinesisches zu, was ich nicht verstehe, aber als Ermunterung auffasse. Ich lasse ein paar halblaute Bemerkungen in die Stille fallen. Der Mann wendet den Kopf, sein Blick streift mich, als wollte er etwas fragen. Aber er fragt nicht.

Eine Eidechse nähert sich uns bis auf ein paar Meter, sieht uns neugierig an, neigt den Kopf schräg zur Seite, um besser hören zu können was ich sage. Doch ich sage nichts. Enttäuscht läuft sie weiter.

Lange ist es still.

»Sind sie nicht schön, die Tigerlilien«, bemerkt der Mann auf einmal sehr leise, als hätte er es nur zu sich selbst gesagt, und nickt dabei zu den im Sonnenlicht glühenden Farben der Blüten.

»Ja«, sage ich ebenso leise, »fabelhaft schön.«

Ein großer Schmetterling schwebt heran, ein Schwalbenschwanz, tummelt sich herum, entschwindet wieder.

Ein paar Worte fallen hin und her. Mit langen Pausen dazwischen.

Unvermutet sagt der Mann: »Kommen Sie, vielleicht [46] geht es doch. Ich habe da was, aber es ist eben ziemlich primitiv. Wenn Ihnen das passen sollte ...«

Er holt einen großen, altmodischen Schlüssel, geht voran über Steintreppen, öffnet eine schwere Balkentür. Wir kommen in einen kühlen Raum, der als eine Art Küche eingerichtet ist, mit weißgetünchten Wänden, rotem Steinboden und hoher Decke. Dann ein schmaler dunkler Gang. Und dann ein vierkantiger Raum, weißgetüncht, Steinfußboden, ein Tisch, ein paar Stühle, zwei Betten, eine alte wurmstichige Kommode, ein breiter Schrank, und dann zwei weit geöffnete Türflügel – und da ist mein Balkon! Ein Balkon hoch über dem Lago Maggiore, umsponnen von Glyzinienranken. Noch haben sie keine Blätter, aber ihre zarten purpurvioletten Dolden sind schon zur ersten Blüte entfaltet. Der schwere süßliche Duft schlägt mir entgegen.

Da stehe ich, ganz benommen, und sage dankbar ja zu dem Wunder. Und dann geht der Mann, schließt die Tür hinter sich, und ich bin allein. Er hat mich würdig gefunden, in seinem Märchenreich wohnen zu dürfen. Ich kann es noch nicht fassen. Hier wohne ich und habe einen Balkon über dem Lago Maggiore, wo er am allerschönsten ist, auf dem Stück Erde zwischen Ronco und Brissago, am gewaltigen Berghang des Ghiridone!

Ich ziehe mir einen Stuhl heran und setze mich und sehe. Und bleibe sitzen und starre gebannt auf dieses himmlische Stück Erde.

Wie in einem Schwalbennest hänge ich auf meinem Balkon, hoch oben in der Luft, unter dem blauen Dach des Himmels und über der blauen Fläche des Wassers. Unter mir fällt der Berg mehrere hundert Meter steil ab, und dann breitet sich dort die riesige Fläche des Lago Maggiore. [47; Zeichnung]

Zeichnung: Friedrich Meinhard
Wie kleine Blütenblätter schwimmen die zwei Brissago-Inseln vor mir im See. Und weit drüben, in der Ferne des jenseitigen Ufers, wachsen die Berge wieder auf, fast zweitausend Meter hoch, zum Gambarogno-Massiv. Da unten [48] rechts liegt Brissago, da fängt schon Italien an. Und dann wandert der Blick weiter, weiter und weiter nach rechts, weiter nach Italien hinein, bis nach Cannobio und Luino und Porto. Und dann wende ich den Kopf in östlicher Richtung und sehe über Ronco und Ascona und Locarno bis Bellinzona und bis zu dem noch schneebedeckten Gipfel des Pizzo Vogorno.

So, und jetzt wird es dunkel, schweres warmes Dunkel senkt sich herab, und von allen Seiten tauchen die unzähligen Lichter der Ortschaften auf, glitzern und flimmern und spiegeln sich kokett im See. Und aus der nun blauschwarzen Wildnis unter mir ertönt das gespensterhafte Pfeifen der Siebenschläfer.

Da stecke ich eine Stearinkerze an, und noch eine, und noch eine dazu, damit es richtig festlich wird. Dann schenke ich mir ein Glas Rotwein ein und trinke köstlich langsam, lasse Schluck für Schluck auf der Zunge schmelzen, während ich über den nachtdunklen See hinaus träume. Und alle Götter lächeln mir zu.

Ich bin der glücklichste Mensch Europas. [49] 
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