Vor dem Bahnhof in Bellinzona liegt eine Verkehrsinsel, eine ummauerte Erhöhung mit einem Miniaturpark von großen, alten, schattigen Bäumen. Mitten auf der breiten Asphaltbahn, mitten zwischen den Autostraßen. Eine friedliche Insel, auf der allerlei Wegweiserschilder mit klingenden Namen angebracht sind. Unter den Bäumen und Schildern steht Bellinzonas herrlichste Bank mit der Aussicht über Stadt und Bahnhof. Zur einen Seite kann man einen barfüßigen Mann mit zwei Ziegen vorbeikommen sehen, während auf der anderen Seite der Expreßzug von Stockholm nach Rom vorbeifährt. So eine Bank ist das.

Und auf dieser Bank sitze ich in der zarten Sonne – mit etwas gemischten Gefühlen – ,sozusagen zwischen den Zügen. Nämlich dem, der mich bis hierher brachte, und dem nächsten Zug, der mich weiterbringen soll.

Um ehrlich zu sein: da ließ ich einen Zug dahinfahren, den ich hätte benutzen können. Wenn ich den nächsten nehme, habe ich Zeit genug, um mich in Bellinzona umzusehen und – geruhsam auf dieser Bank zu sitzen. So was tut man, ohne eigentlich eine vernünftige Erklärung dafür zu haben. Ich habe es ja so oft hören müssen, wie unvernünftig ich mitunter sein kann. Es kommt wohl immer darauf an, von welcher Seite man es betrachtet. [31]

Mir erscheint es ganz natürlich, daß ich hier sitze, obwohl ich längst hätte weiterfahren können. Genau so selbstverständlich, wie es jene Indianer fanden, die eine Expedition der weißen Männer wochenlang durch den mexikanischen Dschungel geführt hatten. Die Weißen wollten noch rechtzeitig zu den nur einmal im Jahre stattfindenden Festlichkeiten eines sehr abgelegen lebenden Indianerstammes eintreffen und drängten darum die indianischen Begleiter ihrer Expedition zu tagelangen Eilmärschen. Auf einmal machten die bisher äußerst willigen und hilfsbereiten Indianer mitten im Dschungel Rast, luden alles Gepäck ab, setzten sich hin und hatten offenbar nicht im Sinne, vorläufig weiter zu marschieren. Die weißen Männer baten und schimpften, abwechselnd und durcheinander. Nichts half. Es dauerte sehr lange, bis die Weißen endlich den Grund des Aufenthaltes erfuhren. Denn die Indianer meinten wohl, das wäre ihre eigene Angelegenheit, in die sich niemand einzumischen hätte. Was war los? Gar nichts, absolut gar nichts, was diese weißen Fremden interessieren könnte. Warum geht es dann nicht weiter, auf was wartet ihr noch? »Auf unsere Seele«, antworteten die Indianer mit der größten Selbstverständlichkeit, »wir sind von unserer Seele gerannt und warten, bis sie uns wieder eingeholt hat.«

So ungefähr fühle ich es auch hier auf meiner Bank. Ich habe früher schon ein paarmal hier gesessen. Wir kennen uns, die Bank und ich. Es ist im Laufe der Zeit meine Bank geworden. Wir sagen Guten Tag zueinander und machen weiter kein Aufheben davon.

Früher – als ich auch hier saß, das war in einer anderen Zeit gewesen, unter anderen Voraussetzungen, mit anderen [32] Augen. Jahre sind inzwischen vergangen, ein Weltkrieg liegt dazwischen. Eine Zeit, in der wir von unserer Seele rannten und nachher tieferschüttert versuchten, uns selbst wieder zu finden, unser menschliches Gleichgewicht. Nun, wir sind nicht für die Bitterkeit des Herzens geboren. Wir wurstelten so recht und schlecht weiter und versuchten das Dasein wieder ein bißchen aufzuwärmen. Hier sitze ich nun auf dieser vertrackten Bank in Bellinzona und werde an das alles erinnert, an früher und jetzt – und ich bin ein klein wenig bange davor, wie ich den Tessin wiederfinden werde. Warum fuhr ich eigentlich nicht gleich weiter?

Auf was warte ich noch? Signore, wenn es sich etwa um Ihre Seele drehen sollte, die ist eingetroffen und gegen behördliche Legitimation und Quittierung am Gepäckschalter abzuholen. Pro Bellinzonas Touristservice ordnet alles für Sie im Handumdrehen. Wir empfehlen uns Ihnen: lassen Sie Ihre Sorgen unsere Sorgen sein!

Nun ja, man schleppt so viel mit sich herum, nötigen und unnötigen Ballast. Wenn ich mich jetzt von der Bank erhebe, wedelt meine Bastardstimmung aufmerksam mit dem Schwanz, und ich führe sie wie einen launischen Köter mit mir weiter durch die Straßen, unter die Bogengänge der Stadt, oder wie es natürlich richtig heißen muß, der Hauptstadt der Republik und des Kantons Tessin. Und wie es nun mal im Leben ist, man zuckt die Schultern, bemerkt, daß hier anscheinend alles still und friedlich zugeht, summt beruhigend vor sich hin, kauft etwas Obst und gnatscht bescheiden.

Aber auf einmal hebt man den Blick und sieht auf den Höhen rundum die düsteren Mauern, die Zinnen, die Türme der alten Festungen eines Bellinzonas, das einst das [33] Tor zu Italien war. Es nahm eine Schlüsselstellung ein, sagt man wohl nun dazu. Ach ja, auch damals wußten sie es schon, und hatten ihren Kummer damit. Von den Ligurern und Kelten, den Etruskern und Römern, die sich hier herumtrieben, räuberten, totschlugen und anderswie regierten und wieder verschwanden, bis zu den Lombarden, den Sforza, immer prallten hier der Norden und der Süden aufeinander. Immer war es eine kriegerische Ecke gewesen. Erst nachdem Bellinzona zu den Schweizern übergetreten war und die Machtstellungen sich verschoben, verloren auch die Burgen ihre ehemalige Bedeutung. Es verlotterte alles ein bißchen und der Zerfall begann. Der ehemalige Schweizer Pfarrer Hans Rudolf Schinz hat sich das im Jahre 1777 angesehen und gibt eine schnurrige Beschreibung der Zustände:

»Die drei Schlösser oder Castelle in und bei der Stadt bezeichnen sie schon von weitem. Das größeste liegt in der Stadt selbst auf der Westseite, hat zwei mächtige Türme und einen weiten Umfang; es heißt das Urnerschloß, weil dieser Stand eine kleine Besatzung von einem Castellan und vier Soldaten oder Schloßknechten darin hält, welche alle fünf Landleute von Uri sein und von der dortigen Landsgemeind erwählt werden müssen; sie bekommen auch von derselben eine Ordonnanz, nach welcher sie schwören, das Schloß vor allem Überfall zu vergaumen und zu verteidigen, das darin befindliche Geschütz zu verwahren und zu besorgen, niemand Verdächtigem Aufenthalt zu geben, zu sehen, daß die Wache, besonders des Nachts, von den Soldaten fleißig gehalten, die Tore durch niemand anders als sie selbst zu rechter Zeit auf- und zugeschlossen werden. Die Soldaten sollen seinen Befehlen gehorchen, und er, der [34] Castellan, Gewalt haben, sie wegen Fehlern in Arrest zu setzen. Auch die Schloßknechte schwören, daß sie das Schloß wohl verwachen, dem Castellan gehorsam sein und ohne dessen Bewilligung nicht aus dem Schloß weggehen wollen. Jeder von ihnen muß für 200 Gulden Bürgschaft stellen, der Castellan aber für 500 Kronen, damit, wann durch ihre Schuld an dem groben Geschütz oder sonst an Gebäuden etwas in Abgang käme, solches daraus ersetzt werden könne.«

Da standen sie: fünf Mann und ein Geschütz, für das sie Bürgschaft erlegen mußten, damit es nicht »in Abgang käme«. Wer hat eigentlich die Romantik der Burgen erfunden? Diesen Herrn möchte ich gern mal...

Durch stille Seitenstraßen drücke ich mich zum Rande der Stadt. Da muß irgendwo ein kleiner Platz mit einem Springbrunnen sein, mit Jasminbüschen und Rasenflächen. Und in der Nähe, dort ganz nah, befindet sich ein Haus, in dem ich mal schwer gesündigt habe. Es war eine Unterlassungssünde. Ich unterließ es, ein sehr hübsches Mädchen, das sehr aufgeräumt, sehr aufgewärmt und sehr neugierig war... na, ist ja egal. Nein, sag mal, wie kann denn so was passieren?

Na, bitte, das ist nun schon so lange her, reden wir doch nicht mehr davon. Wollen wir das nicht lieber vergessen? Doch gerade so etwas, wenn man in Liebesangelegenheiten mal ausnahmsweise träge und faul war und darum den Anstandswauwau spielte, das vergibt man sich nicht so rasch. Da hat man so viele Dummheiten gemacht, aber gerade die unterlassenen Dummheiten sind mitunter die schlimmsten. Die setzen sich leicht als blinder Fleck auf die Seele. Und wie die weißen Flecken auf der Landkarte, lassen sie uns [35] nicht ruhen. Man muß lange dafür büßen. Das hier ist also mein Büßergang.

So eingewickelt kann es im Leben sein.

Was denn? Erwarte ich etwa, daß auch sie nach vielen Jahren zufällig hier herumrennt und... Unsinn, sie war nicht mal aus Bellinzona, sie war nur auf der Durchreise und wartete... oh, Bellinzona, diese Hauptstadt der Wartenden und der Erwartungen! Dennoch suche ich in den langen Straßen mit den kleinen Häusern und Villen, in diesen öden, wie ausgestorben wirkenden Straßen, in denen man selten einen Menschen trifft, keinen Laut hört, keine Kinder spielen sieht, da suche ich nach dem bescheidenen Gasthaus von damals. Nicht mal ein Hund bellt hier. Es ist alles so seltsam tot. Ich finde es nicht mehr. Verstimmt schlurfe ich weiter.

Was habe ich hier eigentlich noch zu suchen? Auf einmal bin ich nur ein etwas müder Reisender, der auf den nächsten Zug wartet und mault:

In Bellinzona wartet man, man wartet immer, auf einen Zug nach dem Norden oder nach dem Süden, auf Bescheid, auf Post, auf irgend jemand oder irgend was. So fühle ich es jetzt und kann mich des Eindruckes nicht erwehren, daß ganz Bellinzona eine wartende Stadt sei, eine Stadt wartender Menschen zwischen Burgruinen und Villen, zwischen Traditionen und Administrationen, ein riesiger Verwaltungsapparat des Kantons, der alles registriert hat und nun bloß darauf wartet, etwas verwalten zu können. Und da findet sich keiner, der neue Tradition schafft. Und alle warten, müde des Wartens.

Ist es so, oder – ?

Natürlich ist es nicht so. Aber es ist ein gutes Beispiel [36] dafür, wie leicht man sich und andere irreführen kann durch Gemütsstimmungen und willkürliche Verallgemeinerungen. Denn es ist natürlich die Erwartung in mir, die ich zu meiner Begegnung mit dem Tessin hege – ich bin es, der eine ganze Stadt von dieser Voraussetzung und mit den Augen eines Erwartenden betrachtet.

Alles Gesehene hängt doch immer mehr oder weniger vom Standpunkt des Beschauers ab. Und darum kann jede Beschreibung einer Reise, mag sie auch noch so objektiv erscheinen, doch nur Bilder eigenen Bewußtseins vermitteln. Jeder sieht es anders, erlebt es anders, fühlt etwas anderes dabei. Alles ist so zufällig und ineinanderfließend, neu und lebendig. Denn Reise ist Bewegung, mit stetig sich verändernden Horizonten, mit einer Flut wechselnder Eindrücke. Vom Standpunkt des Ansässigen sieht das oft ganz anders aus. Der große Vorteil des Reisenden ist die blanke Neuheit des Bildes. Sein Nachteil: er kann nur eine verwirrende Vielfalt von Ausschnitten des Gesamten erfassen. Erst wenn er die vielen blanken Bruchstücke zu einem frischen Bild zusammenfügt, gewinnt er das Resultat. Sein Resultat. Aber ist nicht gerade das der Reiz des Reisens – sich selbst ein Bild zu machen?

So, und jetzt nehme ich mich gewaltig zusammen. Energisch blicke ich auf die Uhr. Wenn ich mir drüben im Ristorante noch eine Portion Risotto sichern will, ist es höchste Zeit, bevor der Zug fährt.

Ich setze mich an einen der kühlen Marmortische, nur zwanzig Schritte von dieser famosen Bank entfernt, die an allem Schuld ist, und lasse meinen Blick umherwandern: »Unter mir lagen in durchsichtigen Schatten alle Gegenstände so bescheiden da! Weiße Häuschen und schöne Kam-[37]pagnen, schon im gefälligeren italienischen Stil mit Vorhallen erbaut, glänzen aus der Fülle der Fruchtbarkeit. In den hohen Bergamphitheatern über dem Lago Maggiore weilte der sinkenden Sonne Abglanz in unaussprechlicher Klarheit, und vom Widerschein ward der schöne Berg Claro wie durch einen leisen Kuß gerötet!«

Das ist nicht von mir. So schrieb die dänische Dichterin Friderike Brun 1795 über Bellinzona. So sah sie es, so fühlte sie sich. Und es ist nicht schwer zu erraten, an was sie dabei dachte. Ach, auch sie saß hier erwartungsvoll, rastete hier vor der Weiterreise, in der süßen Erwartung, ihren geliebten Freund Bonstetten in Lugano zu treffen.

Und jetzt serviert mir die Signorina den Risotto und guten Appetit, und das stimmt mich so selig, daß ich schnell noch was recht Schmuckes über Bellinzona sagen muß:

Ihr seid drei Schwestern, drei flotte Städte des Tessin. Locarno hat sich der Sache des Friedens und der Filmfestivale angenommen. Lugano hat sich zur Aufgabe gestellt, der mondäne Kindergarten südlandshungriger Touristen zu sein. Bellinzona wartet – in vornehmer Zurückgezogenheit auf eine Chance. Die dritte Schwester hat sich noch nicht engagiert. Sie ist vielleicht ein klein wenig eifersüchtig, aber immer noch frei.

Bellinzona, spröde Schöne, einen Kniefall all derer, die Zeit zum Warten haben, vor deiner wählerischen Verwöhntheit! Was wird deinen Keuschheitsgürtel zu lösen vermögen, du Unnahbare? Noch gehörst du uns, den Namenlosen, die sich gestatten dir dankbar zu sein für all das, was du nicht bist und nicht sein willst. Du gehörst dir selbst und bist dir treu. Und wir nehmen uns Zeit, dich dafür zu bewundern! [38]

Und nun, wo ich dir gerade so einen wunderschönen Blumenkranz geflochten und dargereicht habe, da kommt ein gewichtiger Einheimischer daher, der gelehrte Historiker Giuseppe Pometta, und behauptet kühn: »Bellinzona ist ein Mann, Lugano und Locarno sind Weibchen!«

Was soll man darauf sagen?

Ich sage: »Bitte, schnell noch ein Viertel von dem speziellen Bellinzonaer Nostrano, dem roten, zum männlichen Abschiedstrunk !«

Dann aber nichts als los. Denn ich merke, meine Gedanken sind schon voraus geeilt, die sitzen bereits irgendwo auf einem Balkon am blauen See und grinsen schadenfroh.

Ich muß mich beeilen, meine Seele einzuholen. [39]


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