Jede richtige Reise fängt eigentlich mit den hoffnungsvollen Worten an: Wenn ich erst mal in der Bahn sitze, dann...

Diese Formel, zuerst sehnsüchtig hingehaucht, dann als Drohung zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorgezischt, und schließlich nur noch als matter Seufzer wiederholt, wirkt wie lindernder Balsam auf das im Gewühl der Vorbereitungen erhitzte Gemüt. Da wird das bißchen persönliche Dasein aufgerollt und säuberlich geordnet zurecht gelegt, weil – übermorgen ist man nicht mehr da. Wen interessiert denn das, wenn wir erst mal weg sind? Niemand. Aber wir wirtschaften herum und verteilen die Minuten mit Teelöffeln und tun so schrecklich wichtig, als ständen für die nächste Zukunft die Angelegenheiten eines ganzen Staates auf dem Spiel. Man muß sich nur mal dabei erwischen, über sich selbst lächeln können, und ein paar hochtrabende Worte recht feierlich hersagen. Etwa: »Meine Herren, die Zeit der heroischen Gesten ist vorüber. Jetzt können Sie selbst sehen, wie Sie damit fertig werden, hier zu regieren, ich danke ab!«
Alle Bücher in den Regalen lauschten andächtig und nahmen das ergriffen zur Kenntnis. Worauf ich meine Schlüssel in Verwahrung gab und abdampfte. [9]

Wenn ich erst mal in der Bahn...

Und da sitze ich nun und sehe mir meine lieben Mitreisenden an. Ermattet sind sie endlich auf ihren Plätzen zusammengesunken. Wir fahren, wir können lachen. Tun wir das? Die allerletzten Energien wurden abgefeuert, um die strahlende Abschiedsszene möglichst naturgetreu zu liefern. Sie renkten die Arme, wedelten mit den frisch geplätteten Taschentüchern, riefen Segenswünsche, die sie gar nicht meinten, lachten falsch mit echten Tränen und traten sich gegenseitig tüchtig auf die Zehen, weil alle auf einmal zum Fenster hinaushängen mußten. Mein Verleger saß wohlverwahrt in seinem Kontor und kalkulierte, wo er heute was mit wem frühstücken wollte, sollte, müßte, und konnte deshalb nicht auf dem Bahnsteig stehen und zum Abschied die Melone lüften. Also kein Grund zu Aufregungen für mich.

Reisende in internationalen Zügen bilden eine zusammengewürfelte Schicksalsgemeinschaft, isoliert von der Umwelt. Abgekämpft, mit dem Ausdruck seliger Hingabe: Es ist vollbracht! In Gedanken versunken leben sie noch ein klein wenig dort weiter, wo sie hergekommen sind. Sie können's nicht lassen: Heim, Familie, Freunde, Arbeitsplatz, Garten, Blumentöpfe, der Hund Fido, die letzten unbezahlten Rechnungen. Das alles ist jetzt unweigerlich – draußen. Weit weg. In dem überwältigenden Gefühl der Machtlosigkeit, das sie durchrieselt, pellen sie zerstreut eine Apfelsine und propfen das eine Stück nachdem andern in einen gleichsam geistesabwesenden Mund, der mechanisch kaut und Kerne ausspuckt. Sie sind innerlich zerknirscht, weil sie jetzt nicht mehr dabei sind und schreien können »Pfui, Fido, laß das, die Dame mag das nicht!« Sie [10] strengen sich an, gleichgültig zu sein, flegeln sich in ihre Abteilecke, als wollten sie sich selbst überreden: Meinetwegen können die zu Hause jetzt machen, was sie wollen, ich bin abgehauen. Aber wehe, wenn die es wirklich machen! Keine Angst, die machen. Aus Rache wird die nächste Apfelsine abgehäutet.

Mir geht's nicht anders. Was da so alles auftaucht, während man faul und schläfrig dasitzt und sich südwärts schuckeln läßt. Ein saurer Verleger liegt mir noch halbverdaut im Magen. Nicht der hier, der dieses Buch herausgibt. Der Himmel erhalte ihn und lasse ihn noch viele angenehme Zeiten im Tessin erleben. Aber der andre, fast alle die andern säuerlichen Querulanten und Literaturkrämer – man sollte ihnen was husten und Bananen pflanzen gehen, anstatt... na ja.

Ein bißchen mucke ich hier und da noch auf, aber die unentrinnbare Wirkung des Eisenbahn-Stumpfsinns macht sich schon bemerkbar: Ach was, du fährst ja. Dir kann es wohl gleich sein. Die können dir mal... Jetzt, jetzt fährst du und siehst sie nicht die Begräbnismiene aufsetzen und hörst sie nicht gequält brummeln: »Das nehmen Sie an, und das kann möglicherweise sogar richtig sein, aber unter den Umständen und bei diesen Zeiten...« Ja und nein. Und die Angsthasen, die immer so vorsichtig und eingeschüchtert und voller Bedenken sind und dennoch jedesmal das Verkehrte tun und boshaft jammern: »Mein lieber Herr, unsere Leser? Man sollte annehmen, das Lesepublikum bestände aus Analphabeten, Sie machen sich überhaupt keinen Begriff...« Ja und nein. Was geht mich das eigentlich an. Reise ich oder reise ich nicht? Na also.

Wir haben uns in Europa eine schlechte Gewohnheit der [11] Amerikaner zugelegt: alles in Rekordzeit machen zu wollen – auch unsere Ruhepausen, die Ferienreisen.

Ich weigere mich, mein Dasein zu schematisieren. Ich gestatte mir, glückliche Zufälle walten zu lassen, meinen Eingebungen zu folgen, und opfere gern zehn vorher gemachte Pläne für einen plötzlichen Entschluß.

So kommt es, daß ich mich eines Abends in Luzern befinde, am Ufer des Vierwaldstätter Sees. Da sehe ich mir die Abfahrtszeiten der Schiffe an. Eins fährt sehr zeitig am Morgen, fast noch in der Nacht. Das merke ich mir. Und dann schlendere ich langsam durch die Altstadt. Dort, wo die kleinen hübschen Restaurants dicht aneinander gereiht an der Reuß liegen, kehre ich ein.

Im ersten Morgengrauen gehe ich an Bord. Das Schiffchen steuert auf den silbrigen See hinaus, während der ermunternde Duft von frisch bereitetem Kaffee aus der Kombüse dringt. Das Schiff ist ein Raddampfer, so ein Spielzeug mit Schaufelrädern, bei deren Anblick ein richtiger Seemann mal bemerkte: »Da habt ihr wohl weiße Mäuse drin?«

An einsamen Stellen legen wir an, die nur auf dem Wasserwege zugänglich zu sein scheinen. Denn gleich dahinter ragen die Berge steil auf. Wir nehmen Bündel und Kisten an Bord, Hühner und Kühe und Ziegen, manchmal folgt auch ein Mensch mit. Und wir teilen Postsäcke aus. Es geht sehr gemütlich auf unserer Arche zu. Und still -- wie im Traum gleitet das Schiff kreuz und quer über die blanke Wasserfläche, wie Traumbilder tauchen die mächtigen Bergmassen des Bürgenstock und der Rigi auf, lautlos sich verschiebende Kulissen. Über die hohen Bergwände erreichen die ersten Sonnenstrahlen nun den Seekessel und [12] lösen die schattenhaften Farbstimmungen im scharfen Licht auf. Tief unter der Axenstraße fahren wir hin und landen in Flüelen. Schluß mit dem See. Von hier ab geht's langsam, dann immer steiler aufwärts.

Als ich mir das angesehen habe, den Horizont mit den gezackten, übereinander himmelwärts kletternden Gebirgsrücken, hinter denen das Tessin liegt, und nachdem ich mir das noch mal auf der Landkarte richtig klarmache, -- da gehe ich still zwischen Flüelens paar Dutzend Häuschen umher und kaufe mir eine recht solide Ration Verpflegung für morgen. Dann packe ich liebevoll und kunstgerecht meine alte und erprobte Schultertasche mit frischem Brot, mit Hartwurst, Käse, Rotwein und bitterer Schokolade. Dazu das Messer, den Fotoapparat, die Landkarte und die Toilettensachen. Das ist mein Gepäck, mehr brauche ich nicht, wenn ich unterwegs bin. Alles andere liegt im Koffer, und der ist schon weit voraus geschickt und wartet im Gepäckschuppen von Locarno, bis ich ihn mal hole. Da ist er gut aufgehoben und kann mich nicht plagen. Der kann warten.

In einem kleinen Gasthaus spielen sie wunderbar klar und schön im Radio ein Bach-Konzert. Ich trete ein. Es ist herrlich, alles zusammen: das stille Flüelen, die Musik, das Risottomahl, der rote Wein, die Gemütlichkeit der Gaststube, das Lachen der Gastwirtstochter und nachher mein Zimmer mit den schweren, bäuerlichen Federbetten und dem gewaltigen Kachelofen, der ein Drittel des Raumes für sich beansprucht. Doch das Allerbeste ist, als das Konzert schließt und man im Radio mit einer dudelnden Radaumusik anfangen will, da geht der Wirt hin und schaltet aus. Für so einen Mann könnte man beten, daß ihn [13] der liebe Gott von Flüelen und Umgegend noch recht lange erhalten möge.

Am nächsten Morgen wird losgefahren – nach dem Tessin? Sachte, sachte, ein Stückchen in dieser Richtung, in die Berge hinauf. Nicht sehr weit: Flüelen, Altdorf, Erstfeld, Amsteg, Wassen, Göschenen. Und hier steige ich aus, in der scharfen Höhenluft, die uns so gut tun soll. Der Zug verschwindet in einem schwarzen Loch, das sie in die Felsenwand gebohrt haben. Das ist der Gotthard-Tunnel. Hier fängt er an, in Göschenen, und bohrt sich fünfzehn Kilometer quer durch die Alpenkette. Zwölf Minuten dauert die Fahrt, dann ist man südlich des Gotthard, in Airolo, im Tessin. Ein Wunder der Technik, der Bequemlichkeit und der Zeitersparnis. Ich will über den Gotthard gehen, und dazu brauche ich einen ganzen Tag.

12 Minuten Rutschpartie im Expreßzug = 1 Tag Paßwanderung.

So sieht das aus, sachlich nebeneinander aufgestellt. Ein so unsachlicher Mensch wie ich läßt sich selbst von diesem logisch überzeugenden Vergleich nicht abschrecken. Man sitzt doch so gut und bequem in der Bahn, nicht wahr, also warum denn durchaus... Gerade darum, sage ich mir. Weil man so schnell den Gotthard passieren kann, ohne ihn überhaupt m bemerken, weil diese wunderbare Möglichkeit vorhanden ist, brauche ich mich doch nicht verpflichtet zu fühlen, sie absolut zu benutzen. Bin ich hier, um Reiserekorde aufzustellen oder was? Also raus und los.

Tut man so etwas heutzutage wirklich noch? Wozu hat man denn Flugzeug und Expreßzug? Schließlich fährt doch auch ein Postauto über den Gotthard. Ja und? Schließlich – schließlich habe ich Beine und kann selbst und will den [14] Gotthard auf eine andere Art erleben. Nämlich: allein. Darauf kommt es mir an.

In keiner anderen Zeit, als in der unsrigen, scheint man so hundeangst davor gewesen zu sein, sich allein in die Natur hinaus zu begeben. Wirklich allein, in eine wirkliche Natur. Nicht mit dem Wanderverein, und nicht so ein halbes Stündchen Verdauungsspaziergang im Park des Kurhotels. Nein, in meilenweite Einsamkeit, unwiderruflich. Dort, wo es das nicht gibt: Ach, nun habe ich aber genug davon, jetzt kehre ich um und ein. Schon der Gedanke, einen ganzen Tag lang ohne menschliche Gesellschaft zu sein – na, hören Sie mal! Das reicht schon aus. Wie, kein Mensch in der Nähe, wirklich? Eine fürchterliche Vorstellung. Da kann doch nichts los sein. Wenn keiner da ist – was soll man denn da eigentlich? Man soll sich endlich mal auf sich selbst verlassen und nicht Herrn Kunzes Meinung über die Natur anhören, sondern mal die Schleusen für alle fünf Sinne öffnen und dann gehörig in sich selbst hineinlauschen !

Gleich hinter Göschenen windet sich der Paß mühselig aufwärts. Nüchtern und sachlich steht das Gestein da, bis in den Himmel hinein. Hier gibt's nichts zu tun, keine Wälder zu roden, keine Picker zu bestellen, und Uran haben sie bis heute auch noch nicht gefunden. Der Mensch ist hier total überflüssig. Hier gibt's nichts für ihn zu holen, und darum ist auch keiner zu sehen. Seltsam. Nirgends fühlt sich der Mensch des Flachlandes und der Städte so ausgeliefert wie in einsamen Berggebieten. Alles ist ihm so unheimlich fremd, und es gibt nicht einmal irgend etwas von Menschenhand Geschaffenes, worüber er nörgeln könnte.

Auch wenn wir es nicht mögen, sind wir doch alle mehr [15] oder weniger vom Hordenwesen unserer Zeit angekränkelt ohne uns darüber richtig klar zu sein. Wir leben zusammengedrängt in Häuserblöcken, Straßenquartieren, drücken uns in Eisenbahnabteilen, in Autobussen und Straßenbahnen. überall und immer. Bei der Arbeit, beim Sport, beim Vergnügen, im Konzertsaal, im Kino und Theater, selbst in den Ferien, bei der Erholung, immer, ständig, dauernd sind da die anderen. Wir können uns schon gar nicht mehr vorstellen, wie es ohne sie ist. Wir werden uns nicht mehr darüber klar. Hier wird man es.

Auf einmal ist alles anders. Die Welt der täglichen und jahrelangen Gewohnheiten hat aufgehört. Plötzlich steht man wirklich allein, sehr allein, unbegreiflich allein. Und das mitten in einer Natur aus aufgetürmtem Gestein, garniert mit teilnahmslos gähnenden Abgründen. So weit man sehen kann, dasselbe Bild. Und man kann weit sehen. Erschreckend weit. Eine beängstigend versteinerte Welt, in der das bißchen Mensch zum armseligen Klumpen einschrumpft und wie eine gottsjämmerliche Schnecke herumkraucht. Mit dieser Erkenntnis ist man sich schon ein gutes Stückchen näher gekommen. So plötzlich an die überaus frische Höhenluft gesetzt wird ein Mensch ziemlich umgänglich mit sich selbst und darum geneigt... Paß nun lieber auf, wo du gehst, sage ich menschenfreundlich zu mir, es wäre schade um deinen Kopf mit all den lebensklugen Gedanken. Wenn du erst mal da unten liegst, ist das Lied aus. Da kommt keiner und sammelt dich zusammen.

Denn die breite und sichere Paßstraße habe ich schon lange verlassen und krabble auf den bedenklich schmalen Pfaden herum, die sich mehr direkt und darum leider auch steiler emporschrauben. Oft ist so ein Pfad nur einige Meter [16] weit sichtbar, windet sich auf und ab, verschwindet dann hinter Felsen oder in der Tiefe. Man weiß nie, wie diese Pfade weiter verlaufen. Es ist sehr spannend. Und mächtig anstrengend. Die Höhenluft, das Klettern. Mein Herz klopft, ich puste und schwitze. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Wer hat auch gesagt, daß ich mich hier herumdrücken soll. Ich hätte ja auf der schönen Paßstraße bleiben können. Nun stecke ich im Dilemma.

Wie einsam es hier ist. Kommt hier wirklich keine Menschenseele mehr vorbei? Und die Landschaft – na, kann man das überhaupt noch Landschaft nennen? Landschaft, so ein Wort, bei dem man unwillkürlich an Postkarten und Malereien mit lauschigen Wiesen und rieselnden Bächen und schläfrig nickenden Baumgruppen denkt. Hier aber ist schroffe Unordnung, leblos und unveränderlich in ihrer Todesstarre, ergreifend unheimlich durch ihre unantastbare Regungslosigkeit. Und da kraxelt man nun drin herum, verantwortungslos sich selbst überlassen. Man ist so sehr allein, daß man mit dem Fuß einen Stein wegstößt, um ihn rollen zu sehen und zu hören. Man muß mal eine andere Bewegung als die eigene vernehmen. Und das maßlose Schweigen. Es drückt auf die Nerven, die gewöhnt sind, Widerstand gegen Geräusche zu üben, und auf einmal keinen Laut vernehmen können. Die Einsamkeit ist so unermeßlich. Aber wie findet man sich im Unermeßlichen zurecht? Man muß sich darin verlieren und wieder finden. Leicht gesagt -- in so einer Welt ohne Nerven, so erschreckend schön unnervös.

Ich summe und brumme mir was, um zu hören, ob ich überhaupt noch da bin. Dann pfeife ich eine kleine Melodie, und danach singe ich den Alpen ein hübsches Liedchen vor, [17] das »von dem Herrn, der in Bern, sein Weib hat umgebracht, bei der Nacht, trallala...«. Aber die Bergriesen stellen sich taub an, sie bleiben steil und zeigen mir die kahle, kalte Schulter. So komplett gleichgültig gegenüber der ganzen übrigen Welt möchte ich auch mal sein können.

Auf der Teufelsbrücke stehe ich eine Weile, gegen die Brüstung gelehnt, und starre stumpfsinnig in die tiefe Schlucht mit dem tobenden Wasser. Es schüttelt mich. Es zieht dort, als hätte jemand vergessen, eine riesengroße Tür zuzumachen. Es schüttelt mich nochmals, und ich steige weiter. In Andermatt stehen ein paar frostige Häuserchen. Hier kann man sich sogar von einer dampfend heißen Tasse Kaffee aufwärmen lassen. In Hospental gibt es noch ein ganzes Dörfchen. Und dann ist es aus. Bis jetzt war alles nur Spaß. Hier fängt es an ernst zu werden. Ran an den Gotthard und rauf !

Eine Stunde nach der anderen, auf und ab, stundenlang, hin und her. Das Herz pumpt sich heiß. Ich schnaufe und ächze: da kannst du sehen wie es ist, wenn man zu viel raucht, nicht wahr, aber du willst ja nicht hören, und jetzt schnappst du nach Luft wie ein trockengelegter Karpfen. Schadet dir gar nichts, schnapp du nur, das reinigt die Lungen. Du pfeifst überhaupt nicht mehr, warum bist du eigentlich so still geworden?

Ich pfeife darauf, die giftigen Bemerkungen meines billigeren Ichs zu beantworten. Als ob mich das nichts anginge, suche ich mir einen großen flachen Stein, setze mich drauf, nehme die Flasche aus der Schultertasche und bewillige mir eine Reihe tiefer Trostzüge. So, danke, das hilft gegen die rauhkalte Luft und den eisigen Hauch der Berge. Hier tut Wärme not. [18]

Manchmal kreuzt mein Pfad die breite Bergstraße, aber nur sehr selten ist ein Auto zu sehen. Es ist ein Wochentag im Frühjahr. Der Himmel ist grau und frostig verhüllt. Die Luft ist eisig kalt, und es wird immer ungemütlicher, je höher ich hinaufkomme. Lange Strecken placke ich mich auf der mit groben Steinen angelegten Römerstraße, dem alten römischen Heerweg. Hier zogen sie einst: Kriegsvolk und Handelsleute, Landvogte und andere Räuber, Scholaren und Handwerker, Pilger und Büßer, Heilige und Sünder und Narren. Und nun ich. Hinterher. Ein Nachzügler, der auf dem Gotthard herumläuft in einer Zeit, in der man entweder im Auto über den Paßweg dahinschießt oder im Expreßzug drunterweg rattert. Mein Herr, es ist ja schon so lächerlich lange her, seitdem es unmodern wurde, hier angelaufen zu kommen!

War da jemand, der lachte?

Natürlich niemand. Eine vorlaute Bergquelle kluckert leise. Wer soll denn hier sein?

Und übrigens komme ich hier weder angetrabt, weil es modern noch weil es unmodern ist, sondern weil mir das paßt, weil ich das sehen will, von dem der Schweizer Ludwig Rütimeyer schrieb: »Nirgends überkommt uns so das Gefühl, wirklich ausgeschlossen zu sein von allem Leben, wie auf diesen Gipfeln.« Immer noch passen die Worte, die er im vorigen Jahrhundert in seiner Beschreibung des St. Gotthard gebrauchte: »Ernst, alt und einsam.« Gerade so ist es.

Warum geht hier eigentlich niemand und sieht sich das an? Merkwürdig. Wie stark und würzig die Kräuter in der dünnen Höhenluft duften – und wie schmutzig der Schnee hier oben ist – der ewige Schnee. Ja, gealterter Schnee, [19] grau geworden mit der Zeit und Ewigkeit, gerunzelt und zusammengefallen. Alt und einsam. Alles ist in triefendes Grau getaucht. Es weht feucht. Wie Sprühregen. Und dieser zähe Nebeldunst, diese wehenden Schleier – das sind also die Wolken. Man ist bis zur Schneegrenze und bis in die Wolken hinein gestiegen und stochert nun etwas mißmutig durch ein klitschiges, elend kaltes Naß. Ist es so, in den Himmel zu kommen?

Jetzt liegt die Paßhöhe vor mir mit den unheimlich schwarzen Flächen der kleinen Seen, dahinter das Gotthard-Hospiz. Zu beiden Seiten der Autostraße ist der Schnee vier bis fünf Meter hoch aufgeworfen. Hier oben gibt es stets neue Schneefälle, immer wieder muß der Schnee beseitigt werden, damit der Paß offen bleibt.

In der Gaststätte des ehrwürdigen Hospizes glühen die eisernen Ofen. Da sind Menschen, ein paar Autos halten vor dem Gebäude. Da ist Wärme, eine mollige und sehr willkommene Wärme. Und keine Mönche mehr. Was sollten die auch hier. Den Autofahrern Benzin verkaufen, ihnen Kognak einschenken?

In diesem Hospiz hat Goethe verweilt, himmeln die einen in schmachtenden Tönen. Hier hat Mussolini sich ins Fremdenbuch eingetragen, krähen die anderen. Hier hat Herr Steiglhuber einen Schnaps zu viel getrunken, und das bekam ihm nicht, ließe sich passend hinzufügen. Sie sind hier gewesen und weiter nichts. Das kann jedem anderen auch geschehen. Aber sie haben auch anderen Besuch gehabt, der sich nicht damit begnügte, im Gästebuch zu kritzeln. Und das war immerhin schon viel bedenklicher. Als die französischen Soldaten das hier 1799 erobert hatten, rissen sie fast alles ab, um es als Brennholz zu verfeuern. Die [20] Russen werden nicht mehr viel Brennbares vorgefunden und darum schön geflucht haben, als Feldmarschall Suworow mit seinem Heer von 21000 Mann über den Gotthard gezogen kam. Sogar die Österreicher haben ihre Soldaten hier hinaufgejagt. Es tat sich allerlei.

Bedeutend früher aber, bereits 1560, hatte der Erzbischof Karl Borromeo von Mailand begriffen, wie wichtig es war, sich in dieser Passage einen Stützpunkt für die sehr wachen Interessen der katholischen Kirchenmacht zu sichern. Er schickte zwei Benediktinermönche als Herbergsväter auf den Gotthard. Sprachkundige und äußerst geschickte Herren hatte er sich dazu gewählt, die gute Kontrolle mit allem halten und tüchtige Berichte senden konnten. Doch trotz allem war Mailand fern und der Gotthard hoch, und es klappte wohl nicht so wie es sollte. Die Benediktiner verschwanden, und 1682 sandte der Mailänder Erzbischof Visconti dann die Kapuzinermönche auf den Paß. In der folgenden Zeit wuchs der Verkehr über den Gotthard erstaunlich. Um 1830 löste die neu geschaffene Paßstraße den alten halsbrecherischen Weg ab und wurde nun zur wichtigsten Nord-Süd-Passage. Bald konnten es die Mönche nicht mehr schaffen, ihr Amt auszuüben. Und im Jahre 1841 nahm sich die Kantonregierung der Verwaltung des St.-Gotthard-Hospizes an. Der Paß muß zu jener Zeit eine Völkerwanderung erlebt haben. Als alle Welt, die von der Politik und die vom ehrlicheren Handel, hier passierte, da muß es was zu hören und zu sehen gegeben haben. Handelskarawanen mit Dutzenden von Pferdewagen und mehreren hundert Personen waren keine Seltenheiten. Allein im Jahre 1876 wurden 69 647 Reisende gezählt. Und auf einmal war es Schluß damit, als 1882 der Tunnel fertig und [21] die Gotthard-Bahn eröffnet wurde. Es wurde wieder still auf dem Gotthard – ernst und einsam.

Winterlich eisengrau verhängt ist der Himmel auf der Paßhöhe – 2112 Meter über dem Meere – bis zur frierenden, schneebedeckten Erde. Ich wende dem Hospiz den Rücken zu, gebe mir einen nachhaltigen Ruck und schiebe mit langen Schritten gen Süden.

Abwärts, tröste ich mich, es geht abwärts, weiter nichts als abwärts. Leider zeigt es sich sehr schnell, daß der Abstieg an sich weiter nichts mit Trost zu tun hat. Die schmalen Pfade abseits des Paßweges fallen recht steil ab. Bei jedem Schritt gibt es einen knuffenden Ruck im ganzen Körper, und mein Skelett fängt an zu knirschen. Und alle Steine am Wege lachen sich ins Steinfäustchen.

Eine halbe Stunde steige ich geduldig abwärts, in der üblichen Eselmanier, mit hängendem Kopf und müden Augen, die das alles am liebsten nicht mehr sehen mögen. Und dann noch fast eine halbe Stunde dazu, und da geschieht es. Auf einmal, ohne Übergang, buchstäblich wie aus dem Gotthardhimmel gefallen, stehe ich im blendenden Sonnenschein. Hier ist auch kein Schnee mehr. Der Himmel strahlt unwahrscheinlich blau, und das Licht ist klar und goldig. Da ist frisches Gras, grünende kleine Büsche stehen herum, und der liebe Gotthardgott hat Blumen spendiert. Man ist vom Himmel ins Paradies gekommen – nur eine knappe Stunde von der Paßhöhe entfernt, von dem nassen Geriesel und den eisigklammen Wolken. So habe ich es mir gedacht, hier fängt... Das Tessin? Da fällt mir ein, daß ich schon seit dem frühen Vormittag im Tessin herumlaufe. Denn die Kantonsgrenze zieht sich bereits ein gutes Stück nördlich der Paßhöhe hin. So ein launisches Ländchen: von [22] den bitterbarschen Gotthardhöhen zuckersüß dahinschmelzend zu den Gefilden der oberitalienischen Seen.

Die Veränderung ist so freudig überraschend, daß man sich einbildet, singen zu müssen. Das lasse ich jedoch hübsch bleiben. Man soll nicht übertreiben. Außerdem ist da gleichzeitig etwas anderes, das mich ganz und gar nicht zu Gesangsproben stimmt. Belämmert bleibe ich stehen und bitte mir eine Bedenkzeit aus. Die Berge erheben keinen Einspruch, und ich darf mir das erst mal ansehen. Wie das weitergehen soll, ist nicht auszudenken. Knapp und gut die nächsten acht Meter führt sich mein Pfad noch einigermaßen normal auf. Aber dann hat er keine Möglichkeit mehr, sich ordentlich zu benehmen. Denn da neigt sich mein Weltall ein paar hundert Meter steil abwärts, in eine scheußliche Schlucht. Und unten, ganz tief unten, rauschen mächtige Wasser. Eine eklige Sache, so völlig unvorbereitet Angesicht zu Angesicht mit einem Abgrund zu stehen.

Ich fühle mich auf meinem Pfad wie ein Seiltänzer. Nicht nur der Pfad, sondern überhaupt alles scheint hier aufzuhören. Die schwindlige Aussicht zur Tiefe ist äußerst beunruhigend. Ich mag das nicht. Was denn nun? Es war schwer genug, bis hierher zu kommen. Aber schließlich muß doch der Pfad von Menschenfüßen getreten sein. Hier müssen doch andere vor mir gegangen sein. Wenn die konnten, kann ich wohl auch. Wer mag das gewesen sein. Und wann? Scheint lange her zu sein. Kein Anzeichen einer Spur, keine geknickte Pflanze. Nichts. Ist der Pfad aufgehoben worden, ist die Fortsetzung vielleicht bei einem Bergrutsch abgeglitten und in der Tiefe verschwunden? Da stehe ich mit einem dummen Gesicht, und rund herum hocken die Berge und glotzen mich an. Wenn ich sie ansehe, tun sie gleichgültig. [23]

Und das sind sie wohl auch. Denen kann es ja egal sein, was ich über sie denke und ob ich hier runterfalle oder...

Ein sehr grobes Wort sage ich laut und deutlich und lasse es dahinstehen, wer sich davon betroffen fühlen will, während ich mich noch die letzten paar Schritte weiter vorwage. Und da traue ich meinen Augen nicht, mein Pfad macht nun einen scharfen Knick – geradewegs nach unten. Als wolle er zum malerischen Absturz einladen. So hatte ich es mir nun nicht vorgestellt. Von dieser Kletterpartie bin ich absolut nicht begeistert. Mir ist nicht sehr wohl.

Dabei ist es reizend hier oben. Die Sonne meint es gut. Das Gras ist so erfrischend grün. Eigentlich und recht besehen ist es ganz schön das bißchen Leben, das man hat. Aber der verdammte Pfad, der liegt da und lauert: Na, laß mal sehen, wie ist es denn mit dem Portiönchen hochbesungenem Mannesmut? Ärgerlich brumme ich dieses idiotische: Das wäre ja gelacht! Und dann klettere ich, wie es der Pfad haben will. Nämlich auf dem Bauch liegend, an der schrägen Wand hängend, und mit allen vieren taste ich dabei nach Haltepunkten.

Wer von der felsenfesten Unerschütterlichkeit des Gebirges gelesen und das geglaubt hat, der kann hier sein blaues Wunder erleben, wenn er auf Händen und Füßen, mit der Nase im Gestein, herumglitscht. In dieser Situation die Entdeckung machen zu müssen, wie sehr der Berg brökkelt und bei der geringsten Berührung heimtückisch schottert und kubikmeterweis abwärts rollt, das ist weiter nicht erhebend. Es gleitet nur so, in schrägen Flatschen, immer hinunter damit. Nichts scheint mehr beständig zu sein, man kann sich heutzutage auf nichts mehr verlassen, nicht mal auf die Alpen. Es wird immer schwieriger. Wenn ich [24] einen neuen Halt suche ist es, als ob der halbe Gotthard zusammenfallen will. Was soll denn das. So hat ein Berg sich doch nicht aufzuführen. Ich schwitze und schimpfe: Das habt ihr fein gemacht, hier einen Weg hinzulegen. Was habt ihr euch eigentlich dabei gedacht? Das ist ja die reine Menschenfalle! Da lockt man mich erst mit einem blumenbekränzten Pfad und dann... dann wollt ihr mich ausrotten, sage ich zu den Felsen. Na, wartet nur, ich werde euch den ganzen Berg demolieren, werde ich!

Ratsch, sagt der Berg unter meinem Fuß, gerade dort, wo ich die Zehenspitzen zu setzen versuche. Und jetzt lösen sich auch noch die Steine, an denen ich mit den Händen hänge. Das ist ja eine Gemeinheit sonder... so was Boshaftes habe ich doch... Ruhe, rede ich mir zu, bloß erst mal Ruhe, ganz ruhig, endlich nicht nervös werden. Aber ich bin's. Ich presse den Körper gegen die bröckelnde Wand, als wollte ich sie beschützen, hake mich mit Fingern und Zehen fest, hole tief Luft und sehe mich nun erst mal um. Und da sehe ich...

Mein Herz erstarrt zu einem eisigen Pfropfen, und alle Eingeweide krauchen abwärts und ducken sich erschreckt zusammen. Jetzt bin ich so weit über den Hang hinabgekommen, daß ich sehen kann, was gerade unter mir ist. Da tief drunten ist ein Loch.

Ich puste heißen Atem und sehe erst mal weg, weil das zu unglaublich ist. Aber ich muß wieder runterblicken, muß Gewißheit haben. Die Gewißheit ist echt genug: da ist das Loch, mehrere hundert Meter unter mir. Sehr genau und korrekt, gerade unter mir, und hier rutschte und glitt ich ahnungslos herum und könnte leicht und geradewegs zusammen mit ein paar Zentnern Geröll dort unten... [25]

Wo – ?

Ich muß wieder hinsehen, ob da noch eine Chance wäre, wenn... Keine, bin ich mir sofort klar. Nicht das kleinste Gebüsch, nichts, keine Spur von einem Halt.

Da ist also von der Bergwand gegenüber der Schlucht im Laufe des Winters eine Lawine herabgekommen. Und die liegt immer noch da tief unten und deckt den Talgrund unter mir zu, breit und mächtig. Und im Lawinenfeld ist ein Einsturz, ein mächtiges Loch, in dem eine ganze Dorfkirche Platz hätte. Das Loch ist pechschwarz im Innern und scheinbar der direkteste Weg zum Mittelpunkt der Erde. Und in der ewigen Nacht des Loches, unter Schnee und Finsternis, auf dem Grunde der Schlucht, da ahne ich das gurgelnde Eiswasser des Flusses.

Nun habe ich Gewißheit genug, mehr als genug. Der Anblick ist schrecklich, aber die Gedankenvorstellung ist noch viel schrecklicher. Gute Reise

Was nun?

Ich bin gar nicht mutig und hänge gar nicht gut hier. Die Bergschrägung sieht teilnahmslos zu. Deine Sache, scheint sie zu meinen, da kannst du mal sehen wie das ist, hier so überm Abhang zu hängen. Oder glaubst du, mir macht's Spaß? Nu sieh mal zu, wie du damit fertig wirst. Hast du nicht sonst immer so gute Einfälle?

Ich habe keine. Hilflos sehe ich mich um. Doch das hilft nichts.

Umkehren, zurück, appelliert eine winzige Portion erschrockene Vernunft in mir. Das hier ist doch irrsinnig, und der Klügere gibt nach. Zögernd gehorche ich. Meine Hände tasten, suchen aufwärts, hoch über meinem Kopf nach Haltepunkten, meine ausgestreckten Arme prüfen, ob man [26] sich hochziehen kann. Nein, Steine und Lehmklumpen rollen abwärts, poltern böse und verschwinden irgendwo in der Unterwelt. Von meinem Klammerpunkt aus kann ich zwar nicht sehen, wo sie sich so eilig hinbegeben. Aber ich habe auch wenig Lust, es zu erfahren. Ich hab's nicht so eilig, und ganz besonders nicht in jener Richtung.

Warum ist gerade das Stück Gotthard über mir so elend beschaffen? Wie bin ich eigentlich hierher gekommen? Die allerdümmsten Fragen stellt man sich selbst. Und man kann es nicht mal sein lassen, wütend, rasend und zerknirscht zu denken: Hast du etwa nicht von der großen Einsamkeit der Berge gefaselt? Na und? Ernst und einsam, nicht wahr, da hast du es! Es wird niemand einfallen, dich hier zu stören. Ist das nicht reizend? Du siehst gar nicht gut aus, ist dir etwa nicht richtig wohl? Kellner, ein Glas Wasser für den einsamen Herrn!

Nichts zu machen, zurück geht's nicht. Das schofle Gefluche in mir kriegt einen Schreck, verstummt und begreift, daß ich nun absolut nicht gut auf mich zu sprechen bin. Hm, rauf ist also nicht zu kommen. Das ist doch wenigstens ein Standpunkt. Ha, meckert etwas sauwütend in mir – Standpunkt!

Ich kann es nicht lassen, wende den Kopf und muß das Loch nochmals besehen. Es ist inzwischen nicht hübscher geworden. Und da rede ich dem Kind im Manne gut zu: Mein lieber Junge, sowas genügt, um den stärksten Mann umzuhauen. Also, vor allem nicht mehr da runter sehen. Laß das. Bloß nicht nach dieser Seite schielen. Verstehst du? Und jetzt weiter, nichts als weg von hier!

Es ist zum – Steinerweichen. Zitternd umarme ich den Berg und klemme mich zentimeterweis weiter, kralle mich [27] fest, gleite und krabble wie ein unbeholfener Käfer. Noch ein paar Meter, noch einen Meter. Ich schwitze dicke Angst. Nun nur noch über diese Kante da. Na, das glückte. Aber, welche Minuten, welche Gefühle, welches Herzklopfen, welche grimmigen Selbstvorwürfe. Nur nicht nach unten blicken. Bloß nicht den fürchterlichen schwarzen Schlund in der riesigen Schneefläche sehen, dann geht es schon.

Das letzte unsichere Stück noch. Und dann ist es überstanden. Ich atme auf, so wie man atmet, wenn man von einem Alpdruck erwacht. Mahlzeit – Alpdruck! Der ganze Gotthard liegt mir im Magen.

War es so schlimm?

Reden wir nicht davon, solange die Knie noch so wunderlich weich sind. Hier läßt es sich doch wenigstens wieder einigermaßen auf den Füßen stehen. Und jetzt will ich mir das doch noch mal... Wo ist es denn? Der schauderhafte Krater ist weg. Ohne es bemerkt zu haben, bin ich schon zu weit weggekommen, und nun versperrt mir die Rundung des Felsens eifersüchtig die Aussicht.

Weiter!

Steil abwärts, quer durch junges Grün von Lärchenwäldern, über saftiggrüne Wiesen, dunkelgrün leuchtenden Moosboden, und alles in goldene späte Nachmittagssonne gebadet. Es wird immer wärmer.

Dort, wo die Landschaft mit ihrer Aussicht auf himmelhohe Berge einer Operettenkulisse gleicht, mache ich Pause. Und ich kann nichts dafür, aber drüben auf dem Paßweg fährt ein Postauto und läßt in jeder Serpentinenkurve sein Horn erschallen. Das Horn sagt wirklich Tatü-tata! Da setze ich mich, wo ich gerade stehe, und springe schnell wieder auf, weil die roten Ameisen mich nicht mögen, und [28] setze mich ein Stück weiter weg und packe meine Marschration und die Rotweinflasche aus. Die ersten Schmetterlinge umspielen mich. Von hier aus kann ich Airolo unten im Tal liegen sehen, klein wie ein Spielzeugdorf. Es liegt da und ich weiß, nun habe ich es bald geschafft.

Immerhin, bevor ich meinen Einzug im Dorf halten kann, ist die Sonne bereits dabei, hinter den Felswänden des Bergkessels zu verschwinden. Und als ich dann endlich in dem kleinen, bäuerlichen Hotelzimmer in den dicken Federbetten liege, in denen man sich doch so wohl aufbewahrt fühlen sollte, da packt es mich auf einmal. Es reißt mich aus dem Schlaf auf und durchrinnt mich heiß und kalt. Immer wieder ist dieser verdammte Krater da tief unter mir. Im gruseligen Licht der Traumbilder erblicke ich wieder und wieder das schreckliche Loch in der Schneefläche. Die stumme Drohung verfolgt mich, eine unheimliche Warnung, ein lauernder böser Blick aus dem Faltengewand der Urwelt. Ich habe in das Zyklopenauge einer sterbenden Lawine geblickt – und begriffen.

*

Als ich später meinen Schweizer Freunden von der Kletterpartie über dem Lawinenloch erzählte, schüttelten sie besorgt den Kopf und erklärten mir geradeaus, wie verrückt es wäre, sich auf so etwas einzulassen. Noch dazu für einen Fremden, der nichts von Bergen versteht. Solche Pfade sind für Einheimische da, für berggewöhnte Gebirgler. Und dazu sind es oft nicht mal Menschenstege, sondern nur Ziegenpfade, auf denen die Bergziegen zu den Weideplätzen klettern. Wenn man das nicht weiß, soll man sich weit davon weghalten. Und dann kam es: »Übrigens, man sollte nicht meinen, daß du so unzurechnungsfähig bist.« [29] Da saß ich, sah wieder das leere Totenauge der Lawine vor mir und nickte: »Ja, man ahnt nicht, was man für Dummheiten macht.«
Und dachte still: Aber nächstesmal – wieder! [30]


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