Quelle: http://www.buch-plakat.de/wp-content/uploads/2010/06/Ballade.jpg(...) Ein Landstreicher, wegen Vagabondage und Bettelei vor Gericht gestellt, antwortete auf die Frage des Richters, ob er etwas zu seiner Verteidigung vorzubringen hätte, folgendermaßen: "Ich bin die notwendige Entsprechung zu einem Milliadär", sagte er überlegen grisend; der Richter verstand ihn ausgezeichnet, brüllte "Frechheit" und verurteilte ihn zu drei Wochen Gefängnis.

Was war denn nach der Meinung des Richters an der überaus kurzen, klaren und darum - so meinen wir - preiswürdigen Verteidigungsrede des Landstreichers frech?

Frech war, daß dieser halbverhungerte, verlauste Habenichts sich erlaubte, mit acht Worten (und Gegrinse) die bestehende Ordnung über den Haufen zu werfen. Mit ein paar Worten - und dabei hatten Generationen solcher Männer, wie er, der Richter, einer war (jeden Morgen frisch gebadet, tadellos rasiert, satt, vermögend, religiös, in guter, nicht zu anstrengender, aussichtsreicher Stellung) daran gearbeitet, diese heilige Ordnung aufzurichten und für die Ewigkeit zu preparieren. Und nun... "Frechheit!" Frechheit!"

Den nächsten Landstreicher, der drankam, verknackte der Richter zu nur drei Tagen. Der wußte nähmlich nichts zu seiner Verteidigung vorzubringen.

Nachher trafen sich die beiden Verurteilten, die einander im Gerichtssaal zum ersten Mal gesehen hatten, in der Gefängniszelle. "Sag mal", sagte der mit den drei Tagen Knast zu dem mit den drei Wochen: "Ich hab dich vorhin, glaube ich, doch nicht so recht verstanden. Was hast du dem eigentlich sagen wollen?"

"Nun", sagte der mit den drei Wochen Knast, "eigentlich wollte ich ihm eine richtige Rede halten. Aber dann dachte ich, je kürzer um so besser, und außerdem ist es für unsereinen nicht gut, mit leerem Magen zu reden - da packt einen doch gleich die Wut. So hab ich ihm nur den Schlußsatz mit geziehmendem Anstand in die Visage gespuckt. Aber dir kann ich die Rede ja halten."

Die gedachte Rede.

"'Hohes Gericht', hatte ich vor zu beginnen, 'ihr Beruf ist, zu richten und zu strafen. Mein Beruf ist, durchs Land zu stromern und zu betteln. Ohne mich gäbe es Sie nicht. Oder - was wahrscheinlich ist - umgekehrt? Bin ich, weil Sie sind? Gesellschaftsordnung nennen Sie das. Schöne "Ordnung", solange es uns gibt. Zehntausende meiner Sorte. Was reden Sie vom "fauligen Sumpf, in dem ich stecke"?
Natürlich sind wir im Sumpf. Es gibt noch allerhand andre Sümpfe, Herr Richter. Haben Sie etwa die Sümpfe geschaffen? Denken Sie darüber nach. Ich für meinen Teil halte dafür, dieselben Leute, die das Korn auf dem Halm faulen lassen, lassen auch Menschen faulen, wenn es ihnen paßt. Daher kommen die Sümpfe. Sie nennen mich einen Lumpen. Natürlich bin ich ein Lumpen, ein ausgewrungner, zerfetzter und auf die Straße geworfner Lumpen! Sie haben recht. Ihre Gesellschaftsordnung fabriziert erstaunlich viel Lumpen, Herr Richter! Hoher Gerichtshof: Sie sagten, es sei uns ein 'ausgesprochenes Vergnügen, zu betteln'. Erstaunlich, muß ich dann schon sagen, daß Ihre Millionäre, die sich sonst doch kein Vergnügen entgehen lassen, an unsern 'Vergnügen' nicht teilnehmen? Etwa die Krupps und Klöckners und Fords und Rockefellers in aller Welt. Oder Sie selbst. Glauben Sie mir - wir würden den Krupps und Ihnen alle 'Vergnügen der Landstraße' mit großem Vergnügen überlassen. Wirklich. Sie sagten, Ihre Aufgabe, die Aufgabe des Gerichts, sei die Wahrheitsfindung. Nu - hier haben Sie die Wahrheit.'" schloss der Landstreicher die gedachte und nicht gehaltene Rede. So geschehen im Sommer des Jahres 1927 in einer deutschen Provinzstadt. (...)

Ausschnitt aus: Gregor Gog: Die Landstrasse auf dem Weg zur Organisation. Die 'Internationale Bruderschaft der Vagabunden'. Geschrieben: Moskau 1936;
publiziert in: Trappmann, Klaus (Hrsg.): Landstraße, Kunden, Vagabunden. Gregor Gogs Liga der Heimatlosen. Berlin: Gerhardt Verlag 1980, S. 223f.

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