Jutta H.: Verheerende Armut. mob e.V. zu Besuch in Budapest. Berlin 2008

Tagsüber bleibt die Notübernachtung in der Elöd-Straße im Budapester Zehnten Bezirk geschlossen. Früh am Morgen müssen die Männer, die in der ehemaligen Kaserne im Osten der Stadt übernachtet haben, das Gebäude verlassen. Ein hagerer alter Mann mit grauem Bart und schmutziger Kleidung ist zurückgeblieben. Er sitzt auf einem Stuhl seitlich neben dem Eingang des Gebäudes. Seine Hände klammern sich an der Stuhllehne fest. Auf diese Weise versucht er, die ausufernden Bewegungen seiner Arme, das Zittern und Rucken seines Oberkörpers zu kontrollieren. Sein Kopf schlägt in alle Richtungen. Die vorbeikommenden Besucher nimmt er kaum wahr; er befindet sich in einer anderen Welt. Die Hilfestrukturen für Obdachlose in Budapest halten die Menschen am Leben. Nicht mehr.

Budapest ist eine moderne Metropole mit fast zwei Millionen Einwohnern. In der Stadt an der Donau haben sich futuristische Bürotürme neben renovierten historischen Gebäuden angesiedelt. Eine Flut von Autos strömt durch die Straßen, Geschäfte bieten Waren an aus der ganzen Welt. Ungarns Systemwechsel zu Demokratie und Marktwirtschaft scheint nachhaltig geglückt. Ein strikter Reformkurs ist vor vier Jahren mit der Aufnahme in die Europäische Union belohnt worden. Nächstes Etappenziel ist die Einführung des Euro.

Doch die Bevölkerung Ungarns hat einen hohen Tribut gezahlt für Sparkurs und Stabilitätskriterien. Und sie zahlt ihn noch. Schätzungen zufolge lebt mittlerweile ein Drittel der Ungarn unter dem Existenzminimum. Armut grassiert. Diejenigen, die Arbeit in einem der wachsenden Wirtschaftszweige gefunden haben, profitieren von hohen und steigenden Löhnen. Der Großteil aber hat keinen Platz gefunden im EU-kompatiblen Wirtschaftssystem. Gering Qualifizierte, Arbeitslose, Rentner, Roma sind die Verlierer von Transformation und Europäisierung. Obdachlose gehören zu Budapests Stadtbild. 10.000 sind es etwa, schätzt man. Man findet sie unter den Donaubrücken, in Parks, in Unterführungen, in verfallenen Häusern. Zu den Essensausgaben der Hilfsorganisationen kommen Hunderte. Dann stehen sie in langen Schlangen hintereinander. Ihre Gesichter spiegeln ihre Schicksale wider, sie sind frühzeitig gealtert. - Ein Teil der Obdachlosen hat sich in die umliegenden Wälder zurückgezogen. Im Nordosten von Budapest ist in einem kleinen Wald eine Siedlung entstanden, die an einen Slum erinnert, den man eigentlich aus anderen Teilen der Welt kennt. Die Bewohner leben zwischen Müllbergen in Hütten, die sie aus Holz-, Blech- und Plastikresten selber zusammengebaut haben. Andere Obdachlose sind tiefer in die Wälder gegangen, hoch in die Budaer Berge im Westen der Stadt. Wie Tiere leben sie in Höhlen und Verschlägen. Es sind Hunderte, berichten Mitarbeiter von Hilfsorganisationen übereinstimmend.

Obdachlosigkeit ist mit der politischen Wende 1989 erstmals ins öffentliche Bewusstsein gelangt. Als im Winter 1989/90 die staatliche Bahn nachts die U-Bahnhöfe zusperrte, um die vielen obdachlosen Menschen aus dem Inneren fernzuhalten, kam es in der Innenstadt zu tagelangen Protestaktionen der Obdachlosen. In dieser Zeit entstanden erste Hilfsorganisationen, die heute einem breiten Netz aus staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen angehören.

Aber viel mehr als Krisen zu managen könnten sie nicht leisten, beklagt Andus, eine Sozialarbeiterin der Organisation Menhely (= Asyl) „Was wir leisten, ist Rettung in allerhöchster Not. Wir halten die Leute am Leben. Mehr gibt das System nicht her.“ – Tatsächlich ist Ungarns Sozialsystem dringend reformbedürftig. Die Sozialleistungen sind niedrig, die Renten liegen in der Regel nicht über 200 Euro im Monat, das System ist inkohärent und nicht auf Reintegration ausgerichtet. Und auch die Situation auf dem Wohnungsmarkt bietet nur wenige Chancen, um sich aus einer prekären Situation zu befreien. 90 Prozent der Wohnungen sind im Privatbesitz. Billige Mietwohnungen gibt es praktisch nicht.

Der bärtige alte Mann am Eingang der Notübernachtung, für den es keine Behandlung seiner neurologischen Erkrankung gibt, ist einer der Verlierer der Politik seines Landes. Die jeweiligen Regierungen haben nicht versucht, die Anforderungen der Europäischen Union den Bedürfnissen der ungarischen Bevölkerung anzupassen. Der politische Kurs war ausgerichtet auf den wirtschaftlichen Anschluss an die EU - um jeden Preis. Harte Sparkurse hat man verteidigt mit der Aussicht auf den EU-Beitritt. - Für 2010 steht die Einführung des Euro auf dem Programm. Der Staatshaushalt ist hoch verschuldet. Die  Europäische Union schreibt ein maximales Haushaltsdefizit von drei Prozent vor. Da stehen Einschnitte in Ungarns Sozialsysteme erst noch bevor.
Jutta H.

Quelle: http://www.strassenfeger.org/strassenfeger/ausgabe_2008-07/0010.html

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