1,62 m2 Zuhause - Krakow, Nowa Huta

Weronika Łodzinska und Andrzej Kramarz

 Im Nachtasyl in Nowa Huta bei Krakau finden obdachlose Männer einen Schlafplatz. Viele sind nur für wenige Nächte zu Gast, einige aber leben seit Jahren hier. In der Hierarchie der Etagenbetten haben sie das Privileg der unteren Liege, denn diese erlaubt ein gewisses Maß an Privatheit, einen Rückzugsraum auf 1,62 m². Er stellt die Mikroversion einer Normalität dar, die die meisten der Obdachlosen dem Akohol geopfert haben.

Obdachlos in Warschau

Im Frühjahr 2004 besuchte eine Gruppe von Mitarbeitern/innen sozialer Projekte, die dem Warschauer Wohlfahrtsverband Mazowia angehören, den PARITÄTISCHEN Berlin und ausgewählte Projekte von Mitgliedsorganisationen, darunter auch mob - obdachlose machen mobil e.V. Im Hinblick auf den damals unmittelbar bevorstehenden und inzwischen vollzogenen Beitritt Polens zur Europäischen Union bat mob e.V. die Vertreterinnen von Mazowia, zeitnahe einen Besuch von Obdachlosen- und Armen-Projekten in Warschau zu organisieren. Anfang Juli 2004 war es dann soweit. Dr. Kerstin Herbst, Mitarbeiterin von mob – obdachlose machen mobil e.V., schildert ihre Eindrücke.

Kurzbericht über einen Projektbesuch in Warszawa, Polen

-    soziale Einrichtungen unter dem Dach von Mazowia –
Schwerpunkt: Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe

Termin:                     Freitag, 02.07.2004 bis Dienstag, 06.07.2004
TeilnehmerInnen:     Dr. Stefan Schneider, Dr. Kerstin Herbst, mob e.V.

Vorbemerkung

Im Frühjahr 2004 besuchte eine Gruppe von MitarbeiterInnen sozialer Projekte, die dem Warschauer Wohlfahrtsverband Mazowia angehören, den DPW Berlin und ausgewählte Mitgliedsprojekte. Unter den besuchten DPW-Mitgliedern war auch mob - obdachlose machen mobil e.V.

Im Hinblick auf den damals unmittelbar bevorstehenden (und inzwischen vollzogenen) Beitritt Polens zur Europäischen Union bat mob e.V. die Vertreterinnen von Mazowia Warschau, zeitnahe einen Besuch von Obdachlosen- und Armen-Projekten in Warschau zu organisieren.

Der Projektbesuch von VertreterInnen von mob e.V. wurde vom DPW Berlin-Brandenburg inhaltlich und finanziell unterstützt.

Die Fachgruppe Armut und Obdachlosigkeit von Mazowia stellte folgendes Besuchsprogramm zusammen:


Freitag, 02.07.2004

19.30     Ankunft in Warschau. Begrüßung durch Agnieszka Kozaczynska (Mazowia):
Federacja MAZOWIA
ul. Hoza 57
PL 00-681 Warszawa
tel./fax 048-22-6223091
e-mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.mazowia.engo.pl

Frau Kozaczynska stand den mob-VertreterInnen die ganze Zeit über als kompetente Begleiterin und Dolmetscherin zur Verfügung.

20.00 bis 22.00     Besuch beim schwul-lesbischen Projekt
Stowaryszenie Lambda Warszawa
ul. Hoza 50/40
PL 00-682 Warszawa
tel./fax 048- 22-628 52 22
e-mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.lambda.org.pl.
Gespräch mit der Büroleiterin Kamila Kulik.

Lambda ist seit 1997 landesweit tätig; der Schwerpunkt der Arbeit liegt in Warschau und den anderen polnischen Universitätsstädten. Lambda ist sowohl politische Lobbygruppe für die gesellschaftliche Akzeptanz von Schwulen, Lesben und Bisexuellen als auch sozialarbeiterisch in den Bereichen AIDS-Prävention, Rechtsberatung usw. tätig. Lambda ist Mitglied der ILGA.

Momentaner Arbeitsschwerpunkt von Lambda sind professionell geführte Akzeptanz-Kampagnen. Eine Studie über individuelle Diskriminierungserfahrungen polnischer Lesbe und Schwuler ist gerade erschienen.

Das gemeinsame Gespräch drehte sich um Möglichkeiten der politischen und sozialen Vertretung und Aktivierung „gesellschaftlicher Randgruppen“.

Hinweis für den DPW Berlin
Kamila Kulik war Mitglied der Mazowia-Delegation, die im Frühjahr Berlin besuchte. Sie kam damals nicht in Kontakt mit den lesbisch-schwulen Mitgliedsorganisationen des DPW. Mob e.V. hat Lambda bereits eine entsprechende Adressliste übermittelt. Hier wäre auf Anfrage eine Unterstützung des DPW Berlin sinnvoll.


Samstag, 3.7.04

11.30     Besuch bei
Stowarzyszenie Otwarte Drzwi (Offene Türen)
ul. Targowa 82
03-448 Warszawa
 fon / fax 0 48 (22) 618 86 96
www.otwartedrzwi.pl

Otwarte Drzwi ist ein professionell geführter, international gut vernetzter Verein mit einem deutlichen Arbeitsschwerpunkt auf der Reintegration sozial benachteiligter (familiengelöster, erwerbsloser, geistig behinderter) Jugendlicher.

Der Verein betreibt u.a. ein Jugend-Berufsbildungsprojekt für männliche Jugendliche von der Straße und aus Kinderheimen (Młodzieżowy Ośrodek Reedukacji i Resocjalizacji), das ca. 20 Jugendlichen in drei Jahren Schulabschlüsse und Berufsausbildungen vermittelt. Die Jugendlichen wohnen in der ul. Targowa, wo sie u.a. zum Betrieb des Nachbarschaftstreffs herangezogen werden.

Darüber hinaus bietet Otwarte Drzwi eine sehr nachgefragte Jobbörse für Jugendliche an, wo Jobangebote aus Warschauer Betrieben aushängen und Tageszeitungen mit Stellenanzeigen ausliegen. An Computerarbeitsplätzen können unter Anleitung einer Sozialarbeiterin Bewerbungen geschrieben werden.

Mittagessen im angeschlossenen Nachbarschaftstreff für arme Leute (Centrum Pomocy Wzajemnej) Dom za Bramą (Haus hinter dem Tor), Adresse wie oben.


12.00 bis 15.00     Stadtführung durch den Warschauer Bezirk Praga durch MitarbeiterInnen von Otwarte Drzwi

Der Bezirk Praga, in dem "Otwarte Drzwi" seinen Sitz und Arbeitsschwerpunkt hat, ist ein am „falschen“ Ufer der Weichsel gelegener Industriebezirk. Der Bezirk galt lange Zeit als schlechte Adresse mit hoher Kriminalitätsbelastung; die Wohnungsbau-Substanz wurde zu sozialistischen Zeiten wenig gepflegt. Seit der politischen Wende in Polen entwickelte sich Praga zu einem beliebten Wohn- und Arbeitsort für KünstlerInnen, Intellektuelle und StudentInnen, da die Wohnungsmieten niedrig und Laden- und Gewerbeflächen verfügbar sind. Eine Verdrängung der angestammten Bevölkerung findet nach Auskunft unserer GesprächspartnerInnen nicht statt und ist auch nicht zu erwarten, weil bislang weder Privatisierungen noch Luxusmodernisierungen der kommunalen Mietwohnungen geplant sind. Offensichtlich gelingt es in Praga bislang, eine Gentrifizierung zu vermeiden und eine „Aufwertung ohne Verdrängung“ in Gang zu halten.

20.00 bis 22.00    Besuch eines lesbisch-schwulen Kulturzentrums in der Warschauer Altstadt. Informelle Gespräche mit MitarbeiterInnen von Lambda und Mazowia.


Sonntag, 04.07.2004

12.00 bis 17.00    Besuch des Obdachlosen-Therapiezentrums Legionowo bei Warschau. Träger:
Stowarzyszenie Pomocy im. Sw. Franciszka (Hilfsorganisation Hl. Franziskus),
ul. Hoza 19/75,
00-521 Warszawa,
 fon 048 (22) 621 88 91, 048 (22) 793 94 30.
Gespräch mit Maria Suchocka (Vereinsvorsitzende) und Pawel Lewicki (Freiwilliger, Übersetzer).
Mittagessen.

Die Hilfsorganisation Hl. Franziskus wird über den Obdachlosen-Fürsorgerat beim Warschauer Stadtpräsidenten gefördert, um alkoholabhängigen männlichen Obdachlosen eine sechsmonatige Therapie mit anschließender Vermittlung in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen und ihnen zu Wohnraum zu verhelfen.

Der Verein ist – was der Name nicht unbedingt vermuten läßt – säkular. Er wird von niederländischen Hilfsorganisationen unterstützt.

Das Obdachlosen-Therapiezentrum in Legionowo beherbergt 40 Männer im Alter von 23 und 65 Jahren. Es nutzt ein Gelände und eine ehemalige Kaserne der Polnischen Armee. In der Kasernen-Baracke befinden sich Therapie-, Sanitär- und Wirtschaftsräume und die bis unter die Decke belegten Wohnräume der in Therapie befindlichen Obdachlosen. Die Männer, die die Alkoholtherapie beendet und einen Arbeitsplatz gefunden haben, sind sehr beengt in Baustellen-Containern untergebracht.

Das Therapiezentrum verfügt über nur eine Telefonleitung. Es gibt keinen Internetanschluß und keine Computer für die Bewohner.                                                  

Die Hilfsorganisation Hl. Franziskus hatte über das Internet Kontakt zu mob – obdachlose machen mobil e.V. aufgenommen, da sie Unterstützung bei der Renovierung von zwei weiteren (denkmalgeschützten) Kasernen auf dem Gelände sucht. Ziel ist die Schaffung von Wohngemeinschaften (ehemals) Obdachloser, da ihnen der Wohnungsmarkt fast vollständig verschlossen ist und die wenigsten Familien bereit sind, die Männer wieder aufzunehmen.

mob e.V. und Hl. Franziskus verabredeten eine Zusammenarbeit in folgenden Bereichen:

  • Entwicklung eines gemeinsamen EQUAL-Antrags (Zeitraum 2004 bis 2008, Thema A),
  • Austausch von Gruppen Obdachloser, die in jeweils anderen Projekt arbeiten und die Verhältnisse im jeweils anderen Land kennenlernen sollen,
  • Austausch von Computern (Berlin) gegen Lebensmittel (Warschau),
  • Austausch von Sozialarbeits-PraktikantInnen.

18.00 bis 20.30    Besichtigung der Warschauer Regional- und Fernbahnhöfe als soziale Brennpunkte.


Montag, 05.07.2004

10.00 bis 12.00    Besuch des Obdachlosen-Wohnhauses Dom Betania (Haus Bethanien) der Wspolnota Chleb Zycia (Brot des Lebens) in einem Warschauer Neubaubezirk. Träger von Brot des Lebens sind eine katholische Stiftung und eine katholische Kongregation aus Ordensschwestern und Laien.

Brot des Lebens arbeitet in Warschau (7 Häuser, ein Laden; Obdachlose und Arme) und auf eigenem Grund im Warschauer Umland (Näherei und Tischlerei mit PHARE-geförderten Berufskursen für Erwerbslose und Obdachlose). Darüber hinaus vergibt der Verein Stipendien für arme Kinder.

Die 7 Häuser des Vereins in Warschau bieten etwa 240 Obdachlosen einen Ort zum Leben. Das Angebot ist nach Lebenslagen und Bedürfnissen differenziert: je eine Notübernachtung für Frauen, ein Hospiz für alte und kranke Obdachlose und Krankenhausentlassene, ein Mutter-Kind-Haus mit angeschlossener Montessori-Kita, ein Haus für junge Männer und Frauen in der Berufsausbildung usw. Daneben suchen MitarbeiterInnen von Brot des Lebens auch offen Obdachlose auf Warschauer Bahnhöfen und in Lauben mit den Angeboten Verpflegung, Beratung und persönlicher Kontakt  auf.

Der Laden von Brot des Lebens in Warschau (privilegierte Miete von der Bezirksverwaltung) verkauft Second-Hand-Mode aus Kleiderspenden und Erzeugnisse der Werkstätten: Kinderkleidung, exklusive Bettwäsche, Kleinmöbel.

Brot des Lebens verfolgt in seiner Arbeit mit den Obdachlosen folgende Arbeitsprinzipien: Die Jüngeren lernen im Arbeitsprozeß von den Älteren. Männer erlernen ihre Männerrolle (Broterwerb, Verantwortung für die Familie), Frauen erlernen ihre Frauenrolle (Haushaltsführung, Kindererziehung).


13.00 bis 14.00     Besuch der Therapiewerkstätten für geistig behinderte Jugendliche (Warsztaty Terapii Zajęciowej dla Młodzieży Niepełnosprawnej Intelektualnie) von Otwarte Drzwi

Der Umgang mit geistiger Behinderung und psychischen Erkrankungen scheint in Polen noch ein großes kulturelles Problem zu sein. Hinzukommt, daß psycho-soziale Probleme und Lebenslagen als Krankheiten stigmatisiert werden (Obdachlosigkeits-Syndrom, Kinder-aus-schlechten-Familien-Syndrom usw.). – Die Behinderten-Tagesstätte wird aufgeklärt geführt. Ein Arbeitsprinzip ist es, sich nicht von der Nachbarschaft abzuschotten, sondern ihr Angebote zu machen. Ein Bestandteil der Therapie ist die Theaterarbeit: Es existiert eine von Berufskünstlern unterstützte Theatergruppe. Besucher der Tagesstätte, die dazu in der Lage sind, gehen in den Nachbarschaftstreff Dom za Bramą zum Mittagessen und arbeiten dort mit.

Hinweis für Mazowia Warschau: Bitte die Warsztaty Terapii / Otwarte Drzwi auf die Berliner Behinderten-Theatergruppe Ramba Zamba, Träger: SONNENUHR e.V., Schönhauser Allee 36-39, 10435 Berlin, fon: 049-030-440 49 044, fax: 049-030-442 71 60, e-mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Homepage: http://www.sonnenuhr-berlin.de, aufmerksam machen.


14.00 bis 15.00     kurze Besichtigung der Jugend-Berufsbildungsprojekte von Otwarte Drzwi (Bericht siehe Samstag).

Mittagessen.


15.00 bis 17.00    Seminar zu deutschen und polnischen Erfahrungen in der Obdachlosen- und Armenarbeit (in den Räumen von Otwarte Drzwi, ul. Targowa)

Stefan Schneider (mob e.V.) gab eine kurze Übersicht über Obdachlosigkeit und Armut in der Bundesrepublik und erläuterte am Beispiel von mob – obdachlose machen mobil e.V. die Spezifik von Obdachlosen-Selbsthilfe im Gegensatz zu herkömmlichen Betreuungsangeboten.

Marcyn Wojdat (Geschäftsführer der Fundacja Bank Zywnosci SOS <Warschauer Tafel>), Vorsitzender des Obdachlosen-Fürsorgerates beim Warschauer Stadtpräsidenten, erläuterte zur Situation in Warschau:

  • In Warschau existiert keine Statistik über die Zahl der Obdachlosen.
  • Die Obdachlosenarbeit in Warschau wird ausschließlich von freien Trägern erledigt, obwohl sie lt. Satzung auch Aufgabe der kommunalen Selbstverwaltung ist.
  • Der seit 11 Jahren bestehende Obdachlosen-Fürsorgerat beim Warschauer Stadtpräsidenten vereinigt etwa 20 Mitgliedsorganisationen, die sich monatlich mit Vertretern der Warschauer Stadtverwaltung treffen und inhaltliche Probleme der Obdachlosenarbeit beraten.
  • Der Fürsorgerat hat folgende Erfolge zu verzeichnen: Die Stadtverwaltung erhöhte ihre jährlichen Zuwendungen für die Obdachlosenarbeit auf aktuell 1 Million Zloty (etwa 250 000 Euro). Der Fürsorgerat konnte den Einsatz qualifizierten Personals und Qualitätsstandards in den Notübernachtungen durchsetzen.
  • Der Fürsorgerat entwickelte folgende Angebote: Gründung der Warschauer Tafel (Food Bank), Einrichtung von Angeboten des Betreuten Wohnens, Einrichtung einer Wäscherei, die die Bettwäsche der Notübernachtungen wäscht.
  • Dank der Warschauer Notübernachtungen gab es im Winter 2003/2004 keine Kältetoten.

In der Diskussions- und Nachfragerunde wurden vor allem Informationen über die Unterschiedlichkeit der sozialen Sicherungssysteme in der Bundesrepublik und Polen ausgetauscht: Da in Polen nur für sechs Monate Arbeitslosenhilfe gezahlt wird und keine Sozialhilfe existiert, ist das absolute Armutsrisiko sehr groß. Berufsqualifizierende Kurse für Erwerbslose (meist EU-gefördert) werden fast ausschließlich von freien Trägern angeboten, weil sich die polnische Arbeitsverwaltung damit nicht befaßt. Von großem Interesse war der Umgang mit psychischer Erkrankung in der Bundesrepublik.

Erstaunen rief die Tatsache hervor, daß es in Berlin drei Obdachlosenzeitungen gibt. Die Vereinsvorsitzende von Otwarte Drzwi berichtete von einem mißglückten Versuch, in Warschau ein Obdachlosenmagazin zu etablieren: Die Obdachlosen wollten sich durch den Verkauf nicht öffentlich als obdachlos bzw. arm outen.


Dienstag, 06.07.2004

10.00 bis 11.30     Besuch der
Stowarzyszenie Pomocy Dzieciom i Doroslym Ul (Hilfsorganisation für Kinder und Erwachsene Bienenstock)
Al. Prymasa Tysiaclecia 145/149
01-424 Warszawa
fon / fax 048-22-877 32 21,
http://free.ngo.pl/ulowo
   
Gespräch mit der Geschäftsführerin Ewa Kapuscinska

Ul arbeitet als niedrigschwellige Ausgabestelle von Hilfsgütern aller Art (Lebensmittel, Kleidung, Hausrat, Kinderbedarf, Möbel usw.) in einem Warschauer Neubau-Außenbezirk mit hoher Erwerbslosigkeit und Familienarmut. Berechtigt zum Empfang von Hilfsgütern sind insbesondere kinderreiche Familien, Behinderte („Invaliden“) und Obdachlose; an alkoholisierte Personen werden keine Sachen ausgegeben. Darüber hinaus wenden sich viele Hilfesuchende an Ul, denen die Warschauer Sozialämter schriftlich eine völlige Mittellosigkeit bescheinigt haben.

Art und Anzahl der Hilfsgüter, die Ul in zwei bescheidenen Souterrain-Lagerräumen bereitstellen kann, stehen in einem krassen Mißverhältnis zur Anzahl und den Bedarfen der Hilfesuchenden.

Frau Kapuscinska berichtete, daß in Warschau außer Bekleidung kaum brauchbare Sachspenden zu akquirieren seien; auch die Food Bank liefere Lebensmittel nicht in gewünschtem Umfang. Ul ist mit seinem extrem niedrigschwelligen Ansatz der voraussetzungslosen Ausgabe von Hilfsgütern in der Warschauer Hilfeszene nicht unumstritten.

Die VertreterInnen von mob e.V. suchten auf Wunsch des DPW (Frau Trabandt) auf, da sich Frau Kapuscinska mit einer Bitte um Sachspenden an den DPW Berlin-Brandenburg gewandt hatte. Die von Frau Trabandt angefragten Berliner Projekte sahen sich nicht in der Lage, die gewünschten Hilfsgüter zur Verfügung zu stellen.  

Nachdem sich die VertreterInnen von mob e.V. vor Ort von der Seriosität des Hilfsvereins, seinen bescheidenen Möglichkeiten und dem Bedarf überzeugt hatten, sagten sie zu, dem Verein einmalig oder regelmäßig die gewünschten Hilfsgüter zur Verfügung zu stellen, wenn Ul für den Transport sorgt. Im Oktober 2004 ist bereits der zweite Hilfstransport von Berlin nach Warschau abgegangen.

12.00                Heimreise nach Berlin

Berlin, 02.11.2004

gez. Dr. Kerstin Herbst / Dr. Stefan Schneider

Stefan Schneider

Wohnungsnot in Polen -
Beispiele aus Gizycko

Gizycko (früher: Lötzen) in der Wojewodschaft Suwalki im Nordosten Polens (dem früheren Ostpreußen) ist mit nahezu 30.000 Einwohnern eine durchschnittliche polnische Kleinstadt inmitten der Masurischen Seenplatte, und damit vor allem in den Sommermonaten Zentrum für Wassersportler aus allen Gegenden Polens und zunehmend auch aus westlichen Ländern, dazu kommt eine nicht unerhebliche Anzahl von Heimwehtouristen. In der dennoch strukturschwachen und dünnbesiedelten Region ist Landwirtschaft nach wie vor der dominierende Produktionszweig, die Arbeitslosigkeit ist im Vergleich zum Landesdurchschnitt überdurchschnittlich hoch, eine Reihe ökologischer Probleme (z.B. die Verschmutzung der Seen durch Papierfabriken, die Umweltbelastung und -zerstörung durch zunehmendem Tourismus) kommen hinzu.

Obwohl der Demokratisierungsprozeß der realsozialistischen Länder zuerst in Polen einsetzte, ist die gesellschaftliche und ökonomische Umgestaltung des Landes bei weitem noch nicht abgeschlossen, auch über Inhalte und Ziele dieses Prozesses wird - im Unterschied zu den 5 neuen Bundesländern - noch weiter verhandelt. Deutlich wird dies am Ausgang der jüngsten polnischen Parlamentswahlen, bei der die Linksparteien eine deutliche Mehrheit erzielen konnten, auch wenn das an der sich abzeichnenden durchgängigen Durchsetzung des Prinzips der Marktwirtschaft kaum etwas ändern dürfte. Die Überführung überholter Strukturen in eine neue Ökonomie betrifft nun auch in zunehmendem Maße die Wohnraumversorgung. Allein schon die dringlich erforderliche Sanierung und Sicherung des oft maroden Wohnungsbestandes vor dem Verfall (vom notwendigen Wohnungsneubau ganz zu schweigen) und die damit verbundene Anhebung der Mieten steht im Widerspruch zum allgemein niedrigen Einkommensniveau und den Tendenzen einer Verarmung und Verelendung weiter Teile der polnischen Bevölkerung - längst nicht mehr nur auf weiterhin entstehende einzelne Problemgruppen wie Arbeitslose, Alleinerziehende, Süchtige, Alte beschränkt. Nimmt man die desolate Situation öffentlicher Kassen hinzu, wird die ganze Brisanz des Themas im Ansatz vorstellbar.

Polen wurde zwar mit der Durchsetzung der Deutschen Einheit zum unmittelbaren Nachbarn der Bundesrepublik, dennoch ist diese anstehende Problematik von Wohnungsnot und Wohnraumversorgung und ihre Vorgeschichte in realsozialistischen Zeiten bis heute nur wenig bekannt und wird zudem - was noch verwunderlicher ist - in den entstehenden deutsch-polnischen Beziehungen bestenfalls nur am Rande thematisiert. Vereinzelt vorliegende Daten und Untersuchungen zur geschichtlichen Entwicklung lassen vorsichtige Parallelen zur DDR erkennen, so existierte auch im kommunistischen Polen offiziell keine Wohnungslosigkeit, obgleich es dieses Phänomen wie auch in der DDR (vgl. ROHRMANN, Gh 3/91; S. 76-81) in unbekanntem Ausmaß immer gegeben hat - in Polen aber vor allem in ländlichen Gebieten und aus anderen Gründen (z.B. die sogenannten "Waldmänner", vermutlich als Rudiment der komplexen Vertreibungsprozesse während des 2. Weltkriegs und danach).

Die Artikel "Unter ein Wölkchen?" von M. Zbrozek, "Daheim" von Jaroslaw Kaczmarek sowie die Fotos von Leszek Siwicki - der deutschsprachigen Sommerausgabe 1993 der Gazeta Gizycka mit freundlicher Genehmigung der Redaktion entnommen - dokumentieren exemplarisch das Problem drohender und aktuell bestehender Wohnungslosigkeit in der gegenwärtigen Umbruchsituation Polens.


In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 23 vom Dezember 1993. Berlin 1993, S. 11. 
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