Heidelberg: Ein Jahr geht zu Ende....

und wieder werden Bilanzen gezogen, wie immer um diese Jahreszeit. Ob in der Politik, der Wirtschaft, in Neubauprogrammen oder Altbausanierungen, beim Arbeitsamt, bei den Ärzten und Kassen, bei den Banken und Handelsketten.

Alle ziehen sie Billanz. Was wurde erreicht? Was verfehlt? Was sagt die Statistik? Was sagen die Prognosen? Was bringt das nächste Jahr? In diesem Jahr, dem Millenniumsjahr, mit ganz grossen Erwartungen und Befürchtungen und von besonderer Wichtigkeit durchleuchtet.

Hat man aus Fehlern gelernt? Wird alles so schön bleiben wie es war?

Ja, alle ziehen sie Billanz. Auch die Obdachlosen. Billanz über das Leben, das sie führen, freiwillig oder unfreiwillig, sie gehört einfach dazu.

Wie sieht eigentlich das Leben im Laufe eines Jahres bei einem Obdachlosen aus?

Es ist ein harter Überlebenskampf Tag für Tag und dennoch kann ein Tag im Leben eines "Penners" so lang sein wie das Jahr eines Generaldirektors.

Für ein Großteil der Gesellschaft werden sie "Schmarotzer", "Störenfriede", "Penner" oder auch, sehr "mitfühlig" "arme Schweine" genannt.

Aber ist es nicht auch genau diese Gesellschaft, der diesen "Menschenkreis" erst produziert?

Die typische Situation im Alltag eines Obdachlosen: er sitzt in der Fußgängerzone und bettelt. Mensch, in Brot und Lohn und Wohnung kommt vorbei und meint, "geh arbeiten, kannste dir dein Geld auch verdienen".

Das geht nicht nur Obdachlosen in Deutschland so. So einfach läßt sich ein Urteil in ein paar Worte packen.

Und wer kennt ihn nicht, den Teufelskreislauf, keine Wohnung keine Arbeit, keine Arbeit keine Wohnung, hast du beides, hast du auch Geld, die Eintrittskarte zur Akzeptanz und Menschenwürde in der modernen Gesellschaft. Dabei sucht doch jeder Alkoholiker, Junkie oder was auch immer auf der Strasse das gleiche was alle suchen, ein bißchen Wärme und Geborgenheit, Liebe und zumindest einen Hauch von Respekt vor der eigenen Persönlichkeit.

Also ziehen wir Billanz: schnorren geht, manchmal auch klauen, die Zeiten sind für niemanden rosiger geworden. Die müde Mark im Schnorrtopf ist besser als nichts. Auch im Jahr 2000 wird es nicht anders sein, noch leuchten keine neuen Einsichten in das neue Jahrtausend hinein: es bleibt was war, die Armen werden immer ärmer und die Reichen immer reicher.

Verkäufer Henry Thormann, Heidelberg

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