Kein Zweifel: das Thema Selbsthilfe hat Konjunktur - in der Regel im Zusammenhang mit der Aufforderung zu Bürgerschaftlichem Engagement. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht die politischen Akteure vom Bundespräsidenten über die Bundesregierung bis hin zu den Fraktionen Appelle an alle Bürgerinnen und Bürger richten, sich für das Gemeinwohl zu engagieren. Dieser Vorgang wiederholt sich auf der Ebene der Länder und der Kommunen. Engagiert wird diskutiert, was u.a. mit den Begriffen Bürgergesellschaft, Bürgerarbeit und Kommunitarismus für die Lösung gesellschaftlicher Probleme umrissen wird und welch hoher Stellenwert der Selbsthilfe zukommt. Flankiert werden solche Diskussionen nicht zuletzt von der Bezahlbarkeit und dem Abbau des Sozialstaates.

Was verbirgt sich eigentlich hinter dem im Titel verwendeten Begriff wohnungslos? Wohnungslos ist, wer nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt. Aktuell von Wohnungslosigkeit betroffen sind demnach Personen, die ordnungsrechtlich über Kommunen eingewiesen bzw. mit Notunterkünften versorgt werden; ohne Mietvertrag untergebracht sind; sich in Heimen, Anstalten, Asylen, Frauenhäusern etc. aufhalten; vorübergehend bei Verwandten, Freunden oder Bekannten unterkommen; sich als Selbstzahler in Billigpensionen einquartieren; als Aussiedler in Aussiedlerunterkünften leben; ohne jegliche Unterkunft sind, folglich "Platte machen".

Auf die Notlagen Wohnungsloser reagierte die professionelle Wohnungslosen-Hilfe als organisiertes Hilfesystem für Wohnungslose traditionell mit dem Aufbau stationärer Einrichtungen. Historische Vorläufer der heutigen Übergangswohnheime sind die Einrichtungen des Stationären Hilfesystems: Herbergen zur Heimat, Arbeiterkolonien mit angeschlossenen Arbeitsstätten, Männerwohnheime und Asyle. Mit dem verstärkten Auf- und Ausbau ambulanter/offener Hilfen wurden - im besonderen in den letzten zwei Jahrzehnten - bedarfsorientierte Hilfeformen aufgebaut: Fachberatungsstellen, Tagesaufenthaltsstätten, Wohnprojekte, Betreutes Wohnen, Streetwork, Aufsuchende Sozialarbeit etc. Diese Dienste leisten vorbeugende Hilfen, Hilfen zur Existenzsicherung, medizinische und krankenpflegerische Hilfen, Angebote zur Erlangung und Sicherung von Wohnungen, Arbeits- und Ausbildungsplätzen i.d.R. in Trägerschaft der Freien Wohlfahrtspflege. Je nach Lage und Größe des Ortes, in dem die Einrichtung existiert, können verschiedene Hilfeformen miteinander kombiniert und Schwerpunkte gesetzt werden. Mit dem Blick auf die Notversorgung wohnungsloser Menschen werden häufig ordnungsrechtliche mit sozialhilferechtlichen Maßnahmen verknüpft, obwohl das leitende Prinzip für die organisatorische Ausdifferenzierung der verschiedenen Hilfeangebote die sichtbare Trennung von Beratung und Versorgung sein sollte. Daraus folgt unmittelbar, dass ambulante und stationäre Hilfe - einschließlich dem Übernachtungsangebot - organisatorisch getrennt sein sollten.

Adressat der Hilfe soll der Wohnungslose sein. Ihn - seine Bedarfe - gilt es in den Blick zu nehmen und die Hilfeangebote nach ihm auszurichten. Dessen Lebenslage ist geprägt durch den nicht vorhandenen, mietrechtlich abgesicherten Wohnraum und eine Kumulation von Problemlagen wie länger anhaltende Arbeitslosigkeit, soziale Isolation, Einkommensarmut, Verschuldung, Ausgeschlossen sein aus dem Sozialleistungssystem.

Ohne eine eigene Wohnung leben zu müssen, ist das Ergebnis eines langfristigen Verarmungs- und Ausgrenzungsprozesses und das i.d.R. sichtbare Ergebnis struktureller Ungleichheit. Der Versuch öffentlicher Haushalte, nicht zuletzt aufgrund ausbleibender Steuereinnahmen Kosten einzusparen, macht gerade vor den Bedürftigen nicht halt. (Eine besonders benachteiligte Personengruppe ist die der Ausländer, für die die Forderung der Anwendungshilfen nach § 72 BSHG von existentieller Bedeutung ist). Die als Reform bezeichnete Veränderung des Bundessozialhilfegesetzes (BSHG) in Form von fast regelmäßig beschlossenen Sozialleistungskürzungen mag hierfür als Beispiel stehen. Ein Ende der Sozialleistungskürzungen ist nicht in Sicht. Für die Betroffenen bedeutet es im Ergebnis eine Reduzierung ihrer Kaufkraft und eine Verstärkung ihrer materiellen Armut. Zu Beginn des Jahres 2001 wird offiziell von knapp vier Millionen Erwerbslosen ausgegangen. Die gleiche Zahl müsste hinzugerechnet werden, wenn auch die Dunkelziffer eine Berücksichtigung finden soll. Wir haben uns daran gewöhnt, bei Erwerbslosen von Millionen zu sprechen. Wir werden uns wohl daran gewöhnen müssen, dass ein Teil der Erwerbslosen in absehbarer Zeit nicht mit Erwerbsarbeit im herkömmlichen Sinn versorgt werden kann. Davon sind Wohnungslose im besonderen betroffen. Schätzungen der BAG Wohnungslosenhilfe für 1999 gehen von 550.000 Wohnungslosen in der Bundesrepublik aus, davon lebten 15 bis 20 Prozent (ca. 32.000) im Laufe des Jahres ohne jede Unterkunft auf der Straße.

Wohnungslosigkeit und Wohnungsnot sind zu einem politischen Thema geworden. Daran hat die Organisierte Hilfe ihren Anteil. Auf ihre Art hat die Gesellschaft die Herausforderung Wohnungslosigkeit und Wohnungsnot angenommen. Über aktive, zielgruppenorientierte Wohnungspolitik wurde Wohnraum geschaffen, der in Teilen auch einkommensschwache Nachfrager erreicht. Parlamente befassen sich mit dem Thema in Anträgen und Gesetzentwürfen, Bürger haben neben konkreten Projekten der Hilfe und dem sich erweiternden ehrenamtlichen auch politisches Engagement entfaltet in Form von Sponsoring, Kampagnen, Spendenparlamenten, Fördervereinen etc. Daneben entwickeln Betroffene selbst Formen der politischen Selbstorganisation und Einflussnahme - häufig unbeobachtet und nicht selten gegen die Interessen der Organisierten und Ehrenamtlichen Hil fe. Selbsthilfeformen von Wohnungslosen werden in dem Beitrag in das Blickfeld gerückt, bevor zum Abschluss der Frage nachgegangen wird, welche Anforderungen für die Weiterentwicklung der Organisierten Hilfe abzuleiten sind.

Zur Selbsthilfe Wohnungsloser

Eine Lebenslage, die von Armut, sozialer Ausgrenzung und Wohnungslosigkeit geprägt ist, erzwingt Formen der Selbsthilfe zum (Über-)Leben ohne Wohnung und gesicherte Existenzgrundlage. So gesehen ist Selbsthilfe der Betroffenen nicht neu. Selbsthilfe ist systemimmanent. Dabei wird Wohnungslosen selbst in Helferkreisen gerne unterstellt, sie bedürfen ständiger Fürsorge und Hilfe. Sie seien unfähig zur Selbsthilfe. Doch scheint, dass dies Inhalte individualistischer Zuschreibungen sind. Allerdings existiert sie auf der Basis von Ohnmacht, Selbstverleugnung, Übernahme der zugewiesenen sozialen und persönlichen Defizite und Rollen. Formen der Selbsthilfe werden i.d.R. mit negativen Vorzeichen wahrgenommen und gewertet, was der "Selbsthilfekarriere" der Betroffenen grundsätzlich eine negative Dynamik, etwa zum sog. "Nichtsesshaften" verleiht. Entsprechend eingeschränkt gestaltet sich der Blick auf Formen der Selbsthilfe.

Tendenzen zur Individualisierung des Selbsthilfegedankens sind unverkennbar. Diese Individualisierung birgt die Gefahr, dass der emanzipatorische Charakter verloren geht. Selbsthilfe meint nämlich auch den gemeinsamen Prozess der Bewusstwerdung als Gruppe der Ausgegrenzten, als Voraussetzung für eine politische Artikulation sowie parteiliche und nicht individuelle Interessenvertretung Wohnungsloser für das Recht auf Existenzsicherung, Wohnen und Arbeit. Gleichwohl sind unterschiedliche Formen der Selbsthilfe erkennbar. Selbsthilfe meint das Prinzip, eigene Probleme aus eigener Kraft bzw. gemeinsame Probleme mit gemeinsamer Anstrengung zu lösen. Die individuelle Selbsthilfe des Einzelnen wäre demnach z.B. das Bemühen zum Überleben in einer Stadt, die gemeinschaftliche Selbsthilfe z.B. der Zusammenschluss als Handwerkergruppe, die ihre Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt anbietet. Das System der Wohnungslosenhilfe wird sich bei der Förderung der Selbsthilfe fragen lassen müssen, was es über die aktuelle Nothilfe hinaus zur Verbesserung der Lebenssituation Wohnungsloser an Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten hat. Individuelle Hilfe zur Selbsthilfe könnte, um bei dem Beispiel zu bleiben, ein ausgegebener Schlafsack sein, der dem unbehausten Menschen aufgrund des persönlichen Mangels ein Überleben ermöglicht, gemeinschaftliche Hilfe zur Selbsthilfe z.B. die Zur-Verfügung-Stellung von Handwerksgeräten oder die Vermittlung von Aufträgen.

Bekannte Beispiele für gemeinschaftliche Selbsthilfe aus der Vergangenheit sind die Selbstorganisation als „Bruderschaft der Vagabunden“ Anfang dieses Jahrhunderts oder das „erste internationale Vagabundentreffen“ vom 21. bis zum 13. Mai 1929 in Stuttgart, die gleichzeitig stattfindende erste „Vagabunden-Kunstausstellung“ in Stuttgart oder - als weitläufiger Vorläufer der heutigen Straßenzeitungen - „Der Kunde“, die um die damalige Zeit kursierende „Zeit- und Streitschrift der Vagabunden“. Beispiele aus der Vergangen heit, die uns den Blick auf aktuelle Formen der Selbsthilfe erleichtern und für den gesellschaftlichen Umgang mit Selbsthilfe schärfen sollen.

Eine Form des Umgangs ist das Ignorieren der Selbsthilfe. Je nach wissenschaftlicher Schule, wird die Lebenslage Wohnungsloser verkürzt auf pädagogische, soziologische, ökonomische usw. Fragestellungen und Ergebnisse. Geschildert wird, dass Wohnungslose älter, schwächer, physisch und psychisch kranker, oder dass sie immer jünger, therapieresistenter, aggressiver und gefährdeter werden. Unterstellt wird eine Dynamik, die, so man sie ernst nimmt, den Betroffenen übernatürliche Fähigkeiten unterstellt, um ein Übermaß an Krankheit und Defiziten zu ertragen. Das Beschriebene entspricht konkreten Erfahrungen, doch ist zumindest zweifelhaft, ob es das Bild der Wohnungslosen ist. Denn die Gemeinsamkeit aller Beschreibungen liegt in der Distanz zu Betroffenen, die es dem Betrachter ermöglicht, Formen der Selbsthilfe zu übersehen.

Ein Beispiel: Stationäre Einrichtungen beklagen einen steten Belegungsrückgang. Auf der anderen Seite verbleibt die Anzahl der Wohnungslosen auf einem anhaltend hohen Niveau. Es ist offensichtlich, dass sich Wohnungslose z.T. effektiver mit Unterkunftsmöglichkeiten versorgen, als es der Stadt oder der freien Wohlfahrt möglich ist. Ähnlich verhält es sich in jüngster Zeit mit Hilfeangeboten der Ambulanten Hilfe. Zurückgehende Besucher- und Beratungszahlen sind nicht nur ein Hinweis auf einen Mangel an Bedarfsorientierung, sondern auch auf zunehmende Formen sich etablierender Selbstorganisation und Selbsthilfe. Betroffeneninitiativen (z.B. lokale Initiativen oder die Bundesinitiative wohnungsloser Menschen e.V.), lange Zeit übersehen im Schatten der Organisierten Hilfe, drängen zunehmend auf erkennbare Formen der Hilfe zur Selbsthilfe, von der Bereitstellung von Räumlichkeiten über Ausstattungs- und Kommunikationsmittel bis hin zu Beteiligungsformen an Entscheidungen.

Ein zweites Beispiel: Unter dem Motto "Hilf dir selbst, so hilft dir Gott" gründeten 1994 zehn Männer einer Obdachlosenunterkunft in Darmstadt, denen durch Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit die soziale Ausgrenzung drohte, in Eigenregie erfolgreich die Dienstleistungsfirma "Obdachlosen-Initiative GbR" mit einem ausgewiesenen Tätigkeitsfeld rund ums Haus. Zu der Angebotspalette gehörten: Garten säubern, handwerkliche Tätigkeiten, Kleintransporte, Entrümpelungen und vieles mehr. Dies erfolgte in einer Lebenssituation, in der Wohnungslose, denen in vielerorts individualistischer Nabelschau Antriebslosigkeit, Arbeitsflucht, Selbstverschulden etc. unterstellt wird, bundesweit von Kommunen in zum Teil schäbigen Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden. Gerechtfertigt wird die unterlassene Hilfeleistung (wer wohnungslos wird und sich mit der Bitte um Hilfe - nämlich eine Wohnung - an die zuständige Behörde wendet, erhält statt dessen als Hilfeangebot i.d.R. die zeitlich befristete Unterbringung in einer Gemeinschaftsunterkunft) mit der unterstellten Wohn- und Bindungsunfähigkeit Wohnungsloser. Nur wer sich "bewährt", erhält die perspektivische Chance auf eine bessere Unterbringung bzw. eine eigene Wohnung. Um so höher ist vor diesem Hintergrund zu bewerten, dass Wohnungslose trotz ihrer elenden Wohn- und Lebenssituation Selbstorganisationsformen entwickeln und damit gängigen Klischees und Vorurteilen widersprechen.

Ein drittes Beispiel: Auf Initiative und unter Federführung von drei Wohnungslosen wurde 1994 in Michelstadt/Odenwald der "Selbsthilfeförderverein Arbeit und Wohnen e.V." gegründet. Neben einer Holzwerkstatt, einem mittlerweile durch ehemalige Wohnungslose verselbständigten Trödelladen, einem Bauprojekt zur Unterbringung Wohnungsloser, sowie einem eigenen Tagungshaus, hat der Verein mit der Obdachlosenzeitung "die strassenzeitung" eine der auflagenstärksten bundesdeutschen Straßenzeitungen aufgebaut. Diese steht in gefürchteter, starker und bekämpfter Konkurrenz zu Straßenzeitungen, die von wohlfahrtsverbandlich getragenen Einrichtungen in Eigenregie herausgegeben werden. Ein Paradoxon, wenn man sich vor Augen führt, dass ein wesentliches Ziel sozialer Arbeit gerade die Hilfe zur Selbsthilfe ist.

Eine weitere Form, Selbsthilfe von Betroffenen zu leugnen, ist deren Um-Interpretation. Wenn sich Wohnungslose aus Folien, Kisten, Hölzern etc. ihre "Platte" bauen, sich folglich Schutz vor Regen und Kälte schaffen, wird diese Tätigkeit nicht verstanden als eine Form der Selbsthilfe, sondern uminterpretiert als Ordnungswidrigkeit, zu deren Verhinderung und Beseitigung die Ordnungsbehörde gerufen wird. In viel ausgeprägterem Maß als dies während der guten Jahre der Bundesrepublik der Fall war, werden - im besonderen in großen Städten - die exklusiv erwünschten Innenstadtbesucher bei ihrer Einkaufstour mit unterschiedlichen Formen des Bettelns konfrontiert. Die Augen sind nicht mehr zu verschließen vor der unbehausten Armut. Bundesweit ähneln sich die Reaktionen auf diese Form der Existenzsicherung. Als Störer der öffentlichen Ordnung interpretiert, werden die ausgewählten Störer aus den Innenstädten vertrieben. Als Rechtsgrundlage werden mit heißer Nadel Sondernutzungsverordnungen gestrickt oder ganze Innenstadtbereiche zur privaten Zone erklärt.

Ein weiteres Beispiel: Die Unterbringung von Flüchtlingen aus Katastrophengebieten in der eigenen Wohnung oder dem eigenen Haus gilt als humanitärer Akt zur Behebung der sozialen Not, selbst wenn dafür als Entschädigung z.T. horrende Gelder abverlangt werden. Nimmt ein ehemals Wohnungsloser einen Wohnungslosen auf und rettet ihm dadurch vielleicht das Leben, gilt es als anstößig und eben nicht als konkrete Selbsthilfe, sondern wird aus dem Blickwinkel von Pädagogen als nicht gelungene Ablösung vom Milieu betrachtet. Allen Schilderungen und Beispielen ist gemeinsam, dass sie - z.B. durch die Verkürzung der Wahrnehmung - auf Distanz gehen zu Betroffenen und Phänomene aus der Praxis übersehen oder geleugnet werden.

Eine strukturelle Form, Selbsthilfe zu verkennen, liegt in der Organisation des Hilfesystems selbst begründet. Selbsthilfe setzt voraus, dass bei Betroffenen Fähigkeiten vorhanden sind, die sie in die Lage versetzen, ihre sozialen Schwierigkeiten selbst zu überwinden. Das Hilfesystem für Wohnungslose sollte darauf ausgerichtet sein, Selbsthilfeformen zu unterstützen (vgl. § 1 BSHG, demzufolge das Ziel der Sozialhilfe u.a. darin besteht, die Hilfesuchenden bei der Realisierung ihres Selbsthilfepotentials zu unterstützen und zu beraten). Doch das Hilfesystem ist gekennzeichnet durch widersprüchliche Hilfeangebote und Botschaften mit desorientierenden Wirkungen auf die Betroffenen. Oftmals steht die Organisierte Hilfe mit traditionellen Arbeiterkolonien, verwahrenden stationären Einrichtungen, Obdachlosenunterkünften, Übernachtungsheimen, Wohnheimen mit "Arbeitszwang", sozialtherapeutischen Einrichtungen, Einrichtungen mit beginnender Selbstversorgung und Mitbestimmung von Betroffenen, Fachberatungsstellen, Teestuben, Tageswohnungen, eigenständigen Selbsthilfegruppen etc. zusammenhanglos nebeneinander. Darüber hinaus scheitert Selbsthilfe oft auch daran, dass Maßstäbe der Selbsthilfe dem mittelschichtsorientierten Denken entspringen und dabei völlig unbeachtet bleibt, dass eine extreme Unterversorgung und Benachteiligung vorliegen, die Selbsthilfe ohne professionelle Fremdhilfe von vornherein ausschließt.

Gleichwohl sollen die Beispiele aufzeigen, dass Wohnungslose sehr wohl in der Lage sind, sich selbst zu organisieren und ihre Forderungen verständlich mitzuteilen. Die Reihe der Beispiele ließe sich z.B. auch durch die Aktionen und Publikationen der "Bundesinitiative wohnungsloser Menschen" beliebig fortsetzen. Die Sozialwissenschaften und sozialen Berufe haben dies jedoch nur zum Teil mitbekommen. Die Wohnungslosenhilfe insgesamt wird sich immer drängender mit der Frage auseinandersetzen müssen, was geschehen kann und soll, wenn die Selbsthilfe der Betroffenen und das darin liegende Potenzial unter einem positiven Vorzeichen gesehen und deren Umsetzung ermöglicht wird. Das bedeutet den Versuch zu unternehmen, sich in ein anderes Verhältnis zu den Betroffenen zu setzen.

Der Appell an die Selbsthilfekräfte und Selbstverantwortung muss eine Entsprechung finden in dem Angebot an Partizipationschancen und damit Einflusschancen auf politische Entscheidungen, die den Menschen in ihrer Lebensgestaltung berühren. Wer fragt - ernsthaft - Hilfesuchende was und im besonderen wie sie etwas wollen?

Anforderungen an das Hilfesystem

Selbsthilfeformen Wohnungsloser entwickeln sich häufig außerhalb von Einrichtungen. Der Organisierten Hilfe für Wohnungslose fiel es - trotz ihrer Bemühungen, sich an der Lebenslage Wohnungsloser zu orientieren - lange Zeit schwer, Selbsthilfeformen auch innerhalb ihrer eigenen Einrichtungen unvoreingenommen zuzulassen und zu unterstützen. Selbsthilfebewegungen und -initiativen stellen zwangsläufig die Frage nach der Verteilung der Macht, wenn in den Einrichtungen z.B. unterschiedliche Zielsetzungen und Interessen, Selbstvertretung und -organisation thematisiert werden. Betroffene werden selbstbewusster und fragen nach, was ihnen zur Förderung und Umsetzung der Selbsthilfe geboten wird. Nicht selten fehlt es neben methodischen Möglichkeiten auch an Grundvoraussetzungen. Denn die Nutzung des Selbsthilfepotentials Betroffener setzt voraus:

  1. Die Fähigkeiten zum Überleben auf der Straße müssen als Selbsthilfe anerkannt werden;
  2. die Bereitstellung materieller, infrastruktureller und persönlicher Mittel und Ressourcen;
  3. kontinuierliche und überschaubare Entwicklung des Hilfesystems;
  4. die Sicherstellung professioneller Fremdhilfe;
  5. die Ablösung mittelschichtsorientierter Vorstellungen zur Selbsthilfe.

An der Sicherstellung der Grundvoraussetzungen und deren Umsetzung wird sich die Organisierte Hilfe für Wohnungslose in Zukunft messen lassen müssen. Die Erfahrung zeigt, dass im besonderen arme Menschen soziale Einrichtungen und vor allem die Menschen, die dort arbeiten, nach dem Nutzen beurteilen, den sie sich versprechen. Ist der Nutzen für sie nicht erkennbar, bleiben sie weg. Zu nützlichen Dienstleistungen, welche die Selbsthilfepotenziale fördern können, gehören als materielle Ressourcen z.B. Räume, Kopierer, email-Anschluss, Telefon, billiges Mittagessen, Fahrten zu Ämtern etc. Als personelle Ressourcen sind zu beschreiben Beratung, anwaltliche Tätigkeit, Zeit haben, Zuhören etc. Als infrastrukturelle Ressourcen sind z.B. Orte zu bezeichnen, wo man informelle Sozialbezüge aufnehmen und sich organisieren kann oder Orte, an denen sich Menschen treffen können, auch wenn sie sich „anders“ als gewohnt verhalten.

Grundsätzlich muss der defizitorientierte Blick ersetzt werden durch einen ressourcenorientierten Blick, also darauf, was bei den Menschen an Selbsthilfepotenzial vorhanden ist. Dies meint nicht zu ignorieren, dass die Selbstverwirklichungsmöglichkeiten und -chancen von Menschen unterschiedlich (verteilt) sind (und eine der zentralen Aufgabe der Wohnungslosenhilfe gerade darin besteht, selbstbestimmtes Handeln zu fördern und hierfür auch selbst die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen). Der ressourcenorientierte Blick meint vielmehr zweierlei: zum Einen müssen die Menschen in ihrer Fähigkeit zur Selbstbestimmung und in ihrer Mündigkeit zur Gestaltung eigener Lebensentwürfe wahrgenommen und geachtet werden (und wo eingefordert, auch die entsprechende Unterstützung und Förderung erhalten), zum Anderen muss die Organisierte Hilfe verstärkt auf Ressourcen im Lebensumfeld der Menschen setzen und in ihr Handeln integrieren. Was sich unter zentralen Handlungsformen und Konzepten wie Vernetzung und Kooperation, Präventions- und Milieuarbeit, lebensweltliche Orientierung und Empowerment oder den neueren Begriffen Stadtteilorientierte Soziale Arbeit oder sozialraumorientierte Arbeit verbirgt, weist hin auf den Stadtteil und das Gemeinwesen und das, was vor nahezu 30 Jahren unter dem Begriff Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit diskutiert und in Teilen in die Praxis integriert wurde.

Das Arbeitsfeld mit Wohnungslosen ist nicht ausschließlich die Wohnungslosigkeit. Wenn Wohnungslosenhilfe mehr meint als die auf der Strasse Lebenden (und das meint sie auch), wenn damit auch Menschen gemeint sind, die zeitlich befristet bei Verwandten und Freunden leben, Menschen in Notunterkünften oder prekären Wohnverhältnissen etc., dann gewinnt die sozialräumliche Komponente an Bedeutung. Der Blick muss notwendigerweise auf die Quartiere geworfen werden, in denen Probleme wachsen und sich zur Wohnungslosigkeit steigern können. Denn Wohnungsnot wird zunehmend in zu Armutsstadtteilen zusammengewachsenen „Armutsinseln“ sichtbar. Der Stadtteil ist der zentrale Ort der Lebensbewältigung als Ort des Wohnens, der Existenzsicherung durch Arbeit, des sozialen Austauschs oder der Teilhabe an gesellschaftlichen Einrichtungen. Die Öffnung in und für den Stadtteil als niedrig schwellige Kommunikationsräume z.B. als Stadtteilladen mit der Förderung von Selbsthilfeformen und -initiativen kann eine Möglichkeit sein, nützliche Dienstleistungen anzubieten und reicht bis zur Suche nach Bündnispartnern im Gemeinwesen.

Im Kontext von Gemeinwesenarbeit folgt jede Arbeit – ob mit Individuen oder mit Gruppen – dem zentralen Ziel der Herausbildung, Wiedergewinnung, Sicherung und Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten und -fähigkeiten und damit der Ermächtigung der Teilnahme am materiellen und immateriellen Reichtum der Gesellschaft. Dabei sind nicht äußere Normierungen die Maßstäbe der Arbeit, sondern die Bedürfnisse und Potenziale der Individuen und Gruppen im Gemeinwesen, ihr Eigensinn und ihre Lebensgestaltungsmöglichkeiten.

Ein zentrales Leitbild der Wohnungslosenhilfe in jüngerer Vergangenheit ist die „Normalisierung der Lebenslage“ Hilfesuchender vor dem Hintergrund eines Verständnisses, dass man es bei der Erscheinungsform Wohnungslosigkeit zu tun hat mit struktureller Armut und Unterversorgung. Die Normalisierung der Lebenslage meint, der Ausgrenzung, Unterversorgung etc. wohnungsloser Menschen in allen Lebensbereichen entgegenzuwirken. Doch ist nicht vertretbar, Menschen langfristig in Notschlafstellen, Mehrbettzimmern etc. unterzubringen und diese Nothilfe, die sie nun mal ist, als adäquate Hilfe zu vertreten. Normalisierung basiert nicht auf einem normativen Rahmen, der Ziele für das „richtige“ Leben beschreibt, sondern beruht auf dem Eigensinn lebensweltlicher Unterschiede und auf der Vorstellung, dass Lebensvorstellungen von „innen“ entworfen werden. Normalisierung ist – entgegen der häufig praktizierten „Pädagogisierung“ - deshalb nicht Re- Sozialisierung sondern Re-Organisation. Die konsequente Förderung von Selbsthilfeansätzen liegt diesem Verständnis zugrunde.

Um Selbsthilfepotenziale zu fördern, wird die Organisierte Wohnungslosenhilfe nicht umhin können, lokal und regional mit anderen ein Netzwerk der Unterstützung aufzubauen. Wenn eine wesentliche Aufgabe sozialer Arbeit schlechthin darin besteht, Ressourcen für das Überleben oder für ein besseres Leben zur Verfügung zu stellen bzw. deren Nutzung zu ermöglichen, so besteht Sozialarbeit (und damit Wohnungslosenhilfe) zu einem großen Teil aus Netzwerkarbeit. Das Gemeinwesen hat eine zentrale Bedeutung als ein Netzwerk formeller und informeller Beziehungen. Die Bedeutung für den Einzelnen liegt u.a. darin, dass Unterstützung und Solidarität mobilisiert werden kann. Es ist bekannt, dass für ökonomisch schwache Gruppen ein erheblicher Teil der Lebensbewältigung über informelle soziale Netze organisiert wird (Freundschaften, Nachbarschaften etc.). Je dichter sich ein soziales Netz knüpfen lässt, desto größer ist die Chance, dass auch das Milieu positiver erlebt wird und die Chance wächst, dass der Einzelne sich mehr als handelnder Akteur denn als Opfer der Verhältnisse wahrnimmt.

Die Organisierte Wohnungslosenhilfe wird sich verstärkt von der Fall-, hin zur Feldorientierung bewegen müssen. Weg von der alleinigen Ausrichtung als Einzelfallhilfe an einzelne, isolierte Personen hin zum Feld (den Sozialraum, die Lebenssituation), das als Ganzes in seinen Bezügen wahrgenommen werden muss.

Inhaltlich befindet sich die Förderung der Selbsthilfe in unmittelbarer Nähe zum Kommunitarismus. Dabei geht es um die Entwicklung neuer Verantwortlichkeiten und Nachbarschaften im Sozialraum, die Nutzung informeller Beziehungen, die Förderung von Netzwerken etc. Neben der Fähigkeit zur Eigenkompetenz und Selbstorganisation gilt es, auch die Fähigkeit zur Partizipation zu entwickeln (durchaus vor dem Hintergrund der Selbstsorge, gestaltet als Integration und Prävention), die z.B. Arbeitsprojekte, Nachbarschaftsprojekte, Einkaufsgenossenschaften umfasst und vernetzt bis hin zur Vergabe von Kleinkrediten Gruppen von Armen, die sich gegenseitig als Netzwerk fördern und stützen. Die Rolle der Organisierten Hilfe als Unterstützer und Begleiter wäre eine zukunftsorientierte Aufgabe.

Literatur

Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe: Wohnungslosenschätzung 1999, Eigenveröffentlichung, Bielefeld, 2000
Deutscher Städtetag: Sicherung der Wohnungsversorgung in Wohnungsnotfällen und Verbesserung der Lebensbedingungen in sozialen Brennpunkten. Empfehlungen und Hinweise, Reihe D, Heft 21, 1987
Gillich, St./Nieslony, F: Armut und Wohnungslosigkeit: Grundlagen, Zusammenhänge und Erscheinungsformen, Köln, 2000
Lutz, R.: Die Wohnungslosenhilfe am Scheideweg?, in: Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit (TuP), Heft 9/2000, S. 332-334
Oelschlägel, D.: Vernetzung und Ressourcenbündelung im Gemeinwesen, in: Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit (TuP), Heft 1/2000, S. 16-20 


Quelle: Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit (TUP), Ausgabe 3/2002
http://www.tup-online.com/docsdtl_cu.asp-cid=236&id=8472.htm

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