Artikel Hannes Platte Mainz/Bingen

Gleich zu Beginn: Ich sehe mich als einen normalen Bestandteil unserer Gesellschaft. Es klingt vielleicht etwas seltsam, aber ich denke so und möchte es damit begründen, das es so etwas wie Obdachlosigkeit schon immer gab. Nomaden, Streuner, Wandersleute, Zigeuner und wie sie auch immer genannt wurden. Im Prinzip war das große Leitbild unserer Gesellschaft, Jesus, auch ein Obdachloser und sogar zum Teil Bettler! Bei den Zimmermännern gehört es sogar zur Zunft, durch das Land zu ziehen. Vergessen soll man dabei natürlich nicht diejenigen, die plötzlich abrutschen und mit Hilfe auch wieder sesshaft werden können. Nein, diesen Prozentsatz meine ich mit diesem Artikel nicht, ich schreibe von denen, die schon Jahre so leben und so leben wollen. Denn genau wie bei den Normalbürgern, gibt es bei den Obdachlosen viele Schichten, wir sind nur in dem Punkt, das wir keine Wohnung haben, gleich, das war`s aber auch schon.
Da ich einige von „meiner Sorte“ kenne, bin ich also nicht einzigartig! Also schreibe ich nun von den kleinen Ansichten, Einsichten und Problemen, die uns betreffen.
Am meisten stört mich das Vorurteil, das wir alle immer nur saufen würden! Selbst diejenigen, die auf öffentlichen Plätzen trinken, sind meist gar keine Obdachlose, für die Gesellschaft gilt aber: „Wer Dosenbier im Freien trinkt ist ein Penner!“.
Dann wären dann noch die Einrichtungen und Beratungsstellen für Obdachlose, wie zum Beispiel die Caritas, Die Schachtel, „Mampf“ und wie sie alle heißen. Eigentlich ideale Stätten dafür, das man sich als Obdachloser wieder wie ein normaler Mensch fühlen könnte, ja „könnte“. In diesen Einrichtungen und Beratungsstellen sind nämlich immer Menschen mit Wohnung und Einkommen zu finden, irgendwo am Rande des sozialen Netzes einzuordnen. Manche von ihnen waren früher obdachlos, manche unterscheiden sich nur noch durch den Besitz eines Haustürschlüssels von uns! Hier könnte eine Verbindungsnaht geschaffen werden, das ist aber zu selten, denn auch hier sind wieder Abgrenzungen zu finden. Also verschwindet der Obdachlose mehr und mehr aus dem Bild der Einrichtungen: wieder mal durch das soziale Netz gefallen? Nein, hier muß der Obdachlose selbst handeln, seinen Mund aufmachen und vor allem auf sich aufmerksam machen. Seine Gleichgültigkeit und sein latentes Selbstmitleid beiseite schieben und dieses Sprungbrett nutzen. Wir müssen nicht dauernd weglaufen, sondern stehen bleiben, wir müssen einander helfen.
Wenn es auch nicht immer einen eigenen Vorteil bringt, so doch vielleicht für den, der später kommt. Aber wenn wir von diesen Einrichtungen, Beratungsstellen und den vorhandenen Sozialarbeitern den Perfektionismus erwarten, den wir selbst nicht haben, dann geht auch diese Chance den Bach runter. Wir müssen uns wieder vor Augen halten, das wir über eine Menge Erfahrung verfügen und diese Leute über eine Menge Möglichkeiten. Also muß es doch von Vorteil sein, wenn man sich zusammentut und gemeinsam diese Einrichtungen gestaltet!
Wir müssen damit aufhören, dem anderen nur die Tasche vollzulabern, um ein paar Mark zu ergattern, sondern mitarbeiten an der Situation der Obdachlosen! Wir müssen aufstehen und mit dem wenigen, was wir haben, mehr anfangen, mitreden und mitgestalten. Wir müssen selbst den Leuten, die diese Einrichtungen gefährden, die Meinung sagen, damit sie begreifen, das sie sich damit bei uns nicht „interessant“ machen. Genug zu diesem Thema, es betrifft ja genügend Menschen, die jetzt mal anfangen können, darüber zu diskutieren.
Was bleibt jetzt noch zu sagen? Nun, ich werde wohl, wenn das Wetter besser wird, wieder weiterziehen, von Koblenz nach irgendwo. Werde wieder nach Essen und Tabak suchen und vielleicht den einen oder anderen Menschen treffen. Mich wird man nicht irgendwo mit einer Dose Bier rumstehen sehen, die trinke ich abends im Schlafsack. Ich werde irgendwo auftauchen und wieder versuchen, etwas zu verändern, werde wieder neue Erfahrungen machen und so weiter. Wenn ihr jemanden wie mich trefft, dann kommt mir nicht mit Mitleid, ich will es nicht, nehmt mich als Mensch ernst und unterhaltet euch normal mit mir. Glaubt nicht immer, das es euch besser geht, ihr könnt auch von jemanden wie mir lernen.
An all die, die nicht mehr auf der Strasse leben wollen, geht in die entsprechende Einrichtung, kneift eine Zeitlang den A... zusammen und baut von klein auf. An die, die weiter so leben wollen wie ich, baut mehr Kameradschaft auf, besiegt euer Misstrauen und helft mehr untereinander. Wenn wir nicht zusammenhalten, wer soll dann zu uns halten? Wir sind das letzte Glied in der Kette, wenn wir uns auch noch gleichgültig untereinander werden, nach uns ist nichts mehr! Leider sind wir immer mehr zu Einzelgängern geworden, voll von Misstrauen und Enttäuschungen. Genau damit aber ermöglichen wir all die Vorurteile gegen uns und nehmen all die Nachteile in Kauf. Wir sind der wunde Punkt in der Gesellschaft, die so viele Regeln, Gesetze und Behörden hat, das es „so was wie uns“ eigentlich nicht geben dürfte. Aus diesem Grund werden wir als versoffen, verlogen und dreckig verschrien, damit unsere Existenz für die Menschen erklärbar wird. Dagegen müssen wir uns wehren, auch ohne uns in ihre Lebensweise pressen zu lassen. Wir müssen zeigen, das auch wir eine normale Lebensberechtigung haben. Wir sind ein Teil dieser Gesellschaft, wir leben eben nur anders. Wir und die Gesellschaft müssen lernen, in Harmonie miteinander zu leben, in Toleranz und Würde, das muß doch möglich sein. Da aber die Gesellschaft nicht zu uns kommt, müssen wir den ersten Schritt tun.
Laßt uns reden und schreiben von unseren Gedanken und Gefühlen und es werden sich immer mehr für uns interessieren. Zuerst aber müssen wir den Leuten zeigen, „wie“ wir sind, das wir nicht die Säufer sind, für die man uns hält. Gehen wir nicht mehr aneinander vorbei, bilden wir auch eine „Gesellschaft“ und zeigen der Welt, das wir in dieser Welt leben und nicht am Rande! In diesem Sinne bis bald

Man trifft sich,
Hannes

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