Thomas Knuf

OBDACHLOSENZEITUNGEN

Mobilisierungsfaktor der Betroffenen oder publizistische Marktnische?

Diplomhausarbeit am Fachbereich Politische Wissenschaften der Freien Universität Berlin - Januar 1995

Inhalt
1. Vorwort
2. Einleitung
3. Mobilisierungsfaktor oder Marktnische?
4. Methodisches Vorgehen
5. Portraits
6. Entwicklungsskizzen
7. Mobilisierungsfaktor und Marktlücke (Zusammenfassung)
Vollständiges Inhaltsverzeichnis
Fußnoten
Autor


1. VORWORT

Die Idee scheint genial einfach: Obdachlose verkaufen eine Zeitung und/oder gestalten diese mit, wodurch sie eine Beschäftigung und Erwerbsmöglichkeit bekommen. Über "Hinz & Kunz(t)" aus Hamburg war viel berichtet worden, und es war nur eine Frage der Zeit bis ein ähnliches Projekt in Berlin, der "Hauptstadt der Wohnungslosen", angeschoben wurde.

Das Interesse an diesem neuen Phänomen Obdachlosenzeitung als auch die Tatsache, daß ich mich in den vorhergegangenen zwei Jahren mit dem Thema beschäftigt hatte, u.a. in Form kleinerer empirischer Untersuchungen, veranlaßten mich, den Aufbau einer solchen Zeitung in Berlin zu begleiten. Die ursprüngliche Idee, die Obdachlosenzeitungen in Berlin, Hamburg und München in ihrer Entstehung, ihrem Konzept und dessen Umsetzung zu vergleichen, ließ sich nicht realisieren. Keine zwei Monate nach Erscheinen der ersten wurden bereits vier Zeitungen auf den Straßen Berlins zum Verkauf angeboten wurden. Diese Entwicklung erschien mir interessant genug, um sie zu untersuchen und einen Vergleich mit den anderen Städten zu unterlassen. 


2. EINLEITUNG

Im Oktober und November 1993 erschienen in München und Hamburg die ersten Straßenzeitungen in der Bundesrepublik Deutschland zum Thema Obdachlosigkeit, durch deren Verkaufserlös von einer Mark pro Exemplar die VerkäuferInnen den ersten Schritt aus der Abhängigkeit vom Sozialamt oder Betteln realisieren konnten.

"BISS" (Bürger in sozialen Schwierigkeiten) im Süden und "Hinz & Kunz(t)" im Norden der Republik hatten einen durchschlagenden Erfolg. In Hamburg war die erste Auflage von 30.000 Exemplaren nach zehn Tagen ausverkauft, so daß nachgedruckt werden mußte. Mittlerweile werden monatlich 120.000 Exemplare von 450 VerkäuferInnen unter die Leute gebracht. In München war zwar der quantitative Verkaufserfolg nicht so überwältigend, überstieg aber dennoch die Erwartungen der Redaktion bei weitem. "BISS" erschien anfangs vierteljährlich, nun zweimonatlich mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren.[1]

Die Idee einer Obdachlosenzeitung stammt aus den USA und fand in Europa u.a. in London und Paris erfolgreiche Nachahmer. Im September 1991 startete "THE BIG ISSUE" in London als Monatsmagazin mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren. Inzwischen erscheint die Zeitung wöchentlich mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren, die von ca. 800 VerkäuferInnen vertrieben werden.[2] In Paris existieren seit November 1993 vier Zeitungen, die von Obdach- und Arbeitslosen verkauft werden. Die vom Anspruch und Inhalt unterschiedlichen Blätter erscheinen in einer Gesamtauflage von über 700.000 Exemplaren im Monat.[3]

"Nur "Le Reverbere" wird auf der Straße geschrieben"[4] , so George Mathis, der Herausgeber einer der vier Pariser Zeitungen und der "HAZ" in Berlin, der ersten Obdachlosenzeitung der Stadt, die im März 1994 erschien. Es folgten "mob", "ZEITDRUCK" und "Platte". In Berlin werden monatlich etwa 100.000 Zeitungen von Obdachlosen verkauft. Diese Zahlen machen deutlich, daß ein durchaus nennenswerter Markt für solche Zeitungen existiert. In welchem Maße sie dem Geldbeutel der Herausgeber oder aber den Betroffenen dienen, soll hier für Berlin untersucht werden. 


3. MOBILISIERUNGSFAKTOR ODER MARKTNISCHE?

"Im vereinten Deutschland leben mehr als eine Millionen Menschen in Obdach- und Wohnungslosigkeit, davon 150.000 völlig ohne Wohnung, dauerhafte Unterkunft und ohne Wohnsitz auf der Straße oder befristet in Heimen. Und alles deutet daraufhin, daß diese Zahl weiterwachsen, dramatisch weiterwachsen wird."[5] Neben der allgemeinen Zunahme an Obdachlosen lassen sich zwei weitere, spezielle Steigerungstendenzen festmachen. Im westlichen Teil der Bundesrepublik gibt es etwa 50.000 wohnungslose Frauen, von denen 13.000 auf der Straße leben.[6] Ungefähr 40.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren leben ebenfalls zeitweise oder ganz auf der Straße.[7]

Diese Zahlen sollen lediglich verdeutlichen, welche quantitative Dimension das Problem Obdachlosigkeit in Deutschland hat und welchen Stellenwert diese Zeitungsprojekte in Anbetracht solcher Zahlen nur haben können.

Der "Berber-Brief", "Der Bürgerschreck" oder der "Bankexpress" sind Publikationen von Betroffenen, überwiegend für Betroffene geschrieben, die in relativ kleiner Auflage vertrieben werden.[8] Die hier zu untersuchenden Zeitungen unterscheiden sich von den letztgenannten deutlich durch Aufmachung und Auflage, was die Frage nach der Motivation der Herausgeber sinnvoll erscheinen läßt.

Ging es darum, nachdem die englischen und französischen Vorbilder die enorm hohen Absatzmöglichkeiten demonstriert haben, die in Berlin bis dahin existierende Lücke zu füllen, zumal in Hamburg ein solches Projekt sich erfolgreich zu etablieren schien?

Sollen Obdachlose lediglich den Verkauf mit den durchaus möglichen finanziellen Vorteilen für sie übernehmen oder finden sie sich auch thematisch in der Zeitung wieder? Werden sie an der inhaltlichen und redaktionellen Arbeit beteiligt und in welcher Form und mit welchen Problemen ließe sich eine solche Kooperation bewerkstelligen?

Letzteres verweist auf den Aspekt der "Arbeitsfähigkeit" der Betroffenen, die meistens jahrelang aus strukturierten Arbeitsprozessen ausgeschlossen waren und auf die mitunter sehr problembeladene Zusammenarbeit von "Profis" und Betroffenen.

"Klare Betriebsregeln und Sanktionskataloge sind nötig, um objektiviert auf die Verletzung der für produktive Arbeit unverzichtbaren Absprachen reagieren zu können. Betriebliche, an der Kompetenz festgemachte Hierarchien und klare Rollen erleichtern den Teilnehmern die Orientierung - Ansprüche und Ansätze in Richtung "Selbstverwaltung" überfordern sie (die Betroffenen, d.V.) in der Regel maßlos."[9]

Klare Regeln wurden schon in Hamburg eingeführt: jeder Verkäufer muß sich registrieren lassen und erhält einen Ausweis. Es ist verboten, in betrunkenem Zustand zu verkaufen und Leute zu beschimpfen, die die Zeitung nicht kaufen wollen. Bei Verstößen gegen diese Regeln muß der Ausweis zumindest zeitweilig abgegeben werden.[10]

Die Einführung bestimmter Reglements erscheint einsichtig und notwendig. Die Intention dieser Obdachlosenzeitungen, "helping the homeless help themselves"[11], tendiert offensichtlich in Richtung Selbsthilfe, was zunächst auf die Verkaufstätigkeit und den damit verbundenen selbstständigen Verdienst bezogen ist. Darüber hinausgehende Ansätze von Sozialer Selbsthilfe in den Bereichen Vertrieb und Redaktion oder in Projekten, die sich aus diesem Zusammenhang und mit dessen finanzieller Unterstützung entwickeln, sollten gerade bei diesen, in der Form neuartigen, Vorhaben nicht vorschnell aufgrund einschlägiger Erfahrungen mit "Selbstverwaltung" als unrealisierbar charakterisiert werden. Die Etablierung Sozialer Selbsthilfegruppen, deren Handlungsnormen durch Autonomie, Selbstgestaltung, Solidarität und Betroffenheit gekennzeichnet werden[12], ist zum selbstverständlichen und staatlicherseits geförderten Teil der sozialpolitischen Infrastruktur avanciert. Warum sollten nicht ebenfalls obdachlose Menschen ihre Interessen in dieser Art und Weise durchzusetzen suchen? Können die Obdachlosenzeitungen die Funktion einer Keimzelle einer "Obdachlosen-Bewegung" erlangen und somit Kritiker der bestehenden Verhältnisse und Mobilisierungsfaktor einer Veränderung gleichermaßen sein? Die Beantwortung der letzten Frage ist sicherlich erst in einigen Jahren möglich, dennoch ist es schon jetzt von Bedeutung, inwieweit Betroffene Mitsprache und Verantwortung in den Zeitungsprojekten haben, inwieweit eine Mobilisierung auf individueller Ebene stattfindet.


4. METHODISCHES VORGEHEN

Zwei Faktoren bestimmten maßgeblich die methodische Vorgehensweise und den Aufbau der Arbeit. In Anbetracht der Neuartigkeit dieser Publikationen erscheint es nicht verwunderlich, daß bisher keine wissenschaftliche Literatur zu dem Thema erschienen ist. Deshalb konnte es sich nicht um die Bearbeitung eines speziellen Aspektes, als vielmehr um den Versuch eines allgemeinen Überblicks handeln, in dessen Verlauf bestimmte Charakteristika der jeweiligen Zeitung besondere Beachtung fanden.

Der zweite entscheidende Faktor erklärt sich aus meiner Mitarbeit während der ersten vier Monate bei "mob". Die in dieser Zeit miterlebten Konflikte und deren Eskalation zwischen dem Herausgeber, den RedakteurInnen und den Betroffenen ließen mich zu der Überzeugung kommen, daß eine Rekonstruktion der Entwicklung notwendiger Bestandteil dieser Arbeit sein muß, wenn versucht werden soll, die speziellen Probleme dieser neuen Form von Öffentlichkeitsarbeit wiederzugeben. Aus dieser direkten Konfrontation und dem daraus resultierenden tieferen Einblick in die formellen und informellen Strukturen des Projekts erklärt sich der wesentlich größere Stellenwert, den die Beschreibung von "mob" im Gegensatz zu den anderen Zeitungen einnimmt.

Meine Mitarbeit bei "mob" bestand in der regelmäßigen Teilnahme an den mindestens einmal monatlich stattfindenden Redaktionssitzungen und dem Schreiben von drei Artikeln. Den unausweichlichen Rollenkonflikt zwischen Beobachtung und Teilnahme[13] kompensierte ich durch die Interviews mit allen Konfliktparteien, wodurch das notwendige Maß an Objektivität gewährleistet wurde. Die Bereitschaft der Beteiligten zu diesen Interviews, in deren Verlauf Interna preisgegeben wurden, die in dieser Arbeit nur in dem Maße wiedergegeben werden, wie es zum Verständnis der Entwicklung erforderlich war, wäre ohne meine Mitarbeit wesentlich geringer ausgefallen. Einerseits hätte es ganz allgemein an Vertrauen gemangelt, einem Fremden gegenüber interne Probleme anzusprechen und andererseits war es mir durch meine Mitarbeit möglich, an gemachte Erfahrungen anzuknüpfen, Widersprüchlichkeiten eher wahrzunehmen und dadurch mehr Informationen zu erhalten.

Neben der Teilnahme und den Interviews, wovon ich in der Regel zwei sowohl mit den verschiedenen Parteien bei "mob" als auch den Verantwortlichen der anderen Zeitungen durchführte, gehörte noch eine qualitative Inhaltsanalyse zur methodischen Vorgehensweise, um das redaktionelle Profil der vier Zeitungen darzustellen. 

Im ersten Teil dieser Arbeit wird der Aufbau der Zeitungen, die Intention und Konzeption der Herausgeber bzw. der RedakteurInnen sowie das redaktionelle Profil portraitiert. Hierdurch sollen die Unterschiede zwischen den Zeitungen bezüglich Anspruch und Inhalt deutlich werden.

Im zweiten Teil werden die Entstehung und der Werdegang der Projekte skizziert, worin die Initiatoren vor- und die Arbeit bei der Zeitung in redaktioneller und betriebswirtschaftlicher Hinsicht dargestellt werden. Diese Skizzen beschreiben die Anlaufschwierigkeiten, die Mitarbeit von Betroffenen in Redaktion und Vertrieb sowie die finanzielle Entwicklung, wodurch sich die Frage beantworten läßt, ob diese Projekte eher den Betroffenen zu Gute kommen oder aber eine Marktlücke in der Zeitungsbranche profitabel füllen können.


5. Portraits

Einführung

In diesem Kapitel sollen die vier Berliner Obdachlosenzeitungen vorgestellt werden, wobei "mob" aus oben erwähnten Gründen ausführlicher beschrieben wird.

Im ersten Teil wird die Struktur der jeweiligen Zeitung dargestellt, womit der Aufbau in unterschiedliche Rubriken und die inhaltliche Gliederung gemeint ist. Im zweiten Teil werden die Ziele, die mit der Publikation verbunden wurden, und deren konzeptionelle Umsetzung umrissen.Abschließend wird versucht, das redaktionelle Profil mit Hilfe einer quantitativen Inhaltsanalyse nachzuzeichnen. Aufgrund der überschaubaren Anzahl der zu untersuchenden Exemplare aller vier Zeitungen von insgesamt 34 Ausgaben ließen sich die folgenden Katagorien erstellen, mit denen die Ausrichtung der Berichterstattung der vier Zeitungen vergleichend analysierbar war. Es handelt sich hierbei aber nur um eine Grobskizze, da der rein quantitativen Analyse keine Hypothese zugrunde lag, die es zu verifizieren oder zu falsifizieren galt. Es sollten lediglich die Artikel den Kategorien zugeordnet und somit thematische Schwerpunkte der Berichterstattung der jeweiligen Zeitung ermittelt werden.[14]

Inhaltsanalytische Kategorien:

  • 01. Anzeigen
  • 02. Service: Adressen, Tips, Termine
  • 03. Leserbriefe
  • 04. Cartoons, Comics, Fotos
  • 05. Politik und Gesellschaft: Wohnungspolitik, Spekulation, Sozialpolitik, gesellschaftliche Armut, politische Parteien
  • 06. Institutionen der Obdachlosenhilfe (Wärmestuben, Pensionen, Beratungsstellen, Projekte, medizinische Versorgung, staatliche Behörden etc.)
  • 07. Lebenssituation von Obdachlosen, Wagenburglern, Hausbesetzern und Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind (soziale, rechtliche und sozialpsychologische Aspekte)
  • 08. Sucht, Knast, Psychiatrie und Heime
  • 09. Frauen
  • 10. Kinder und Jugendliche
  • 11. Internationales
  • 12. Kultur und Literatur
  • 13. Gedichte, Berichte und Biographisches von Betroffenen
  • 14. Feuilleton: Geschichten, Märchen, Fiction, Short Story
  • 15. Internes: Selbstdarstellungen der Zeitung, ihrer Entwicklung, ihrer MitarbeiterInnen und der von ihnen initiierten Projekte

Die Kategorien und die Ergebnisse dieser quantitativen Inhaltsanalyse wurden an dieser Stelle plaziert, um sie nicht bei der Beschreibung des redaktionellen Profils jeweils wiederholen zu müssen.

Durchschnittliche Berichterstattung anhand obiger Kategorien (Angaben in Seiten)

 Kategorie mob 1  mob 2  haz1  haz2  Platte  Zeitdruck 
 01  0,5  1,7  0,0  0,0  0,0  0,0
 02  1,0  0,7  1,5  1,5  2,7  0,3
 03  0,3  0,3  0,6  0,5  0,7  0,4
 04  1,0  1,2  3,2  0,7  2,5  1,5
 05  1,6  1,7  1,4  3,9  2,0  0,7
 06  2,1  0,0  2,1  1,2  2,3  1,5
 07  1,0  0,6  0,9  2,4  0,8  3,6
 08  0,0  0,0  0,0  0,0  0,3  2,6
 09  0,8  0,4  0,5  0,1  0,8  0,8
 10  0,5  0,3  0,0  0,2  0,2  1,4*
 11  0,8  0,7  0,7  1,3  0,1  3,5
 12  2,4  2,2  2,0  4,6  0,7  1,3
 13  1,4  2,3  3,8  2,7  2,5  2,3
 14  0,0  0,5  3,8  0,4  2,4  0,5
 15  1,0 1,9  0,6   1,5   4,7  0,6

* Da es sich bei "ZEITDRUCK" um eine Zeitung von Jugendlichen handelt, gibt dieser Wert die Berichterstattung nur über Kinder wieder.


Durchschnittliche Berichterstattung anhand obiger Kategorien (Angaben in Prozent)

 Kategorien mob1  mob2  haz1  haz2  Platte  Zeitdruck 
 01  03,5  11,7  00,0  00,0  00,0  0,00
 02  06,9  04,8  07,1  07,1  11,7  01,4
 03  02,1  02,1  02,8  02,4  03,0  01,9
 04  06,9  08,3  15,2  03,3  10,9  07,1
 05  11,0  11,7  06,7  18,6  08,7  03,3
 06  14,5  00,0  10,0  05,7  10,0  07,1
 07  06,9  04,1  04,3  11,4  03,5  17,1
 08  00,0  00,0  00,0  00,0  01,3  12,4
 09  05,5  02,8  02,4  00,5  03,5  03,8
 10  03,5  02,1  00,0  01,0  00,9  06,7*
 11  05,5  04,8  02,9  06,2  00,4  16,7
 12  16,5  15,2  09,5  21,9  03,0  06,2
 13  09,7  15,9  18,0  12,8  10,9  11,0
 14  00,0  03,5  18,0  01,9  10,4  02,4
 15  06,9  13,1  02,9  07,1  20,4  02,8

 * Da es sich bei "ZEITDRUCK" um eine Zeitung von Jugendlichen handelt, gibt dieser Wert die Berichterstattung nur über Kinder wieder.


mob

Von dem Monatsmagazin "mob" sind in der Zeit vom 18. März bis zum 1. Dezember 1994 acht Ausgaben erschienen. Zum 31.7.94 beendete der bisherige Herausgeber BIN e.V. seine Tätigkeit aufgrund finanzieller Notwendigkeiten, was auch die Kündigung der drei RedakteurInnen zur Folge hatte. Bis zu dem Zeitpunkt waren fünf Ausgaben publiziert worden.

Am 1.8. wurde der Träger- und Herausgeberverein "mob - Obdachlose machen mobil" gegründet, der die Zeitungsarbeit unter veränderten Bedingungen fortsetzte.

Wegen der konzeptionellen Unterschiede der ersten fünf und der folgenden drei Ausgaben ist es erforderlich, diese getrennt zu betrachten: "mob" I und "mob" II

Struktur

mob I

Der Aufbau und die Gliederung der Zeitungen sind bis auf kleine Veränderungen in jeder Ausgabe gleich. Den i-Punkt von "magazin" stellt eine kleine Fledermaus, das Logo der Zeitung, dar, "das Tier mit dem sensiblen Orientierungssinn und Tönen, die normalerweise nicht jedeR hört...".[15]

Jede Ausgabe hat sechzehn Seiten, welche bis auf punktuelle Abweichungen jeweils denselben Themen zugeordnet sind. Die Seiten zwei und drei sind einem Interview mit einem "Kulturschaffenden", der Inhaltsübersicht der Ausgabe und einem halbseitigen Editorial der Redaktion sowie dem Impressum vorbehalten. Das folgende Prominenten-Interview nimmt fast zwei Seiten, das Schwerpunktthema zwei bis drei Seiten in Anspruch. Im Mittelteil der Zeitung werden unter dem Begriff "Straßenpoesie" auf zwei Seiten Gedichte und Texte von obdachlosen Menschen und der oder die "Obdachlose des Monats" vorgestellt. Dann folgt eine Seite, die sich mit dem Thema Obdachlosigkeit aus der Sicht bzw. Erfahrung von Frauen beschäftigt. Auf der Kulturseite gibt es eine Rezension, ein Interview oder eine Reportage.

Die BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft) Wohnungslosenhilfe - Betroffeneninitiative hat sich im November 1993 auf einem Treffen verschiedenmer Selbsthilfegruppen, Vereine und Initiativen aus dem Wohnungslosenbereich gegründet. Der BAG steht in jeder Ausgabe von "mob" eine Seite zur freien Verfügung. Eine weitere Seite widmet sich einem berlinspezifischen Thema unter der Überschrift "Stadtentwicklung und Wohnen". Ebenso auf einer Seite werden die Themen "Gesundheit und medizinische Versorgung" von obdachlosen Menschen in der Stadt behandelt. Die Rubrik "Projekte und Einrichtungen" stellt Institutionen der Obdachlosenhilfe vor.

In den ersten beiden Ausgaben wurde jeweils noch eine Seite von "ZEITDRUCK" gestaltet, die seit dem 1.5.94 als eigenständige, ausschließlich von jugendlichen Obdachlosen hergestellte, Straßenzeitung existiert. "ZEITDRUCK" hatte hier die Möglichkeit, sich selbst vorzustellen und auf das baldige Erscheinen der eigenen Zeitung aufmerksam zu machen. Diese, ab der dritten Ausgabe freie Seite wurde in den folgenden drei Ausgaben für aktuelle, die Zeitung selbst bzw. die 'Räume' für Obdachlose betreffende, Artikel genutzt.

Adressen, Service, Szenesplitter und LeserInnenbriefe sind ständige Rubriken, die aber keine ganze Seite in Anspruch nehmen und überwiegend am Seitenrand plaziert werden. Die letzte Seite sollte ursprünglich als Anzeigenfläche fungieren, was sich aber nicht realisieren ließ. Bis auf die Nummer 2 sind die Rückseiten der Ausgaben mit ganzseitigen Fotos gefüllt. Die Erschließung von finanziellen Mitteln durch Werbung konnte bei "mob"I erst in der fünften Ausgabe einen nennenswerten Stellenwert erreichen.

mob II

Das Layout und die Gestaltung der Titelseite wurden bei "mob" II nicht verändert. Ebenso wurde weiterhin ein Schwerpunktthema behandelt und die "Straßenpoesie" publiziert. Eine Kultur- und Frauenseite und das Prominenteninterview waren nicht in jeder der drei Ausgaben zu finden. Die BAG hat in den letzten beiden Ausgaben nichts mehr veröffentlicht. Gänzlich entfielen die Rubriken "Projekte und Einrichtungen","Stadtentwicklung und Wohnen" und "Gesundheit". Seit der vorletzten Ausgabe gehören die Sparten "Internes" und "Aktuell" zum festen Bestandteil der Zeitung. Der Anzeigenteil erhöhte sich von einer Seite in der sechsten Ausgabe auf zweieinhalb Seiten in "mob" Nr.8.

Intention und Konzeption

mob I

Der gemeinnützige Verein BIN e.V. existiert seit über zehn Jahren und gab seit 1989 das BINFO heraus, eine vier- bis fünfmal jährlich erscheinende Fachzeitschrift für Berlin zu den Themen Obdach- und Wohnungslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung. MitarbeiterInnen aus Beratungsstellen und Ämtern sowie Klienten und Betroffene schrieben Artikel für diese Zeitung, die in einer relativ kleinen Auflage von 400 Exemplaren von Kirchengemeinden, Wärmestuben, Bibliotheken, Fachhochschulen, Journalisten und engagierten Leuten abonniert wurden.[16]

Ausgelöst durch das erfolgreiche Beispiel der "Big Issue" in London, begann im Sommer '93 in der Redaktion die Diskussion über den Ausbau des BINFO zu einer Straßenzeitung, die von obdachlosen Menschen verkauft werden sollte. Konzeptionell wurden folgende grobe Richtlinien festgelegt: es sollte kein Anzeigen- und Veranstaltungsblatt werden, was sich zwar gut zum Verkauf eignen würde (siehe "Hinz & Kunz(t)" in Hamburg), sondern eher Sprachrohr der Obdachlosen. Eine inhaltlich kritische Auseinandersetzung mit der (sozial)politischen Situation ähnlich wie im bisherigen BINFO sollte auf eine breite Öffentlichkeit zugeschnitten werden. Die Berichterstattung dürfte nicht zu fachspezifisch, sondern müßte allgemein verständlich, interessant und ansprechend sein. Ein Ratgeber- und Serviceteil sollte Hilfestellungen und Anlaufstellen für alle in soziale Notlagen geratene Menschen bieten.

Die Zeitung sollte nicht in erster Linie als Arbeitsbeschaffungsprojekt fungieren, weil damit Arbeitslosigkeit nicht abzubauen sei. Sie sollte vorrangig dazu dienen, öffentlich politischen Druck auszuüben. Die Verdienstmöglichkeit durch den Verkauf für Betroffene stelle eher einen Nebeneffekt dar. Obdachlose Menschen sollten sich in die Zeitung einbringen können. BIN veranstaltete einen Workshop für alle, die sich beteiligen wollten. Mit Hilfe dieser "Ideenbörse" sollten Leute mobilisiert werden für IHRE Zeitung, mit der sie dann auch gegen die Bedingungen, unter denen sie leiden, kämpfen können.[17]

Die Mitgliederversammlung von BIN beschloß Anfang 1994 die Herausgabe einer solchen Straßenzeitung. Kurz darauf erhielt der Verein 100.000 DM aus dem Berliner Bußgeldfond zugewiesen, die als Startkapital für die Zeitung genutzt wurden.[18]

Drei Personen wurden eingestellt, die hauptamtlich den Aufbau der Zeitung leisten sollten. Lars F. sollte hauptsächlich für den betriebswirtschaftlichen Teil zuständig sein, Sonja K. für den redaktionellen und Vera R. sowohl für die Redaktion als auch den Vertrieb.[19] Diese mußten innerhalb kürzester Zeit konzeptionelle Richtlinien festlegen, die der Öffentlichkeit auf einer Pressekonferenz vorgestellt wurden.

"Das Risiko Wohnungslosigkeit kann heute fast jeden und jede treffen. Darum wird "mob" mit sozialpolitisch kritischem Zuschnitt alle Themenfelder rund ums Wohnen, Wohnungsnot und (Haupt-)Stadtplanung zum Gegenstand haben. Vor allem ist "mob" ein Betroffenenmagazin, Sprachrohr einer Lebensart - ohne jeglichen Anflug von Elendskult! "mob" will aber auch generell ein Forum bieten für alle Fragen, die sich um Wohnungsnot, Mietschuldenkrise (vor allem) in den östlichen Stadtbezirken, Hausbesetzungen und alternative Wohnformen etc. ranken. Aber auch themenspezifische Beiträge prominenter Kulturschaffender werden ebenso zum festen Programm des Magazins gehören wie Meinungsäußerungen von VertreterInnen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen. Und nicht zuletzt: "mob" soll ganz grundsätzlich Brücken bauen zwischen WohnungsinhaberInnen und Unbehausten, den BerberInnen, RollheimerInnen, WagenburglerInnen."

Die Betroffenen selber "werden dieses Magazin entscheidend mitgestalten: von der Recherche bis zum Vertrieb. Drei RedakteurInnen sind in der Aufbauphase mit der Unterstützung, Vernetzung und Koordination der redaktionellen und an den Vertrieb gebundenen Arbeit der Wohnungslosen betraut. (...)

Den Verkauf übernehmen ausschließlich Wohnungslose, die den überwiegenden Teil der Einnahmen als Verdienst für die Verkaufstätigkeit einbehalten. Darüberhinaus liegt ein zentraler Schwerpunkt von "mob" auf der Veröffentlichung und Präsentation publizistischer und künstlerischer Eigenproduktion von Obdachlosen, die tarifüblich vergütet werden soll."[20]

Das redaktionelle Konzept wurde in Anbetracht der sehr kurzen Vorlaufzeit quasi während der praktischen Vorbereitungen für die erste Ausgabe ausgestaltet.[21] Es war geplant, daß zum Themenbereich Obdachlosigkeit neben einem Schwerpunktthema jeweils folgende Sparten eingerichtet werden: Einrichtungen/Projekte, Frauen, Gesundheit & medizinische Versorgung und drei bis vier Seiten von und über Betroffene. Das zweite Standbein der Zeitung sollte der Kulturteil inclusive eines Interviews mit einer prominenten Person aus der Berliner Kulturszene und ein Interview mit "VertreterInnen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen" bilden. Hiermit war anvisiert, potentielle KäuferInnen zu interessieren, die nicht ausschließlich Berichte über Obdachlosigkeit und soziale Verelendung lesen wollten. Die Interviews mit prominenten bzw. bekannten Personen sollten einerseits einen PR-Effekt hervorbringen, der die Leute auf der Straße dazu bringt, diese Zeitung jetzt zu kaufen, weil sie das Interview lesen wollen. Der Redakteur ging davon aus, daß dann auch die Artikel über sozialpolitische Themen zumindest wahrgenommen werden. Andererseits sollten Prominente oder Funktionsträger als "VertreterInnen gesellschaftlicher Gruppen" in die Pflicht genommen und befragt werden, die sogenannte "bündnispolitische Komponente"[22] des redaktionellen Konzepts. Es sollten dadurch Diskussionen angeschoben und Schnittstellen ausgemacht werden zwischen verschiedenen Gruppen und Bereichen z.B. zu den Themen Sozialpolitik, Ausgrenzung und Gewalt gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen.

mob II

"Um unser Projekt zu erhalten, mußten wir einige Änderungen vornehmen. Ein neuer Verein ist in Gründung, "mob - Obdachlose machen mobil", der nun dabei ist, die Angelegenheiten für das Magazin zu regeln. Der Verein besteht nicht wie vorher nur aus "Normalbürgern" mit geregeltem Einkommen, sondern auch aus Obdachlosen, die nun endlich ein uneingeschränktes Mitspracherecht haben. Wir können jetzt also von einem echten Selbsthilfeprojekt sprechen."[23]

Es gab keine hauptamtlichen RedakteurInnen mehr, eine der bisherigen arbeitete zeitweilig ehrenamtlich mit. Wesentlicher Motor dieses Umstrukturierungs-, fast schon Neugründungsprozesses waren Stefan S., Vereinsmitglied von BIN e.V., und Burga K., freie Journalistin. Diese und Heiko M., obdachloser Mitarbeiter der ersten Stunde bei "mob", stellen den Vorstand des neuen Vereins.

Primäres Ziel nach dem Wechsel des Herausgebers war der Erhalt der Zeitung als Betätigungsfeld für ca. zehn Betroffene, als engagiertes Medium und als Erwerbsmöglichkeit für die VerkäuferInnen, wobei die Reduzierung solcher Zeitungsprojekte auf den Verkauf als "neue Beschäftigungsperspektive" für Obdachlose abgelehnt wird. Relevanter seien Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung, "wenn also jemand das sozusagen als Schritt begreift, rauszukommen aus der Wärmestube und jetzt Leuten offenen Auges ins Angesicht zu blicken, anders aufzutreten, etwas zu sagen, sich dazu eine Meinung zu bilden und vielleicht auf die Idee zu kommen: ich schreib' jetzt auch was." Dieser Entwicklungsprozeß könnte darin münden, daß der Obdachlose zu einer für ihn akzeptablen Lebensform und -weise findet, die nicht unbedingt eine feste Wohnung und eine geregelte Arbeit beinhaltet, sondern "wo er mit sich selbst ins Reine kommt". Denn: "Es geht gar nicht mehr darum, Leute irgendwohin zu integrieren, weil es diese Mitte schon gar nicht mehr gibt, in die man Leute hinintegrieren könnte."[24]

Ein inhaltlich detailliertes Konzept wurde nicht erstellt.[25] Es sollte ein Schwerpunktthema in jeder Ausgabe behandelt und die Texte von Betroffenen in der Rubrik "Straßenpoesie" veröffentlicht werden. Desweiteren sollte das "Prominenten-Interview" fester Bestandteil der Zeitung bleiben. Bedingt durch die zeitlich begrenzte ehrenamtliche Tätigkeit einerseits und die notwendige Einarbeitungszeit der obdachlosen Mitarbeiter in den Bereichen Recherche und Redaktion andererseits wurde verstärkt auf Fremdtexte aus Zeitungen und Büchern zurückgegriffen.

Zusammenfassend wurde das redaktionelle Konzept derart skizziert, daß bei der neuen "mob" in zunehmendem Maße Betroffene zu Wort kommen und schreiben, und daß prominente Personen durch die Interviews zum PR-Träger der Zeitung werden.[26]

Redaktionelles Profil

Die Einteilung in feste Rubriken führte dazu, daß eine relativ kontinuierliche Berichterstattung zu den verschiedenen Aspekten von Obdachlosigkeit in den ersten fünf Ausgaben von "mob" stattfand. Aufgrund der inhaltsanalytischen Untersuchung lassen sich quantitative Schwerpunkte ausmachen. Reportagen über und Interviews mit Menschen, die sich kulturell betätigen, nahmen den meisten Raum in der Zeitung in Anspruch (16,5%), gefolgt von Dar- und Vorstellungen staatlicher und nichtstaatlicher Institutionen der Obdachlosenhilfe (14,5%). Berichte über Politik und Gesellschaft standen an dritter Stelle (11%) und die Texte von Betroffenen an vierter (9,7%).

Der in der Presseerklärung formulierte Anspruch, daß "mob mit sozialpolitisch kritischem Zuschnitt alle Themenfelder rund ums Wohnen, Wohnungsnot und (Haupt-)Stadtplanung zum Gegenstand haben" wird, ist durchaus erfüllt worden. Die Etablierung von "mob" als Betroffenenmagazin, das "Sprachrohr einer Lebensart" sein wollte, erscheint mir dagegen nicht erreicht worden zu sein.

Die Veränderungen bei "mob" durch den neuen Herausgeber und die neue Redaktion schlugen sich auch im Profil der Zeitung nieder. Während sich das Anzeigenvolumen mehr als verdreifachte (11,7%), entfielen die Artikel über die Institutionen der Obdachlosenhilfe. Parallel dazu stieg der Anteil der Betroffenentexte um mehr als die Hälfte (15,9%) und die Berichterstattung über Internes verdoppelte sich fast (13,1%), wobei festzuhalten ist, daß diese Artikel ganz überwiegend von Betroffenen verfaßt wurden. Während Themen aus den Bereichen Politik und Gesellschaft (11,7%) sowie Kultur und Literatur (15,2%) als auch Internationales (4,8%) in verleichbarem Umfang behandelt wurden, reduzierte sich die Berichterstattung zu Frauenobdachlosigkeit um die Hälfte (2,8%) und über die Lebenssituation von Betroffenen um ca. ein Drittel (4,1%).

Das Profil der neuen "mob" zeichnete sich bisher weniger durch eine breitgefächerte Berichterstattung aus, im Vordergrund stand nun die Veröffentlichung von Texten der Betroffenen. Das korrespondierte mit der Intention der neuen Herausgeber, die Arbeit bei der Zeitung als Schritt der persönlichen Entwicklung der Betroffenen zu verstehen und zu fördern.


HAZ

Struktur

Vom 9.3. bis zum 12.12.94 erschienen neun Ausgaben von "HAZ", "HUNNIS ALLGEMEINE ZEITUNG". Sie sollte monatlich erscheinen. Zur Beschreibung und Analyse der Zeitungen ist es allerdings notwendig, die ersten beiden Ausgaben seperat zu betrachten ("HAZ") , da mit der dritten Nummer die Redaktion wechselte und das gesamte Konzept der Zeitung verändert wurde ("haz"). Jede Ausgabe hat 24 Seiten. Die Schrift ist im Vergleich zu anderen Zeitungen, auch den anderen Obdachlosenzeitungen, überdimensional groß, so daß auf jeder Seite etwa ein Drittel der Zeichen Platz finden im Vergleich zu "mob" oder "ZEITDRUCK". Es gibt keine einheitliche Gliederung. Wiederkehrende Rubriken sind: WIE WO WAS, wissenswerte Adressen nicht nur für obdachlose Menschen; NEUES VON HUNNI, Gedichte, Texte und Biographisches von Obdachlosen; FICTION, Kurzkrimis; SÄTTIGUNGSBEILAGE, Satire; KULTUR, Berichte über DIE RATTEN, eine der beiden Berliner Obdachlosentheatergruppen.

Daneben gibt es Berichte über die Obdachlosenzeitungen in Paris -der Herausgeber von "HAZ" publiziert dort eine davon- und Hamburg und Reportagen über Institutionen der Obdachlosenhilfe.

Nachdem die gesamte Berliner Redaktion die "HAZ" verlassen und sich mit "Platte" selbstständig gemacht hatte, erschien die neue "haz" im Juni 94 in etwas veränderter Form. Der Umfang betrug immer noch 24 Seiten. Die Schriftgröße wurde stark reduziert, sodaß mit dem neuen Layout fast doppelt soviele Zeichen auf einer Seite Platz finden im Vergleich zu den ersten beiden Ausgaben. Eine klare, wiederkehrende Gliederung der Zeitung wurde nicht eingeführt. Konstante Bestandteile der Zeitung stellen ein INTERVIEW mit einer prominenten Person (PolitikerIn, Erzbischof, Intellektueller etc.) nicht nur zum Thema Obdachlosigkeit dar, und die BERICHTE VON BETROFFENEN, Gedichte, Biographisches und politische Reflexionen. LITERATUR, klassische als auch aktuelle, und KULTUR, etablierte als auch die "Kultur von unten", nehmen einen großen Stellenwert ein. Die Thematisierung der europäischen Dimension von Wohungslosigkeit fand in den ersten vier Ausgaben der neuen "haz" durchgehend statt. Die Rechte von obdachlosen Menschen, ihre gesellschaftliche, politische und institutionelle Ausgrenzung sowie die gesundheitliche Situation von auf der Straße lebenden Menschen gehören zu den nicht konstant, aber regelmäßig bearbeiteten Themen der Zeitung. 

Intention und Konzeption

Nach dem insgesamt gescheiterten "Runden Tisch" vom 19.2.94 kam es zu einer Kooperation zwischen George Mathis aus Paris und Frank K., der schon ein halbes Jahr zuvor mit der Arbeit an einer Zeitung mit dem geplanten Titel "Platte" begonnen hatte. Letzterer begründete dies damit, "daß die "HAZ" und die "Platte" ein übereinstimmendes Konzept hatten"[27]. "mob" sei zu politisch gewesen und "ZEITDRUCK" zu speziell auf Jugendliche zugeschnitten. Sie seien die einzigen dieser vier Projekte gewesen, die sich als "Vertreter der ganz normalen Obdachlosenszene auf der Straße" verstanden, "wo alles eingeschlossen ist: Politik genauso wie Suchtproblematik, aber vor allen Dingen: die Leute sollten selbst schreiben von der Straße, sie sollten nicht von uns immer etwas vorgesetzt bekommen."

Die Zeitung sollte von Obdachlosen und Arbeitslosen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind, verkauft werden. Diese sollten dadurch die Möglichkeit erhalten, "aus eigener Kraft ihr Leben zu meistern". Ebenfalls bestand Übereinstimmung darin, daß die Überschüsse direkt den Obdachlosen zugute kommen sollten in Form von Projekten wie Wohnraumbeschaffung. Bezüglich der Verwendung dieser Überschüsse gab es unterschiedliche Auffassungen, die dazu führten, daß diese Zusammenarbeit zwischen Paris und Berlin schon nach zweieinhalb Monaten auseinanderbrach.

Nachdem die "HAZ" zwei Monate auf dem Berliner Markt nicht mehr präsent gewesen war, ging es Sonja K., ehemalige "mob"-Redakteurin und neue "haz"-Chefredakteurin, darum, so schnell wie möglich die nächste Ausgabe herauszugeben.

"Die Zeitung soll vor allen Dingen die Funktion haben, Brücken zu bauen und eine soziale und politische Sicht auf die Dinge von unten nach oben zu transportieren. Also Brücken zu bauen heißt, die Lebensart, wie sie auf der Straße gelebt wird, in aller Härte, aber auch in aller Originalität, möglichst authentisch wiederzugeben und annehmbar zu machen für den sogenannten Normalbürger. Zugleich aber die Bedürfnisse der Leute, die auf der Straße liegen und die Widersprüche, die dazu führen, daß sie nicht von der Straße runterkommen, die zu attackieren und das an Entscheidungsträger in der Politik und Verwaltung zu transportieren, und auch ein bißchen Druck auszuüben." Zudem soll die Zeitung den VerkäuferInnen ermöglichen, zu Geld und einer sinnvollen Arbeit zu kommen, "die sehr viel damit zu tun hat, daß sich Selbstwertgefühl wieder entwickelt und damit auch Chancen eröffnet, daß Leute die Kraft und den Mut finden, den mühseligen Weg über Sozialamt, Arbeitsamt, Wohnungssuche etc. überhaupt nochmal zu gehen."[28]

Im Editorial der ersten von ihr produzierten Ausgabe weist Sonja K. darauf hin, daß sich "haz" besonders jenen am unteren Rand der Wohnungslosen-Szene in Berlin zuwenden will. Es sollen engagierte Mitbürger als auch Lebensansichten von der Straße portraitiert werden. Die "haz" sehe Wohnungslosigkeit als europäisches Problem und will sinnvolle Lösungen aus anderen Ländern und die kulturellen Unterschiede darstellen. Die Überschüsse der Zeitung sollen in den Aufbau einer Wärmestube fließen, die der Redaktion als Hintergrund dienen soll. "Jede Obdachlosenzeitung bietet Chancen für alternativen Journalismus. Als Redakteur eines solchen Blattes wird man auch Sozialarbeiter, lebt ein Stück mit den Menschen mit, über die und für die man schreibt."[29]

Redaktionelles Profil

Das Profil der ersten beiden Ausgaben der "HAZ" zeichnete sich maßgeblich durch die Veröffentlichung von Gedichten und Kurzgeschichten von Betroffenen (jeweils 18%) sowie Catoons und Comics aus (15,2%). Darüberhinaus wurde über Institutionen der Obdachlosenhilfe (10%) und über Kultur (9,5%) berichtet.

Die Schwerpunkte der neuen "haz" verschoben sich zu einer umfangreicheren Berichterstattung über Kultur und Literatur (21,9%) sowie Politik und Gesellschaft (18,6%). Der Anteil an Cartoons und Comics wurde auf ca. ein Fünftel seines vorherigen Umfangs reduziert (3,3%). Die Gedichte und Berichte von Betroffenen nahmen um ca. ein Drittel ab (12,8%) und stellen jetzt eine feste Rubrik dar. Die Darstellung der Lebenssituation von Obdachlosen und Wagenburglern (11,4%) und die Berichte über Obdachlosigkeit in anderen Ländern (6,2%) nahmen um mehr als das Doppelte zu.

Dem Anspruch, "Brücken zu bauen", wird die Zeitung im wesentlichen gerecht. Durch die Berichte der Betroffenen wird für die Leserschaft nicht nur der harte und belastende Alltag der Obdachlosen nachvollziehbar. Darüber hinaus vermittelt die Ironie, der Witz und die selbstkritische Betrachtungsweise der Betroffenen den Lesern einen Eindruck von der Gedanken- und Gefühlswelt dieser Menschen, die durch ihre Obdachlosigkeit ausschlaggebend geprägt wird. Durch die umfangreiche Berichterstattung über Kultur und Politik werden immer wieder Verbindungslinien zwischen den Unbehausten und den Behausten gezogen, wodurch deutlich gemacht wird, daß Obdachlosigkeit ein gesellschaftliches Problem darstellt, dessen Brisanz eher zunehmen und somit Bevölkerungsgruppen tangieren wird, die bisher davon verschont geblieben sind.


PLATTE

Struktur

Die erste "HAZ"-Radaktion gab am 1.5.94 die erste Ausgabe der "Platte" heraus, bis zum 9.12.94 sind zwölf Ausgaben erschienen.

Die 24-seitige Zeitung erschien anfangs monatlich, mit der fünften Ausgabe wurde auf einen vierzehntägigen Erscheinungsturnus umgestellt. Seit der zehnten Ausgabe hat die Zeitung einen Umfang von 32 Seiten.

Die ersten Ausgaben der "Platte" ähnelten vom Erscheinungsbild und Aufbau den ersten beiden Ausgaben der "HAZ". Neben dem zunehmend ausführlicheren Adressenservice, der Berichterstattung über Institutionen der Obdachlosenhilfe sowie Gedichten und Berichten von Betroffenen nehmen Comics, fiktive Kurzgeschichten und Märchen und insbesondere Selbstdarstellungen der Zeitung großen Raum ein. Lezteres ist darin begründet, daß der Verein, dem die Überschüsse der Zeitung zufließen, Wohnprojekte in Selbsthilfe für obdachlose Menschen aufzubauen versucht, und diese Entwicklung, mit den damit verbundenen Problemen, in jeder Ausgabe thematisiert wird.

Nachdem mit der fünften Ausgabe das äußere Erscheinungsbild etwas verändert worden war, womit auf einen inhaltlichen Schwerpunkt der Ausgabe hingewiesen wurde, erschien die elfte in gänzlich neuem Layout. Strukturiert wurde die Zeitung nun durch die Rubriken Soziales, Platte intern, Berichte/Interview, Adressen, Kostenfreie Anzeigen und Leserbriefe.

Intention und Konzeption

Die Konzeption der "Platte" hat sich durch die Trennung von der "HAZ" nicht wesentlich geändert. Auffallend ist allerdings, daß in den Darstellungen und Begründungen des Wechsels und Neubeginns die Herausgabe der Zeitung eher als Mittel zum Zweck verstanden wird. "Gründung einer Verlags GmbH als Wirtschaftsträger mit der Aufgabe, im Sinne eines Dienstleistungsbetriebes die erforderlichen Publikationen herzustellen, somit dem Verein ein Produkt zur Verfügung zu stellen, das wiederum den Verein in die Lage versetzt, für die Betroffenen die Grundlage zu schaffen, aus eigener Kraft, Motivation und Eigeninitiative ihre Wertsituation zu verbessern." Dieser Verein soll Soforthilfe leisten und weiterführende Hilfe anbieten, Mittel, Möglichkeiten und Gelegenheiten bereitstellen, "die geeignet sind, Menschen in Notsituationen zur Selbsthilfe zu befähigen, dies auch in dem Sinne, Betroffene nach dieser Befähigung weiter zu betreuen."

Das Konzept sieht weiter vor, daß eine Gemeinde gegründet werden soll als Grundlage für die Arbeit des Vereins bzw. der GmbH. Alternativ dazu sei "auch die Neubelebung eines niederliegenden Objekts der Wirtschaft oder auch die Restaurierung eines Objekts des Denkmalschutzes möglich."

Die publizistische Arbeit hat das Ziel, "der Bevölkerung unseres Landes unsere Absichten offenzulegen."[30] Ein bis zwei "richtige Artikel" sollen in jeder Ausgabe erscheinen, "der Rest ist ja eigentlich nur aus dem Herz und dem Bauch Geschriebenes, so Erlebtes halt."[31]

Redaktionelles Profil

Aufgrund der Konzeption ist es wenig verwunderlich, daß die Berichterstattung über "Internes" mehr als 20% der Zeitung beansprucht, da "Platte" die Überschüsse unmittelbar in weiterführende Hilfe umzusetzen sucht und diese Versuche ausführlich darstellt. Ebenso auffällig ist der sehr große Serviceteil von 11,7%, wo entweder kostenlose Anzeigen von gemeinnützigen Projekten oder Adressen von Wärmestuben, therapeutischen Wohngemeinschaften, Notunterkünften, speziellen Einrichtungen für Frauen und Jugendliche usw. veröffentlicht werden.

Gedichte und Biographisches von Betroffenen (10,9%), Märchen und fiktive Geschichten (10,9%), Darstellungen von Institutionen der Obdachlosenhilfe (10%) sowie politischer und gesellschaftlicher Dimensionen (8,7%) bestimmen den Rest der Zeitung. Die Thematisierung der Lebenssituation der Betroffenen (3,5%) findet bei "Platte" mehr durch die Selbstdarstellungen von obdachlosen Menschen statt als durch Beschreibungen der Strukturen und allgemeinen Bedingungen.

"Platte" verstand sich von Anfang an als "Vertreter der ganz normalen Obdachlosen-Szene auf der Straße" und wollte diese zu Wort kommen lassen, was auch ausführlich praktiziert wurde. Das redaktionelle Profil veränderte sich im Laufe der Zeit. Dem authentischen O-Ton von Betroffenen wurden Berichte über Institutionen der Obdachlosenhilfe zugefügt, Interviews mit dort Tätigen und seit der 9. Ausgabe wurden regelmäßig Auszüge aus dem Buch "Armut in Deutschland", dem sog. Armutsbericht vom DGB und DPWV, abgedruckt. "Platte" ist politischer geworden und hat den Anteil der Berichterstattung über die Zeitung und ihre Projekte in den letzten Ausgaben etwas reduziert, was Raum geschaffen hat für andere Themen, womit sie insgesamt interessanter geworden ist.


ZEITDRUCK

Struktur

Am 1. Mai 1994 erschien die erste eigenständige Ausgabe von "ZEITDRUCK", dessen Umfang 24 Seiten beträgt. Es gibt keine festgelegte Gliederung, dennoch existieren mehrere durchgängige Rubriken bzw.Themen.

In der Rubrik "geschichten" berichten Jugendliche über ihr Leben: Gewalt in der Familie, Flucht, Leben auf der Straße, im Heim und vieles mehr. In den ersten drei Ausgaben wurde jeweils ein Interview mit einem/r MitarbeiterIn einer Institution, die mit Jugendlichen arbeiten, abgedruckt. Die internationale Dimension von Obdachlosigkeit findet kontinuierlich ihren Niederschlag, überwiegend in Form der Übernahme von Berichten aus polnischen, russischen, italienischen oder südamerikanischen Obdachlosenzeitungen, aber auch durch eigene Berichterstattung. Auf der Lyrikseite werden Gedichte von Jugendlichen veröffentlicht, und "zeck", die Kinderseite, zeichnet sich durch Rätsel, Comics und kurze Texte aus. Ein Bericht oder eine Dokumentation von "amnesty international" über die Unterdrückung und Verfolgung von Menschen in anderen Staaten gehört zum durchgängigen Repertoire der Zeitung. Die Vorstellung von sozialen Projekten für Kinder und Jugendliche findet sich ebenso in jeder Ausgabe wie die Abteilung "tips & tricks", in der die Erfahrungen von jungen Menschen mit staatlichen Sozialbehörden wiedergegeben und somit Rechte als auch Unzulänglichkeiten thematisiert werden.

Ab der zweiten Ausgabe gibt es drei zusätzliche Themen, die fortsetzend behandelt werden. Zum einen ist das die Serie "Neues aus der Pfarrstraße". In der Pfarrstraße gab es mehrere besetzte Häuser, in denen immer noch viele Jugendliche, jetzt in legalisierter Form, leben. In jeder Folge berichtet ein Jugendlicher über sein Leben dort und vorher, über Politik und das Leben im allgemeinen. Das Thema "Knast" bestimmt die beiden anderen neuen Rubriken. Unter der Überschrift "'Ich kam mir vor wie 'n Tier' - Knast in DDR" wird aus dem gleichnamigen Buch von Torsten Heyme der Dialog zwischen dem Autor und einem Gefangenen in Fortsetzungen abgedruckt. In der zweiten Reihe zum Thema berichten Jugendliche aus Jugendstrafanstalten bzw. Untersuchungsgefängnissen.

Seit Ausgabe Nr.4 gibt es in "Zeitdruck" "DOMPLATT": die Zeitung von Straßenkindern aus Köln veröffentlicht auf vier Seiten ihre Texte.

Intention und Konzeption

MitarbeiterInnen von Jugendfreizeiteinrichtungen haben 1990 "KARUNA - Freizeit ohne Drogen Int. e.V." gegründet. Dieser Verein betreibt verschiedene Projekte im Ostteil der Stadt, die im Vorfeld von Drogenabhängigkeit tätig werden.
Die "BLEIBE" ist seit März '93 Erstanlaufstelle für nichtseßhafte Kinder und Jugendliche in Friedrichshain. Hier wird versucht, den Jugendlichen bei ihrer Lebensplanung zu helfen. Dazu gehört seit Mai '94 die Herausgabe und der Verkauf von "ZEITDRUCK". Die "VILLA STÖRTEBECKER" ist ein Wohnprojekt mit sechs Wohnungen für minderjährige Drogen und Suchtgefährdete. "DRUGSTOP" wurde im März '93 als drogen- und alkoholfreies Cafe' in Lichtenberg eröffnet: Kieztreff, Veranstaltungsort für Kleinkunst und Ausstellungen, Kino, Beratungsstelle sowie Nachbetreuung für Kinder und Jugendliche aus der "VILLA". Die "NESTWÄRME" ist Anlaufstelle für gefährdete Jugendliche im Prenzlauer Berg. Dort gibt es Hilfe zur Erziehung, Freizeitarbeit und Beratung.[32]

Innerhalb des Vereins gab es Einrichtungen für Freizeit und Wohnen für die Jugendlichen, aber keine Angebote bezüglich Arbeit. Nach dem erfolgreichen Start von "Hinz & Kunz(t)" in Hamburg unterbreitete Claudia S. Anfang '94 den Jugendlichen in der "BLEIBE" die Idee, etwas ähnliches ebenfalls zu versuchen, was eine positive Resonanz hervorrief. Claudia S. ist Mitbegründerin von "KARUNA", Projektleiterin der "BLEIBE" und verantwortliche Redakteurin von "ZEITDRUCK".[33]

Die Intention war, daß die Jugendlichen ihre Probleme mit Schule, Eltern, Drogen, Obdachlosigkeit und vieles mehr selbst öffentlich machen, und diese nicht mehr nur durch die etablierte Presse dargestellt werden. Es ging darum, sich zu artikulieren, die Ausgrenzung aufzubrechen und die Problematik der Jugendlichen "dem Bürger" zu vermitteln. Diese Artikulationsmöglichkeit als sozialpädagogisches Mittel sollte zweierlei bewirken: einerseits Spaß an der Arbeit und Erfolgserlebnisse angesichts der gedruckten Eigenproduktionen, andererseits über diese Arbeit eine stärkere Auseinandersetzung mit der eigenen Situation. Zudem könnten sie durch den Zeitungsverkauf legal Geld verdienen.

Die Konzeption der Zeitung wurde von Anfang an mit den Jugendlichen zusammen entwickelt, Vorgaben vom Herausgeber gab es nicht. Die Redaktionssitzung war (und ist) das Beschlußgremium, das den Namen, den Inhalt und die Form festlegte. In der Zeitung sollten unzensiert die Lebensgeschichten der nichtseßhaften Jugendlichen, ihrer Ideen und Probleme veröffentlicht werden. Selbst durchgeführte Interviews, eigene Texte, Fotos und Comics waren geplant sowie ein kleiner Kulturteil beispielsweise in Form eines Interviews mit einer Musikgruppe. Die Zeitung soll "unsere Lebenswelt widerspiegeln".[34]

Texte von Prominenten zum Thema, wie ursprünglich angedacht, wurden in Anbetracht der Fülle des Materials, das von Jugendlichen geliefert wurde, nicht mehr veröffentlicht.

Redaktionelles Profil

Drei thematische Schwerpunkte fallen bei "ZEITDRUCK" besonders deutlich auf. Die Darstellungen der Lebenssituationen von obdachlosen Jugendlichen nehmen mit 17,1% den meisten Raum ein, was mit den vier Seiten von "DOMPLATT" zu erklären ist, beliefe sich der Faktor für diese Kategorie ansonsten auf 9,5%. Die Berichterstattung über Obdachlosigkeit in anderen Ländern nimmt mit 16,7% ebenso einen überdurchschnittlichen Stellenwert im Vergleich mit den anderen Zeitungen ein wie die Thematisierung der Aspekte Sucht, Gefängnis und Heime (12,4%), wobei letzteres aufgrund der Minderjährigkeit nur junge Menschen betreffen kann und somit für die Zeitung von Interesse ist. Infolge des inhaltlichen Konzepts nehmen die Artikel für und über Kinder ebenfalls relativ viel Raum mit 6,7% in Anspruch.

Die Intention der Herausgeber, daß die Jugendlichen ihre Probleme selbst darstellen, haben diese ausführlich und interessant erfüllt. Der Titel 'Obdachlosenzeitung' erscheint für diese Publikation allerdings zu eng gefaßt, wurden doch bisher Themen angesprochen, die über diesen Problembereich weit hinausgehen. Die breite thematische Palette läßt eher den Schluß zu, daß sich hier Jugendliche äußern, die mit den gesellschaftlichen Sozialisationsinstanzen nicht klarkommen, die sich in den Drogenkonsum flüchten, die ein Leben ohne Zuhause einem gewalttätigen vorziehen und somit zumindest teilweise nichtseßhaft sind. Die autobiographischen Berichte aus Heimen und Jugendstrafanstalten unterstreichen nochmal diese Ausrichtung, daß sozial benachteiligte und ausgegrenzte Jugendliche hier ein Sprachrohr etabliert haben, immer mit dem Blick über den Tellerrand, die Situation von Kindern und Jugendlichen in vergleichweise drastischeren Verhältnissen in anderen Ländern miteinbeziehend.


6. ENTWICKLUNGSSKIZZEN

Am 19. Februar 1994 gab es ein Treffen im "Haus der Demokratie", den "Runden Tisch Obdachlosenzeitung", an dem alle teilnahmen, die an der Herausgabe einer Obdachlosenzeitung in Berlin arbeiteten. Anwesend waren George Mathis mit zwei Leuten aus Paris ("HAZ","Le Reverbere"), Frank K. mit Kollegen ("Platte"), Sonja K. und einige MitarbeiterInnen von BIN ("mob") und Claudia S. mit einigen Jugendlichen ("ZEITDRUCK"), insgesamt etwa zwanzig Personen.

Im Verlauf der Diskussion, in der ausgelotet werden sollte, ob ein gemeinsames Zeitungsprojekt dieser Gruppen möglich sei, wurden die unterschiedlichen und unvereinbaren Vorstellungen und Konzepte immer deutlicher. Nachdem George Mathis abschließend 30 Exemplare der ersten "HAZ" auf den Tisch legte, war das Scheitern dieses Treffens offensichtlich. Dennoch entstand daraus eine zeitlich befristete Zusammenarbeit zwischen "HAZ" und "Platte" einerseits, sowie "mob" und "ZEITDRUCK" andererseits, dessen Vorbereitungen und Entwicklungen ich hier skizzieren will.

Diese Beschreibungen sollen verdeutlichen, inwieweit die Mitarbeit von Betroffenen stattfand und in welchen Bereichen sie praktiziert wurde. Desweiteren können die Angaben über Verkaufszahlen und Überschüsse sowie deren Verwendung Aufschluß darüber geben, ob diese Zeitungen als profitable Unternehmungen realisiert wurden oder als Projekte, die den Obdachlosen direkt zu Gute kommen.

Auch hier fällt die Darstellung von "mob" wesentlich umfassender aus. Die Zeitung unterschied sich anfangs konzeptionell von den anderen dadurch, daß versucht wurde, einen hohen Anspruch an politischer Berichterstattung und professioneller Gestaltung zu realisieren, woraus sich die konflikthafte Entwicklung zum Teil erklärt.

Die Vorstellung der InitiatorInnen bzw. verantwortlichen RedakteurInnen, ihrer Motivation und ihres Selbstverständnisses, ist notwendiger Bestandteil, um die Unterschiedlichkeit der Zeitungen und ihrer Entwicklungen nachvollziehbarer zu machen.


mob

Die RedakteurInnen

Vera R.[35], Diplom-Politologin, hatte sich schon vorher auf den Posten einer Redaktionsassistentin fürs BINFO beworben und arbeitete bei BIN an der "mob"-Gründung als erste der zukünftigen Redaktion mit. Sie hatte bereits während des Studiums beim DGB Bildungsarbeit mit Jugendlichen gemacht und erfuhr dort von einer anderen Mitarbeiterin, die Kontakte zu BIN hatte, daß der Verein eine Redakteurin suchte.

Auf ihrer ersten Vereinssitzung bemerkte Vera R. ein gewisses Maß an Konzeptionslosigkeit. Einerseits schafften sie es nur mit Mühe durch die ehrenamtliche Arbeit im Verein circa vierteljährlich das BINFO herauszugeben, andererseits waren sie so begeistert von "Hinz & Kunz(t)" in Hamburg, daß sie etwas ähnliches in Berlin ebenfalls auf den Weg bringen wollten. Nur wollte der Vorstand dafür kein Geld ausgeben. Sie fuhr Anfang '94 mit einer anderen Mitarbeiterin nach Hamburg, um Informationen über die Vorbereitung, den Anlauf, die Schwierigkeiten und die Kosten des Projekts aus erster Hand zu bekommen. Das Ergebnis dieser Unterredung war, daß die wichtigsten Voraussetzungen genügend Startkapital und feste MitarbeiterInnen sind. Das war dem Vorstand zwar auch klar, nur glaubte der, diese Arbeit auch auf ehrenamtlicher Basis realisieren zu können. Durch die Zuweisung der 100.000,- DM aus dem Bußgeldfond war die erste der Voraussetzungen erfüllt, mit der dann auch die zweite geschaffen werden konnte.

Vera R. beschrieb sich selbst so, daß sie keine besondere Qualifikation zur Herstellung einer solchen Straßenzeitung hatte. Das stellte aber für sie insofern kein Problem dar, da zu dem Zeitpunkt gar nicht klar war, wie das Konzept dieser Zeitung aussehen wird. Darüber hinaus glaubte sie aufgrund ihrer Ausbildung zur Politologin Artikel schreiben, Recherche anstellen und sich kurzfristig in ein Thema einarbeiten zu können. Hierzu stellte der Verein bzw. dessen MitarbeiterInnen ein Potential an Wissen und Erfahrung zum Thema Obdachlosigkeit dar, das es für die Zeitung nutzbar zu machen gelte. Sie fühlte sich allerdings nicht kompetent, ein solches Projekt aufzubauen, da ihr jegliche dazu notwendigen betriebswirtschaftlichen Kenntnisse fehlten. Ihre hauptsächliche Motivation diese Stelle anzutreten, bestand in der Notwendigkeit, einen Job zu finden. Konkrete Ziele verband sie nicht mit dieser Arbeit. 

Lars F.[36] hatte einige Semester Theaterwissenschaft, Theologie und Politologie studiert und während seines Studiums ASTA-Politik betrieben, wobei Öffentlichkeitsarbeit sein Schwerpunkt war. Er sagte von sich, daß er gerne schreibe und Öffentlichkeitsarbeit mache und sich darin auch kompetent empfinde. Seinen Lebensunterhalt bestritt er durch Jobs als Buchhalter in verschiedenen Firmen. Seit '89 war er in der Gewerkschaft engagiert: Sozial- und Jugendpolitik waren dort die Schwerpunkte. Über die Bekanntschaft mit einer Frau von BIN e.V. kam er zu dem Redaktionsposten bei "mob". Er sollte eigentlich hauptsächlich für die betriebswirtschaftliche Seite des Zeitungsprojekts zuständig sein. Über seine Tätigkeit im Bereich Sozialpolitik bei der Gewerkschaft war ihm das Thema Obdachlosigkeit zwar nicht unbekannt, dennoch war er kein "Experte". Seine Motivation, sich um diese Stelle zu bemühen, lag zum einen in der Überdrüssigkeit, die er für seine bisherige Tätigkeit empfand. Zum anderen stellte die Sozialpolitik, und hierbei besonders das Verhältnis von Sozial- und Gesellschaftspolitik, einen Interessensschwerpunkt seinerseits dar. Sein Ziel war, einer breiten Leserschaft transparent zu machen, daß Obdachlosigkeit eine logische Konsequenz der hiesigen Politik darstellt. Nach seinem politischen Selbstverständnis geht es darum, "an allen Rändern, wo es nur geht, zu versuchen, irgendeine Form von Widerstand zu mobilisieren und zu organisieren. Und ob ich das jetzt als Betriebsrat mache oder in der gewerkschaftlichen Jugendarbeit oder bei einer Obdachlosenzeitung, der Grundbezugsrahmen bleibt überall relativ gleich und da bleibt auch immer eine Distanz."[37]

Sonja K.[38], die einzige der Redaktion aus der ehemaligen DDR, kam über einen Freund mit der Mahnwache von Obdachlosen am Rosa-Luxemburg-Platz im Oktober '93 in Kontakt. Sie hatte in der DDR Philosophie studiert und ging 1985 im Zuge der Ära Gorbatschow in die Partei, die sie drei Jahre später wieder verlassen mußte. Während der Wende arbeitete sie in der Vereinigten Linken und in der PDS. In diesen zwei Jahren von '90 bis Ende '92 verlor sie alle ihre politischen Vorstellungen und Illusionen was die Wende betraf. Ende '91 trat sie aus der PDS aus. Darüberhinaus war sie von der West-Linken absolut enttäuscht. Sie hatte für die PDS zur Bundestagswahl kandidiert und in Niedersachsen Wahlkampf betrieben. Einerseits erlebte sie die Westlinken als destruktiv, sich gegenseitig zerfleischend. Andererseits war sie mit einem enormen Maß an Unwissen über die DDR konfrontiert, was aber nicht die guten Ratschläge ausschloß, wie die Linke zu dem damaligen Zeitpunkt die Revolution voranzutreiben hätte. Nach diesen vielen politischen und im Gefolge auch persönlichen Krisen hatte sie zum ersten Mal wieder das Gefühl, eine sinnvolle Arbeit zum Thema Obdachlosigkeit leisten zu können. Sie führte viele Gespräche mit Obdachlosen, bewegte sich oft in der Szene und fand insofern eine Nähe zu den Leuten, als sie die Angst, in dieser Gesellschaft "kein Bein mehr auf die Erde zu bekommen", mit ihnen teilte. Weihnachten '93 gab es in der "taz" eine vierseitige Beilage zum Thema Obdachlosigkeit. Die "taz" hatte sich mit ihr in Verbindung gesetzt und sie erstellte mit Obdachlosen und einer anderen nicht-obdachlosen Person diese Beilage. In diesem Kreis entstand dann die Idee einer regelmäßigen journalistischen und publizistischen Zusammenarbeit zu diesem Thema.

Ende Januar '94 traf Sonja K. auf George Mathis aus Paris, der ihr eine Zusammenarbeit anbot für die Herausgabe einer Berliner Obdachlosenzeitung. Sie lehnte ab, weil es ihr journalistisch nicht machbar erschien, eine Zeitung von Paris aus für Berlin herauszugeben. Parallel dazu setzte sich BIN mit ihr in Verbindung und nach einem Gespräch sagte sie ihre Zusammenarbeit zu.

Sonja K. wollte mit einer solchen Zeitung die Vereinzelung in der Szene aufbrechen, die mangelnde Kommunikation untereinander verbessern und politische Forderungen formulieren, die die Betroffenen aus ihrer eigenen Erfahrung ableiten können. Zudem wäre es für viele eine Möglichkeit, sich finanziell halbwegs abzusichern.

Die Vorbereitungen

Am 01. Februar gab es ein Treffen bei BIN, wo sich zum ersten Mal die drei zukünftigen RedakteurInnen begegneten. Ein Ergebnis hiervon war, daß sich die Redaktion sobald wie möglich zusammensetzen und ein Konzept entwerfen sollte. Der Vorstand legte fest, daß man so schnell wie möglich handeln müsse, weil George Mathis kurz vor der Herausgabe einer Berliner Straßenzeitung stehe. Diese Vorgehensweise wurde auch von Lars F. unterstützt und forciert: "entweder sofort los oder gar nicht".[39]

Am 5.Februar kamen die RedakteurInnen und zwei Vereinsmitarbeiter zusammen, um konkreter und detaillierter die nächsten Schritte und den weiteren Ablauf zu bestimmen. Von Vereinsseite wurden aber laut Vera R. ausschließlich formale und organisatorische Fragen angeschnitten, so daß die inhaltliche und konzeptionelle Debatte viel zu kurz kam. Erst zum Schluß wurde quasi stichwortartig der inhaltliche Entwurf diskutiert. Die Hamburger hatten bei dem Besuch vier Wochen zuvor empfohlen, nicht im Sommer, sondern im Winter mit einer solchen Zeitung zu starten. Auf diesen Einwand, dessen Berücksichtigung eine Vorbereitungszeit von einem halben Jahr bedeutet hätte, entgegneten die Vereinsmitarbeiter, daß dafür kein Geld vorhanden sei, und daß die Herausgabe der "HAZ" unmittelbar bevorstehe. "(...) die "HAZ" kam raus, (...) und wenn die erstmal die Plätze besetzen, dann sieht 's schlecht aus für die "mob". Also- haben wir die rausgepowert."[40]

Für den 10. Februar wurde zu einer öffentlichen Versammlung aufgerufen, auf der abrißartig das Konzept und der weitere Fahrplan dargestellt und zu Mitarbeit und Unterstützung aufgerufen wurde. Es wurden Folgetreffen angeboten für diejenigen, die der Zeitung in Form von Artikeln, Gedichten, Bildern o.ä. zuarbeiten, und solchen, die den Vertrieb und Verkauf mit aufbauen wollten. Ersteres entwickelte sich in der Folgezeit zur monatlich stattfindenden öffentlichen Redaktionssitzung und letzteres zum kontinuierlichen Vertriebstreffen.

Auf einer Pressekonferenz am 18.2.94 wurde das baldige Erscheinen von "mob" öffentlich angekündigt. Sonja K. hatte für eine Verschiebung der Pressekonferenz plädiert, um einer möglichen Kooperation, als potentielles Resultat des "Runden Tisches Obdachlosenzeitungen" am 19.2., nicht durch vollendete Tatsachen eine Absage zu erteilen. Für den Vereinsvorstand war eine Zusammenarbeit mit der "HAZ" nicht möglich, "schon allein aufgrund der Tatsache, daß die "HAZ" von einer französischen Obdachlosenzeitung aufgebaut wurde, die ihrerseits von französischen Faschisten gesponsert wurde.[41] (...) Unsere Pressekonferenz am 18.2. hat in der Tat damit zu tun, daß wir uns nicht von der "HAZ" das Wasser abgraben lassen wollten. Die "HAZ" kam bereits mit einer fertigen Zeitung aus Paris in Berlin an und hatte bereits vor uns ihre PR-Arbeit begonnen (Interview in Radio 100,6)."[42]

Bis zum Erscheinen der ersten Ausgabe einen Monat später mußten nicht nur die organisatorischen Notwendigkeiten geregelt werden (Einrichtung der Büroräume, Suche von Verkäufern etc.), die Redaktion hätte auch innerhalb kürzester Zeit ein Konzept für die Zeitung erstellen müssen, das von allen RedakteurInnen getragen wurde. Diese konzeptionelle Diskussion ist nach rückblickender Einschätzung der RedakteurInnen mindestens viel zu kurz gekommen bzw. ganz unterblieben.

Mitarbeit der Betroffenen

Ohne hinreichende inhaltliche Vorbereitung, was sowohl das Konzept für die Zeitung an sich betraf, als auch das Projekt insgesamt, also die Zusammenarbeit mit Betroffenen und deren Stellenwert und Einflußmöglichkeiten sowie der Aufbau eines Vertriebsnetzes, aber mit der Einschätzung, daß "wir drei inhaltlich eine relativ ähnliche Ausrichtung hatten"[43], die mit "sozialkritisch und links"[44] charakterisiert wurde, begann die Redaktion die Arbeit an der ersten Ausgabe. Trotz stark reduzierter Konzeptdiskussion kann man die Presseerklärung vom 18.2.1994 als quasi offizielles Konzept der Zeitung verstehen. Der Entwurf dieser Erklärung stammte von Sonja K., überarbeitet wurde er von Lars F. und von der gesamten Redaktion getragen. Wesentlich für die konzeptionelle Frage der Zusammenarbeit mit Obdachlosen erscheint mir folgender Auszug:

"...- werden Wohnungslose dieses Magazin entscheidend mitgestalten: von der Recherche bis zum Vertrieb. Drei RedakteurInnen sind in der Aufbauphase mit der Unterstützung, Vernetzung und Koordination der redaktionellen und an den Vertrieb gebundenen Arbeit der Wohnungslosen betraut."[45]

In der Praxis wurde eine Zusammenarbeit mit Betroffenen insofern versucht, als daß häufig Obdachlose in der Redaktion anwesend waren, die sowohl Teile ihrer Biographie darstellten als auch Vorstellungen bezüglich der Zeitung. Diese Berichte und Beschreibungen erschwerten aufgrund des generellen Zeitdrucks die innerredaktionelle Verständigung. Bezogen auf die Frage, eine Zeitung mit oder für Obdachlose zu produzieren, stellte sich der Alltag so dar, daß "dieses 'mit' eigentlich praktiziert wurde, aber dann wiederum auch nicht. Es wurde praktiziert dadurch, daß sie ständig anwesend waren, aber letztendlich auch nicht praktiziert, weil keine Entscheidungen mit ihnen zu fällen waren. Es war schier unmöglich."[46] Unter anderem deswegen, weil immer wieder andere Betroffene anwesend waren. Es gab keine Strukturen oder Kontinuitäten.[47] Erschwerend kam hinzu, daß die Redaktions- und Vertriebsräume nebeneinander lagen, so daß eine strikte räumliche Trennung unmöglich war. Das Kommen und Gehen der VerkäuferInnen sowie die Tatsache, daß die Vertriebsräume zunehmend den Charakter eines sozialen Treffpunkts, incl. Dusch-, Koch- und Waschgelegenheit, annahmen, war zwar prinzipiell nötig für die Betroffenen, der Arbeitsfähigkeit der Redaktion war es aber eher abträglich.

Lars F. bewertete im Nachhinein die Presseerklärung nicht als Konzept. Sie sei "mit der heißen Nadel gestrickt" und zu dem Zeitpunkt eine "wohlwollend idealistische Darstellung, wie wir es gerne gehabt hätten. Ich glaube, wenn ich die ersten zwei Wochen, die nach der Pressekonferenz kamen an täglicher Realität, da in den Räumen, schon hinter mir gehabt hätte, wäre mir so ein Satz nie mehr aus der Feder geflossen."[48]

Für Sonja K. stellte die Presseerklärung "keine Worthülse" dar. Sie sei nicht bis in die Feinheiten ausdiskutiert worden, es sei ein "intuitiver Anspruch" gewesen, der auch ihrer Meinung nach von allen ernst und ehrlich gemeint war. In der praktischen Arbeit habe sich dann erst herausgestellt, daß alle etwas anderes damit verbanden. Sie wollte die Fragestellungen, die von den Betroffenen aufgeworfen wurden, verfolgen, und zudem ein Mitsprache und Vetorecht für obdachlose MitarbeiterInnen in den Redaktionssitzungen.[49]

Einen weiteren, dauerhaften Konflikt verursachten die unterschiedlichen Ansprüche bezüglich der Texte, die gedruckt werden sollten. Die Vorstellungen von Lars F., wie Texte aufgebaut sein und aussehen sollten und ob sie seinem Verständnis davon entsprächen, was politisch ist und was nicht, führten laut Vera R. dazu, daß er Artikel sowohl von Obdachlosen als auch anderen überarbeitete und teilweise zusammenstrich.

"Ich finde das ganz schwierig, nicht für jede Zeile in der Zeitung geradestehen zu können."[50]

Von einer ansatzweisen gleichberechtigten redaktionellen Mitarbeit der Betroffenen konnte also keine Rede sein. Das drückte sich auch dadurch aus, daß nur ein oder zwei Betroffene an den Redaktionssitzungen teilnahmen und sie somit im Vergleich zur Redaktion, der Herausgeber und freien Mitarbeiter eine Minderheit darstellten.

Die Erfahrungen der Arbeit an der ersten Ausgabe,die dann am 18.3. erschienen ist, haben also deutlich unterschiedliche redaktionelle und konzeptionelle Vorstellungen zu Tage treten lassen. Die Idee einer 'Auszeit' für die tägliche Zeitungsarbeit zur Durchführung einer nachträglichen Konzeptionsdiskussion scheiterte aber immer an den 'Sachzwängen'. Einerseits mußte die nächste Ausgabe unbedingt rechtzeitig erscheinen, um den Vertrieb aufzubauen und zu stabilisieren, andererseits ging es darum, im Konkurrenzkampf mit der "HAZ" zu bestehen. "Wir waren eh immer froh, wenn wir überhaupt mal eine halbe Stunde Ruhe hatten."[51] In diesen kurzen Zeitabschnitten sei es dann ausschließlich darum gegangen, was als nächstes geregelt werden müsse und wann die Redaktion die nötige Zeit für ihre interne Klärung finden könne.

Zusammenarbeit von Redaktion und Herausgeber

In den Sitzungen der Redaktion mit dem Vorstand wurden laut Vera R. ebenfalls nur organisatorische und arbeitstechnische Fragen thematisiert. Ein Resultat davon war, daß die Redaktion nach der ersten Ausgabe auch den Vertrieb organisieren mußte, was dann so aussah, daß sie neben der redaktionellen Arbeit von morgens bis abends und auch am Wochenende die Zeitungen an die StraßenverkäuferInnen ausgegeben haben. Der Vertrieb wurde zu dem Zeitpunkt noch nicht in die Hände von obdachlosen MitarbeiterInnen gelegt, weil es noch keine gab, die diese Aufgabe auch hätten bewältigen können. Grundsätzlich sollte jemand bei der Ausgabe der Zeitung anwesend sein, um einen Überblick über die Verkaufszahlen zu bekommen. Desweiteren war zunächst unklar, wie der Vertrieb aussehen sollte. Ein anderes Problem, das eigentlich im Vorfeld der Gründung von "mob" hätte geklärt werden müssen, bestand in einer Vereinbarung mit der BVG bezüglich der Genehmigung des Zeitungsverkaufs in den öffentlichen Nahverkehrsmitteln.

Nebenbei zogen sich über längere Zeit schwierige Verhandlungen zwischen Vorstand und Redaktion über ihre Arbeitsverträge. Außerdem bemängelten die RedakteurInnen die langwierigen und zeitaufwendigen Verhandlungen wegen der Anschaffung notwendiger Arbeitsmittel wie z.B. Computer.[52]

Der Vorstand hatte grundsätzlich die Vorstellung, "in einem Team zusammen mit den RedakteurInnen, VerkäuferInnen und SchreiberInnen konstruktiv und kooperativ zusammenzuarbeiten."[53] Die RedakteurInnen beschrieben demgegenüber einen Grundkonflikt, der darin bestand, daß sie angehalten worden seien, mit den AutorInnen des bisherigen BINFOs zusammenzuarbeiten bzw. ihre noch unveröffentlichten Texte in "mob" zu drucken. Dieser Konflikt "war zum überwiegenden Teil etwas sehr Unterschwelliges, eher Atmosphärisches. Es hat einzelne Knalleffekte gegeben an bestimmten Punkten."[54]

Auch hier hat es keine genügende Auseinandersetzung und Absprache darüber gegeben, wo die Kompetenzen des einen enden und die des anderen beginnen. Die Vorstellung des Herausgebers, in einem Team zusammenarbeiten, erschien angesichts dieses 'Experiments Obdachlosenzeitung' verständlich, vernachlässigte aber die funktionale Arbeitsteilung in diesem Projekt, wo der Herausgeber zwar Arbeitgeber ist und die notwendigen entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen, aber gleichzeitig die Gratwanderung zwischen Respektierung der redaktionelle Autonomie und Erfüllung der konzeptionellen Ziele des Projekts gewährleisten muß.

Innerredaktionelle Konflikte

Im Zuge der weiteren Arbeit spitzten sich die gegensätzlichen konzeptionellen Vorstellungen zwischen Lars F. und Sonja K. dahingehend zu, daß ersterer keine Motivation mehr verspürte, mit den Betroffenen zusammenzuarbeiten, während letztere nach dem Motto verfuhr: "jeder kann kommen". Hinzu kamen drastische Differenzen in Bezug auf den Arbeitsstil. Während Lars F. wie ein "Buchhalter" Arbeitszeiten und Sitzungstermine festlegte, handhabte Sonja K. solche Verabredungen mit extremer Unverbindlichkeit. "Das prallte natürlich auch ständig aufeinander und mündete dann in dem Streß, daß keine Artikel von Sonja kamen oder zumindest nicht zu dem Zeitpunkt, wo sie kommen sollten."[55] In der zweiten Ausgabe gab es aufgrund dieser innerredaktionellen Arbeitsschwierigkeiten kein Schwerpunktthema.

Die Beantwortung der Frage, warum diese Probleme nicht geklärt werden konnten, blieb letztlich unbefriedigend. Erklärend wurde von allen RedakteurInnen die ungenügende konzeptionelle Diskussion im Vorfeld und der enorme Zeit- und Konkurrenzdruck angeführt, der keinen Raum für interne Klärungsprozesse zuließ. Darüberhinaus schottete sich die Redaktion sowohl gegenüber dem Herausgeber als auch den Betroffenen bezüglich dieser Konflikte überwiegend ab, was im Nachhinein als Fehler eingeschätzt wurde.[56]

Sonja K. war thematisch für die "Szene" verantwortlich (Recherche, Kontakte etc.). Unabhängig davon, daß "es zuviel war" und sie sich damit überforderte, hielt sie diese zeitlich sehr aufwendige Arbeit aber für notwendig, da eine gewisse Anpassung an den "Rythmus der Szene" zur authentischen Berichterstattung unumgänglich sei. Aus diesem Grunde kam sie zu der nachträglichen Aussage, daß sie "eher damit leben kann, daß man 'ne Zeitung um eine Woche verschiebt, als daß man so arbeitet, daß man sie nur füllt."[57]

Nach dem Erscheinen der zweiten Ausgabe (8.4.) mit beschriebenen Mängeln zogen sich die RedakteurInnen für einen Tag zur Beratung zurück. Die Beschreibungen dieser Klärungsversuche waren sehr unterschiedlich und verdeutlichten nochmal die Diskrepanzen und Kommunikationsschwierigkeiten zwischen ihnen. "Es war wie ein Strudel, in dem wir alle drin waren. Das Gefühl, daß es so nicht weiter gehen kann, hatten wir alle drei."[58]

Die Eskalation der Konflikte

Am Montag dem 18.4.94 kam Sonja K. ohne Abmeldung nicht zur Arbeit. Auch am darauffolgenden Tag erschien sie nicht, war aber auch nicht erreichbar. Bedingt durch die Tatsache, daß in den nächsten Tagen die kommende Ausgabe, zu der Sonja K. mit einigen Artikeln beitragen sollte, ins Layout gehen mußte, um zum Drucktermin gestalterisch vorbereitet zu sein, bekam diese Verzögerung ihre Brisanz. Die beiden anderen RedakteurInnen hielten diese Zuspitzung der bisherigen Unzuverlässigkeit für nicht mehr tragbar. Dennoch erhielt der Herausgeber eher zufällig Kenntnis von der aktuellen Situation als zwei Vereinsmitarbeiter am Mittwoch in der Redaktion erschienen. In einem Gespräch kamen beide Seiten zu dem Ergebnis, daß Sonja K. gekündigt werden soll. Die RedakteurInnen wollten aber vorher eine Abmahnung schreiben und abwarten bis sie wiederkommt, um Genaueres zu erfahren.[59]

Am Donnerstag, 21.4., erhielt Sonja K. ihre fristlose Kündigung per Bote und am Tag darauf nochmals per Post, wovon die Redaktion nur noch telefonisch unterrichtet wurde. Sonja K. ihrerseits versuchte vergeblich am Freitag den Vorstand telefonisch zu erreichen. Die Verkäufer meldeten sich nach der Kündigung und versicherten sie ihrer Solidarität und kündigten an, daß sie ab Montag in den Streik treten wollten. Sonjas Entgegnung, daß die Kündigung rechtens sei, konnte die Verkäufer nicht umstimmen, da es ihnen darüber hinaus um eine Klärung der genauen Funktion von BIN bezüglich "mob" ging und sie ihr mangelndes Mitspracherecht bei der gesamten Zeitungsarbeit anprangern wollten.[60]

Am Montag, 25.4., besetzten einige Verkäufer die Redaktionsräume. Sie verlangten von BIN eine öffentliche Stellungnahme in Form einer Pressekonferenz zu den Punkten: welche Ziele verfolgt BIN mit "mob", wie sieht die finanzielle Situation des Projekts aus und warum haben die Betroffenen kein umfangreicheres Mitspracherecht bei der Gestaltung und Weiterführung des "mob"-Magazins.[61] Diese Form der öffentlichen Auseinandersetzung lehnte der Vorstand ab und drängte auf nichtöffentliche Gespräche, was die Besetzer wiederum verweigerten. Ausschließlich Sonja K. erhielt Zutritt zu den besetzten Räumen. Sie forderte die Besetzer zu Gesprächen mit BIN auf und mahnte sie, daß nichts in den Räumen zerstört und verändert werden oder verlustig gehen darf.[62]

Dienstagmorgen ließ der Vorstand die Redaktionräume polizeilich räumen ohne die RedakteurInnen davon vorher in Kenntnis zu setzen bzw. ihre Zustimmung oder Meinung dazu einzuholen. Die Besetzer führten mittags ihre schon am Tag zuvor angekündigte Pressekonferenz durch, auf der sie ihre Kritik und Fragen an den Vorstand öffentlich machten. Der Vorstand, der bei der Pressekonferenz nicht anwesend war, erklärte: "Das ist uns nicht leichtgefallen, doch wir hatten Sorge, daß da Gelder wegkommen."[63]

Sonja K. forderte eine gemeinsame Sitzung von Redaktion und Vorstand, um eine Stellungnahme zu ihrem Verhalten, das zur Kündigung geführt hatte, und zur Entwicklung des gesamten Zeitungsprojekts abzugeben und zu diskutieren. Nachdem ihr das verweigert wurde und sie darüber hinaus vom Vorstand der Rädelsführerschaft geziehen wurde, da sie während der Besetzung die Redaktionsräume betreten, die Besetzung aber nicht beendet hatte, erschien ihr jede weitere Initiative zwecklos. Sie veröffentlichte anschließend ihre Stellungnahme in der Mai-Ausgabe des "Scheinschlag", einer Kiez-Zeitung in Berlin-Mitte.[64]

Die direkte Konsequenz aus der Eskalation der vorhandenen Konflikte bestand darin, daß zunächst keine Kommunikation zwischen den verschiedenen Parteien möglich war und auch nicht angestrebt wurde. Die Redaktion verurteilte die vom Vorstand initiierte polizeiliche Räumung und kündigte an, ihre Position auch öffentlich zu machen. Zeitweise überlegten sie auch, selbst zu kündigen.[65]

Circa eine Woche später verlangte die Redaktion bei einem Treffen mit dem Vorstand, daß eine Vereinssitzung anzuberaumen sei, auf der über die Räumung und die allgemeinen Krise diskutiert und gegebenenfalls auch Konsequenzen gezogen werden sollten, sprich: die Abwahl des Vorstands. Auf dem Hintergrund des Klimas, das von Konfrontation geprägt war, bestand die Reaktion des Vorstands laut Vera R. darin, auch die Redaktion zur Disposition zu stellen, falls selbiges mit dem Vorstand getan werden sollte. Damit konnte die Redaktion sich einverstanden erklären. Die geforderte Vereinssitzung fand sechs Wochen später statt.[66]

In der vierten Ausgabe von "mob" vom 1.Juni wurden Stellungnahmen der Redaktion und des Vorstands abgedruckt.

"Unausgesprochene Konflikte und Schwierigkeiten, im Anfangsstreß klare Übereinkünfte und Strukturen gemeinsam zu erarbeiten, aber auch Mißverständnisse und diffuse Unzufriedenheiten veranlaßten einen Teil der VerkäuferInnen, die Redaktionsräume zu besetzen und vorübergehend den Verkauf weitgehend zu blockieren." Die Redaktion stellte klar, daß sie "einer polizeilichen Räumung keinesfalls zugestimmt hätte." Sie habe sich entschlossen, "eine Fortführung von "mob" zu ermöglichen." Bezüglich des Konflikts mit dem Vorstand wegen der Besetzung und Räumung ließe sich kein weitgehenderes Ergebnis konstatieren, "als daß die vorhandenen, zum Teil gegensätzlichen Positionen veröffentlicht und zur Diskussion gestellt werden können." "Für die Redaktion ist durch diese Krise nochmal sehr nachhaltig deutlich geworden, wie komplex und vielschichtig die Herausforderung ist, eine Zeitung von und mit Obdachlosen auf den Markt zu bringen und dort zu behaupten."[67]

"Um das Gesamtprojekt nicht zu gefährden und im Interesse der Mehrheit der VerkäuferInnen sah sich BIN e.V. gezwungen, die Redaktionsräume räumen zu lassen. Dieser Schritt ist uns nicht leicht gefallen." Den Anlaß der Besetzung, "das Ausscheiden einer Redakteurin", will der Vorstand aber nicht öffentlich diskutieren. Die Aktion habe den Vorstand insofern überrascht, als die Unzufriedenheit einiger VerkäuferInnen, die als Hintergrund ausgemacht werden, bis zu dem Zeitpunkt nicht an den Vorstand herangetragen worden sei. Als Antwort auf die erhobenen Vorwürfe verweist der Vorstand darauf, "daß alle Vereinssitzungen und die monatlich stattfindenden Redaktionskonferenzen öffentlich waren und sind. Auch die VerkäuferInnen waren dazu eingeladen." Aber: "Sicherlich ist es noch nicht gelungen, die VerkäuferInnen optimal in den Redaktionsbetrieb mit einzubeziehen. Dazu gehört ganz bestimmt mehr als offene Redaktionskonferenzen und Mitgliederversammlungen." Zur finanziellen Situation stellte der Vorstand fest, daß sich "mob" noch nicht selbst trage und BIN die Zeitung mit Spendengeldern finanziere. Bisher habe "mob" 55.000,- DM von BIN erhalten. "Dem Projekt geht es ausschließlich darum, - neben den politischen und journalistischen Zielen - den Wohnungslosen eine Chance zu geben, sich mit der Zeitung zu identifizieren, sich für ihre eigenen Belange einzusetzen, Selbstbewußtsein und Initiativen zu entwickeln sowie selbstverständlich, sich damit Geld zu verdienen."[68]

Auf der nächsten Redaktionssitzung nach Erscheinen der vierten Ausgabe, an der auch eine Autorin der Stellungnahme des Vorstands teilnahm, kam es zu einer heftigen Debatte darüber, daß der Vorstand sich im Nachhinein nicht von der Räumung distanziert hatte, was die meisten Anwesenden für durchaus angebracht gehalten hätten.

Die Ruhe...

Nachdem der Mai noch von den "Nachwehen" der Besetzung geprägt war, wurde es im Juni zunehmend ruhiger in der Redaktion. Auf einen Vorschlag von Lars F. begann Tjark K. Anfang Juni als dritte Kraft mit seiner Arbeit in der Redaktion. Er hatte journalistische und redaktionelle Erfahrungen durch seine Veröffentlichungen in verschiedenen Berliner Zeitungen. Durch seine jahrelange Arbeit in einem AIDS-Projekt war er vertraut mit der Problematik der Balance zwischen Abgrenzung und Emphatie bezogen auf die Klientel. Es stellte sich schnell heraus, daß er dieser Anforderung souveräner gerecht wurde im Gegensatz zu dem vorherigen Arbeitsstil der Redaktion, indem er sich einerseits mit den Betroffenen zusammensetzte und auch ihre Texte kritisierte, sich aber andererseits nicht verwickeln ließ, was sich z.B. darin ausdrückte, daß er im Falle einer zu extensiven Anwesenheit von Betroffenen die nötige Grenze zu ziehen imstande war. Der Effekt davon war eine Entlastung für alle. Sowohl periodisch stattfindende interne Redaktionsbesprechungen als auch Absprachen zeitlicher und inhaltlicher Art konnten realisiert werden. Die Vorbereitungen für die fünfte Ausgabe gestalteten sich konstruktiv und bis auf finanzielle Engpässe schien sich die Zeitungsarbeit zu stabilisieren. Zudem hatte sich im Verlauf der Auseinandersetzungen zwischen Redaktion und Betroffenen als Konsequenz der Besetzungsaktion eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit einem Kern von sechs bis acht Obdachlosen entwickelt.[69]

...vor dem Sturm

Am 28. Juni fand die von der Redaktion geforderte Vereinsitzung statt, an der diese Gruppe von obdachlosen Mitarbeitern auch teilnahm. Die späte Terminierung dieser Vereinssitzung hatte der Vorstand damit begründet, daß einer kurzfristigen Einladung nur wenige Vereinsmitglieder würden folgen können. Dennoch erschienen zu diesem Termin neben dem vierköpfigen Vorstand lediglich vier weitere Mitglieder,[70] die über die vergangenen Konflikte und Debatten gar nicht informiert gewesen seien. Die Intention der Redaktion, den Vorstand nach einer Diskussion über die Verantwortung für die Besetzung und Räumung von den Mitgliedern abwählen zu lassen, erschien in Anbetracht dieser Situation unrealistisch.[71]

Stefan S., Vereinsmitglied und BINFO-Autor, verteilte auf dieser Sitzung seinen Gegenentwurf zu dem offiziell vom Vorstand veröffentlichten, der eine gänzlich andere Perspektive dieser Krise vermittelte. "Wir haben damit (der Räumung, d.V.) vor unseren eigenen Ansprüchen kapituliert und etwas getan, was wir nie hätten tun dürfen. Auch der Anlaß der Besetzung war ein eindeutiger Fehler unsererseits. Wir haben eine unserer Redakteurinnen fristlos gekündigt, obwohl eine erste Abmahnung das übliche Verfahren ist. (...) Wir haben uns in der positiven Resonanz auf "mob" gesonnt und völlig übersehen, daß damit völlig neue Herausforderungen auf uns zukommen, die unser bisheriges sozialpädagogisches Selbstverständnis völlig in Frage stellen. Die Wohnungslosen bei "mob" sind nicht unsere Klienten, sondern Partner, mit denen wir kooperieren wollen und müssen. "mob" ist ihre Zeitung und nicht unsere. Wir sind nur Herausgeber. (...) Wir haben dem Projekt nicht genügend Autonomie gewährt, sondern die Beteiligten nur in begrenztem Umfang partizipieren lassen. (...) Wir ziehen daraus die Konsequenz, für diesen Fehler die politische Verantwortung zu übernehmen und als Vorstand geschlossen unseren Rücktritt zu erklären. Nur ein personeller Wechsel im Vorstand des Herausgebervereins kann sicherstellen, daß der Vertrauensbruch, den wir allein zu verantworten haben, nicht zu einem Problem eskaliert, der das Projekt ernsthaft in Gefahr bringt."[72]

Die ohnehin vorhandene Polarisierung der Debatte wurde laut Vera R. durch den Vorstand noch vorangetrieben, indem dieser die schlechte finanzielle Situation der Zeitung mit einer unzureichenden Motivation der VerkäuferInnen in Verbindung brachte, obwohl gerade diejenigen, die sich mittlerweile kontinuierlich engagierten, anwesend waren. Für die Redaktion war eine weitere Zusammenarbeit mit diesem Vorstand nicht mehr machbar, sie hatte ihrerseits unter diesen Umständen eine Kündigung ernsthaft in Erwägung gezogen. Abschließend, nach massiven Angriffen auch seitens der Betroffenen, habe sich der Vorstand gezwungen gesehen, seine Tätigkeit als Herausgeber einzustellen.[73]

Regina T. vom Vorstand beschrieb die Vorwürfe als teilweise diffamierend und es sei deutlich zum Ausdruck gekommen, daß eine fachliche und inhaltliche Mitarbeit von BIN nicht mehr gewünscht wurde. Entscheidender aber war der finanzielle Stand der Zeitung. "Unsere Überlegungen, das Projekt zu halten, sind in dem Moment zerronnen, als wir Klarheit über die finanzielle Situation erlangten. Das Projekt war betriebswirtschaftlich nicht mehr zu halten. Die völlig unzureichenden Vorschläge von Lars F., das Projekt finanziell zu retten und die Stellen zu halten, haben wir von einem fachlich qualifizierten Berater überprüfen lassen und sind auch nach eingehender Beratung durch unsere Anwälte zu dem Schluß gekommen, daß wir die "mob" finanziell abwickeln mußten. Hätten wir dies nicht getan, wären wir nicht nur mit einem "blauen Auge" davongekommen, sondern mit einem Riesenberg Schulden."[74]

Finanzielle Entwicklung und Vertrieb

"mob" hatte mit 100.000 DM begonnen und 70.000 DM durch den Verkauf der ersten fünf Ausgaben eingenommen. Von diesen 170.000 DM entfielen in dem Zeitraum vom 1.2.- 31.7.1994 für Gehaltskosten ca. 70.000 DM und für Produktionskosten (Layout, Druck etc.) ca. 50.000 DM. Die laufenden Kosten wie Miete, Telefon, Strom etc. schlugen für dieses halbe Jahr mit ca. 35.000 DM zu Buche und Anschaffungen vom Briefpapier bis zum Computer wurden in der Höhe von ca. 15.000 DM getätigt.[75]

Die durchschnittlich verkauften 14.000 Exemplare jeder Ausgabe reichten bei weitem nicht zur Deckung der Kosten. Die anfängliche Überlegung ging dahin, die rein technischen Produktionskosten durch Anzeigen zu kompensieren, und das Projekt monatlich mit einer verkauften Auflage von 25.000 Exemplaren zu stabilisieren. Weder das eine, noch das andere ließ sich realisieren, so daß das Startkapital zur Deckung genutzt wurde.[76]

Der Vertrieb, die Ausgabe der Verkäuferausweise und der Zeitungen, gestaltete sich am Anfang sehr chaotisch. "Es war alles 100%ig durchdacht, es funktionierte nur einfach nicht, beim besten Willen nicht."[77] Es war keine Übereinstimmung herstellbar zwischen der formal festgehaltenen Menge an ausgegeben Zeitungen und der Summe des eingenommen Geldes. Einen Monat lang sei es "kunterbunt durcheinander" gegangen, nach der Einführung neuer Formblätter und anderer Veränderungen habe sich die Erfassung der Abläufe der Realität etwas mehr angenähert. Nach einigen Monaten wäre, nach Meinung von Lars F., wahrscheinlich ein zufriedenstellender Zustand erreichbar gewesen, doch die Zeit und das Geld haben nicht ausgereicht. Hätten sie den Vertrieb von heute auf morgen effektiver gestalten wollen, hätte das bedeutet, diese Arbeit einem "Profi" zu überantworten und nicht mehr von Betroffenen durchführen zu lassen. Das aber wollten sie nicht.[78]

Darüber hinaus lag das wahrscheinlich größte Manko des Vertriebs in der mangelhaften Präsenz von "mob" auf der Straße. "Das ist ja das, was im Grunde genommen so bitter daran ist, daß eine Zeitung, die sich sehr wohl in einer kostentragenden Auflage verkauft hätte, wenn denn alle, die sie kaufen wollten auch hätten kaufen können. Daß das eben nicht möglich war, den Vertrieb so zu organisieren, daß sie ausreichend verkauft worden ist."[79]

Das hier angedeutete Problem läßt sich meines Erachtens auch mit einem effektiver strukturierten Vertriebsablauf nicht unmittelbar aus der Welt schaffen, tangiert es doch die Motivation und das Engagement der VerkäuferInnen. In einem Gespräch mit drei quasi hauptamtlichen, obdachlosen Mitarbeitern von "mob" wurden mehrere Erklärungsansätze beschrieben, die ich hier kurz auflisten will.

  • Zunächst stellt es generell eine Überwindung dar, ZeitungsverkäuferIn zu werden, weil man sich dadurch als Obdachlose(r) "outet".
  • Die ganz überwiegende Mehrheit kommt nur einmal, um sich die obligatorischen ersten zehn Freiexemplare zu holen und erscheint dann nie mehr. Bei "mob" gibt es ca. 20 Obdachlose, die regelmäßig verkaufen, aber 380 sind als VerkäuferInnen registriert.(Dez.'94)
  • Die meisten VerkäuferInnen gehen ihrer Tätigkeit aus rein finanziellen Gründen nach. Sie verstehen die Zeitung nicht als ihr Projekt, als ihr Sprachrohr.
  • Letzteres hat Auswirkungen auf ihr Verkaufsengagement, auf die Art und Weise, wie sie potentiellen KäuferInnen gegenübertreten. Angebotene Vertriebstreffen oder VerkäuferInnenschulungen werden kaum wahrgenommen bzw. als Bevormundung empfunden.
  • Zum Verkauf gehört ein offensives und lautstarkes Auftreten, was anstrengend ist und teilweise weniger Geld einbringt als das traditionelle Betteln.
  • Weit verbreitete Unzuverlässigkeit und Unverbindlichkeit: sie haben ein anderes Zeitgefühl, leben von einem Tag zum anderen.
  • VerkäuferInnen kommen nicht mehr wieder, weil sie Zeitungen auf Kommission gekauft haben und diese nicht bezahlen können.
  • Die Zeitungen werden auch über einige Wärmestuben vertrieben. Von Bedeutung ist dabei, ob die dortigen SozialarbeiterInnen die VerkäuferInnen unterstützen und motivieren.
  • Feststellbar ist eine Motivationssteigerung und Identifizierung durch den Abdruck eigener Texte in der Zeitung. Nur ist die Angst vor dem Schreiben sehr groß.[80]

Diese Aspekte erwähnten auch die Verantwortlichen der anderen Berliner Obdachlosenzeitungen.

Durch diese Auflistung soll allerdings nicht der Eindruck erweckt werden, daß das finanzielle Ende von "mob" I den VerkäuferInnen anzulasten sei. Die gravierenden betriebswirtschaftlichen Mängel wurden erst im Nachhinein deutlich, nachdem der Vorstand einen erfahrenen Buchhalter mit der Aufarbeitung der Buchführung beauftragt hatte. "Leider haben wir uns in der fachlichen Qualifikation von Lars F. getäuscht. Das Projekt wäre sicherlich völlig anders gelaufen, wenn wir einen Menschen eingestellt hätten, der einen formalen Abschluß in Betriebswirtschaft und Buchhaltung vorweisen kann und über die nötige Erfahrung mit Projekten verfügt, und der engagiert mit den Betroffenen an dem Projekt gearbeitet hätte."[81]

Daß der Vertrieb nicht effektiver und nachvollziehbarer strukturiert und die Buchführung laut des Buchprüfers mehr als ungenügend durchgeführt wurde, ist überwiegend dem informellen Geschäftsführer Lars F. anzulasten. Die Begründung, sie, also die Redaktion, hätten den Vertrieb den Betroffenen nicht entziehen wollen, entbindet sie ja nicht der Verantwortung für dessen Funktionsfähigkeit. Ein Betroffener äußerte sich dahingehend, daß der Geschäftsführer durchaus hätte Einfluß nehmen können, daß er aber nicht den "Nerv" gehabt hätte, "in dieses Chaos einzugreifen". Die Konzentration aller drei Hauptamtlichen auf die redaktionelle Arbeit und die daraus resultierende Vernachlässigung der Vertriebsarbeit war nicht geplant und läßt sich allenfalls mit der nicht vorhandenen Erfahrung bezüglich eines Zeitungsprojekts rechtfertigen.

Der Herausgeber muß sich fragen lassen, warum er nicht frühzeitiger seinem Recht und seiner Verantwortung nachgekommen ist und detaillierte Zahlen und Abrechnungen verlangt hat.


"mob" - Obdachlose machen mobil

Stefan S., BIN-Mitglied und BINFO-Autor, hat sich seit dem "Zoff bei mob" [82] in der Zeitung engagiert. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeine Pädagogik an der Hochschule der Künste. Nach der finanziellen Abwicklung führte er die Gespräche mit dem bisherigen Herausgeber über die Weiterführung des Projekts.In den Verhandlungen einigte man sich darauf, daß die angemieteten Räume und die notwendigen Arbeitsmittel wie Computer, Fax und Telefon gegen Übernahme der entsprechenden Kosten von dem neuen Träger weiterhin genutzt werden können. Die 160.000 vorhandenen, nicht verkauften Exemplare der bisherigen Ausgaben stellten das Startkapital des am 1.August gegründeten neuen Trägervereins "mob - Obdachlose machen mobil" dar.

Nach zähen Verhandlungen konnten die Layout- und Druckkosten reduziert und durch Reglementierungen die laufenden Bürokosten eingeschränkt werden, so daß sich die monatlichen Fixkosten von vorherigen 15.000 DM auf aktuelle 8.000 DM verringerten.[83] Zudem entfielen die bisherigen Gehaltskosten, da die jetzigen 'Profis' ehrenamtlich arbeiten.

Die erste Ausgabe der neuen "mob" erschien am 28. September. "mob" II hat quasi bei Null angefangen. Das Geld zur Finanzierung einer neuen Ausgabe mußte immer erst durch einen genügenden Verkauf der letzten erwirtschaftet werden. Diese Notwendigkeit den Betroffenen immer wieder zu erklären, sei unumgänglich und mühsam gewesen, habe aber mittlerweile dazu geführt, daß sie einen Finanzplan erstellt hätten.[84]

Redaktionelle Arbeit

Stefan S. beschrieb das Arbeitsprinzip der neuen Redaktion, in der Obdachlose gleichberechtigt mitarbeiten, als ein gänzlich anderes. "Wir arbeiten mit dem Chaos und nicht gegen das Chaos, würde ich mal vereinfachend sagen. Und wenn Probleme auftreten, dann ist die Lösung also nicht, das Chaos zu reduzieren, sondern es voranzutreiben."[85] Sozialarbeit habe bisher immer autoritär funktioniert und lasse keine Selbstbestimmung und Selbstorganisationsformen der Leute zu.

Zentrale Bedeutung für die Redaktionsarbeit habe der Computer. Einige der Betroffenen haben sich nach einer Einführung diese Fähigkeiten angeeignet. Insgesamt existiere nun das Bewußtsein, daß alle möglichen Texte in den Computer eingegeben werden müssen, um potentiell für die Zeitung nutzbar zu sein. Diese Entwicklung habe maßgeblich dazu beigetragen, daß zunehmend mehr Beiträge der Wohnungslosen in der Zeitung stehen. Stefan S. mißt dem einen hohen pädagogischen Stellenwert bei, da soziale Arbeit bisher darin bestand, Menschen immer nur mit etwas zu versorgen, sie aber von Kompetenzen weitgehend ausgeschlossen blieben. Beim Computer sei das anders: die Leute haben einen Zugriff darauf, können sich die Fähigkeiten aneignen, es gibt keine Vorgaben seitens der Maschine, sie können schreiben was sie wollen und es verwenden, wie sie wollen.

"Das ist eine Lebensgemeinschaft, die Leute leben in diesem Projekt, in diesen Räumen. Sie arbeiten da tagsüber, sie saufen da abends manchmal und sie pennen da nachts. Und zwar Leute, mit einem ganz hohen Konfliktpotential, die es aber immer schaffen, sich irgendwie zusammenzuraufen."[86] Er bezifferte die Gruppengröße mit fünf bis fünfzehn. Vier bis fünf wohnen dort, und wenn es kalt wird, können es auch acht bis zehn werden. Zudem gebe es einige Leute, die jeden Tag anwesend sind.

Es habe sich ein innerer Kreis herausgebildet, der die täglichen Öffnungszeiten von 9.00 Uhr bis 19.00 Uhr gewährleistet. Diesem Kreis sei mittlerweile, nachdem sie die dritte Ausgabe erstellt haben, auch die Logik der Zeitungsproduktion klar:

Erscheinungsdatum am Monatsanfang - Drucken gegen Ende des vorherigen Monats - davor Layout - hierfür Strukturierung der Ausgabe nötig - Artikel müssen geschrieben sein - Planung der Ausgabe und Themen. Das sei ein kollektiver Lernprozeß, der die Leute befähigt, perspektivisch zu denken und sich auch schon Gedanken über die übernächste Ausgabe zu machen.

Betriebswirtschaftliche Führung

Jens L.[87], der die Aufarbeitung der Buchführung von "mob" I im Auftrag von BIN durchgeführt hatte, übernahm bei der neuen "mob" die betriebswirtschaftliche Führung des Projekts. Es wurden Vertriebsstrukturen und Kontrollmechanismen eingeführt, die sämtliche Bewegungen von Zeitungen und Geld nachvollziehbar machen.

Das Projekt hatte sich bis Anfang Dezember finanziell stabilisiert, obwohl sich die letzten Verkaufszahlen "bedenklich" entwickelt hatten. Nachdem von der sechsten Ausgabe, also der ersten "neuen mob", 25.000 Exemplare verkauft wurden, waren es von der siebten nur noch 15.000 Stück. Zu dem Zeitpunkt des Interviews waren von der aktuellen achten Ausgabe nach einer Woche 2.500 Exemplare verkauft. Die Auflagenhöhe von 50.000 soll ab Januar '95 auf 30.000 reduziert werden, wobei die finanzielle Ersparnis nur gering sein wird.[88]

Die seit Juli laufende Spendenkampagne für "mob" hatte bis zum 30.11.94 über 5.000 DM erbracht und das Anzeigenvolumen konnte erhöht werden. Es standen noch offene Rechnungen von "mob" I aus und es werden Ablösungen an BIN für die Computer zu zahlen sein, so daß Rücklagen gebildet werden sollen. Insgesamt aber stellt die Zeitung einen Zweckbetrieb des gemeinnützigen Vereins "mob - Obdachlose machen mobil" dar, der sich selbst trägt.[89]

Resümee

Die Beschreibung der Entwicklungen von "mob" I ist notwendigerweise lückenhaft, eine Skizze eben und kein Bild, hätte sie doch sonst den drei- bis vierfachen Umfang, wären alle Positionen, Widersprüche und Unklarheiten der an diesem Prozeß beteiligten AkteurInnen dargestellt worden. Daß die Obdachlosen in diesem Entwicklungprozeß eher am Rand zu stehen scheinen, ist aber kaum der selektiven Wahrnehmung des Autors geschuldet, als vielmehr die Widerspiegelung des Grundkonflikts dieser neuen Art von Zeitung, der bei "mob" am deutlichsten in Erscheinung getreten ist.

"An einer Frage jedoch kommt keine dieser Zeitungen vorbei: Zeitung f ü r Obdachlose - dann sind sie Verkäufer und die Zeitung ist Einnahmequelle - oder Zeitung m i t Obdachlosen. Letzteres erfordert Mitspracherecht der Unbehausten in redaktionellen und allen anderen Fragen."[90]

"Um die Zeitungsarbeit und die betriebswirtschaftliche Organisation möglichst professionell zu gestalten"[91], hatte BIN drei RedakteurInnen angestellt, womit ungewollt, aber zwangsläufig der 'Raum' für Obdachlose in der Redaktion eng wurde. Darüber hinaus ziehen drei Festanstellungen finanzielle Sachzwänge nach sich, die redaktionelle Flexibilität und Experimente nicht zulassen, und vor allem benötigt der Prozeß der Einbeziehung und des Hineinwachsens von obdachlosen Menschen in die Zeitungsarbeit sehr viel Zeit, die in einem professionell angelegten Redaktionsablauf nicht vorhanden ist.

Die personelle Zusammensetzung der Redaktion und die Kürze der Vorbereitungszeit verursachten Konflikte während der Produktionsphasen, die eigentlich im Vorfeld entschärft oder geklärt werden sollten. Hier liegt meines Erachtens die Verantwortung des Herausgebers, der aus der Überzeugung, schnell auf die kommende Konkurrenz aus Paris reagieren zu müssen, die nötige Sorgfalt bei der Auswahl der zukünftigen Redaktion hat vermissen lassen, sind doch diese Stellen nicht einmal öffentlich ausgeschrieben worden, wodurch keine personelle Alternative zu der dann eingestellten Redaktion zur Auswahl existierte.

Die polizeiliche Räumung der Besetzung halte ich für einen fatalen Fehler, läßt doch dieses "mit Kanonen auf Spatzen schießen" ein Kooperationsverständnis zum Ausdruck kommen, das wenig Raum für reale Gleichberechtigung und Mitsprache schaffen kann.

Die Redaktion ihrerseits hat es versäumt, sowohl ihre internen Arbeitsprozesse zu strukturieren, als auch die Mitarbeit von Obdachlosen in eine institutionelle Form zu bringen. Mit der Einstellung von Tjark K. sind solche Ansätze realisiert worden, wodurch belegt scheint, daß die konstruktive Zusammenarbeit von 'Profis' und Obdachlosen möglich ist. Ein gravierender Irrtum bestand meiner Meinung nach darin, daß sich die Redaktion aus gut gemeinter Loyalität nach außen abschottete, wodurch ihre internen Konflikte diese Eigendynamik annehmen konnten. Die Hinzuziehung von außenstehenden Personen, sei es z.B. jemand aus der Redaktion von "Hinz & Kunz(t)" aus Hamburg oder eine professionelle Supervision, und die damit zwangsläufig festzulegenden Zeiten für Diskussionen und Reflexionen hätten durchaus die Entwicklung produktiverer Arbeitsgrundsätze mit sich bringen können.

Ein Resultat der nicht genügend geleisteten Strukturierung der Arbeitsprozesse des gesamten Projekts war der mangelhafte Vertrieb. Lars F. als informeller Geschäftsführer und betriebswirtschaftlicher Leiter von "mob" scheint mit der Dimension der an diesen Posten verbundenen Aufgaben überfordert gewesen zu sein, sind doch im Nachhinein Unzulänglichkeiten offenbar geworden, die sich zur Zeit in einer juristischen Klärung befinden[92] und zu einer nachträglichen kritischen Distanz der Betroffenen zum Geschäftsführer geführt haben, nachdem im Zuge der Krise um die Räumung der besetzten Redaktionsräume die Redaktion und die VerkäuferInnen enger kooperiert hatten.[93]

Die Umstrukturierung von einer 'professionellen' zu einer von den Betroffenen selbst erstellten Zeitung scheint mir gelungen. Der verringerte finanzielle Druck durch die Reduzierung der Fixkosten schafft Freiräume, Variationsmöglichkeiten und ein größeres Maß an Zeit, um den vorhandenen Kapazitäten und Fähigkeiten der Betroffenen gerecht zu werden. Die Problemhaftigkeit dieses "Selbstfindungsprozesses" und die Tatsache, daß die Betroffenen, im wahrsten Sinne des Wortes, mit und in dem Projekt leben und es gleichberechtigt mitgestalten, macht die Bedeutung der Entwicklung von "mob" I zu "mob" II aus.


HAZ

Der Herausgeber

George Mathis begann als Straßenverkäufer anderer Obdachlosenzeitungen in Paris, bevor im Juli '93 die von ihm gegründete "Le Reverbere" erschien. Der ehemalige Fern- und Taxifahrer hatte nach der Scheidung acht Jahre auf der Straße gelebt. Den Erfolg der Zeitung, von der mindestens 200.000 monatlich verkauft werden, führt er auf die Tatsache zurück, daß sie die einzige in Paris ist, die "auf der Straße geschrieben wird", also "auf Baustellen, Bänken oder in Cafes". Die Überschüsse fließen in die Krankenversorgung, Suchtbehandlung und Rentenfinanzierung von Obdachlosen.

Die "HAZ" in Berlin "soll inhaltlich und vielseitig die Armut vertreten, aber unabhängig sein von Senatssubventionen. Ich will Politiker und Wirtschaftsbosse drängen, sich stärker zu engagieren, Parteien zu Äußerungen zwingen."[94] 

Der verantwortliche Redakteur

Frank K.[95] ist gelernter Einzelhandelskaufmann und arbeitete ein Jahr in diesem Beruf, bevor er für acht Jahre auf Erdölmontage ins Ausland ging, wo er das Trinken begann. Nach seiner Rückkehr begann er mit einem Entzug und einer Therapie, woraufhin er aber einige Wochen später wieder rückfällig wurde. Die folgenden zwei Jahre waren von seiner extremen Alkoholsucht geprägt, in deren Verlauf er seine Frau und sein Kind sowie seine Arbeit verlor. Ein Jahr verbrachte er in "Läusepensionen", am Bahnhof Zoo oder er "machte Platte" (unter freiem Himmel nächtigen, d.V.) irgendwo in der Stadt. Seit Sommer 1990 ist er "trocken".

1992 machte er sich mit Hilfe eines Freundes selbstständig, gründete eine Werbefirma, erstellte Visiten- und Speisekarten, führte Auto- und Bauträgerbeschriftungen durch. Seit Mitte '93 hatte er die Idee einer Zeitung, in der, ausgehend von seiner persönlichen Erfahrung, der mit dem Alkoholismus verbundene soziale Abstieg inclusive Obdachlosigkeit an die Öffentlichkeit gebracht werden sollte. Durch eine Fernsehsendung erfuhr er von "Hinz & Kunz(t)", insbesondere dem Vertrieb über den Straßenverkauf durch die Obdachlosen selber, was ihn zu der Überzeugung kommen ließ, das Gleiche in Berlin zu realisieren. Mit seinem Freund entwickelte er das Konzept der Zeitung und installierte das Layout auf dem Computer. Anfang '94 erfuhr er von den anderen Berliner Zeitungsprojekten. Er nahm dann am "Runden Tisch" am 19.2. teil, woraus die Zusammenarbeit mit George Mathis entstand.

Die Vorbereitungen

George Mathis hatte durch ein Interview, das die "Berliner Zeitung" mit ihm in Paris geführt hatte, erfahren, daß es in Berlin noch keine Obdachlosenzeitung gab. "Wir fuhren nach Berlin, berichteten in "Le Reverbere", nahmen über die "Ratten" (eine Berliner Theatergruppe von Obdachlosen, d.V.) Kontakt zur Szene auf und spürten Interesse."[96] Die genaueren Umstände dieser Kontakte und der Erstellung der ersten Ausgabe, die beim "Runden Tisch" vorgelegt wurde, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Ein geplantes zweites Interview mit Frank K. kam nicht zustande, darüber hinaus erhielt ich keine Antwort auf drei Briefe mit einigen konkreten Fragen und telefonisch war ebenfalls niemand in der Redaktion erreichbar.

Die Vereinbarung zwischen "Le Reverbere" und "Platte" sah laut Frank K. so aus, daß letztere nicht erscheinen wird und die Berliner die Herstellung und den Vertrieb der "HAZ" übernehmen werden, gedruckt werden sollte in Paris. Es wurde der Förderverein "HAZ e.V." und die "HAZ Verlags GmbH" gegründet, wobei die Gesellschaft die Produktion übernahm, während der Verein die Überschüsse verwaltete. Einziger Gesellschafter war George Mathis.

Kurz darauf wurden 30.000 Exemplare der ersten Ausgabe als kostenlose Starthilfe nach Berlin geschickt, die aber wieder eingestampft werden mußten, weil sie Bilder enthielten, die ohne Zustimmung der Inhaber der Veröffentlichungsrechte abgedruckt worden waren. Es erfolgte ein Neudruck ohne diese Streitobjekte. Es wurde noch eine Nachauflage geschickt, die aber niemand angefordert habe.[97]

Redaktionelle Arbeit

Die zweite Ausgabe wurde von der Berliner Redaktion erstellt, die aus vier Personen bestand, die alle entweder arbeits- oder obdachlos waren und trockene Alkoholiker. Dazu kam eine in Paris lebende professionelle deutsche Journalistin. Die Zeitung wurde auf einer Diskette nach Paris geschickt, wo sie gedruckt wurde. Hier entstanden erste Unstimmigkeiten, da Texte gestrichen bzw. gekürzt wurden.

Vertrieb und Finanzen

Nach dem Verkaufsstart der ersten Berliner Obdachlosenzeitung am 9. März '94 war der Andrang von Obdachlosen, die Verkäufer werden wollten, laut Frank K. sehr groß. Es gab einen Vertriebsbus am Bahnhof Zoo, von dem aus der Verkauf organisiert wurde.

Aufgrund der großzügigen Ausgabe von Freiexemplaren in der ersten Zeit bezifferte Frank K. die Einnahmen der Verlags GmbH mit ca. 40.000 DM für die ersten beiden Ausgaben. Als die Nachauflage der zweiten Ausgabe geliefert werden sollte, sei stattdessen der Gesellschafter gekommen, um die Finanzen zu überprüfen und die Einnahmen nach Paris zu überweisen. Die Buchführung habe er einsehen können, aber die kompletten Einnahmen seien ihm verweigert worden. Zum einen gab Meinungsunterschiede über die Anzahl der gelieferten Menge und andererseits seien von den Überschüssen schon Projekte gestartet worden. Dem Gesellschafter sei daraufhin die Erstattung der Druckkosten angeboten worden, was dieser ablehnte.

Es war mir nicht möglich, diesen Konflikt aus benannten Gründen detaillierter zu beschreiben. George Mathis äußerte sich dazu kurz in einem Interview: "Die alte Mannschaft hat die Gelder nicht sachgerecht verwaltet. Das klären die Gerichte. Keine Einnahmen wurden aber nach Paris abgefordert. Eine Redaktion hat es eigentlich nicht gegeben, inhaltlich war die Zeitung nicht gut."[98] Zu dem Zeitpunkt des Interviews mit Frank K. war dieser Streit noch offen, es waren noch keine Zahlungen erfolgt.

Mit der Entlassung des Berliner Geschäftsführers der GmbH endete die Zusammenarbeit und die Redaktion machte sich selbstständig.

Die Redakteurin

Nach der Kündigung bei "mob" setzte sich Sabine G., die Rechtsanwältin und Vertreterin von George Mathis in Berlin, mit Sonja K. in Verbindung, die Gesprächsbereitschaft signalisierte. Ihr Motiv war, daß sie journalistisch in der Art und Weise weiterarbeiten wollte, wie sie es bei "mob" begonnen hatte. In den folgenden zwei Gesprächen wurde ihr ein Einstellungsangebot unterbreitet, das sie unter zwei Bedingungen annahm. Die Zeitung sollte komplett in Berlin produziert und die potentiellen Überschüsse sollten ebenfalls in Berlin verwendet werden.[99]

Die Vorbereitungen

Innerhalb eines Monats realisierte Sonja K. in Zusammenarbeit mit Sabine G. die Herausgabe der dritten Ausgabe der "haz". Ein kleines Büro mit Computer stand zur Verfügung, Layout, Druck und Vertrieb mußten neu organisiert werden. Wichtig war ihr, den Betroffenen in der Szene ihren Wechsel zu vermitteln und sich gleichzeitig das Veröffentlichungsrecht für bestimmte Dinge zu sichern, was sich als problemlos herausstellte. Für die inhaltliche Gestaltung hatte sie anfangs kein ausgearbeitetes Konzept, sie verwendete erstmal schon begonnene und fertiggestellte Artikel.

Wesentlich an dieser ersten Ausgabe war für sie, daß sich George Mathis in einem Interview zu seinen Vorstellungen über die "haz" äußerte, insbesondere was die Verwendung der Überschüsse betraf.[100]

Die redaktionelle Arbeit

Sonja K. empfindet es als großen Mangel, daß es für die "haz" keine größeren, geeigneten Räume gibt, die sowohl als fester Anlaufpunkt für die Betroffenen als auch für Redaktionssitzungen nutzbar wären. Die Zeitung macht noch nicht soviel Gewinn, um größere Gewerberäume mieten zu können. Ihre Bemühungen, ein Objekt zu finden, wo Redaktionsräume und Wärmestube getrennt, aber nahe zueinander gelegen sind, sind noch nicht abgeschlossen.

Am "haz"-Bus am Zoo, dem einzigen Vertriebspunkt der Zeitung, lassen sich keine Redaktionssitzungen durchführen, so daß sie sich auf eine Einzelarbeit mit den Obdachlosen, die schreiben konzentriert hat. Regelmäßig schreiben fünf Betroffe, und unregelmäßig fünf weitere, was bedeutet, daß sie mit letzteren, oft Wochen nachdem sie von ihnen einen Text erhalten hat, das Manuskript mit ihnen überarbeiten kann. In der Regel erhält sie handschriftliche Texte, die sie korrigiert, per Computer abschreibt und anschließend mit den Autoren diskutiert, was zur Zeit nur extensiv für sie zu bewältigen ist.[101]

Vertrieb und Finanzen

Nach anfänglich eigenhändiger Führung eines Kassenbuches hat mittlerweile ein Steuerberater die Buchführung übernommen. Am Vertriebsbus wird jedes verkaufte Exemplar eingetragen. Die Nummer des Verkäufers, an den die Zeitungen ausgegeben werden, wird vermerkt und er zeichnet auch gegen. Es findet ein täglicher Abschluß dieser Buchhaltung statt. Am Ende jeder Ausgabe gibt es eine Bestandskontrolle, so daß insgesamt eine relativ lückenlose Erfassung des Zeitungsverkaufs durchgeführt wird.[102]

Die "haz" begann mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren, von denen die Hälfte verkauft wurde. Mit der nächsten Ausgabe wurde die Stückzahl auf 30.000 reduziert und nur 13.000 wurden verkauft, was das bisherige absolute Tief darstellte und auf den sehr heißen Juli zurückgeführt wurde. Die Verkaufszahlen haben sich dann bei etwa 20.000 Exemplaren eingependelt.

Die Kosten inclusive Gehalt, Layout, Druck, Miete, Telefon etc. belaufen sich auf ca. 17.000 DM, womit ein Überschuß von 3.000 DM bei entsprechenden Verkaufszahlen erreicht wird. Unkalkulierbare zusätzliche Kosten wie z.B. Reparaturen am Vertriebsbus lassen Sonja K. zu der Einschätzung gelangen, daß die Überschüsse nicht dazu ausreichen, sich vertraglich bei üblichen Marktpreisen für Gewerbemieten längerfristig zu binden.

Obdachlose AutorInnen erhalten siebzig Pfennig Honorar pro Druck zeile, d.h. bei zweispaltigem Layout wird jede Spalte extra berechnet. Neben dem finanziellen Verdienst, eben Arbeit, die bezahlt wird, hat das für sie auch die Bedeutung, bekannt zu werden.[103]

Bei der "haz" arbeiten ca. 30 VerkäuferInnen regelmäßig, worunter Sonja K. jeden zweiten Tag versteht, und mindestens dieselbe Anzahl sporadisch im Falle akuten Geldbedarfs. Es ist aber eine Minderheit, die sich für das Projekt engagiert, jeden Tag arbeit, sich überlegt, wo und wie läßt sich die Zeitung am besten verkaufen und es wird nach ihrer Meinung eine Minderheit bleiben. Anfänglich sei es allen egal gewesen, was in der Zeitung steht, ging es doch ausschließlich um den Verkauf. Das änderte sich z.B., wenn eigene Texte gedruckt oder Fragen aufgegriffen wurden, die ihnen selber auf den Nägeln brennen. "Ich denke, daß die Verkäufer die Zeitung in der Regel doch lesen, zwar oberflächlich, also auszugsweise. Sie lesen nur, was sie interessiert. Aber es gibt auch über dieses Lesen eine andere Reflexion oder Wahrnehmung ihrer eigenen Situation, die über ihr unmittelbares, alltägliches Einzeldasein hinausgeht." Desweiteren hat Sonja K. festgestellt, daß sich Verkäufer Ziele setzen, wieviel Zeitungen sie am Tag verkaufen wollen. "Da kommt eine ganz andere Zielstrebigkeit in das eigene Verhalten hinein und das halte ich für einen ganz wesentlichen Schritt, sich überhaupt wieder Ziele zu setzen, überhaupt wieder in die Zukunft zu denken."[104] Eine Zeitung könne, abhängig von der Rahmenkonzeption (Wärmestube, Beratungsstelle o.ä.), die Obdachlosen dazu befähigen, überhaupt ein Projekt, in welcher Art und Weise auch immer, mitzugestalten.

Resümee

Die "haz" hat sich seit und durch ihre redaktionelle Umgestaltung meines Erachtens deutlich verbessert. Eine parteilich engagierte, professionelle Berichterstattung korrespondiert mit einem umfassenden Abdruck interessanter und aufschlußreicher Texte der Betroffenen. Der Anspruch, eine gleichberechtigte Mitgestaltung der Obdachlosen in allen Belangen zu verwirklichen, ließ sich bisher mangels bezahlbarer und geeigneter Räumlichkeiten nicht gänzlich umsetzen. In Anbetracht dieser Situation erscheint mir die Arbeit mit Einzelnen an ihren Texten eine adäquate Zwischenlösung, bedeutet sie doch für die Betroffenen ernstgenommen und in ihrem Ausdruck respektiert zu werden, was eine notwendige Voraussetzung für eine eventuelle weitere Zusammenarbeit darstellt.

Der strukturelle Nachteil der nicht vorhandenen größeren Redaktionsräume war meiner Einschätzung nach zumindest für die Anfangsphase von Vorteil für die Redakteurin. Sie gewann dadurch zwangsläufig das erforderliche Maß an Distanz zu den Betroffenen, das sie bei "mob" nicht herzustellen imstande schien.


Platte

Die Vorbereitungen

Innerhalb kürzester Zeit erstellte die ehemalige Berliner Redaktion der "HAZ" die erste Ausgabe der "Platte", die am 1.5.94 erschien. Das Layout, das Frank K. schon ein halbes Jahr zuvor entwickelt hatte, kam nun zur Anwendung. Kontakte zu Druckereien gab es auch schon vorher, weil die alte "HAZ" -Redaktion preisgünstige Alternativen gesucht hatte, um nicht mehr in Paris drucken lassen zu müssen. Die Technik wie Computer und Schneidplatte der ehemaligen Werbefirma von Frank K. waren ebenfalls vorhanden, so daß die notwendigen Voraussetzungen für die neue Zeitung existierten.

Bezüglich der Texte waren einige Veränderungen nötig, um nicht Veröffentlichungsrechte, die der "HAZ" zustanden, zu verletzen. Das wurde zum Teil dadurch gelöst, daß in der ersten Ausgabe der "Platte" auf fünf Seiten Artikel anderer Zeitungen nachgedruckt wurden. 

Redaktionelle Arbeit

Ein Redaktionsrat aus fünf Leuten legt mehrheitlich die Themen der "ein bis zwei richtigen Artikel" der Ausgabe fest und entscheidet über die Auswahl der Texte, die ihnen von Betroffenen zugesandt worden sind. Das Konzept der Zeitung, daß sie "auf der Straße geschrieben" wird, wurde laut Frank K. bisher beibehalten. Bei den Texten werde lediglich die Rechtschreibung korrigiert, stilistisch aber nichts verändert. Die Redaktion selber besteht aus Leuten, "die bis vor kurzem noch auf der Straße gelegen haben."[105] Frank K. war und ist für das Layout zuständig, kümmerte sich aber zunehmend um die vom Verein initiierten Projekte.

Vertrieb und Finanzen

Der Vertrieb wird von Betroffenen organisiert. Eine Dreier-Gruppe von ehemaligen Abhängigen organisiert den Vertrieb, regelt den Verkauf an den bestimmten Verkaufsorten, überwacht die Einhaltung der Regeln (kein Alkohol) und zahlt die Einnahmen ein.

Zweiwöchentlich erscheint die Zeitung in einer Auflage von 50.000 Exemplaren, wovon bis zum Zeitpunkt des Interviews durchschnittlich 30.000 verkauft wurden, was also eine monatliche Einnahme von ca. 60.000 DM bedeutet. Darüber hinaus werden Freiexemplare für neue Verkäufer und bestimmte Institutionen ausgegeben.

In der 11. Ausgabe vom 15.11.94 wurden dazu einige Zahlen veröffentlicht. "Platte" wird von "50 permanenten und 1000 temporären Verkäufern" vertrieben. Von den Einnahmen -eine Mark pro Zeitung für den Verkäufer, die andere fließt zurück- werden folgende Ausgaben bestritten:

Druckkosten pro Ausgabe ca. 9000 DM (monatlich also 18.000 DM); Miete, Strom etc. ca. 2000 DM; Miete, Pacht für die Projekte ca. 3500 DM; Bezahlung von zwei Vollzeit- und zwei Halbtagskräften ca. 9000 DM: insgesamt ca. 32.500 DM im Monat. Darüber hinaus wird Geld ausgegeben für Zeilenhonorar, Versicherung, Kraftstoff, Verkäuferfeste etc. Es werden also Überschüsse in der Größenordnung von ca. 20.000,- DM im Monat erwirtschaftet.

Projekte

"Die Initiatoren der "Platte" sind sich darüber klar geworden, daß es nicht nur darum gehen kann, daß ein paar Leute sich ein paar Mark verdienen, hier geht es um viel mehr. Die weiterführende Hilfe sieht deshalb so aus, daß wir (die Redaktion, der Verein, die Verkäufer) darum kämpfen, von den Ämtern, Behörden, von den verantwortlichen Stellen in Städten, Ländern und Gemeinden, in den politisch zuständigen Organen nicht mehr als aussteigende "Rollheimer", sondern als Menschen in vorübergehenden Notunterkünften, die sehr wohl ein Konzept und klare Vorstellungen von einer Problembewältigung haben, behandelt und respektiert und vor allen Dingen auch entsprechend unterstützt werden."[106] Ich will hier nicht ins Detail gehen und die Konzepte der verschiedenen geplanten Projekte darstellen, sondern lediglich einen Abriß der Aktionen geben.

Im April '94 wurden Bauwagen gekauft und Ende des Monats auf brachliegendes Land des ehemaligen Grenzstreifens bei Frohnau gebracht. Die "Plattenburg" stellte einen Antrag bei der Landesregierung von Brandenburg auf Gründung einer Gemeinde und Bewirtschaftung des Landes. Am 10. Mai wurde polizeilich geräumt. Eine Woche später besetzten 15 Leute der "Platte" das Stadtgut Stolpe. Sogar der Ministerpräsident Stolpe kam vorbei und sicherte alle erdenkliche Hilfe zu. Zwei Wochen nach der Besetzung erhielten die neuen Bewohner den Räumungsbeschluß durch die Stadtgüter GmbH. Es folgten Anträge, Anhörungen und Gespräche mit dem Gemeinderat, dem Ministerium und der Stadtgüter GmbH, es wurden Miet- und Pachtgesuche unterbreitet sowie Vorschläge und Konzepte. Einen erneuten Räumungsbefehl lehnte das Amtsgericht ab wegen ungeklärter Eigentumsverhältnisse. Eine gütliche Einigung in der Folgezeit war bedingt durch die Abwesenheit der verantwortlichen Vertreter bei entsprechenden Terminen nicht erreichbar, so daß am 22.7. geräumt wurde.

Im weiteren Verlauf suchte die "Platte" nach einem Grundstück, auf dem sie ihr Konzept der "Nur-Dach-Häuser" umsetzen könnten, die sie nach einem finnischen Modell selber konzipiert haben und auch selber bauen könnten.[107] Nach langer Suche und vielen Verhandlungen konnte "Platte" im November ein zwei Hektar großes Gelände bei Bernau mit einer alten Gärtnerei pachten. Diese soll abgerissen und neu gebaut werden, ebenso wie ein Wohnobjekt zur Unterbringung der Betriebszugehörigen, alles in der Nur-Dach-Konzeption. Der Gärtnereibetrieb soll zum 1.2.95 wieder aufgenommen werden. Darüber hinaus war ein Künstleratelier geplant und die Errichtung eines Jugendclubs durch die Bernauer Jugend angedacht.[108]

Resümee

"Platte" verkauft mit 60.000 Exemplaren pro Monat die meisten Obdachlosenzeitungen in der Stadt. Die Bedeutung dieser Zeitung besteht aber mehr darin, daß sie den Aufbau eines Wohn- und Arbeitsprojekts für die Betroffenen durch die Überschüsse des Zeitungsverkaufs ermöglicht, als in der Herausgabe der Zeitung an sich und den damit verbundenen Verdienstmöglichkeiten der VerkäuferInnen. Obschon die hohen Verkaufszahlen, die auf einen funktionierenden Vertrieb und auf eine hohe Motivation der VerkäuferInnen verweisen, einen Erfolg und die Voraussetzung für diese "weiterführende Hilfe" darstellen, verdeutlicht doch die Realisierung eines solchen Projekts in Eigenregie und mit selbst erwirtschafteten Mitteln die Machbarkeit von Selbsthilfe im Obdachlosenbereich. Die Reaktivierung von vorhandenen Fähig- und Fertigkeiten jedweder handwerklicher Art in der "Szene" gehört hierbei ebenso zum Konzept wie die praktische Qualifizierung der Ungelernten. Offensichtlich haben die monatelangen Bemühungen bei der Suche nach einem Pachtgrundstück, die kontinuierlich in der Zeitung geschildert wurden, die KäuferInnen von der Konzeption der Initiatoren überzeugt, so daß sie mit dem Kauf zur Umsetzung beitragen wollten.

Einschränkend sei hier aber deutlich darauf hingewiesen, daß die herrschende Obdachlosigkeit auch durch erfogreiche Selbsthilfeprojekte nicht abgeschafft werden kann. Das Bedeutsame liegt eher in der Tatsache, daß solche Projekte Vorbildcharakter haben und motivationsstiftend sein können für weitere Betroffene. Die Organisierung der Obdachlosen in kleinsten Ansätzen in Form von Zeitungen oder anderen Zusammenhängen könnte sich im Laufe der Zeit zu einer Art Lobby entwickeln, die auf lokaler Ebene in Zusammenarbeit mit den 'Profis' der Obdachlosenhilfe den Interessen der Betroffenen mehr Gehör zu verschaffen imstande wäre.


ZEITDRUCK

Die Redakteurin

Claudia S. hat Germanistik studiert und noch während ihres Studiums den Verein "KARUNA" mitgegründet. "Ich bin ja außerdem noch so 'n Wendeprodukt. Während meines Studiums war der Mauerfall und wenn der nicht gewesen wäre, würde ich heute im Zentralinstitut für Sprachwissenschaft sitzen."[109] Zum Ende ihres Studiums arbeitete sie im Juli '92 für fünf Wochen an der Universität in Worcester bei Boston an dem Abschluß eines Forschungsprojekts. Diese Erfahrung brachte sie zu der Entscheidung, nicht professionell als Germanistin im Wissenschaftsbetrieb arbeiten zu wollen. Sie bezeichnete ihr Spezialgebiet, die Sprachwissenschaft, als sehr interessant. Aber das Verhältnis von Zusammenarbeit mit Menschen und der Arbeit am Schreibtisch bzw. Computer, das sie mit 1:99 quantifizierte, entsprach nicht ihren Vorstellungen und Bedürfnissen. Somit entschied sie sich für die Anstellung bei "KARUNA", wo sie ab Oktober '92 als Projektleiterin die" BLEIBE" aufbaute.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, daß in der DDR die MitarbeiterInnen in den Jugendclubs keine Sozialarbeiter waren. Es gab keine Sozialarbeiterausbildung, lediglich ein Studium "Jugendclubleiter", was nach Angaben von Claudia S. nur wenige absolviert hatten. Unter den Gründungsmitgliedern von "KARUNA" befand sich kein einziger Sozialarbeiter, stattdessen ein Stukkateur, ein Baumaschinist, eine Lehrerin, eine Germanistin usw. In der DDR war es üblich, daß Leute aus anderen Berufen in die Jugendarbeit eingestiegen sind.

Claudia S. arbeitete hauptamtlich in der "BLEIBE" und war daneben verantwortlich für den Aufbau der Zeitung. Mittlerweile beansprucht die Zeitungsarbeit fast die vollständige Arbeitszeit. Die hinzugekommene Arbeit an der Zeitung entsprach dann noch mehr ihren Vorstellungen, weil sie neben den Kontakten mit den Jugendlichen ihr ursprüngliches Betätigungsfeld als Germanistin, die Arbeit mit Texten, ausfüllen konnte. Ihr war es wichtiger, daß die Jugendlichen Spaß an der Arbeit haben, etwas schreiben und auch dabei lernen, z.B. mit dem Computer umzugehen, als die Möglichkeit, über den Verkauf Geld zu verdienen.[110] 

Die Vorbereitungen

Claudia S. und einige Jugendliche haben an dem "Runden Tisch" am 19. Februar mit der Vorstellung teilgenommen, "daß man womöglich eine gemeinsame Zeitung machen könnte."[111] Ihrer Einschätzung nach hatten aber alle anderen Parteien schon ihr Konzept, von dem sie eigentlich auch gar nicht ablassen wollten. Es sei merkwürdig gewesen, sie hätten geredet und geredet und George Mathis habe immer wieder betont, er wolle nur die Idee transportieren und ansonsten gar nichts weiter. "Aber dann lag sie da, die Zeitung. Das war natürlich für uns, die wir alle in den Kinderschuhen steckten, 'n bißchen hart."[112] Als klar gewesen sei, daß nichts zusammen geht, habe "mob" den Leuten von" ZEITDRUCK" angeboten, als Beilage zu erscheinen. Das erschien als nicht akzeptabel und war dennoch typisch: Jugendliche als Beilage und nicht als Spezifikum. Nach dem Scheitern dieses Kooperationsversuchs fiel dann die Entscheidung, eine eigene Zeitung herauszugeben. Mit "mob" wurde eine zeitlich befristete Zusammenarbeit vereinbart. In den ersten beiden Ausgaben von "mob" konnte "ZEITDRUCK" jeweils eine Seite gestalten, womit sie die Möglichkeit hatten, ihr Projekt vorzustellen, Öffentlichkeit herzustellen und auf den Start ihrer eigenen Zeitung aufmerksam zu machen, der für den 1. Mai terminiert war. Es gab eine Absprache mit "mob", alternierend vierzehntägig zu erscheinen: "ZEITDRUCK" am Anfang des Monats und "mob" Mitte des Monats. Trotzdem erschien "mob" auch am 1. Mai.

Die Finanzierung der ersten Ausgabe wurde durch die Stiftung "Demokratische Jugend" geleistet, die schon andere Projekte von "KARUNA" gefördert hatte, wodurch die Antragsbewilligung relativ unkompliziert erfolgte.

Redaktionelle Arbeit

Die redaktionellen Vorarbeiten für die erste Ausgabe fanden unter schlechten Voraussetzungen statt. Es gab noch keine eigenen Redaktionsräume, so daß in der "BLEIBE" und in Privatwohnungen gearbeitet werden mußte, und es mangelte an den notwendigen technischen Arbeitsgeräten, so daß die Zeitung "irgendwie chaotisch mit vielen Engagierten zusammengeschustert"[113] worden ist. Zur zweiten Ausgabe stand ein Redaktionsraum zur Verfügung und die Stiftung "Demokratische Jugend" hatte nochmal finanzielle Mittel für zwei Computer bereitgestellt und ein Auto für den Vertrieb geschenkt.

Auf den wöchentlichen Redaktionssitzungen werden die Themen und die Gestaltung gemeinsam festgelegt. Claudia S. bringt sowohl ihre eigenen Ideen, die sie aber nicht als Vorgaben verstanden wissen will, als auch die Texte und Fotos, die ihr zugeschickt worden sind, ein. " Es ist Demokratie pur, und wir sitzen da stundenlang und reden über allen möglichen Kram."[114]

Es sind ca. zehn Leute, die regelmäßig bei der Zeitung mitarbeiten. Vorrang für die Jugendlichen hat die Arbeit an der Zeitungsproduktion, während das Geldverdienen absolut in den Hintergrund getreten ist. Probleme gibt es nur auf Vertriebsebene, redaktionell klappt es gut.

Die Ausgaben vier und fünf (Sept. und Okt.) wurden von einer Augsburger Consulting-Firma technisch produziert und finanziert. Der Geschäftsführer hatte "ZEITDRUCK" dieses Angebot gemacht, "weil sich Wirtschaftsunternehmen stärker im sozialen Bereich engagieren sollten."[115] Dieses sozialpolitische Engagement wurde auf den letzten Seiten jeweils begründet und andere dazu aufgefordert. "Solange der Nachwuchs auf die Straße ausweichen muß, weil keine geeigneten Plätze geboten werden, darf kein Pfennig aus dem Steuersäckel für neue Regierungsgebäude, Atomkraftwerke oder die Bundeswehr ausgegeben werden. Politischer Druck ist also die allererste Aufgabe, der wir nachgehen müssen. Doch solange die wirklich Verantwortlichen sich vor der Wahrnehmung ihrer Pflichten drücken, muß Hilfe her. Denn die Kids brauchen uns jetzt."[116]

Plötzlich, von einem zum anderen Tag, hat diese Augsburger Firma im Oktober ihre Unterstützung beendet, was aber nicht ausführlich erklärt wurde. Dadurch, daß das gesamte Material für die nächste Ausgabe schon abgeschickt worden war, entfiel diese und es sollte im Dezember eine Doppelausgabe erscheinen. Zu Anfang Dezember zog die Redaktion in neue Räume, die in unmittelbarer Nähe zum "DRUGSTOP" liegen, so daß eventuell einige Jugendliche eher zu einer Mitarbeit zu bewegen wären, weil sie nicht mehr bis in einen anderen Bezirk fahren müßten.

Auch bei der Erstellung dieser Doppelausgabe gab es finanzielle und technische Schwierigkeiten, so daß nochmals umdisponiert und neu konzipiert wurde. "Erst jetzt, wenige Tage vor Weihnachten, könnte unsere Zeitschrift in Druck gehen. Doch leider macht die verlorene Zeit unsere Ausgabe unaktuell. Zudem kommen überhöhte Druckkosten zur Weihnachtszeit. Dafür erwartet Euch zum 5. Februar des neuen Jahres eine um 8 Seiten erweiterte ZEITDRUCKausgabe. Zudem kommt ZEITDRUCK ab 1995 nun nicht mehr als Zeitung, sondern eher als Magazin."[117]

Finanzielle Entwicklung und Vertrieb

Die Zeitung war bisher kaum von hohen Verkaufszahlen abhängig, um ihre Existenz zu gewährleisten. Durch die Unterstützung der Stiftung "Demokratische Jugend", als auch der Tatsache, daß Claudia S. nicht über die Verkaufseinnahmen finanziert werden mußte, konnte "ZEITDRUCK" in der dritten Ausgabe einen Gewinn von fast 5.000 DM nach den ersten beiden Ausgaben öffentlich machen. Das "socialsponsoring" aus Augsburg war eine zusätzliche finanzielle und arbeitstechnische Entlastung, die nun, nach dem Wegfall, durch verstärkte Verkaufsbemühungen kompensiert werden muß. Die Redaktion arbeitet jetzt mit einer Berliner Agentur zusammen, die das Layout kostenlos erstellt. Zur Finanzierung der Druckkosten reichen die bisher durchschnittlich verkauften ca. 4.000 Exemplare allerdings nicht aus. Die Auflage soll mit der nächsten Ausgabe von 15.000 auf 6.000 Exemplare reduziert werden.[118]

Seit dem 15.10.94 gibt es zwei Stellen, die nach dem Arbeitsförderungsgesetz beantragt worden sind, d. h. sie werden vom Arbeitsamt und der Senatsverwaltung finanziert. Eine davon für einen Layouter, die andere für den Vertrieb. Der Vertrieb lief bisher über den Handverkauf der Jugendlichen und über die Jugendclubs. Er wurde mehr oder weniger nebenbei organisiert, was zur Zeit durch den neuen Vertriebsleiter strukturiert und effektiviert werden soll.

Die VerkäuferInnen mit Druck zum Verkaufen anzuhalten, bewirkt laut Claudia S. gar nichts, es geht nur mit Motivation. Auch hier geht die Erfahrung gerade der sehr jungen, etwa zwölfjährigen VerkäuferInnen dahin, daß sie durchs "Schnorren" (Betteln) mehr und leichter Geld erhalten als durch den Zeitungsverkauf, wo sie aktiv werden und reden müssen. "Das hatten wir als sozialpädagogisches Konzept: sie müssen nicht mehr betteln, sondern können ein Produkt anbieten. Das ist aber gar nicht so wichtig."[119] Der Entwicklung von Kontinuität steht auch entgegen, daß die Jugendlichen den Verkauf in "Hau-Ruck-Aktionen" durchführen. Sie verkaufen relativ viele Zeitungen und haben dadurch entsprechend viel Geld, was für die nächste Zeit ausreicht. Es gibt auch ein Stück Ablehnung bei den Jugendlichen, die Angst in einen Resozialisierungsprozeß zu rutschen. Es sei für die Jugendlichen ungewohnt, irgendetwas zu machen und damit Geld zu verdienen, eben diese Regelmäßigkeit. Dann gebe es immer mal wieder so einen "Block": "und jetzt mach' ich erstmal wieder gar nichts".[120] Diese Probleme treten auch bei anderen Projekten des Vereins auf.

"ZEITDRUCK" hatte schon für 1994 einen Antrag beim Bundesministerium für Frauen und Jugend auf einen Druckkostenzuschuß gestellt, der aber abgelehnt wurde, weil es kein bundesweites Projekt ist. Dieser Antrag wurde für 1995 erneut gestellt, einerseits weil die Zeitung seit September '94 durch die Kooperation mit "DOMPLATT" aus Köln nicht mehr nur ein Berliner Straßenblatt ist, und andererseits wird eine Zusammenarbeit mit anderen deutschen Großstädten angestrebt. "Ohnehin ist die Problematik nichtseßhafter Kinder und Jugendlicher nicht auf Berlin beschränkt, die Probleme sind überall ähnlich."[121] Deswegen wird eine bundesweite Zusammenarbeit sowohl inhaltlich als auch im Vertrieb zu erreichen versucht. Darüber hinaus existieren ansatzweise Kooperationen mit Straßenzeitungen aus Italien, Dänemark, Tschechien und Polen.

Die Vertriebs- bzw. Verkaufsprobleme wurden und werden auf den Redaktionssitzungen immer wieder thematisiert. Die Überlegungen gingen auch in die Richtung, andere Vertriebswege oder Erscheinungsformen ins Kalkül zu ziehen, die dann allerdings von dem Muster 'Obdachlosenzeitung mit Handverkauf' abweichen würden. Wichtig sei nur, daß solch eine Veränderung öffentlich klargestellt werden müßte. Noch wichtiger aber sei die Weiterexistenz von "ZEITDRUCK", da die Kinder und Jugendlichen sich mit ihrer Zeitung identifizieren.

Resümee

"ZEITDRUCK" läßt sich zwar auch zu den Obdachlosenzeitungen rechnen, hebt sich aber von diesen durch die ausschließliche Berichterstattung aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen deutlich ab. Drei Gründe scheinen die vergleichsweise konfliktarme Entwicklung des Projekts ermöglicht zu haben. Zum einen haben sie sich genügend Zeit genommen, um die konzeptionellen Fragen zu klären. Desweiteren haben an diesem Gründungsprozeß die Betroffenen von Anfang an gleichberechtigt teilgenommen, und schließlich halte ich den Faktor für wichtig, daß die Zeitung aus einem bestehenden, sozialen Zusammenhang heraus entwickelt wurde, wie ihn die "BLEIBE" für die Jugendlichen darstellte.

Obwohl die Zeitung von 'Profis' initiert wurde und mit Claudia S. eine Akademikerin und Sozialarbeiterin zur "Chefredakteurin" hat, kann man meiner Meinung nach eindeutig von einer Zeitung sprechen, die von und mit Betroffenen hergestellt wird, und nicht für sie. Daß die durch die Vertriebsprobleme bedingte perspektivische Existenzunsicherheit eventuell auch dadurch überwunden wird, daß "ZEITDRUCK" z.B. über Kioske ihre LeserInnen findet, erscheint mir praktikabel und gerechtfertigt. Wesentlicher als die Tatsache, daß einige jugendliche Obdachlose durch den Verkauf Geld verdienen können, ist die Bedeutung der Zeitung für die Kinder und Jugendlichen, die sie machen, und ihrer insbesondere jungen LeserInnen. Zudem halte ich es für nicht unwahrscheinlich, daß die Absatzchancen für" ZEITDRUCK" auch über konventionelle Vertriebswege eher steigen, zumal die VerkäuferInnen offenbar nur gering motiviert sind.


7. MOBILISIERUNGSFAKTOR U N D MARKTLÜCKE

(Zusammenfassung)

Meiner Meinung nach stellen die Obdachlosenzeitungen in Berlin einen Mobilisierungsfaktor für Betroffene dar u n d schließen zudem eine publizistische Marktlücke. Letzteres aber nicht im Sinne einer profitträchtigen Verwertbarkeit, sondern eher als Kritik am praktizierten Journalismus der (Print-) Medien.

Keine der Zeitungen begann und entwickelte sich als originäre Selbsthilfegruppe. Die InitiatorInnen waren entweder SozialarbeiterInnen ("mob" und "ZEITDRUCK") oder ehemalige Betroffene, die sich schon wieder etabliert hatten ("HAZ" und "Platte"). Aus diesem Grunde möchte ich von professionell angeleiteten Selbsthilfegruppen sprechen, wobei sich die Fähigkeiten der InitiatorInnen nur zum Teil auf die Zeitungsarbeit bezogen, als mehr auf die Durchführung und Strukturierung von Projektarbeit.

Die Beschreibungen der Betroffenen ihrer Mitarbeit bei einer Zeitung und der dadurch eingetretenen Veränderungen in ihrem Leben, die regelmäßig dort veröffentlicht wurden, bekunden in der Regel vornehmlich Positives. Zunehmend werden zwar auch die Probleme und Widrigkeiten eines Verkaufsalltags dargestellt, dennoch überwiegen eindeutig die Vorteile, die sich aus ihrer Tätigkeit ergeben.

Neben der Verdienstmöglichkeit durch den Verkauf, infolge dessen sich hin und wieder einige der für den "Normalbürger" üblichen Partizipationsmöglichkeiten am Konsumgeschehen realisieren lassen, wie z.B. Restaurant und Kinobesuche, der Kauf neuer Kleidung oder die Übernachtung in einem sauberen und ruhigen Pensionszimmer, werden immer wieder Veränderungen des Selbstwertgefühls und des Selbstbewußtseins konstatiert. Die mehr oder weniger regelmäßige Verkaufs-, Vertriebs- oder Redaktionstätigkeit vermittelt Lebenssinn, der üblicherweise nur darin besteht, von einer Wärmestube zur nächsten Suppenküche zu ziehen, um satt zu werden, ab und zu zu duschen und sich nachmittags über den nächtlichen Schlafplatz Gedanken zu machen. So überlebensnotwendig dieser Ablauf ist, so ist er doch gleichermaßen nur auf das ÜBERleben reduziert. Zudem wird durch die Arbeit die weit verbreitete Isolation ein Stück weit überwunden, es entsteht ein Gefühl der sozialen Zusammengehörigkeit innerhalb eines Zeitungsprojekts. Darüber hinaus stellt für die meisten ihre Tätigkeit den Ansatz einer Rückkehr zu geregelter Arbeit dar, die auch bezahlt wird und sie somit vom Betteln oder Sozialamt unabhängig macht. Das ist insofern von Bedeutung, als von Betroffenen Ämter- oder Behördengänge als wahre Qual erlebt werden, so daß sie oft auf ihre Ansprüche verzichten und sogar das Betteln vorziehen. Auch der Wegfall der bisher notgedrungen praktizierten Kleinkriminalität und Prostitution durch den neuen Verdienst wird beschrieben. Ferner wird davon berichtet, daß Verkäufer nun die Kraft finden, einen Alkoholentzug erfolgreich durchzuhalten, wobei sie von bis kurz zuvor ebenfalls Abhängigen unterstützt werden. Desweiteren stellt nicht nur der Kauf einer Zeitung für sie eine Anerkennung dar, sondern die Bereitschaft der KäuferInnen auch zu einem Gespräch mit den Betroffenen macht sie selbstsicherer, zeugt es doch von Interesse an ihrer Situation, die sie ansonsten meistens als Anlaß von Ablehnung und Ausgrenzung erleben. Diese positiven, individuell erfahrenen Fortschritte können natürlich nicht die strukturellen Benachteiligungen, denen sie unterliegen, gravierend verändern. Nur in Einzelfällen erhielten Verkäufer aufgrund ihrer Tätigkeit eine Wohnung. Dennoch stellt die Aneignung der Betrachtungsweise, selbst etwas bewegen zu können, den notwendigen ersten Schritt dar.

Nur eine Minderheit der Obdachlosen ist überhaupt in der Lage, den Schritt von der passiven Haltung zur aktiven Mitgestaltung zu vollziehen. Geht man von den Verkaufszahlen der Zeitungen aus wird offensichtlich, daß sich überhaupt nur eine sehr begrenzte Anzahl durch den Verkauf einen notdürftigen Erwerb sichern kann. Ob es irgendwelche Kriterien oder sozialen Merkmale wie z.B. Bildung, Alter, Dauer der Obdachlosigkeit etc. gibt, die die Aktiven untereinander verbinden, konnten mir selbst die dort Tätigen nicht beantworten.

Ein anderer Aspekt erscheint erwähnenswert, den Stefan S. im Interview beschrieben hat. Die verschiedenen, in den letzten ca. vier Jahren entstandenen Projekte in der Obdachlosen-Szene, wozu nicht nur die Zeitungen, sondern auch Theatergruppen, Literaturlesungen über, von und mit Obdachlosen, gemeinsame Arbeiten von Künstlern und Regisseuren mit Betroffenen usw. zählen, treiben Spaltungen und Differenzierungen in der Szene voran und erzeugen Spannungen. Da gebe es die "Stars", die auf Tournee gehen, zu publizieren beginnen, zu Konferenzen fahren oder politische Lobbyarbeit leisten. Daneben existiere die Gruppe der "Hiwis", die daran mitarbeitet und davon profitiert, desweiteren die "Laufburschen" usw. Diese Ausdifferenzierung setze sich nach oben und unten fort, wodurch von der ehemals angenommenen, dennoch nie real vorhandenen, Gleichheit der Wohnungslosen nun gar nicht mehr die Rede sein könne. Diese Projekte seien auch eine Reaktion auf den veränderten Problemdruck, der sich aus der Zunahme der Obdachlosigkeit unter jungen Menschen, Frauen und innerhalb der unteren Mittelschicht ergebe. Die Resulte dieser Spaltungen wie informelle Hierarchien, stereotypische Klassifizierungen oder Neid auf hohe Verkaufszahlen eines anderen wurden von den Betroffenen und auch den Initiatoren geschildert.

Die Frage nach der publizistischen Marktnische im Sinne eines profitablen neuen Absatzmarktes stellt sich bisher in Berlin nicht. Während nur "Platte" nennenswerte Überschüsse erwirtschaftet, sind die anderen drei Zeitungen auf Spenden, Anzeigen und "socialsponsoring" angewiesen, um ihre Existenz zu sichern. Sollten sich auch hier durch erhöhte Verkaufszahlen Gewinne in größeren Dimension ergeben, stellt die rechtliche Konstruktion der gemeinnützigen Vereine ein Hindernis dar, das eine private Bereicherung nicht zuläßt.

Dennoch haben diese Zeitung eine inhaltliche publizistische Marktlücke gefüllt. Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit den Themen Wohnungslosigkeit und Armut, die angesichts der politischen Entwicklungen der letzten 15 Jahre immer weitere Kreise der Bevölkerung betreffen oder bedrohen. Diese brisanten politischen Aufgabenstellungen haben sowohl mit Sozial- und Innenpolitik, als auch Wirtschafts- und Wohnungsbaupolitik zu tun. Die Darstellung des Zusammenspiels dieser Politikfelder, konzentriert auf das Thema Obdachlosigkeit, stellt das Neue an diesen Zeitungen dar.

Die etablierten Zeitungen behandeln dieses Thema entweder in Form eines spektakulären Einzelfalls oder als statistische Größe, die mit Zahlen und Fakten das Problem zu beschreiben sucht. Die Obdachlosenzeitungen dagegen haben die Möglichkeit, die Strukturen und Bedingungen des Alltags der Betroffenen zu vermitteln, was aber nur solange realisiert werden kann, wie sie ein Basis- und Betroffenenkonzept verfolgen, was schon die alternativen Zeitungen in den 70er Jahren in ihrer Abgrenzung zu den etablierten kennzeichnete.[122] Ein weiterer Aspekt den Stamm beschrieb, daß die professionellen Zeitungen Themen der alternativen aufgegriffen haben, scheint sich bei den Obdachlosenzeitungen zu bestätigen. Sonja K. berichtete, daß sie vier Fälle nennen könnte, in denen die "HAZ" ein Thema in der Zeitung behandelte, das von größeren Redaktionen aufgenommen und weiter bearbeitet wurde. Im Gegensatz zu der damaligen Alternativpresse erreichen die heutigen Obdachlosenzeitungen eine höhere Auflage und breitere Bevölkerungskreise. Wenn sie denn gekauft, um gelesen zu werden, und nicht nur aus Solidarität, was aber wahrscheinlich für die Mehrheit der KäuferInnen nach Einschätzung der Betroffenen und einer Umfrage in Paris[123] gilt, so könnten sie den Status einer "populären Fachzeitschrift" erlangen.

Der Begriff Obdachlosenzeitung läßt zunächst die Assoziation entstehen, als handele es sich dabei um eine ausschließlich von Obdachlosen hergestellte Publikation. Das trifft aber auf keine derjenigen zu, die in höherer Auflage im Straßenverkauf angeboten werden. Die Kenntnisse und Beziehungen in technischer und finanzieller Hinsicht können Betroffene aus ihrer Situation heraus gar nicht aufweisen, was allerdings nicht ausschließt, daß sie nach einer entsprechenden Einarbeitung und Erfahrung die Zeitung selbstständig und eigenverantwortlich herausgeben. Unabhängig davon, ob dieses Ziel konzeptionell anvisiert wurde, stellt die Durchführung eines solchen Projekts ein Experiment dar. Wesentlich für die Etablierung einer Zeitung, die auch als authentisches Sprachrohr der Betroffenen fungieren soll, erscheint mir die Motivation und Einstellung der "Profis". Toleranz, Geduld, Abgrenzungsfähigkeit und die Bereitschaft, sich auf die Betroffenen einzulassen, alles Charakteristika der Sozialarbeit, scheinen unabdingbare Voraussetzungen zu sein, soll es ein Blatt werden, mit dem sich die Obdachlosen identifizieren können, was wiederum, nach Meinung obdachloser Mitarbeiter, Bedingung für Motivation und Engagement der VerkäuferInnen ist.

In Berlin existieren vier, zum Teil sehr unterschiedliche, Obdachlosenzeitungen. So sehr diese Tatsache interessante Vielfalt und Wahlmöglichkeit bedeudet für Käufer und Verkäufer, bin ich doch der Meinung, daß nur eine oder zwei Zeitungen auf eine größere Akzeptanz der Bevölkerung stoßen würde. Die regelmäßige Konfrontation mit unterschiedlichen Zeitungen besonders in der U-Bahn, wo zusätzlich Musikanten und notleidende Menschen die Aufmerksamkeit und eine Spende der Fahrgäste erbitten, trägt eher zur Verwirrung oder Desinteresse bei. Zudem könnten im Falle einer Konzentration der Kompetenzen und finanziellen Mittel auf weniger Zeitungen, diese umfangreicher und ausführlicher auf soziale Probleme eingehen, die über die Obdachlosigkeit hinausreichen und dadurch mehr Menschen ansprechen.

Die Idee dieser Art von Zeitung scheint zumindest so attraktativ, daß immer mehr Initiativen in anderen Städten bekannt werden.


LITERATUR

keine Angaben


Fußnoten

[1] vgl. Frankfurter Rundschau vom 24.10.94, BISS Nr.2, Hinz & Kunz(t) Nr.2
[2] vgl. Rosenke, S.73
[3] vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5.2.1994
[4] haz Nr. 3, S. 8
[5] Frankenberg u.a., 1991, S.8
[6] vgl. Heins, S. 71
[7] vgl. Heins, S. 81
[8] vgl. Heins, S. 144; Rosenke, S. 75; Schmid, S. 151
[9] Michael Puhlmann, S. 230
[10] vgl. Hinz & Kunz(t) Nr.1, S. 5
[11] Untertitel von THE BIG ISSUE
[12] vgl. Vilmar, S. 17
[13] vgl. Friedrichs, S. 308 [14] vgl. Friedrichs, S. 324
[15] mob Nr.1, S.3
[16] Regina T., Vorstandsmitglied von BIN e.V., 13.6.94
[17] Regina T., 13.6.94
[18] Regina T., 13.6. und 14.12.94, Stefan S., Vereinsmitglied von BIN e.V., 8.12.94
[19] Regina T., 14.12.94
[20] Presseerklärung vom 18.2.1994
[21] Lars F., 3.6.94, Sonja K., 4.8.94, Vera R.,24.10.94
[22] Lars F., 3.6.94
[23] mob Nr.6, S.3
[24] Stefan S., 8.12.1994
[25] ebenda
[26] Burga K. auf der Vereinssitzung am 30.11.94
[27] Frank K., 23.8.1994
[26] Sonja K., 21.11.1994
[29] haz Nr.3, Juni 1994, Seite 2
[30] Platte Nr.3, S. 16 und 17
[31] Frank K., 23.8.1994
[32] Selbstdarstellung im Pressespiegel nach Erscheinen der Nr.1
[33] Interviews vom 18.8. und 5.12.1994
[34] Claudia S., 18.8.1994, zitiert die Jugendlichen
[35] Interview vom 24.10.1994
[36] Interviews vom 3.6. und 19.11.1994
[37] Lars F., 3.6.1994
[38] Interviews vom 4.8. und 21.11.1994
[39] Lars F., 19.11.1994
[40] Regina T., Vorstandsmitglied von BIN e.V., vom 13.6.1994
[41] Diesem Vorwurf hat George Mathis in einem Interview in haz Nr. 3 widersprochen.
[42] Regina T., 14.12.1994
[43] Vera R., 24.10.94
[44] Sonja K., 4.11.94
[45] Pressekonferenz 18.2.1994, Presseerklärung, Seite 1
[46] Vera R., 24.10.94
[47] ebenda
[48] Lars F., 19.11.1994
[49] Sonja K., 21.11.1994
[50] Lars F., 3.6.1994
[51] Vera R., 24.10.94
[52] ebenda
[53] Regina T., 14.12.1994
[54] Lars F., 19.11.1994
[55] Vera R., 24.10.1994
[56] Sonja K., 21.11. und Lars F., 19.11.1994
[57] Sonja K., 21.11.1994
[58] ebenda
[59] Vera R., 24.10.1994
[60] Sonja K., 4.8.1994
[61] Flugblatt der Besetzer
[62] Sonja K., 4.8.1994
[63] die tageszeitung vom 27.4.94, Seite 18
[64] Sonja K., 4.8.1994
[65] Vera R. 24.10.1994
[66] ebenda
[67] mob Nr.4, Seite 3
[68] mob Nr.4, Seite 13
[69] Vera R., 24.10 und Lars F., 19.11.1994
[70] Stefan S. bezifferte die Mitgliederanzahl von BIN mit ca. 10 aktiven und 50 nominellen.
[71] Vera R., 24.10.1994
[72] Unveröffentlicht, liegt dem Verfasser vor.
[73] Vera R., 24.10.1994
[74] Regina T., 14.12.1994
[75] Lars F., 19.11.1994
[76] ebenda
[77] ebenda
[78] ebenda
[79] ebenda
[80] Gespräch mit Horst H., Heiko M. und Ralf S., 6.12.1994
[81] Regina T., 14.12.1994
[82] die tageszeitung vom 27.4.94, Seite 18
[83] Jens L., 6.12.1994
[84] Stefan S., 8.12.1994
[85] ebenda
[86] ebenda
[87] Jens L., 6.12.1994
[88] ebenda
[89] Jens L. auf der Vereinssitzung am 30.11.1994
[90] Sonja K., HAZ Nr.5, Seite 2
[91] Regina T., 14.12.1994
[92] Jens L., 6.12.1994
[93] Stefan S., 8.12.1994
[94] haz Nr.3, S. 8 und 9, Interview mit George Mathis
[95] Frank K., Interview vom 23.8.1994
[96] haz Nr.3, S. 9
[97] Frank K., 23.8.1994
[98] haz Nr.3, S. 9
[99] Sonja K., 21.11.1994
[100] ebenda
[101] ebenda und 4.8.1994
[102] ebenda
[103] ebenda
[104] ebenda
[105] Frank K., 23.8.1994
[106] Platte Nr.2, S. 14
[107] Frank K., 23.8.1994
[108] Platte Nr.12, S.27
[109] Claudia S., 5.12.1994
[110] ebenda
[111] ebenda
[112] ebenda
[113] ebenda
[114] ebenda
[115] ZEITDRUCK Nr.4, Seite 3
[116] ebenda, Seite 24
[117] Brief an alle AbonenntInnen vom 21.12.1994
[118] Claudia S., 5.12.1994
[119] ebenda
[120] Claudia S., 18.8.1994
[121] Claudia S., 5.12.1994
[122] vgl. Stamm, S. 246
[123] haz Nr.3, S. 8


Autor

Thomas Knuf
Adalbertstr.25
10179 Berlin

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