Marlo Riege

Entzieht die Wohnungsnot der sozialen Arbeit die Basis?
- Nicht nur in der Obdachlosenhilfe.



Einleitende Bemerkungen

Auf den ersten Blick scheint mein Thema eher mit Politik als mit sozialarbeiterischer Identität zu tun zu haben. Begreift man die Identität des Sozialarbeiters/der Sozialarbeiterin aber auch als Stellenwert und Handlungsspielraum sozialer Arbeit, so ist man bereits mitten im Problembereich.

Ich habe mich letzte Woche mit einer ehemaligen Studentin unterhalten, die zur Zeit ihr Berufspraktikum im Allgemeinen Sozialen Dienst macht. Sie erzählte mir von einer tunesischen Familie, zu der sie geschickt worden war, weil die Lehrerin mit zweien der Kinder nicht mehr fertig wurde: Die Kinder störten den Unterricht, waren zum Teil sehr aggressiv, dann wieder ganz zurückgezogen bis fast autistisch. Die Berufspraktikantin sollte ein erstes Gespräch über diese Probleme mit den Eltern führen und dabei auch versuchen, ein etwas konkreteres Bild über die persönlichen und sozialen Lebensverhältnisse dieser Familie zu bekommen. Sie war gerade von diesem Hausbesuch zurückgekommen, man sollte besser sagen von einem sogenannten Hausbesuch, denn sie hatte feststellen müssen, daß die insgesamt siebenköpfige Familie in einem 18-qm-Raum mit einer Kochnische lebte oder besser hauste. Und sie sagte mir: "Was nützen da Elterngespräche, Schulsozialarbeit, andere Förderungsmaßnahmen - was die Leute brauchen ist eine größere Wohnung, und die kann ich ihnen nicht beschaffen."

Identitätsprobleme betreffen vor allem die Frage nach dem Sinn, dem Erfolg dessen, was man tut - was soziale Arbeit tut bzw. tun kann. Angesichts der Zunahme der sozialen Probleme wird diese Frage offensichtlich von vielen immer pessimistischer beurteilt, und bezogen auf mein Thema sind aktuelle Situation im Wohnungssektor und die kommenden Entwicklungen wahrlich nicht geeignet, Optimismus zu verbreiten. Denn das, was konzeptionell und methodisch auf dem heutigen Wissensstand als gute und sinnvolle Sozialarbeit gilt, wird in vielen Bereichen immer weniger umsetzbar, und dies nicht zuletzt wegen der Wohnungsprobleme. Hält man dieses Mißverhältnis zwischen dem, was soziale Arbeit tun könnte und dem, was sie aber alles nicht tun kann, statisch und bezieht es nur auf den eigenen Wirkungskreis, womöglich auf die eigene Person, dann muß die berufliche und oft auch persönliche Identität der Sozialarbeiter/ innen geradezu zwangsläufig beschädigt werden.

Ich möchte vorschlagen, dieses Mißverhältnis zu dynamisieren, d.h. auf der einen Seite Ansprüche überdenken und vielleicht neu formulieren, auf der anderen Seite aber auch sich den Rahmenbedingungen stellen. Um es - dem Thema gemäß - bildlich auszudrücken: Sich nicht sukzessive einmauern lassen, sondern an den Wänden ruckeln - und vielleicht sogar am Haus mitbauen. Ich werde dies - etwas weniger blumig-bildlich - im Verlauf meines Vortrages konkretisieren.

Zum Thema selbst:

Soziale Arbeit und Wohnungsnot

Im Bereich der Wohnungsprobleme nimmt soziale Arbeit überwiegend noch die klassische Rolle ein, nämlich dann einzugreifen, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist, d.h. wenn Menschen wohnungslos geworden sind. Die Obdachlosenhilfe und die Hilfe für alleinstehende Wohnungslose (früher Nichtseßhaftenhilfe) sind die wichtigsten Tätigkeitsfelder professioneller sozialer Arbeit in diesem Problemfeld.

Diese beiden klassischen Arbeitsfelder weisen ein zweites altbekanntes Merkmal sozialer Arbeit auf: Aufgrund historischer Entwicklungen, der gewachsenen Trägerstrukturen, der rechtlichen und finanziellen Regelungen wird der Problembereich auch noch getrennt und durch eine irreführende Begrifflichkeit verdunkelt.

Obdachlose haben durchaus ein Obdach, allerdings ein mit öffentlicher Hilfe besorgtes.

Nichtseßhafte sind weit überwiegend durchaus seßhaft: Das Bild der Umherziehenden, der auf Parkbänken oder in Abbruchhäusern Schlafenden trifft auf rund 10 % dieser Personengruppe zu, 90 % wohnen an "festen Orten", wiederum durch öffentliche Hilfe gestellt: Unterkünfte, auch Wohnungen, hierauf spezialisierte Pensionen und Hotels.

Rechtlich-institutionell besteht der entscheidende Unterschied darin, daß Obdachlosenhilfe auf Familien, Nichtseßhaftenhilfe bzw. Hilfe für alleinstehende Wohnungslose auf alleinstehende Personen gerichtet ist. Jedoch ist dies angesichts der Veränderung der Lebensformen eine immer fragwürdigere Trennung: Die obdachlosen Familien sind teilweise nur noch formal Familien und die alleinstehenden Wohnungslosen haben zum Teil Partner und Kinder, auch wenn sie oft vorübergehend oder auf Dauer von ihnen getrennt sind.

Die Behinderungen sozialer Arbeit durch zum Teil überholte, zum Teil inhaltlich nie wirklich begründete institutionelle und finanzielle Zuständigkeiten sind nicht mein eigentliches Thema, und sie stellen auch nicht das gegenwärtige Hauptproblem in diesem Tätigkeitsfeld dar. Gleichwohl tragen sie immer wieder dazu bei, die ohnehin schwierige Arbeit in diesem Sektor zusätzlich zu belasten.

Ausmaß und Folgen von Wohnungsnot

Es ist nicht verwunderlich, daß angesichts des Mangels an preiswerten Mietwohnungen die Zahl der akuten Wohnungsnotfälle zunimmt. Die BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe) hat für Ende 1990 insgesamt 830.000 Obdachlose ermittelt,

davon:

  • 130.000 Alleinstehende ohne Obdach ("Nichtseßhafte")
  • 300.000 in Notunterkünften
  • 100.000 in sog. Billigpensionen
  • 100.000 in Übergangseinrichtungen
    (z.B. Jugendschutzstellen, Frauenhäuser etc.)
  • 200.000 in Lagern, Schulen, Turnhallen, Containern etc.

Hinzu kommen nach ihren Berechnungen rund 700.000 Personen, die wegen Mietschulden von Wohnungsverlust unmittelbar bedroht sind. Diese Zahlen beziehen sich auf die alten Bundesländer. In den neuen Bundesländern werden rund 300.000 Wohnungslose geschätzt - und bei diesen Angaben muß man davon ausgehen, daß es Dunkelziffern gibt, der tatsächliche Umfang also noch größer ist.

Wohnungsnot kann jedoch nicht nur auf die aktuell Wohnungs- und Obdachlosen bezogen werden. Sie drückt sich in vielfältigen Formen aus, die zwar sehr viel schwerer ermittelbar und zählbar sind als die akute Wohnungslosigkeit, gleichwohl enorme Belastungen für die Betroffenen darstellen:

  • die quälende Angst vor der nächsten Mieterhöhung, weil man weiß, dann ist die Wohnung nicht mehr zu halten;
  • die Verzweiflung bei der Wohnungssuche - von jungen Menschen, die selbständig leben möchten, sich mit einem Partner / einer Partnerin zusammentun möchten und die es nicht können, weil sie keine Wohnung finden; von Ehe- oder Lebenspartnern, bei denen ein Zusammenleben nicht mehr möglich ist, die aber gerade die schwierigste Phase der Trennung gezwungenermaßen in der alten gemeinsamen Wohnung verleben müssen; von Frauen und Kindern, die aus gewalttätigen Lebensverhältnissen fliehen und irgendwo unterkriechen müssen, weil an eine eigene Wohnung nicht zu denken ist und weil mittlerweile die Frauenhäuser auch kaum noch Übergangswohnungen bieten können, da sie auf Dauer voll besetzt sind;
  • die erniedrigenden Umstände, mit denen zunehmend z.B. Ausländer, Alleinerziehende, kinderreiche Familien - also Angehörige der sog. Problemgruppen dieser Gesellschaft - bei der Wohnungssuche konfrontiert sind, und die Frustrationen, die sie aushalten müssen, weil diese Suche immer länger erfolglos bleibt. Man könnte diese Aufzählung noch fortsetzen.

Längst gehen Wohnungsprobleme jedoch über den Kreis dieser sog. Problemgruppen, der sog. sozial Schwachen hinaus, längst haben weite Teile der sog. Normalbevölkerung auf den Wohnungsmärkten der Städte, vor allem der Großstädte, keine Chance mehr, eine neue Wohnung zu finden, und es wird für viele auch immer schwieriger, ihre gegenwärtigen Wohnungen zu halten.

Folgen für den Handlungsspielraum sozialer Arbeit

Aus dieser Situation ergeben sich gravierende Folgen für die auf soziale Hilfen Angewiesenen und für die soziale Arbeit selbst, die ich in fünf Aspekten zusammenfassen möchte.

1. Die Reintegration und persönliche Stabilisierung derjenigen Personen, die vorübergehend im Strafvollzug, in der Psychiatrie oder lange in Krankenhäusern gewesen sind, und die immer seltener in ihre ursprünglichen Wohnungen zurückkehren, für die aber auch kaum mehr neue Wohnungen gefunden werden können, wird erschwert bis verunmöglicht. Rund 30 % der Patienten/Patientinnen in der Psychiatrie, so schätzt man, sind nur deshalb noch dort, weil man nicht weiß, wohin sie entlassen werden sollen. Frauenhäuser, therapeutische Wohngemeinschaften, die ursprünglich den Übergang in ein neues selbständiges Leben erleichtern sollten, werden zu dauerhaften Zwangswohngemeinschaften mit entsprechenden Problemen im internen Zusammenleben. Gleichzeitig blockieren sie die Einrichtungen für andere, die einen solchen Übergang dringend brauchen, aber vor vollen Häusern stehen.

2. Diese Entwicklungen betreffen nicht nur die Möglichkeiten der Unterbringung überhaupt, sondern auch die Art und Qualität der Unterbringung: Alle Formen des betreuten Wohnens außerhalb stationärer Einrichtungen geraten zunehmend unter Druck bzw. können sich kaum ausweiten, obwohl ihre Bedeutung inzwischen breit erkannt und akzeptiert ist. Bei einem derartig angespannten Wohnungsmarkt wird es jedoch immer schwieriger, eine Wohnung z.B. für psychisch belastete Menschen anzumieten, wenn sie in Konkurrenz zu solventen und eben bequemeren Ehepaaren mittleren Alters stehen - möglichst ohne Kinder allerdings!

3. Sozialpädagogische Arbeit und soziale Hilfen selbst sind betroffen, wenn die hier Tätigen immer mehr Zeit und Kraft dafür aufwenden müssen, Wohnraum zu beschaffen oder auch drohenden Wohnungsverlust abzuwenden. Wohnungsprobleme sind immer häufiger Gegenstand von Beratungsgesprächen aller Art, d.h. in der Familienberatung, in der Erziehungsberatung etc. und keineswegs nur bei den für Wohnungsfragen zuständigen Stellen. Die Unmöglichkeit, diese Probleme zu beheben, jedenfalls kurzfristig nicht, belastet und behindert zunehmend auch andere psychosoziale Hilfen und Lösungsangebote. Innovative und präventive Handlungsansätze der sozialen Arbeit werden massiv behindert, weil der dafür in der Regel erforderliche Wohnungsbedarf nicht mehr realisiert werden kann.

4. Umgekehrt verursacht oder verstärkt Wohnungsnot soziale und psychische Probleme: Beengte Wohnverhältnisse, existentielle Ängste vor Mieterhöhungen oder Kündigungen, unfreiwilliger Verbleib in Partnerschaften oder bei den Eltern führen zu Spannungen und Belastungen, die dann oft nicht mehr allein bewältigt werden können. Zugleich nimmt die Bereitschaft der Umwelt ab, solche Belastungen und deren Folgen - lauter Streit, Alkohol, Drogen - zu akzeptieren.

5. Man kann und muß dies allgemeiner fassen: Wie wohl immer zu Zeiten von Not und gleichzeitiger Perspektivenlosigkeit nehmen gegenwärtig Intoleranz und Egoismus zu . Die eigenen Ängste werden in die Abwehr und Ausgrenzung von allem, was anders ist, was abweicht, gewendet. Dies trifft gegenwärtig am schärfsten die Asylbewerber, andere Ausländer und die Aussiedler, zeugt jedoch von einer viel breiteren unterschwelligen Tendenz gegen alles, was irgendwie "stört", was nicht "normal" ist, nicht reibungslos funktioniert.

Spätestens diese Prozesse zeigen, daß die Wohnungsnot Folgen für alle hat, also auch für diejenigen, die von den skizzierten Wohnungsproblemen selbst nicht betroffen sind.

Ich glaube nicht, daß ich in der Beschreibung der Wohnungsnot und ihren Auswirkungen übertrieben habe. Ich muß leider hinzufügen, daß sich in den kommenden Jahren die Probleme sogar noch zuspitzen werden, weil angesichts des Auslaufens der Bindungen im sozialen Wohnungsbau, angesichts der Mietsteigerungen und der Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentumswohnungen der Bestand an preiswerten Mietwohnungen noch weiter schrumpfen wird, trotz der Anstrengungen von Bund, Ländern und Kommunen, vermehrt neuen Wohnraum zu schaffen.

Was kann angesichts dieses düsteren Panoramas soziale Arbeit dann eigentlich noch tun?

Ich habe diese Frage immer wieder an Sozialarbeiter/-innen und Sozialpädagogen/-innen gestellt, die im Bereich der Obdachlosen und Wohnungslosenhilfe arbeiten. Sie haben mir beigebracht, daß zu sagen "Man kann doch eigentlich nichts mehr tun" heißt, diese Männer und Frauen fallen lassen, sie aufgeben. Denn es gibt auch diesseits der Perspektive der Wohnraumbeschaffung ein weites Feld von Hilfen, die ihr oft miserables Leben lebenswerter machen können: Gespräche ohne Vorbedingungen und Schuldzuweisungen, ärztliche Versorgung, die Wahrnehmung ihnen zustehender Rechte und eben doch auch Ansätze, trotz widriger Umstände eine befriedigendere Lebensperspektive als die gegenwärtige zu entwickeln. Ganz sicherlich hat dieses Nicht-Aufgeben-Wollen und Nicht-Aufgeben-Dürfen neben den offensiven auch resignative Züge; human und sicher zu wohnen ist elementare Lebensbedingung, und ein Leben ohne Wohnung hat wenig Romantisches.

Insofern liegt ein anderer Schwerpunkt der Arbeit in Versuchen, neue Ansätze für Wohnraum zu schaffen - etwa das Thema in örtlichen Arbeitskreisen aktuell zu halten, in den Wohlfahrtsverbänden und bei anderen Trägern für eigene Maßnahmen zu werben, Aktionen zu organisieren etc.

Auf Dauer ist dieses Arbeitsfeld und seine Klienten und Klientinnen jedoch viel zu schwach, um hierüber allein wirkungsvolle Schritte zur Bekämpfung der Wohnungsnot zu organisieren.

Wenn auch auf der einen Seite das Ausmaß der Wohnungsnot in den oben skizzierten Situationen beängstigend ist, so halte ich auf der anderen Seite gerade diese Verbreitung von Wohnungsnot für den entscheidenden Hebel dafür, daß insgesamt der Veränderungsdruck zunimmt, und daß es sich auch für die soziale Arbeit lohnt, sich in diesem Feld zu engagieren. Denn in dem Maße, in dem die Bedrohung durch Wohnungsnot größer wird, in dem sie im Verwandten- oder Bekanntenkreis real erfahren oder als konkrete Gefahr denkbar wird, nimmt die Kritik an den Verhältnissen zu, werden Forderungen nach Veränderungen formuliert und steigt auch die Bereitschaft zum Engagement.

Hier entsteht nun ein neues Problem: Je weniger konstruktive Perspektiven die Menschen sehen - und dies ist bei dem komplizierten Thema Wohnungspolitik und dem Charakter der Wohnungspolitik nicht eben einfach - desto eher richtet sich der Veränderungswille auf scheinbar einfache Lösungen: Der soziale Wohnungsbau hat versagt - also wollen wir keinen mehr für die Zukunft; Ausländer nehmen die Wohnungen weg - also sollten sie aus der Bundesrepublik verschwinden, etc.

Sozialarbeiter und Sozialpädagogen, wie auch andere mit sozialen Probleme befaßte Professionen - hier würde ich auch meine eigene Rolle in diesem Feld definieren - können in dieser aktuellen Situation wichtige Aufklärungsfunktionen übernehmen. Sozialarbeiter und Sozialpädagogen sind hochkompetent, die sozialen und psychischen Folgen von Wohnungsnot als Dauerthema aufrecht zu erhalten bzw. es überhaupt zum Dauerthema zu machen. Sie sind hochkompetent, für die Beibehaltung bzw. Verstärkung präventiver Maßnahmen zu werben und damit vor der trügerischen Kostengünstigkeit von Akutmaßnahmen zu warnen. Und dies betrifft eben auch und gerade im Wohnungssektor nicht nur die soziale Dimension, also die humanen Folgekosten unterlassener präventiver Strategien, sondern die manchen zugänglichere finanziell-betriebswirtschaftliche Dimension: wenn nämlich bewußt wird, daß die zig-Millionen, die jährlich für Notunterkünfte, sog. Billigpensionen, Container etc. ausgegeben werden, zur benötigten Wohnraumvermehrung im Grunde genommen nicht beitragen, so gesehen verpulverte Gelder sind, gleichzeitig Wohn- und Lebensbedingungen darstellen, die in vielen Fällen zusätzliche soziale und psychische Probleme hervorbringen.

Und schließlich sollten sich Sozialarbeiter und Sozialpädagogen kompetent machen, um sich auch auf der wohnungspolitischen Ebene nicht durch scheinbare Sachzwänge in ihren Forderungen entwaffnen zu lassen. Ich kann nun im Rahmen meines Themas kein alternatives wohnungpolitisches Programm entwerfen, möchte jedoch zum Abschluß einige Markierungspunkte benennen, die vielleicht zu weiterer Beschäftigung ermuntern könnten.

1. Eine soziale Wohnungspolitik muß nicht teurer sein als die gegenwärtig betriebene, die öffentlichen Mittel müßten allerdings anders eingesetzt und die politischen Instrumentarien müßten stärker ausgeschöpft werden.

2. Die für den Wohnungsbau ausgegebenen öffentlichen Finanzen müssen dauerhaften, zumindest aber langfristigen Effekt für eine soziale Wohnungspolitik haben. Dies erfordert vor allem direkte Förderung mit gezielten Vorgaben; Steuervergünstigungen - derzeit das Gros öffentlicher Wohnungsbauförderung - sind hierfür ungeeignet.

3. Öffentlich geförderter Wohnungsbau sollte soweit wie möglich gegen die privaten Grundstücks- und Kapitalmärkte abgestützt werden; dies macht ihn billiger und damit auch leichter dauerhaft sicherbar, z.B.:

  • durch öffentliche Sonderfonds für den Wohnungsbau,
  • durch die Bereitstellung öffentlichen Baulandes,
  • durch die konsequentere Anwendung von boden- und baurechtlichen Instrumentarien.

4. Rascher und umfassender Wohnungsneubau ist wichtig. Notwendig sind jedoch auch Maßnahmen zur Bestandsicherung, um wenigstens den weiteren Abbau preiswerter Mietwohnungen zu verhindern:

  • Ankäufe noch gebundener Sozialwohnungen durch kommunale Wohnungsgesellschaften oder durch die Kommunen selbst,
  • Erschwernisse oder sogar Verbote der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen zumindest in den Ballungsräumen,
  • Senkung der Kappungsgrenzen für Mieterhöhungen.

5. Die Kommunen benötigen mehr rechtliche und vor allem mehr finanzielle Handlungsspielräume, um ihrer wohnungspolitischen Verantwortung gerecht zu werden. Sparen und Kürzungen im Wohnungssektor verschiebt die Probleme lediglich in die Zukunft und verschärft die sozialen Spannungen.

6. Öffentlich geförderter Wohnungsbau muß keineswegs zentralistisch bestimmt und bürokratisch verwaltet werden, vielmehr verlangt eine bessere Bedarfsorientierung Flexibilität und vor allem die Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner.

7. Für einkommensschwache und sozial benachteiligte Personengruppen muß es gezielte Förderprogramme geben. Diese dürfen jedoch nicht zu Ausgrenzung und Ghettobildung führen. Sonderprogramme dürfen somit nicht Ersatz für eine insgesamt stärker sozial orientierte Wohnungspolitik, sondern müssen integraler Bestandteil sein.

Wohnungspolitisch fundierte Argumente sind nicht zuletzt wichtig, um sich in den zunehmenden Wogen von Intoleranz und Ausgrenzungen zu behaupten. Mit Appellen an Humanität allein können sie eben nicht entkräftet werden, - dies ist historisch noch nie gelungen und auch gegenwärtig gibt es wenig Anlaß, an die Überzeugungskraft von Moral und Ethik allein zu glauben. Ich spreche damit nicht gegen Moral und Ethik, sondern über ihre Wirkungsgrenzen. Vandalismus von Jugendlichen, insgesamt zunehmende Gewalttätigkeit - das also wovor auch "der Normalbürger" Angst hat - und vor allem eben Ausländerfeindlichkeit sind (unter anderem) ohne veränderte Wohnungspolitik nicht zu bekämpfen.

Soziale Berufe sind hochkompetent, solche Zusammenhänge deutlich zu machen und auf Veränderungen zu drängen. Und ich denke, sie müssen allein schon zur Selbstverteidigung stärker in die Offensive gehen.


Informationen zur Autorin

Marlo Riege, geboren 1946, Dr. rer. pol., Studium der Soziologie, ist Professorin für Soziologie an der Fachhochschule Niederrhein mit den Lehr-Schwerpunkten Stadt- und Wohnungssoziologie, Organisationssoziologie, Empirische Sozialforschung.

Forschungsaktivitäten vor allem zu unterschiedlichen Aspekten der Entwicklung des Wohnens, hierin auch Mitarbeit in Weiterbildung und Beratung bei Trägern der sozialen Arbeit. 


In: Klüsche, Wilhelm (Hrsg.): Professionelle Identitäten in der Sozialarbeit/ Sozialarbeit. Anstöße, Herausforderungen und Rahmenbedingungen im Prozeß der Entwicklung eines beruflichen Selbstverständnisses. Mönchengladbach: Fachhochschule Niederrhein, Fachbereich Sozialwesen 1994, S. 153 - 163. (= Schriften des Fachbereichs Sozialwesen an der Fachhochschule Niederrhein, Mönchengladbach; Bd. 9)

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