Volker Stamm

Die rationale Anordnung der Menschen

Einführung
A. Randgruppen in der traditionellen Gesellschaft
B. Der Höhepunkt der Internierungspolitik
C. Der Übergang zur liberalistischen Armenpolitik
Anmerkungen  


Einführung

Das Geld begann also, die Arbeit zu reglementieren und die gesellschaftlichen Institutionen zu vereinheitlichen. Dabei wurde die Grundlage eines neuen Herrschaftsmodells geschaffen: Zuerst im Arbeitsprozeß, dann, wenngleich nur in Ansätzen, im zentralstaatlichen Bereich traten verdinglichte, »sachgesetzliche« soziale Beziehungen an die Stelle der direkten Vergesellschaftung, der unmittelbaren Konfrontation von Herr und Knecht. Damit war die Zerstörung der traditionellen Formen des gesellschaftlichen Lebens eng verknüpft, denn sie paßten nur schlecht in die Logik der Wirtschaftsgesellschaft. Da sie nicht der Ökonomie des Marktes, sondern der Selbstversorgung verpflichtet waren, widersetzten sie sich der Einbindung in eine Wirtschaft, deren Hauptinteresse die Expansion war. Sie boten zudem eine Möglichkeit zum Überleben für die, die sich der neuen Zeit nicht anpaßten oder ihr Widerstand leisteten. Menschen waren jedoch knapp, wenn man sie als Arbeitskräfte definierte.

Das moderne Herrschaftssystem begann die Gesellschaft zu reorganisieren, wie wir in den folgenden Kapiteln sehen werden. Wegen seiner indirekten Mechanismen fiel es ihm leichter, allgegenwärtig zu sein, sich im Denken und Handeln, teilweise sogar in den Empfindungen jedes Einzelnen festzusetzen. Dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich äußerst brutaler Methoden bediente, um Menschen und Verhältnisse zubefehden, die ihm entgegenstanden. Hierzu waren neuartige Methoden der Erfassung und Kontrolle notwendig. Noch im Paris des 18. Jahrhunderts konnte ein Angeklagter glaubhaft versichern, er wohne »in einer Straße, deren Namen er nicht wisse«, bei einem Wirt, den er ebenfalls nicht mit Namen kannte.[1] Meldevorschriften wurden von interessierten Wirten oder Gästen nicht befolgt. Dieser Zustand forderte dazu heraus, neue Wissenschaften einzuführen, deren Zweck und Auftrag es war, Ordnung in den Staat zu bringen, die Unübersichtlichkeit der traditionellen Gesellschaft zu beseitigen. Die Statistik und die Stadtplanung verdanken diesen Bemühungen ihren Aufschwung; in Hamburg z.B. wurden anläßlich der Reform des Armenwesens 1788 nicht nur alle Straßen bezeichnet und registriert, sondern auch alle Häuser numeriert, um sie den Kontrollorganen besser zugänglich zu machen.[2]

Parallel zur Erfassung und rationellen Anordnung der Menschen und zur [77] Neubestimmung des Arbeitsbegriffes, angepaßt an die Bedingungen der Warenproduktion, veränderten sich die Zeit und der Raum der Arbeit. Ich hoffe, damit die vier Eckpfeiler der totalen Umwälzung zu Beginn der Neuzeit bestimmt zu haben: Inhalt und Organisation der Arbeit, die als Sinn des Lebens deklariert wurde, Zeit und Raum[3] ihrer Verausgabung.


A. Randgruppen in der traditionellen Gesellschaft

Die Polizeiorgane des Ancien régime hinterließen eine umfassende Dokumentation über diejenigen Teile des Volkes, die sie »les classes dangereuses« - die gefährlichen Klassen - nannten. Um das umfassende Spektrum der Randgruppen besser erkennen zu können, werfen wir zunächst einen Blick auf die Bezeichnungen, mit denen Arme belegt wurden.

Als arm galt, wessen Lebensunterhalt nur auf seiner Arbeitskraft beruhte: »[...] derjenige ist wirklich arm, der auf keine andere Weise seinen Lebensunterhalt findet als durch den Fleiß und die Arbeit seines Geistes oder seines Körpers.«[4]. Die Arbeit unterscheidet den Armen vom Bettler, doch beide zählen zu den kleinen Leuten, deren einziger Rückhalt die Arbeit oder das Betteln war. »[Das Volk] ist gezwungen, zu arbeiten oder zu betteln.«[5] Der Bettler, dessen Tätigkeit durchaus als legitim erscheint, wie wir hier schon sehen, verfügt also nicht einmal über einen Arbeitsplatz, sei es wegen Krankheit, Gebrechen und Alter oder Mangel an Beschäftigung. Einen wesentlichen Platz in diesem Mikrokosmos der Unterklassen nehmen die Vagabunden ein. »Vagabund ist derjenige, der seine Unterkunft und seine Heimat verlassen hat, um zu stehlen und zu rauben und, wie man sagt, von einem Ort zum anderen zu streifen, müßig und eher geneigt, Böses als Gutes zu tun.«[6] Der Vagabund steht endgültig außerhalb der Gesellschaft, während Arme und Bettler noch zum 'Dritten Stand' zählen. Er gilt als »sans aveu«, als einer, der sich keinen Gesetzen und Regeln unterwirft, aber auch keinen Schutz genießt. Eng mit ihm verwandt ist in der Begriffswelt der traditionellen Gesellschaft der Libertin. »In Ausschweifung [libertinage] zu leben, bedeutet, nach seiner eigenen Vorzustellung zu leben, ohne sich den Regeln der Religion oder Vernunft zu unterwerfen.«[7]

Die Unterschichten sind also gespalten in die, die noch ihren legitimierten Platz in der Gesellschaft haben, und die, die außerhalb stehen. Doch die Übergänge sind fließend. Jeder Arme, der seine Beschäftigung verliert, und hierfür gibt es mehr als genug Gründe, wird zum Bettler. Bei diesem Abstieg hat er allerdings noch Glück, er bleibt im 'Dritten Stand'. Die Not indes mag [78] ihn zwingen, eines jener kleineren Delikte zu begehen, die für die Armen typisch sind: Holz- und Geflügeldiebstähle auf dem Land, Prostitution der Frauen in der Stadt. Sofort bestätigt er die Furcht der Bürger und Adelsherren, die sie die Armen als gefährliche Klasse einstufen läßt, vor denen Ernte und Leben nicht sicher sind. Eine besondere Bedrohung rührt von der Anfälligkeit der Unterklassen für Agitation, für »emotions« her, besonders in Zeiten des teuren Brotes. Dann stürmten die Armen Getreidelager und -transporte und bedrohten die Reichen auf der Jagd nach Spekulanten, die für das Elend verantwortlich gemacht werden konnten. Solche Unruhen gingen leicht in allgemeine Gesetzlosigkeit über, so etwa 1709 bei Lyon, als arme Bauern Getreidetransporte überfielen, dann aber die gesamten Reisewege unsicher machten, Wegelagerer wurden.[8] Aber auch zu »normalen« Zeiten bestanden enge Verbindungen zwischen Bettlern und Gesetzlosen»Sie [die Bettler, V. St.] sind also Leute, die den Jaunern treffliche Dienste leisten, die ihnen eine Menge von Nachrichten zutragen können. [...] Mit einem Wort, sie sind die beständigen Kundschafter der Jauner.«[9]

Was die Menschen zum Betteln oder zur Vagabondage trieb, war das Elend auf dem Land und in den Städten. Doch es gab noch andere Gründe, die diesen Schritt erleichterten und die mit der allgemeinen Lebens- und Arbeitsweise zusammenhingen. Sie erklären eigentlich erst diese besondere und verbreitete Form der Marginalität, die sich von der des 19. Jahrhunderts wohl unterscheidet. Ich schätze das Elend der Menschen im Frühkapitalismus nicht geringer ein, doch es gab offenbar Hemmnisse, die bedrückende Enge der großen Städte zu verlassen und auf den Landstraßen den Lebensunterhalt zu suchen.

Die Zuordnung der Bettler zum 'Dritten Stand' zeigt, daß ihrer Tätigkeit eine gewisse Legitimität nicht abgesprochen wurde. Doch es gibt explizite Aussagen, die das bekräftigen. In einem Brief an den Contrôleur général schreibt der prévôt der Kaufleute von Lyon: »Da sie nichts haben, um ihr Dasein zu fristen, ist es nur gerecht, ihnen die Freiheit zu lassen, sich ihren Lebensunterhalt zu suchen.«[10] Oft wurden internierte Bettler durch Intervention hochgestellter Personen aus ihrer Haft befreit. Es verwundert also nicht, wenn die Bettler selbst ihren Erwerb als von den Zeitumständen diktiert, aber anderen Berufen der Armen durchaus ebenbürtig verteidigten. Wiederholt fanden sich Bettler mit einem durchaus bemerkenswerten Geldvermögen - ein Zeichen, daß Bettelei nicht als allerletzter Ausweg aus einer verzweifelten Notlage angesehen wurde.

Auch die Vagabunden hatten gute Gründe, sich nicht als Ausgeschlossene zu betrachten. Viele durchaus ehrenwerte ökonomische Aktivitäten und Berufe des Ancien régime waren so stark an die lokale Mobilität gebunden, [79] daß die maréchaussée, der die Verfolgung der Vagabunden oblag, oft eklatante Irrtümer bei der Identifizierung der Opfer beging und deshalb mehrfach gezwungen war, verhaftete Wanderarbeiter wieder freizulassen.[11] Eine wichtige Aufgabe der Pariser Polizei war es zu überprüfen, ob es sich bei einer verdächtigen Person tatsächlich um einen Dienstboten oder Arbeiter handelte, oder ob ein Vagabund oder Bettler sich nur als solcher ausgab:

»Man lasse sich von denen, die dort [in den Armenvierteln. V. St. wohnhaft angetroffen werden und die sich als Arbeiter ausgeben, die Bescheinigung der Meister oder Leiter der Werkstätten zeigen, wo sie zur Zeit beschäftigt sind. Ansonsten lasse man sie verhaften.«[12]

Ein für die damalige Zeit erstaunlicher statistischer Aufwand wurde betrieben, um die gewünschte Identifizierung als »anständiger«, also arbeitender Armer besorgen zu können. Jeder und jede, die eine neue Stellung antraten, hatten Rechenschaft über persönliche Daten und bisherige Arbeitsstellen abzulegen. Beim Verlassen ihrer Herren erhielten sie ein Zertifikat über die geleisteten Dienste, dessen Fehlen zur Einstufung als Vagabund führte.[13] Auch seriöse und seßhafte Personen, Wirtsleute z.B., konnten ohne weiteres in den Verdacht geraten, zu den Banditen, »à la race des brigands«, zu gehören.[14]

Die Nichtbegüterten kannten keine andere Art des Reisens als die zu Fuß, nur mit dem Nötigsten versehen. Jede Verzögerung zwang sie, ihren Lebensunterhalt unterwegs zu verdienen oder zu erbetteln. »Tatsächlich ist die Landstraße der bevorzugte Ort der Armut.«[15] Ebenso erging es Gesellen auf der Wanderschaft, die keinen Meister fanden, oder brotlosen Dienstboten. Schwierigkeiten, zwischen Handwerkern und professionellen Bettlern zu unterscheiden, hatten auch die Behörden in Hamburg:

»Fremde Handwerksburschen sollen ohne Schein der hiesigen Alten ihrer Zunft, welche sodann für sie einzustehen haben, hier nirgends anders, als auf den Herbergen ihrer Zunft, wozu sie gehören, logieren, und sich des Bettelns auf den Gassen und in den Häusern gänzlich enthalten, widrigenfalls sie als gemeine Bettler angesehen und behandelt werden sollen.«[16]

Durch ihr Gewerbe selbst zur Wanderschaft gezwungen waren die Hausierer, deren Einnahmen kaum ihren Mann oder ihre Frau nährten, so etwa jener, anläßlich dessen Verhaftung zu Protokoll gegeben wurde: »Im Winter verkauft er einige Kalender, im Sommer Messer, Scheren und Brillen, die er im halben Dutzend einkauft.« Im übrigen sprach er Gebete für die, die dafür zahlten.[17] Derlei kleine Händler verfügten über keinen festen Wohnsitz; sie zahlten für Unterkunft und Verpflegung mit einem Teil ihrer Waren und baten am nächsten Tag um Almosen, um ihre Vorräte ergänzen zu können. [80]

»Bringen sie irgendwo etwas von ihrer Waare an, so bedingen sie sich gemeiniglich ein Stück Brod oder etwas Schmalz, Butter, Mehl oder ein Mittag- oder Nachtessen in den Kauf ein, oder bitten sichs als Almosen aus. Und wird ihnen nichts abgekauft, so machen sie die gleiche Bitte, die ihnen dann selten abgeschlagen wird.«[18]

Auch durchziehende Handwerker »schwatzen dem Landmann zu ihrem Arbeitslohn immer auch noch irgend ein Almosen ab...«[19] Einige Autoren rechneten die Händler ganz allgemein zu den Vagabunden. In einem Essay to prove that Regrators, Engrossers, Forestallers, Hawkers, and Jobbers of Corn, Cattle, and other Marketable Goods are Destructive of Trade, Oppressors to the Poor, and a Common Nuisance to the Kingdom in Ceneral hieß es noch 1718:

»Sie sind eine Art Vagabunden. [...] Alles, was sie besitzen, tragen sie mit sich herum, [...] ihr ganzes Kapital sind einfache Reitkleider, ein gutes Pferd, eine Liste der Jahr- und Wochenmärkte sowie eine erstaunliche Portion Unverschämtheit. Sie tragen das Kainsmal, wandern wie er von Ort zu Ort und machen es zu ihrem Gewerbe sich wie ein Eindringling zwischen den anständigen Händlern [gemeint ist der Produzent, V. St.] und den ehrlichen Konsumenten zu zwängen.«[20]

Schon im hohen Mittelalter traten die Händler zumeist in bewaffneten Gruppen auf.

»Wie sollte man Räuber von unbekannten Händlern unterscheiden, die ebenfalls in Horden auftraten, die häufig eine fremde Sprache sprachen und sich oft, wie aus den Gesetzen von Alfred dem Großen zu erschließen ist, mit einer ganzen Gefolgschaft von Dienern umgaben, die allem Anschein nach auch noch bewaffnet waren?«[21]

Zu diesen Gruppen gesellte sich die Schar der Musikanten, Wanderschausteller, Ärzte, Dentisten und Scharlatane[22], die ein fester Bezirk nicht ernähren konnte. Das traf auch auf einen sehr respektablen Berufszweig zu, den der Schneider, deren Werk oft seinen Träger überdauerte. Wo sie einmal tätig waren, fanden sie in den zehn folgenden Jahren kaum noch Beschäftigung. Ihre solide Arbeit war es, die sie zwang, sich zuweilen Bettlern und Vagabunden anzuschließen. Gemeinsam mit diesen streiften häufig Wanderprediger und Pilger über das Land; ihre dubiose Legitimation vermochte niemand nachzuprüfen.

Die Autobiographie Thomas Platters gibt uns Aufschluß über die Lebensweise dieser Leute im 15. und 16. Jahrhundert.[23] Im Alter von 9 Jahren machte sich Thomas mit einem älteren Vetter auf die Wanderschaft durch die verschiedensten Schulen des deutschsprachigen Raumes, eine Wanderschaft, die bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr dauern sollte.[24] Während der Zeit, als er mit seinem Vetter reiste, mußte der jüngere Thomas für beider Lebensunterhalt sorgen, d.h. er wurde zum Betteln geschickt. In Breslau gab es mehr als 1000 Schüler, die sämtlich von Almosen lebten. Einige [81] verblieben 20 oder 30 Jahre in diesem Stand, so gut ließ es sich offenbar mit Hilfe der Jüngeren leben.[25] Kleinere Diebstähle ergänzten die Einkünfte - Thomas berichtet mehrfach über seine Erlebnisse beim Stehlen von Gänsen. Die Schüler glichen nicht nur in bezug auf ihre Einkommensquelle den Vagabunden, sie blieben auch selten lange in einer Stadt, sondern zogen, jenach Qualität der Schule oder Unterkunft, von einem Platz zum anderen. Häufig hielten sie sich in Schänken und Spelunken auf. »Zuweilen gingen wir im Sommer in die Bierhäuser Bier heischen.«[26] Montaigne war noch deutlicher: »Hundert Schüler haben die Syphilis, ehe sie bei Aristoteles angekommen sind.«[27]

Das Problem der Unstetigkeit existierte also schon lange, bevor der entstehende Kapitalismus Menschen in großem Stil »freisetzte«; es gehörte zum gewohnten Bild des Lebens. Der König selbst hatte lange Zeit das umherstreifende Volk angeführt, seinerseits wieder ein Anziehungspunkt für andere Vagabunden. »[Der König] verbringt sein Leben auf den Landstraßen, gefolgt von seinen berittenen Hofmitgliedern, Nomaden wie er.«[28] Trotz der familiären Fürsorge, trotz der Bindungen an die Dorfgemeinschaft war die Gruppe der Bettler und Vagabunden schon vor dem Zerfall des Feudalismus sehr zahlreich.[29] Sie fanden schlichtweg »einen gewissen Reiz in diesem unsteten Leben, ohne Vorschriften und Verpflichtungen«.[30]

Die Vielfältigkeit der Marginalen erklärt, welch kleinen Schritt es für einen von seinen Gläubigern bedrängten Kleinbauern, für einen Handwerker, der seine Kräfte schwinden sah, einen Tagelöhner, dessen Frau verstorben war, oder eine entlassene Dienstbotin bedeutete, sich dem Zug der Heimatlosen anzuschließen, die wenn nicht ihr Glück, so doch den Lebensunterhalt aufder Wanderschaft suchten. Sie alle finden wir in der Reihe derjenigen wieder, die die Gesamtheit der Vagabunden ausmachten. Zweifellos strahlte ihr Lebensstil einen gewissen Reiz aus und zog die an, »die es als das größte Glück ansahen, von der Arbeit entbunden und von jeder Verpflichtung, jeder Last, jeder Unterordnung ausgenommen zu sein, frei von allen Sorgen für den nächsten Tag«.[31] Ihre Gesellschaft bildeten professionelle Gewalttäter, Deserteure und Soldaten, die noch nicht kaserniert waren. Diese »Experten der Plünderung, bewaffnete Räuber«[32] »machten sich mit ihren Säbeln und Degen von jeder Länge Tag und Nacht in den Straßen, Schanken, Tanzlokalen und abgelegenen, verrufenen Orten breit, wo sie jede Art von Ausschweifung begingen«.[33] In Hamburg z.B. war zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Garnison noch unbezahlt und »also mit Weibern und Kindern zum Betteln privilegiert«.[34]

War die bloße Existenz dieser Armee aus brotlosen Schulmeistern, Sittenlehrern und Wanderpredigern, echten und simulierenden Geisteskranken [82] und Zigeunern, ehrbaren Handwerkern und Wegelagerern schon beunruhigend genug, so erregten sie sofort eine Panik unter den Bürgern, wenn sie sich zusammenschlossen und ihren Almosenforderungen durch Drohungen Nachdruck verliehen. Diese waren oft übertrieben oder gar absurd, so im Fall jenes Vagabunden, der im Jahr 1744 warnte: »Wenn ihr mir keine Almosen geben wollt, werde ich mich der Bande von Cartouche anschließen«[35] - Cartouche, der berühmteste Bandit seiner Zeit, war 1721 hingerichtet worden.[36] Einige aktenkundige Vorkommnisse genügten jedoch, fast jeder Legende den Rang eines Faktums zu verleihen. Bei den größeren Pächtern erhoben Umherziehende schließlich etwa ein Drittel von dem, was diese den Bodenherren schuldeten; 20 oder 30 fremde Nachtgäste waren bei ihnen keine Seltenheit.[37] Tatsache allerdings ist, daß sich die Vagabunden oft zusammenschlossen, um vor den Staatsorganen geschützt zu sein, daß sie in dieser Häufung eine Heimsuchung für kleinere Orte darstellten, die ihren Forderungen preisgegeben waren, und daß Brandstiftungen durchaus nicht nur in Gerüchten vorkamen.

Die angeblichen oder tatsächlichen Geheimgesellschaften der Außenseiter, ihre soziale Organisation und ihr Doppelleben zogen der Phantasie der Zeitgenossen kaum Grenzen. Verbreitet, und vielleicht nicht zu Unrecht, war die Meinung, daß sie das in der Nacht bei Spiel, Wein und freizügigem Leben verpraßten, was sie tagsüber den gutmütigen Bürgern abgeschwatzt hatten.[38] Tatsächlich verfügten die Bettler über eine differenzierte soziale Organisation mit fester Arbeits- und Gebietseinteilung.[39] Es gab eigene 'Universitäten', die von ehemaligen Studenten geleitet wurden; Beutelschneider mußten in Paris, ehe sie in diese 'Zunft' aufgenommen wurden, im Beisein der 'Meister' zwei 'Meisterwerke' ablegen.[40]

Der »liber vagatorum« (1509) unterscheidet 26 Kategorien von Bettlern[41]. Nähere Aufschlüsse hierüber erhalten wir aus Rom. Das Protokoll eines polizeilichen Verhörs liefert interessante Einzelheiten über die innere Organisation der Marginalen. Ein fünfzehnjähriger Bettler wurde verhaftet, als er in einer Kirche Almosen erbat . Er erzählt von den verschiedenen Geheimgesellschaften Roms: Die erste Gruppe bilden die 'grancetti', die Beutelschneider. Die 'sbasiti' sitzen lamentierend auf dem Boden und versuchen, durch vorgetäuschte Krankheit Mitleid zu erwecken, während die 'baroni' angeben, arbeitslos zu sein. Weiter gibt es die Gruppe derer, die so tun, als seien sie von Sinnen oder verhext, und andere, die verdammt sind, ihr Leben lang zu tanzen, da ihre Vorfahren es versäumten, vor dem heiligen Sakrament niederzuknien. Die 'fogliardi' stehlen in der Nacht Kleidungsstücke und betteln am Tag. Wieder andere stehlen das Brot von den Pferden, mit denen es zu den Landarbeitern aufs Feld gebracht wird. Sie nennen [83] sich 'burchiaroli', denn burchio bedeutet Pferd in der Gaunersprache, in lingua furbesca. Der Verhaftete kannte insgesamt 19 Geheimgesellschaften, darunter eine der Frauen. Die Armen hielten engen Kontakt untereinander und veranstalteten regelmäßig Versammlungen, um ihre Anführer zu wählen.[42]

In Paris lebten die Armen in Straßenzügen zusammen; ihre Zufluchtsorte wurden »Cours des miracles« genannt. Henri Sauval gibt mit einer ausführlichen Beschreibung zugleich einen zeitgenössischen Eindruck von diesen Orten wieder[43]

:

»Hier lebte man von Räubereien und setzte in Faulheit, Völlerei und jeder Art von Verbrechen und Lastern Fett an. Jeder ließ es sich für den Augenblick wohlergehen und aß abends mit Vergnügen, was er den Tag über mit Mühe und mit Schlägen verdient hatte, denn man nannte dort 'verdienen', was man sonst als 'rauben' bezeichnet. Es war eine grundsätzliche Übereinkunft in der 'Cour des miracles', nichts für den nächsten Tag zu verwahren. Jeder lebte dort in zügelloser Freiheit, man beugte sich weder dem Glauben noch dem Gesetz und kannte keine Taufen, keine Heirat und keine Sakramente. Dem Augenschein nach schienen sie Gott zu huldigen; zu diesem Zweck hatten sie am Ende ihres Hofes, in einer großen Nische, ein Bildnis von Gott dem Vater aufgestellt, das sie in einer Kirche gestohlen hatten. [...] Die am wenigsten häßlichen Frauen und Mädchen prostituierten sich für zwei liards, die anderen für einen double, der größte Teil jedoch umsonst.«

Die Bettler und Vagabunden teilten in der traditionellen Gesellschaft den Alltag mit dem Volk. Dieses Zusammenleben veränderte sich über Jahrhunderte hinweg kaum, wohl aber die Beurteilung und »Behandlung«, die die Randgruppen durch die Regierungsgewalt erfuhren. Das Mittelalter war sich darin lange nicht schlüssig. Eine starke Denkströmung erkannte in ihnen Menschen, die durch ihr Elend ausgezeichnet waren, die Jesus Christus besonders nahestanden, da auch er ein irdisches Leben in Armut geführt hatte. »Christus hat durch sein irdisches Leben die Armut geheiligt.«[44] Religiösen Vereinigungen diente die Armut als Modell; die Armen galten als ihre Herren. Gleichzeitig bot die Armut den Reichen Gelegenheit zu mildtätigen Werken, trug also zu deren Seelenheil bei. Die Worte der Bibel, daß eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als ein Reicher in den Himmel gelange, waren ebenso verbreitet wie das Gleichnis von Lazarus.[45] Bisweilen wurde sogar ein Recht der Armen auf die Güter der Kirche und den Überfluß der Reichen postuliert.[46] Der Straßburger Prediger Geiler von Kaiserberg hielt eine gewaltsame Aneignung des Reichtums für legitim, wenn den Armen das Ihre verwehrt wurde.[47]

Doch ab dem 13. Jahrhundert wurde diese Toleranz, ja oft Verherrlichung allmählich von einer anderen Einstellung überlagert. In der Armut sah man von nun an hauptsächlich eine Gefahrenquelle für die öffentliche Ordnung. [84] »Die Stunde sei verflucht, in der der Arme geschaffen wurde«, heißt es im Roman de la Rose.[48] Auf die Ursachen und den Ausdruck dieses Wandels werden wir zurückkommen; eins fällt allerdings hier schon auf: Ob nun von den »pauperes Christi« oder den »classes dangereuses« gesprochen wird, wir erfahren nichts über die ökonomische Position der Armen, über ihren Platz in der Gesellschaft. Das religiöse Äquivalent der »gefährlichen Klassen«, ein Begriff, der von einer diffusen Furcht geprägt schien, war kaum weniger schillernd; es umfaßte die Vielzahl derer, die als »miseri«, »infirmi«, »vulnerati«, »orphani«, »senices«, »simplices«, »captivi«, »oppressi« oder »ignobiles« galten.[49] Unter ihnen befanden sich oft ehemalige Begüterte, die ihr früheres Leben aufgegeben hatten.[50] Offenbar bestand noch kein Bedarf, die Armut als ökonomisches Problem zu interpretieren. Sobald sich die Ökonomie ihr aber zuwandte, wurde sie auch verfolgt.

Die geschilderte Zwiespältigkeit findet sich in den Fürsorgeeinrichtungen des späten Mittelalters wieder. Fast immer gingen sie auf private oder kirchliche Initiativen zurück; selten waren sie eine Angelegenheit der Städte. Die Menschen erblickten in den Armen eine Gruppe, deren Weg und Schicksal unerforschbar, jedenfalls nicht zu kontrollieren oder zu beeinflussen waren: Sie galt es zu unterstützen, ohne weitere Fragen zu stellen, wo immer sich das Elend zeigte. Doch niemand dachte daran, die Armut selbst zu beheben. Die Dinge sollten in ihrer von Gott gegebenen Ordnung bleiben. Die Aufgabe der Linderung von Not nahmen die Hospitäler wahr, die nicht nur die stadtbekannten, sondern auch die vagabundierenden Armen »betreuten« .

Für die Kirche war die Fürsorge für die Armen ein so zentraler Punkt ihrer Existenz, daß sie auch solche Details regelte wie z.B. das Verbot für Bischöfe, einen Wachhund zu halten, denn dieser könnte ja Bettler beißen oder davon abhalten, um eine Gabe zu bitten.[51] Welche auch zahlenmäßig hohe Bedeutung den periodischen Speisungen zukam, belegen einige überlieferte Angaben. Sie ermöglichen es, eine Vorstellung von der Zahl der Bettler zu gewinnen. Unter den Armen weithin bekannt war die Verteilung von Schinken, die das Kloster Cluny regelmäßig zu Beginn der Fastenzeit vornahm. Dort fanden sich etwa 16.000 Arme ein.[52] In Poitiers wurde 1428 und 1.429 zu Weihnachten Brot an mehr als 2.000 Arme verteilt; bei der »charité de la blée« (wohltätige Austeilung von Getreide) jeweils am 3. Mai trafen in Niort fast 8.000 Bedürftige ein, bei 240 besteuerten Haushalten im Dorf. Am Mardi gras gab die Stadt Périgueux gesalzenes Fleisch an 4.000 Menschen aus. Wegen des großen Andrangs kam es bei der Verteilung der Almosen bisweilen zu Katastrophen, so bei der Bestattung des Herrn Jean de Beaubau, Sénéchal d'Anjou, als vor der Kirche Münzen verteilt wurden. [85]
»Es wurden elf gezählt, die sofort starben; viele andere arme Frauen und Kinder wurden verletzt, so daß kurz darauf 15 oder 16 weitere wegen des Geldes starben.«[53]

Auch in Florenz brachte der Ansturm der Armen zu Zeiten der Almosenverteilung chaotische Zustände mit sich. 1330 ordnete ein Verstorbener in seinem letzten Willen an, daß sich alle Bedürftigen in einer Kirche zu versammeln hätten und dann, einer nach dem anderen, heraustreten sollten, um ihre Gabe geregelt zu empfangen. Die Vorsichtsmaßnahme schien durchaus gerechtfertigt zu sein; es versammelten sich 17.000 Menschen.[54] Auch hier galt als arm, wer sich in Armut prasentierte, eine Überprüfung fand nicht statt. In der Zeit der Krise konnte es jedoch geschehen, daß die Angst der Bürger ihre Wohltätigkeit überwog. Drohte etwa die Pest, so wurde die Stadt »gesäubert«, die Tore geschlossen, ebenso dann, wenn politische Instabilität, wie während des Hundertjährigen Krieges, eine Welle von Gewaltverbrechen hervorrief.

Zwischen den oben beschriebenen unterschiedlichen Beurteilungen der Armut konnte sich das Mittelalter nicht entscheiden; zu einer eindeutigen Fixierung des Armenbildes kam es erst im 16. Jahrhundert, sie hatte umfassende praktische Konsequenzen. In welche Richtung sich die Mehrdeutigkeit aufzulösen begann, zeigt die Stellungnahme der katholischen Kirche an. Sie mußte, wollte sie Position für ein neues Verhältnis zu den Randgruppen beziehen, nicht nur die christlichen Vorbilder der Armut uminterpretieren. Im übrigen entsprachen ihren persönlichen Herrschaftsformen direkt Begriffe wie Gnade, Opfer und Mildtätigkeit. Gleichzeitig hegte sie jedoch ein starkes Mißtrauen gegen asketische Bewegungen, die oft genug an ihrer institutionellen Basis rüttelten. Dieser Konflikt konnte innerhalb des kirchlichen Typus von Macht nicht behoben werden. Die Ansprachen des Geiler von Kaiserberg, der sich zwischen 1478 und 1510 meist täglich an die Bevölkerung Straßburgs wandte, dokumentierten dies. Er, der offen das Recht der Armen auf milde Gaben und die Gefahr betonte, die von der zunehmenden Zahl der Bettler ausging, wußte keinen anderen Ausweg, als die Fürsorgepflicht an die weltlichen Behörden zu delegieren.[55] Damit war das Ende des kirchlichen Konzepts der Armut offen eingestanden; ihm hat das Element der Polizei gefehlt. Der historische Auftritt des Staates zeichnete sich ab. Dies ist der Fall in derselben Periode, in der wir die ersten Zentralisierungsversuche des Geldwesens beobachteten.

Zum Abschluß wollen wir noch dem Schicksal einer besonderen Gruppe von Außenseitern nachgehen, einer auch heute noch verfolgten Randgruppe: den Zigeunern. Sie ließen sich durch ihr äußerliches Bild, ihre Sitten leicht ausgrenzen. Die Reaktion auf sie nimmt, in verschärfter und exoti-[86]scher Weise, vieles von dem vorweg, was den Armen später generell widerfahren sollte.[56]

Die ersten Zigeuner erschienen in Frankreich während der Herrschaft Karls VI. (1380-1422). Sie selbst trugen zur Verbreitung der Legende bei, sie stammten aus Ägypten und seien einer schweren Sünde ihrer Vorfahren wegen dazu verurteilt, sieben Jahre ruhelos umherzuwandern. Sie galten also nicht als Vagabunden, sondern als Pilger und genossen Schutz und Ansehen. Die Zigeuner lebten von Almosen, die freigebig gewährt und noch nicht an ihrer produktiven Wirkung gemessen wurden. »Eine Gesellschaft, die noch an die Mobilität im kaufmännischen Leben und an religiöse Aufwallungen gewöhnt ist, nimmt sie gut auf.«[57]

Im 16. Jahrhundert hatte sich die Haltung der Bevölkerung und der Behörden bereits gewandelt. Das Bild der Zigeuner wurde, in Übereinstimmung mit der triumphierenden Arbeitsmoral, fixiert als das von »Vagabunden, Zigeuner genannt, ohne anderen Beruf als offen zu stehlen«[58], »die vor allem dem vertrauensvollen und abergläubischen Volk sein Schicksal wahrsagen«.[59] Viele Freveltaten und Verbrechen wurden ihnen nachgesagt, von denen die meisten sich auf den Diebstahl von Geflügel und Früchten des Feldes bezogen. Daß es den Autoritäten nicht um einzelne Delikte ging, zeigt die kollektive Strafe, die alle Zigeuner traf, unabhängig von ihrem individuellen Verhalten: Sie hatten sofort das Königreich zu verlassen, »sans autre forme de procès« - so wurde mehrfach, am konsequentesten zur Zeit Colberts, dekretiert. Handelten sie dem zuwider, und eine andere Möglichkeit blieb ihnen nicht, da auch die Grenzen der übrigen Staaten Europas verschlossen waren[60], so wurden sie Opfer »körperlicher Strafen«. Sie hierfür freizugeben, schien letztlich auch der Sinn der ineffektiven Verbannung gewesen zu sein. Erst die Zwangsarbeit der Männer auf den Galeeren, der Frauen in den Arbeitshäusern und Manufakturen konnte das Ärgernis endgültig beseitigen, das in der Art ihres Lebenswandels begründet lag. Dies war ihre eigentliche Schuld, die die Kollektivstrafe rechtfertigte. »Ihre jeder Produktion, wenn nicht jedem Profit fremde Lebensweise, ihre Wanderschaft sind nur schwer zu verstehen«[61], und sie »sind gefährlich« für eine Gesellschaft, die ohnehin mit ihren mobilen Mitgliedern im Kampf lag, wie wir sehen werden. So beruhte die Bedeutung der Verbannung auf die Galeeren oder in die Arbeitshäuser nicht allein, vielleicht nicht einmal hauptsächlich, auf ihrem unmittelbaren ökonomischen Wert; sie war vielmehr symbolischer Art. Der Mobilität auf der Straße wurde die Fesselung auf der Galeere entgegengesetzt, dem freien Leben der Frauen, um das sich so viele Gerüchte rankten, die Disziplin des Arbeitshauses.

Die Fremdartigkeit der Zigeuner, der Grund ihrer frühzeitigen Unter-[87]drückung, ließ sie zu einem Gegenstand der Bewunderung für alle Schichten der Bevölkerung werden, als der Kampf um die Disziplin von der Obrigkeit schon fast gewonnen war. Nun konzentrierten sich die Sehnsüchte auf offensichtliche Außenseiter; ihre Erfüllung im alltäglichen Leben war in so weite Ferne gerückt, daß sie sich nur noch an diese exotischen Fremden heften konnten. Es blieb nicht bei bloßen Wunschvorstellungen. Die königlichen Edikte verboten wiederholt Bürgern und adeligen Herren bei hohen Strafen, die Zigeuner wegen ihrer Kenntnisse der Pferde und ihrer Schaustellungen bei sich aufzunehmen. Eine beachtliche Zahl von Menschen schloß sich ihren Zügen an, »üble Individuen beiderlei Geschlechts«, wie die Chronisten berichten, in Wirklichkeit aber so unterschiedliche Figuren wie der berühmte Bandit Cartouche und der bretonische Edelmann Pechon de Ruby.


B. Der Höhepunkt der Internierungspolitik

Das 16. Jahrhundert war die Periode, in der sich die Haltung der offiziellen Stellen gegenüber den Randgruppen klärte - die Gefühle des Volkes blieben noch lange mehrdeutig - und in der die Ursprünge der Internierungspolitik der späteren Jahrzehnte zu suchen sind.

Ein erstes Modell der neuen Politik lieferte Flandern. In Ypres wurde 1525 die Sorge für die Armen der Stadt übertragen, die einen umfassenden Plan entwarf, um der unkontrollierten Wohltätigkeit Einhalt zu gebieten. Seine Fundamente waren die obligatorische Arbeit für die gesunden Armen und die auf den Einzelfall abgestimmte Unterstützung für die Alten und Kranken. Stadtfremde Bettler wurden verjagt, das Betteln innerhalb der Stadtmauern untersagt. Dies folgte durchaus logisch aus dem System, denn es glaubte ja alle Unterstützungsberechtigten erfaßt und ihnen einen Platz zugewiesen zu haben. Diese Grundidee nun erlebte in Frankreich eine zusätzliche Verbreitung, da die Stadt Ypres in der Auseinandersetzung mit den Bettelorden die Theologische Fakultät der Sorbonne angerufen hatte, um ein Gutachten erstellen zu lassen. Diese gab nach langen Recherchen ihre Zustimmung; die neue Armenpolitik hatte damit die Unterstützung der Kirche gefunden.[62] Rückblickend auf die Geschichte seiner Heimatstadt Hamburg beschrieb Johann Georg Büsch eine ähnliche Entwicklung:

»Jene alten Armenordnungen reden noch von keiner anderen, als der liebevollen Behandlung der Armen und Vorsorge für dieselben. Auch für die fremden und durchziehenden Bettler ward mehr Nachsicht gehegt, als billig Statt haben sollte. Allein [88] mit dem Anfang des vorigen Jahrhunderts fühlte man die Notwendigkeit, andere Wege zu gehen, und eines Teils die Arbeit der schuldlosen Armen unter gehörige Aufsicht zu stellen, anderen Teils den muthwilligen und den fremden Bettler zur Arbeit zu zwingen. Man machte also den Entwurf zur Anlegung eines Arbeitshauses.«[63]

Doch folgen wir der chronologischen Entwicklung in Frankreich. Es war Lyon, die Seidenstadt, die 1534 dem Vorbild von Ypres folgte. Der Bürger Jean Broquin legte den Notablen einen Plan vor, »um die Armen zu versorgen, damit sie nicht mehr in der Stadt umherlaufen«.[64] Er sah verschiedene Kategorien des Elends vor, denen mit speziell auf sie abgestimmten Maßnahmen begegnet werden sollte, in der soeben zitierten Absicht, die Armut von der Straße und unter die Kontrolle der Stadt zu bringen. Die Waisen wurden in einem Hospiz erzogen, bis sie eine Lehre beginnen konnten. Verwaiste Mädchen wurden darauf vorbereitet, später als Dienstboten beschäftigt zu werden. Die Kranken kamen im Hotel Dieu unter; alle anderen Fälle wurden individuell geprüft. Die Kontrolle schrieb folgendes Verfahren vor:

»Die armen Familienväter und Arbeitsleute, die durch ihre Kinder stark belastet sind und die ihr Beruf nicht ernähren kann, die daher gezwungen sind, mit ihren Kindern in der Stadt zu betteln, sollen in ihren Wohnungen besucht werden, [...] um zu sehen, wie viele Kinder sie ernähren müssen und welches Gewerbe ihre Frauen ausüben. Wenn daraus folgt, daß sie zu sehr mit Kindern belastet sind, wird man ihnen einen wöchentlichen Betrag zuwenden.«[65]

Gesunde, aber dennoch müßige Arme sollten zur Arbeit gezwungen werden, bei Brot und Wasser an Ketten gefesselt, alle Fremden ein Almosen erhalten und sodann die Stadt verlassen. Dieser Plan wurde mit der Errichtung der Aumône générale 1534 realisiert. Er erregte unter den kirchlichen Traditionalisten noch immer Ärger; der Inquisitor von Lyon z.B. befand, daß Unglaube und Häresie weitaus größere Übel seien als der Zustrom fremder Bettler.[66]

Dieses vorausgreifende Projekt blieb bis 1656, als die Einschließung der Armen zur nationalen Politik erklärt wurde, auf einige Städte beschränkt, denen Lyon als Vorbild diente. Das machte auch seine Schwäche aus, die sich im letzten Punkt des Plans von Broquin niederschlug. Für fremde Bettler gab es noch keine andere Lösung, als sie zu vertreiben, sei es nach einer Beschenkung oder einer körperlichen Strafe.[67] Überall herrschte die gleiche Ratlosigkeit: »Überhaupt finde ich, [...] daß man nie recht gewußt habe, wie man es mit denselben [fremden Bettlern, V. St.] anfangen sollte.«[68] Die Vagabondage im nationalen Rahmen wurde dadurch eher noch verschärft. Als Symbol für die Zeit der Einschließung kann in Frankreich die Gründung des Hôpital général von Paris im Jahre 1656 gelten.[69] Es faßte mehrere [89] schon bestehende Institutionen zusammen, die Salpétrière, Bicêtre z.B., und bedeutete doch etwas gänzlich Neues. Die Direktoren des Hôpital übten eine fast unbeschränkte Macht über die Armen von Paris aus. »Sie haben jede Entscheidungsgewalt über Leitung, Verwaltung, Handel, Polizei, Rechtsprechung, Bestrafung und Inhaftierung hinsichtlich all der Armen von Paris, sowohl in wie außerhalb des Hôpital général.«[70]

»Dazu erhalten die Direktoren Galgen, Pranger, Gefängnisse und Verliese in dem Hôpital général und an den Stellen, die dazugehören, wieviel ihnen notwendig erscheinen, ohne daß gegen die Anordnungen, die sie innerhalb des Hôpital erlassen, Einspruch erhoben werden kann; die von ihnen erlassenen Befehle für außerhalb des Hôpital werden ihrer Form und ihrem Inhalt gemäß ausgeführt, ungeachtet jeder Opposition oder jedes Einspruchs, sei er bereits vollzogen oder noch einzureichen, und ohne dem stattzugeben, wird ungeachtet jeder Verteidigung und jedes juristischen Schrittes Aufschub nicht gewährt.«[71]

Auch der Protest der Organe der ordentlichen Justiz gegen diese Vollmachten blieb ohne Erfolg. Das Hôpital général machte die vorherige Armenverwaltung des Königs, die Grande Aumônerie, funktionslos. Die Strategie der Kontrolle war über die der Almosen hinweggegangen. 1662 verfügte der König, daß in jeder Stadt seines Reiches ein Hôpital général gegründet werden solle. Maßgeblich war es Colbert, der erkannte, daß die Organisation der Arbeit nur in zentraler, gesamtstaatlicher Weise erfolgen konnte.[72] Colbert maß der Angliederung von Manufakturen an die Internierungshäuser besondere Bedeutung bei; merkantilistische Ideen spielten hierbei eine wichtige Rolle, wie wir bald sehen werden.

Wie in Frankreich war auch in England eine generelle Einschließung aller Armen beabsichtigt:

»[...] wenn solche Arbeitshäuser eröffnet werden, ist es sinnvoll, alle Beamten, deren Aufgabe es ist, nach der Öffentlichen Ordnung zu sehen, unter Androhung schwerer Strafen dazu zu verptlichten, alle Gasthäuser und Unterkünfte zu kontrollieren und alle Vagabunden und Landstreicher und andere arbeitsscheue Personen, die keinen ersichtlichen Lebensunterhalt haben und nicht einer gesetzmäßigen Beschäftigung nachgehen, und alle anderen Personen, die in den jeweiligen Gemeinden, obwohl sie nicht deren Einwohner sind, beim Betteln oder beim Gesuchen um Unterstützung angetroffen werden, zu zwingen, in dem Arbeitshaus der Grafschaft zu verbleiben, wo sie jede Arbeit verrichten müssen, für die sie die Kuratoren oder der Leiter des Arbeitshauses als geeignet ansehen.«[73]

Überall galt: »Landstreicher und Consorten waren's auch, die zur Erbauung der Zuchthäuser nicht nur in Deutschland und Europa, sondern auch in Amerika Anlaß gaben.«[74] Das erste deutsche Zuchthaus entstand 1620 in Hamburg, dann wurden weitere in Basel (1667), Breslau (1668), Frankfurt (1684), Spandau (1684), Königsberg (1691), Halle (1717), Kassel (1720), Brieg und Osnabrück (1756) und Torgau (1771) errichtet.[75] [90]

Unter der Bevölkerung der Anstalten waren »Vagabunden, Diebe und muthwillige Bettler«[76] am häufigsten anzutreffen, doch kaum ein Herrscher, kaum eine wohlhabende Familie ließ die günstige Gelegenheit vorübergehen, sich unbequemer Kritiker als Geistesgestörte und Querulantenzu entledigen oder sich von der Mühe zu befreien, kranke Verwandte pflegen zu müssen."[77] Der Albergo dei Poveri in Genua ist daher repräsentativ für alle ähnlichen Häuser: ein »Schmelztiegel der Krankheit, der Schuld,des Elends und der Einsamkeit«.[78] In Bicêtre, »zugleich Hospital und Gefängnis«[79], waren ebenfalls vielerlei Menschen versammelt, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden sollten. Eine Behandlung, die der Anstalteinen therapeutischen Sinn gegeben hätte, fand nicht statt:

»Die Promiskuität war dort vollkommen. Angekettete Sträflinge erwarteten neben Waisenkindern ihren Abmarsch ins Zuchthaus. Staatsgefangene kamen in Kontakt mit von Krätze geplagten Personen, Geschlechtskranke waren mit Geistesgestörten und Epileptikern eingeschlossen. Die Geschlechter [...] waren dort ebenso vermischt wie die Altersklassen.«[80]

Die Akten des Zucht- und Arbeitshauses in Hüsingen zeichnen die individuellen Schicksale der Insassen auf. Sie berichten zum Beispiel von einer Frau, die wegen »liederlichen, gottlosen Lebenswandels« für 6 Jahre eingewiesen wurde, und von einem Mann, der darum bat, »seine schon 16 Monate in der Nachbarschaft vagierende jüngere Schwester gegen ein Kostgeldaufzunehmen. Das Mädchen sei dienst- und arbeitslos und gebe sich dem Müßiggang und der Trägheit hin«. Andere Häftlinge saßen wegen Diebstahls, Totschlags, Ehebruchs oder schlichter Armut ein.[81] Im »Waisen-, Toll-, Kranken-, Zucht- und Arbeitshaus« in Pforzheim fanden sich »alle und jede in hiesigen Landen sich befindende Unbändige, Ungehorsame, Halsstarrige, Böse und Lasterhafte, wie auch verschwenderische und liederliche Haushalter, so der Welt nichts nützen, sondern andern nur bös Exempel mit Fluchen, Spielen, Müßiggang und dergleichen geben«.[82] Dazugehörte z.B. ein ehemaliger Zollinspektor, »um seines geführten Lebens und verfertigter vieler pasquillantischer Schriften halber«.[83] Den von Krankheiten entstellten Menschen drohte das gleiche Schicksal; sie wurden »aus dieser wider alle Polizei laufenden Unanständigkeit« interniert, mit Rücksicht »auf die mit Leibesfrüchten beladenen Weibspersonen«.[84]

In München wurde auf Initiative des Grafen Rumford, der nicht nur der Erfinder des Englischen Gartens ist, ein Arbeitshaus gegründet, in einer verlassenen Manufaktur. Dort herrschten Ordnung, Fleiß und Wirtschaftlichkeit, wie der französische Übersetzer der Werke Rumfords bemerkte; mehr als 1500 Arme »erfreuten sich hier einer angenehmen und glücklichen Existenz«, statt die Schmach und die Plage der Gesellschaft zu sein.[85] [91]

In Wien ging man den umgekehrten Weg: Es wurden nicht Arbeitshäuser gegründet, denen Manufakturen angeschlossen waren; vielmehr riefen die Behörden Manufakturen ins Leben und nutzten sie als Arbeitshäuser.[86] Beide Einrichtungen waren offenbar beliebig austauschbar. Und dies ist kein Einzelfall: Der Kanzler de Pontchartrain war für unsere Ohren bemerkenswert offen, als er an einen Leutnant der »maréchaussée« schrieb: »[...] das Wort Manufaktur bedeutet das gleiche [...] wie Hospital oder Festung.«[87] Damals war dies jedoch ein Gemeinplatz.

Ein weiteres Beispiel vom europäischen Kontinent führt uns an Überlegungen zur Erklärung dieser Internierungspolitik heran. Ende des 18. Jahrhunderts setzten sich in Hamburg endgültig merkantilistische Konzepte der Wirtschaftspolitik durch. Die Produktion sollte gefördert, der Import verringert werden. Unter diesem Gesichtspunkt war es ein Skandal, daß breite Schichten des Volkes ohne Beschäftigung blieben. Dem abzuhelfen wurde 1788 die Armenanstalt gegründet, initiiert von Johann Georg Büsch und zunächst geleitet von Caspar Voght. Ihre Hauptaufgabe war es, »die Armen mit Arbeit zu versorgen« und so »die Straßen vollkommen von der Bettlerplage zu befreien«.[88] Die Bettler konnten sich fortan nicht mehr auf den Mangel an freien Stellen berufen. Die Armenanstalt lehnte sich an das Modell des Verlagswesens an; sie stellte das Rohmaterial und nahm den Armen die fertige Ware ab. Widerspenstigen drohten Essensentzug und Dunkelhaft. Nach dem Scheitern aller anderen Mittel sollte so gewährleistet werden, daß »auch dem rohesten und trägsten Menschen ein Sporn werde, Arbeitsfleiß in sich zu wecken und erst seine Hand, und dann auch wieder seinen Geist daran zu gewöhnen«.[89]

Das englische Internierungssystem setzte sich aus vier Elementen zusammen: den gewöhnlichen Gefängnissen, den Bridewells, kleinen Arbeitshäusern in fast allen Grafschaften, den »correction houses« und den großen Arbeitshäusern.[90] Dieser Institutionenverbund entstand vor dem Hintergrund der Konflikte zwischen England und Frankreich, welches Luxusgüter über den Kanal exportierte, sich aber fremden Waren verschloß. Das Ärgernis sollte durch zusätzliche produktive Anstrengungen in England aus der Welt geschafft werden. Ziel der Armengesetzgebung war daher, »alle die Personen, verheiratet oder ledig, der Arbeit zuzuführen, die über keine Mittel verfügen, sich durchzubringen, und die keiner der üblichen täglichen Beschäftigungen nachgehen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen«.[91] Die Verwirklichung dieser Absicht wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts ständig verschärft. Waren die Gemeinden, Träger der Armenfürsorge, zunächst nur verpflichtet, den Armen Arbeit anzubieten, so berechtigte sie der Workhouse Test Act von 1722, die Bedürftigen durch Entzug der Un-[92]terstützung zur Arbeit in den Workhouses zu zwingen. Daß die Gemeinden Träger der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen waren, wurde damit begründet, daß dort, in einem übersichtlichen Rahmen, den speziellen Verhältnissen eher Rechnung getragen werden könne und daß sich dort den Armen leichter Arbeit böte als in den städtischen Zentren. Zu diesem Zweck hatten die Armenaufseher das Recht, jede fremde Person, die unterstützungsberechtigt werden konnte, an »seinen oder ihren ordnungsmaßigen Wohnort«[92] zurückzuschicken. Die Leute wurden da angesiedelt, wo ihre Kontrolle am leichtesten fiel, ungeachtet ihrer über Jahrzehnte gepflegten Lebensgewohnheiten. Doch die Verantwortlichkeit der Gemeinden stellte sie vor große Probleme, da eine »community« allein ein Arbeitshaus nicht betreiben konnte. Bristol war die erste Stadt, deren Gemeinden sich zusammenschlossen, um gemeinsam ein Workhouse zu errichten. Es folgten Tiverton, Exeter, Hereford, Colchester, Kingston, Shaftsbury, Sudbury, Worcester, Plymouth, Norwich und Gloucester.[93]

Den Gemeinden stand es durchaus frei, privaten Unternehmern die Sorge für die Beschäftigung der Armen zu übertragen. Die privaten Arbeitshäuser, deren Besitzer sowohl ein Fixum pro Aufgenommenen als auch die Erträge der geleisteten Arbeit erhielten, gaben freilich Anlaß zu heftigster Kritik. Besonders in Phasen schwacher Konjunktur, wenn die von den Insassen hergestellten Produkte nicht abgesetzt werden konnten, also als einziger Erlös die Kopfgelder blieben, versuchten die Unternehmer, die Verpflegung zu drücken. Ein Kritiker beschrieb die inneren Zustände:

»Eine gründliche Kenntnis der inneren Wirtschaft dieser armseligen Aufnahmestätten des Elends, oder besser Gemeindegefängnisse, Arbeitshäuser genannt, ist nicht leicht zu erlangen: hier, wie an anderen Orten der willkürlichen Herrschaft, gilt Kritik als Meuterei und Verrat und ist stets mit doppelter Bestrafung verbunden. Besondere Vorfälle, die jede menschliche Gesinnung schockieren, sind zuweilen nach außen durchgedrungen. [...] Eines ist bekannt [...], daß diese Arbeitshäuser Stätten der Verwahrlosung und der Unordnung sind, daß Junge und Alte, Kranke und Gesunde ohne Rücksicht auf ihr Geschlecht in mangelhafte Unterkünfte gepfercht werden, nicht einmal groß genug, einigermaßen angemessen die Hälfte der elenden Wesen aufzunehmen, die zu einer solch beklagenswerten Behausung verurteilt sind, und daß ein schneller Tod fast immer das Los der Betagten und Gebrechlichen, aber auch der Jungen und Widerstandsfähigen ist, als Folge des Wechsels von gesunder Luft in solche Brutstätten der Fäulnis.«[94]

Befriedigend waren allerdings die Zustände in den kommunalen Arbeitshäusern auch nicht. Das von St.-Martin's-in-the-Fields galt z.B. als »sehr baufällig und in der Gefahr einzustürzen«.[95]

Die Anstalten erwiesen sich gleichwohl nicht als rentabel, so daß vermutet wurde, die Insassen verschwendeten mutwillig Rohstoffe, um alle Versuche [93] scheitern zu lassen, sie zur Arbeit zu zwingen. Ihre eigentliche Bedeutung lag allerdings auf einem anderen Gebiet: Sie dienten zur Abschreckung derer, die versuchten, ohne Arbeit von öffentlicher Unterstützung zu leben.

»Ich muß Ihnen mitteilen, daß der größte Vorteil, der der Öffentlichkeit entsteht, wenn sie diese Einrichtungen [die Arbeitshäuser, V. St.l unterstützt, in der Erweckung des Erwerbssinnes der Armen liegt. Viele aus unserem Volk, die vorher hauptsächlich von wöchentlichen oder monatlichen Zuwendungen lebten, [...] befleißigen sich nun der Arbeit, und da sie erkennen, daß sie, wenn sie Unterstützung von der Allgemeinheit erhalten wollen, auch für die Öffentlichkeit arbeiten müssen, strengen sie sich an, beschaffen sich Spinnräder und andere notwendige Materiale und arbeiten von früh bis spät, um zu vermeiden, daß sie in das Arbeitshaus kommen.«[96]

Dieser Effekt wurde auch in Maidstone, Kent, dem Arbeitshaus zugeschrieben. Dort habe eine große Zahl »fauler Individuen« die Maske der Arbeitsunfähigkeit fallengelassen. Sie sorgten nun durch eigene Anstrengung für ihren Unterhalt, um sich nicht den Einschränkungen des Arbeitshauses unterwerfen zu müssen.[97] Und aus Lancashire, Aston-under-line, wurde berichtet: »Die Furcht vor dem, was Einschließung genannt wird, hat mehrere unserer Armen angespornt, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten.«[98]

Deutlich war ein Gefälle in der Strenge der eingeleiteten Maßnahmen von Nord- nach Südeuropa zu beobachten. »Die Regierungen, besonders im Süden, praktizieren ein Übermaß von Toleranz und begünstigen aus ihrer Schwäche heraus die Untätigkeit und Arbeitsunwilligkeit.«[99] In Spanien fand Lallemand kein Arbeitshaus, dessen Prinzip den im Norden angewandten entsprach.[100]

Diese Entwicklung, von der Respektierung der Armen bis zu ihrer konsequenten Verfolgung, habe ich deshalb ausführlich geschildert, weil sie, nach dem Geld, das zweite Element zu dem Bild der modernen Welt liefert. Alle zitierten Beispiele haben eins gemeinsam - sie bekunden die Programmatik, die Arbeit als neuen Grundwert einzuführen, den Müßiggang oder vielmehr, was dafür gehalten wurde, als Ursache aller Laster zu qualifizieren. Eine Umschichtung im Wertesystem geht hier unverkennbar mit der Ausprägung eines ökonomischen Begriffs und, wichtiger, dem daraus abgeleiteten Verhalten, den Lebensformen einher, die für die moderne Ökonomie fundamental sind.

Es galt also, »alle, die in Muße leben und nicht für vernünftigen Lohn arbeiten wollen, oder das, was sie haben, in Tavernen ausgeben«[101], dem Anblick der Bürger zu entziehen. Das Gründungsedikt des Hôpital général ist eindeutig; es bezeichnet Bettelei und Müßiggang als Quellen jeglicher Unordnung. Müßiggang bedeutet Revolte; er war an die Stelle des Hochmutes - superbia, radix malorum omnium, so hieß es noch im Mittelalter[102] - als [94] fundamentale Sünde getreten. »In unserer Welt, wo die Erde nur noch Disteln und Unkraut hervorbringt, ist er [der Müßiggang, V. St.] die Verfehlung par excellence.«[103] Eine entgegengesetzte Bewertung erfuhr die Arbeit - von einer Strafe für den Sündenfall wurde sie zum universellen Heilmittel.[104] Die Literatur spiegelte diesen Wandel: Dante noch lobte die Armut als christliche Tugend, die dann vom heiligen Franziskus wiederentdeckt wurde.

»Die Frau, des ersten Gatten einst beraubt,
elfhundert Jahre verschmäht, verachtet,
blieb ohne Werbung, bis dann dieser kam.«
[105]

Doch bei seinen Nachfolgern hat sich die Botschaft umgekehrt: »Oh Armut, was bist du ein Hort des Zornes und des Neides...«[106]

Hinter der ordnenden Aufgabe der Zwangsanstalten trat ihre direkte ökonomische Bedeutung als Produktionsstätten zurück; meist arbeiteten sie ohne Gewinn. Profit zu erzielen war explizit nicht ihr Zweck, darüber waren sich Direktoren, Kaufleute und örtliche Handwerker einig.[107] De la Pagne, selbst, wie er sagt, ein Opfer der willkürlichen Einkerkerung in Bicêtre, beschreibt, wie in dieser Anstalt 90 Menschen damit beschäftigt waren, die Brunnen zu bedienen und täglich Kosten von 100 livres verursachten. Die gleiche Aufgabe hätte von 8 blinden, also billigen Pferden übernommen werden können, zu 12 livres pro Tag.[108]

Die bloße Beschäftigung der Gefangenen, ohne auf einen anderen Nutzen als den der Disziplinierung zu achten, war oft für die geringe Rentabilität dieser Häuser verantwortlich. Sie beeinträchtigten die sozialen Zusammenhänge der Armen, versuchten sie in der Bevölkerung zu isolieren und gaben dem Staat ein Domestizierungsinstrument an die Hand, dessen Anwendung jederzeit erfolgen konnte. Die kleinen Leute, »arme Bauern, auf dem Weg, Proletarier zu werden, die sich noch weigerten, regelmäßig in den Dienst des Kapitals zu treten«[109], waren von nun an dem Zwang zur Arbeit und der Armut ausgeliefert.

Die Moral der Arbeit vereint sich mit der merkantilistischen Wirtschaftspolitik; einige Elemente, von uns bisher angeführt, beginnen sich zusammenzufügen. Überall wurde es als Skandal empfunden, wenn die Nation gezwungen war, Waren zu importieren, sich so von dem Ziel zu entfernen, im Handel mit dem Ausland einen Überschuß zu erzielen, während ein Teil der Bürger nicht produktiv tätig war.[110] So wie Wm. Bailey argumentierten viele andere, fast alle ökonomischen Schriftsteller der merkantilistischen Lehre:

»Wir könnten Leinentuch durch die Arbeit unserer heimischen Armen herstellen und dabei einer großen Zahl von Männern, Frauen und Kindern Beschäftigung und [95] einen Lebensunterhalt bieten. [...] Stattdessen werden gegenwärtig hohe Summen ins Ausland gesandt, um die Armen, die Grundbesitzer, Fabrikanten und Kaufleute fremder Länder zu ernähren, zu bekleiden und zu bereichern.«[111]

Da die im Inland angewandte Arbeit vermehrt werden sollte, setzte sich im übrigen der Vorschlag nicht durch, die Vagabunden zu lebenslänglicher Verbannung auf den Galeeren zu verurteilen.[112] Produktivität hat hier eine ganz besondere und nur heute allgemeingültige Bedeutung: Sie sollte in Waren, in Tauschwerten ausgedrückt werden. Der Austausch von Geldgrößen schuf erst die Möglichkeit, die Arbeit fast unbegrenzt auszudehnen, und er stigmatisierte diejenigen Arten von Arbeit, die nicht zur Handelsware beitrugen. Der prophetische Satz der Florentiner Philosophie galt nicht mehr: »Er sieht nicht, daß es besser ist, in Zufriedenheit wenig zu haben als im Überfluß zu leben, vom Ehrgeiz geplagt.«[113]

Fortan wurde immer mehr produziert, und in die Köpfe zog tatsächlich »foco«, Feuer oder Wahnsinn, ein. Infolge der Entwicklung der fabrikmaßigen Herstellungsweise konnte erstmals ein Produktionsverfahren genutzt werden, das eine einigermaßen zuverlässige Relation zwischen menschlicher Anstrengung und deren Ergebnis zu setzen erlaubte. Eine Produktion dagegen, die in hohem Maße vom Wetter und der Natur, im allgemeinen Bewußtsein: vom Willen Gottes, vom Schicksal abhängig ist, neigt eher dazu, dieses ihr Äußeres auch in anderen Bereichen zu akzeptieren. Ihr entspricht die Einstellung, daß das Schicksal der Armen Gottes Wille und daher vom Menschen zu akzeptieren sei, viel mehr als der Lebensweise städtischer Produzenten. Dieser Auffassung war jedes Denken in Begriffen der Effizienz und der direkten Äquivalenz fremd - genau das aber war von nun an gefordert.[114]

Die Bettler sind nicht in der Lage, für die Gaben, die sie erhalten, ein Äquivalent zu liefern. Daher werden sie nicht länger geduldet. In früheren Zeiten boten sie zwar auch kein Äquivalent, aber immerhin eine Gegengabe, die gefragt war, unabhängig von ihrem materiellen Wert: ihre Gesänge, ihre Geschichten oder ihre pure Existenz, als Gelegenheit, Mildtätigkeit zu üben. »Sie verkauften zu einem guten Preis ihre Dienste, die nicht geringzuschätzen waren, auch wenn sie kein materielles Gut erzeugten.«[115] Die enge Verknüpfung dieses Prozesses mit dem Geld liegt auf der Hand, da es den Begriff der Äquivalenz erst exakt bestimmbar und daher sinnvoll macht.

Ehe wir noch einige Folgeerscheinungen der Grundlegung der Wirtschaftspolitik untersuchen, soll der bisherige Stand festgehalten werden. Die ungeklärten Punkte zeigen, wie dringlich es ist, später noch einmal an einem anderen Ende anzusetzen. Die Teile des Gesamtbildes, die nur sehr willkürlich aus dem vorliegenden Material abstrahiert werden könnten, folgen von [96] selbst aus der Beobachtung der Vielfalt. Was in der Wissenschaft als das Allgemeine gilt, soll hier nicht durch abstrakte Gedankengänge herausgeflltert, sondern in konkreten Lebensformen aufgespürt werden, an der Basis des Geschehens, weil es sich nur dort manifestiert.

Das Geld ermöglicht eine Produktionsform, die nach Arbeit, nach abstraktem Reichtum hungert. Gleichzeitig begründet es ein Machtsystem, das zur Disziplinierung der Arbeit unerläßlich wird. Doch wir wissen bisher noch nichts über die spezifische Form der geforderten Arbeit, und es ist noch nicht klar, welches Bild der Welt hinter dem Modell des vom Menschen wenn nicht lenkbaren, so doch beeinflußbaren Lebens steht.

Einige Jahre nach seiner Gründung beherbergte das Hôpital général von Paris 6.000 Personen, ein Prozent der Einwohner.[116] Die Zahlen in anderen Städten waren, relativ zur Summe der Bevölkerung, nicht geringer. In Poitiers. waren 2.000 Menschen interniert, in Bordeaux 400 - 900, in Orleans 2.400, in Montpellier 300, ebenso in Beauvais.[117] Die 48 Arbeitshäuser Londons beherbergten etwa 4.000 Insassen.[118]

Bei der Lektüre der zeitgenössischen Beschreibungen der Zwangsanstalten verstärkt sich unser Eindruck, daß die Internierungshäuser für die Armen weit mehr gefüllt waren als die traditionellen Gefängnisse. Das Arbeitshaus in Hamburg enthielt 600 Gefangene, das Wiener Almshausen versorgte gar 3.000 Menschen. Allein in einem der beiden Hospitäler fanden sich ca. 2.000 Menschen, während die Zitadelle etwa 130 Gefangene einschloß, eine Zahl, die der der 'normalen' Gefangenen in anderen Städten vergleichbar war.[119]

Es bestand nur die Möglichkeit, einen kleinen Teil der Armen und Nicht-Seßhaften festzusetzen; doch die Voraussetzung des ständigen Zugriffs mit seiner Einschüchterungskraft war damit geschaffen. Ebenso wichtig war, einer von den Wertvorstellungen abweichenden Gruppe einen besonderen Platz zuzuweisen, sie vom Volk, dessen Teil sie waren, zu isolieren. Den Agenten der Repression wurde ihre Aufgabe nicht leicht gemacht. Ein Vorfall aus dem Jahr 1675 soll aus den Archiven der Charite von Lyon zitiert werden. Er gibt das Mißgeschick zweier Wachen dieser Institution wieder, ausgesandt zur Armenjagd:

»[...] sie trafen einen jungen Gesellen an, etwa l7 oder l8 Jahre alt, der in einem Laden bettelte. Als sie ihn verhaften wollten warf er sich auf den Boden und wollte nicht mit ihnen gehen. Da sie nicht sehr weit von dem Haus der Charité entfernt waren, machten sie sich daran, ihn auf die Beine zu stellen, als aus der Kneipe des Herren Fraisse eine Gruppe von Maurern heraustrat, die sie bedrohten - die einen mit den Maßhölzern in der Hand, die anderen, indem sie Steine nach ihnen warfen. So zwangen sie die Wachen, den genannten Bettler laufenzulassen. Als diese ihren Weg fortsetzten, wurden sie am Place de Bellecour von einer Menschenmenge angegriffen, in [97] der sich Männer und Frauen aller Altersstufen befanden. Darunter erkannten sie eine Müllerin, die Frau des Delayen, die ihnen Beleidigungen entgegenschleuderte und sie zugleich mit Steinen bewarf. [...] Junge Frauen stellten sich an die Zimmerfenster des Herren Carret, des Seidenzwirners. und nannten sie Henker, die man verprügeln müsse. Sie forderten zwei Schmiedegesellen, Jean Lolive und René Babin, auf, aus ihrer Werkstatt zu kommen und Steine zu werfen.«[120]

Mehrmals beklagen königliche Ordonanzen »die Schwierigkeit, die Bettler zu verhaften, aufgrund des Schutzes, den ihnen die Diener hochgestellter Herrschaften, Bürger, Handwerker und die kleinen Leute gewähren«.[121] Eine Verfügung des Parlamentes von Bordeaux (1662) hebt nachdrücklich diejenigen hervor, die den Ordnungskräften ihre Aufgabe erschweren:

»Es wird hiermit jedermann ausdrücklich untersagt, welchen Standes er auch sei, Bürgern und anderen, insbesondere allen Handwerkern, Arbeitern, Gehilfen und Dienstboten, des einen oder anderen Geschlechtes, die Wachen des Hôpital zu beleidigen oder in irgendeiner Weise zu belästigen, gleich unter welchem Vorwand. Zuwiderhandelnde werden exemplarisch bestraft.«[122]

In England waren die Arbeitshäuser so verhaßt, daß sie zuweilen, um Ärger zu vermeiden, nicht mit diesem Namen bezeichnet wurden:

»Arbeitshaus ist ein Begriff, dem die Vorstellung der Erziehung und Bestrafung anhaftet. Viele unserer Armen empfinden eine solche Abneigung dagegen, in ihnen zu leben [...], daß alle Vernunft und Argumente auf Erden nicht dagegen ankommen. Daher wird es eine Menge Ärger ersparen [...], die Arbeitshäuser mit einem sanfteren und weniger anstößigen Begriff zu bezeichnen.«[123]

Wir wollen nun den gleichen Prozeß noch einmal verfolgen, den wir bisher hauptsächlich für Frankreich nachgezeichnet haben. Im ersten Fall handelt es sich um die auch hier verspätete Entwicklung in Deutschland, im zweiten um ihr Scheitern im Süden, in Rom.

Nach Aufhebung der Gutsherrschaft im Rahmen der Stein-Hardenbergschen Reformen und der Einführung der Gewerbefreiheit war ein traditionelles Mittel der Kontrolle der Bevölkerung entfallen, die Menschen waren nicht mehr direkt an ihre Herren gebunden. In den Vertretern der alten Ordnung finden wir die aufmerksamsten Kommentatoren dieser Loslösung:

»Was der Meister heute ist, kann jeder Gesell morgen werden, das Gewerk existiert nicht mehr, die Disziplin ist fort. [...] So ist denn in dem seitdem verflossenen Zeitraum sowohl unter den Landleuten als auch unter den Städtern eine ganz neue, bis dahin unbekannte Klasse entstanden, nämlich die Heimatlosen - oder mit einem neumodischen, der Fremdheit wegen angenehmeren Namen, die Proletarier.«[124]

Die Vorschläge, die von der Marwitz unterbreitet, sind uns dem Tenor nach schon bekannt: keine Unterstützung für Arbeitsfähige, Belastung der Nicht-Seßhaftigkeit. »Immer wird es darauf ankommen, das Verbleiben in [98] der Heimat vorteilhaft, das Umherlaufen aber beschwerlich und kostbar zu machen.«[125] Hinzu kommt ein enges Kontrollnetz über dem wandernden Volk. Mittels eines Wanderbuches müsse jeder in der Lage sein, seinen gesamten Lebenslauf lückenlos nachzuweisen. Unser Zeuge ist durchaus auf der Höhe der Zeit; auch er träumt von einem perfekten Überwachungssystem. »Daß solche Anordnungen noch eine Menge Nebenbestimmungen und Rücksichten erfordern würden, leuchtet ein.«[126]

Alle »Anordnungen, Nebenbestimmungen und Rücksichten« blieben in Rom langfristig ohne Resultat. Kluge Päpste der Gegenreformation hatten einen klaren Blick dafür, wie Ordnung in die Stadt gebracht werden konnte.[127] Sie förderten die Industrialisierung mit allen Mitteln - ihr Therapierezept war ebenfalls die Arbeit. Sixtus V. errichtete mit gewaltigem Aufwand ein neues Haus, das Platz für 2.000 Bettler bot. Der Architekt, Dom. Fontana, beschrieb es als »grandissimo« und »commodissimo«; es verfügte über drei große Säle und getrennte Räume für Alte, Männer, Frauen und Kinder. Dort lernten die jungen Frauen nähen, die Jungen lesen und schreiben, sie erhielten auch eine Berufsausbildung.

Doch es war klar, daß das Vagabundentum nur durch die Förderung der Industrie dauerhaft abgeschafft werden konnte. Römische Chroniken berichteten gegen Ende des 16. Jahrhunderts wiederholt, daß der Papst beschlossen habe, einen Weg zu finden, wie den Armen ein Arbeitseinkommen gegeben werden könne. Aus diesem Grunde wolle er das Woll- und Spinngewerbe in der Stadt einführen. Clemens Vlll. erläuterte, seine Vorgänger hätten dieses Handwerk gefördert, um vor allem den armen Witwen und den jungen Mädchen Arbeit zu besorgen.

Dies deutet auf eine weitere Gruppe neben den Bettlern hin, die nicht in das Bild einer »gesunden« Stadt paßte, wie es der Gegenreformation vorschwebte: die Prostituierten. Pius V. und Sixtus V. hätten sie am liebsten aus der Stadt gejagt, doch die Bedürfnisse der versammelten kirchlichen Würdenträger und diplomatischen Gesandten sprachen dagegen. Die Botschafter Spaniens, Portugals und von Florenz fanden es nicht unter ihrem Stande, gegen einen Vertreibungsbeschluß zu protestieren, und einer Delegation von 40 hervorragenden Bürgern, die Pius V. mit demselben Ansinnen aufsuchten, hielt der Papst entgegen, sie sollten zwischen ihm und den Prostituierten wählen. Doch der Papst gab schließlich nach, und die Kurtisanen blieben. Nach dieser Niederlage sann er auf andere Abhilfe, und hierbei verfiel auch er auf die Arbeit und die Errichtung eines Gettos, die Absonderung.

Während der Renaissance hatten sich die Prostituierten über die ganze Stadt ausgedehnt. Alle Reisenden berichten von ihnen und ihrer unglaubli-[99]chen Zahl, die sie mit 10.000 bis 30.000 angaben, bei kaum mehr als 100.000 Einwohnern. Diese Angaben sind sicherlich von der Abenteuerlust der Besucher gefarbt worden, doch mehrere tausend »cortigiane« mag es gegeben haben.[128] Der Heilige Stuhl behinderte sie nicht; noch 1490 reagierte Innozenz Vlll. auf den Plan, die freie Ehe zu ächten, mit den Worten: »Das ist nicht verboten.« Alsbald gab es kaum noch einen Priester, der nicht nach dem päpstlichen Kommentar handelte. Kirchliche Institutionen vermieteten Häuser an Prostituierte, ebenso hochgestellte Familien. Die Lebensweise der berühmtesten Maitressen ist oft dargelegt worden; ihre herrschaftlichen Häuser mit geschwungenen und goldverzierten Treppen, Wände mit kunstvollen Stickereien und wertvollen Bildern geschmückt, und Teppiche, so kostbar, daß es der spanische Botschafter aus »Höflichkeit« vorzog, auf einen Diener auszuspucken und nicht auf den Boden, täuschen allzu leicht eine gesicherte und geachtete Stellung vor, die auch in den Zeiten für die große Mehrheit der Frauen nicht bestand, als sie nicht offen verfolgt, sondern öffentlich und gern »gebraucht« wurden.

Dies hatte mit der Gegenreformation ein Ende. Als die völlige Vertreibung der Prostituierten am Widerstand hoher Bürger scheiterte, wurden alle »Frauen mit schlechtem Lebenswandel« angewiesen, ihre Häuser zu verlassen und sich in einem Stadtviertel nahe der Piazza del Popolo anzusiedeln. Ein neues Getto war geschaffen; die dort wohnenden Spanier wurden ausquartiert, um Wohnräume freizumachen. Den Frauen war es strikt untersagt, ihren Distrikt zu verlassen. Taten sie es dennoch, so wurden sie ausgepeitscht, ihr Besitz konfisziert. Derlei Maßnahmen waren stets von offener Unterdrückung begleitet, so bezeichnenderweise von der Verschärfung des Abtreibungsverbots.

Doch all diese Versuche der Disziplinierung, deren konsequenteste Modelle wir hier geschildert haben, versagten, weil die Industrialisierung nicht durchsetzbar war. Rom hatte keinen Bedarf an kontinuierlicher Arbeit; es lebte von den Reichtümern, die die Kirche aus aller Welt empfing oder abzog. Alle Arten von Dienstleistungen versprachen leichteren Gewinn als Straßenbau und Seidenspinnerei. Rom blieb also weiterhin das Zentrum der katholischen Welt, der Bettelei und der Prostitution.


C. Der Übergang zur liberalistischen Armenpolitik

Mit dem Entstehen der Manufakturen und Fabriken setzte der Staat all seine Mittel ein, ihnen die Arbeitskräfte zu liefern, die sie benötigten, ange-[100]paßt an die neuen Arbeitsformen. Er verhinderte nicht nur, daß die freigesetzten Handwerker oder Bauern in Bettelei und Vagabundentum auswichen, er sorgte auch durch ausgedehnte Arbeitsbeschaffungsprogramme dafür, daß die Arbeit als Grundwert und als realer Zwang die Bevölkerung erfaßte.

Dieser strenge Staatsinterventionismus widerspricht den Regeln des voll ausgeprägten Kapitalismus -- wie jeder andere Markt soll sich auch der Arbeitsmarkt selbst regulieren. Die beschriebenen Zwangsmaßnahmen dienten daher nur einem Übergangsstadium, so lange notwendig, bis den Menschen Alternativen zur bedingungslosen Auslieferung an den Arbeitsmarkt verstellt waren. Danach erst erwies sich das »freie Konkurremsystem« als funktionsfähig, selbstverständlich flankiert von möglichst privater »Wohlfahrt« und dem staatlichen Zwangsapparat dort, wo es geboten schien.

Als England 1803 eine Blockade über Elbe und Weser verhängte und Hamburg durch die Franzosen besetzt wurde, somit der gesamte Handel zum Erliegen kam, war der äußere Anlaß eingetreten, die vorbildlichen und ehrgeizigen Projekte der Armenkontrolle[129] endgültig aufzugeben und das Schicksal der Randgruppen einerseits dem Arbeitsmarkt, andererseits der privaten Fürsorge zu überlassen. »Hilfeleistungen bei bereits eingetretener materieller Notlage - nicht Arbeitsbeschaffung, sondern 'Geldunterstützung nach Maßgabe der Hilfsbedürftigkeit' kennzeichnet jetzt die Hamburgische Sozialpolitik.«[130] Nach der wirtschaftlichen Erholung blieb die Auffassung bestehen, daß die früheren Projekte unrealisierbar seien. Wie stark sich die Meinung gewandelt hatte, zeigt ein Blick auf die Position des Senats:

»Zwar verkenne der Senat nicht die Zeitumstände und Rücksichten auf das Gewerbe, meine aber doch, daß vielfach mehr gänzlich erloschenes Ehrgefühl als wahre Not den Zudrang zur Armenanstalt vermehre. Die Unterstützungen müßten möglichst erschwert werden, vielleicht jede Unterstützung nicht eingezeichneter Armen gänzlich aufhören.«[131]

Hier wird deutlich, daß der Zudrang zur Armenanstalt aus »erloschenem Ehrgefühl«, der früher Anlaß zur allgemeinen Empörung und zum sofortigen Eingriff des Staates gewesen wäre, um diesen unmoralischen Zustand zu beenden, nun die sozialen Aktivitäten weiter verminderte. An die Stelle der Armenanstalt (obwohl diese formal bestehen blieb) trat das Wichernsche 'Rauhe Haus'; Reflexionen, die nicht über den familiären Rahmen der Armen hinausgingen, die in den privaten Lebensbedingungen die Wurzel der Verwahrlosung sahen, ersetzten solche, die abwägten, wie die Arbeit als Grundlage der neuen Zeit am effizientesten gestaltet werden könne. [101]

»Wenn Wichern durch die Hamburger Elendsviertel geht, nimmt er zunächst so gut wie nichts anderes wahr als - Promiskuität (und die extremste Form der Verlumpung). Das ist sein Anhaltspunkt, von dem aus er sich an die Familien heranarbeitet. Er untersucht diese Familien, zerstörte Familien, illegale Konkubinate, uneheliche Kinder - Väter, die ihre Familie vernachlässigen, Mütter, die ihre Kinder verwahrlosen lassen - ein kleines Chaos nach dem anderen. Dazwischen gelegentlich ein kleiner Kosmos, eine ordentliche Familie. Das vornehmste Arbeitsfeld des Sozialarbeiters ist das 'Familienleben', sind die 'privaten' Beziehungen und Probleme der Armen. Bemerkenswert ist hier, wie sich das scheinbar Konkreteste in eine Fiktion verflüchtigt.«[132]

In England wurde die Politik des laissez-faire den Armen gegenüber schon früh diskutiert, im 17. und 18. Jahrhundert von so prominenten Autoren wie J. Locke, D. Defoe und R. Dunning. Defoe bemerkte: »Es erscheint mir wunderlich, aufgrund welcher guten Gründe [...] wir davon ausgehen, daß es unsere Aufgabe ist, ihnen [den Armen, V. St.] Arbeit zu suchen und sie zu beschäftigen, statt sie zu verpflichten, sich selbst Arbeit zu verschaffen und ihr nachzugehen.«[133] Doch war der »freie« Arbeitsmarkt noch nicht genügend konsolidiert, um das Problem der Armen ohne staatliche Eingriffe zu »lösen«.

Im 19. Jahrhundert hatte sich das Bild gewandelt. Die Armen wohnten in riesigen Vierteln, fast ohne jede äußere Kontrolle, völlig auf sich selbst gestellt. East End in London war eines davon. »Die Armenviertel wurden zu einer ungeheuren terra incognita, periodisch von unerschrockenen Missionaren und Forschern beschrieben, die die unersättliche Nachfrage der Mittelklasse nach Reiseerzählungen befriedigten.«[134] Diese Ansammlung der Armen für die Zeitgenossen kaum von Kriminellen unterscheidbar, war eine Quelle ständiger Angst für die Bürger, doch sie reagierten nicht mit verstärkter Kontrolle, der Anordnung der Armen unter ihren Augen, sondern mit räumlicher Trennung. Für ein Jahrzehnt relativ ungetrübter ökonomischer Entwicklung von 1870 bis 1880 war die Society for Organizing Charitable Relief and Repressing Mendicity (C.O.S.) federführend in der Herstellung der Beziehungen zwischen dem East End und dem wohlhabenden West End.[135] Ihre umfangreiche Publikationstätigkeit enthält wertvolles Material, um einige Höhepunkte liberalistischer Fürsorgepolitik kennenzulernen.

Die Gründung der C.O.S . erfolgte 1869, um der Vielfalt der staatlichen und privaten Unterstützungsmaßnahmen zu begegnen. Mit großer Sorge beobachteten die Bürger Londons, meist Angehörige der liberalen Berufe, daß »clever paupers« dies ausnutzten und von verschiedenen wohltätigen Vereinen unterstützt wurden, so daß der Bettlerlohn höher war als der der »honest poor«, die einer Arbeit nachgingen und dabei durch das schlechte Bei-[102]spiel demoralisiert wurden. Es galt also - dies war die Grundintention der C.O.S. -, alle Alternativen zur Arbeit so beschwerlich wie möglich zu gestalten und die Lösung des Armenproblems den Marktkräften zu überlassen. Die Organisation selbst nahm kein Blatt vor den Mund: »Laßt sie [die Armen, V. St.] auf sich selbst gestellt sein, und allein der Druck der Umstände wird sie im Laufe der Zeit über den Arbeitsmarkt verteilen, bis sie allmählich wieder dort im Wirtschaftsleben aufgenommen werden, wo die Nachfrage am größten ist.«[136]

Ab 1875 war Charles S. Loch Sekretär der C.O.S.; er entwarf ihre Ideologie. »Während seines ganzen Lebens entfernte sich Loch nur wenig, wenn überhaupt, von seiner tiefen Feindschaft gegen jeden staatlichen Eingriff. [...] Seine gesamte Laufbahn und die der Organisation, die er beherrschte, beruhten auf der Behauptung, daß Elend (und zu einem beachtlichen Maß auch Armut) die Folge moralischer Schwäche der Individuen sei.«[137] Insbesondere die Arbeitslosigkeit galt Loch nicht als Problem, dem sich staatliche oder soziale Einrichtungen zu widmen hätten, wenn es überhaupt ein reales Problem sei. In seinen Berichten erschien der Begriff Arbeitslosigkeit stets in Anführungszeichen.

Erst die Furcht vor Revolten und der Ausbreitung des Sozialismus in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bewirkte eine Abkehr von dieser Politik. Der Aufstand der Arbeitslosen am 8. Februar 1886 machte den realen Charakter ihrer Probleme auch den Bürgern klar. Etwa 20.000 Beschäftigungslose hatten sich auf dem Trafalgar Square versammelt, um ein öffentliches Arbeitsbeschaffungsprogramm zu fordern.[138] Auf dem Weg zum Hyde Park wurden die Symbole des Wohlstandes angegriffen, Clubs der Reichen, Juweliergeschäfte, Läden, Kutschen. »In einem Wort, das West End war für einige Stunden in den Händen des Pöbels «[139] In den beiden folgenden Tagen erfuhr London, was Paris seit der »grande peur« 1789 kannte: Gerüchte über Plünderungen und Aufstände überstürzten sich, ihre Verbreitung rief tatsächlich Aktionen der Armen hervor. Verängstigte Händler drohten dem Staat, bewaffnete Gruppen aufzustellen, wenn er nicht selber für Ordnung sorge.

In diesem Augenblick erschien die Ideologie des C.O.S. als gefährlich; gegen ihren Widerstand wurde ein umfangreiches Hilfsprogramm entworfen, um die Bedürftigen zu unterstützen, vor allem aber sie zu befrieden. Neue Stimmen regten sich, die uns heute vertraut erscheinen: »Ich bin allmählich zu der Überzeugung gelangt, daß das Hauptübel unseres gegenwärtigen Systems der Armenunterstützung darin liegt, daß es versäumte die Mitarbeit der arbeitenden Klassen selbst zu gewinnen.« Dies schrieb Alfred Marshall 1886 an einen Verfechter der nun überholten Konzeption des C.O.S.[140]


Anmerkungen 

[1] Zit. bei Billacois, François et al., Crimes et criminalité en France.17e-18e siècles, Paris 1971, p. 243.
[2] Vgl. Hamburgisches Armen-Collegio (Hrsg.), Vollständige Einrichtungen der neuen Hamburgischen Armen-Anstalt. Erster Band Hamburg 1788, Teil II.
[3] Zur Veränderung des ländlichen Raumes siehe Kap. V, C dieser Arbeit, zur Neugestaltung einer Stadt siehe z. B. Descimon, R. und Nagle, J.: »Les quartiers de Paris du Moyen Age au XVlll[e] Siècle<<, in: Annales 5/1979.
[4] Camus, J. P., Traite de la pauvreté évangélique, Besançon 1634, p. 5; zit. bei Gutton, J. P., La société et les pauvres. L'exemple de la généralité de Lyon 1534-1789, Paris 1971, p. 9.
[5] Blervache, Clicquot de, Essai sur les moyens d 'améliorer en France la conditiondes laboureurs, des journaliers, des hommes de peine vivant dans les campagnes et celle de leurs femmes et de leurs enfants, Chambéry l789, p. 102; zit. bei Gutton, op. cit., p. 9.
[6] Mereville, François Simon de, Traité de la jurisdiction des prévôts des maréchaux, Paris 1629, p. 35.
[7] Gutton, op. cit., p. 13.
[8] Gutton, op. cit., p. 89.
[9] Schöll, U., Abriß des Jauner- und Bettelwesens in Schwaben nach Akten und anderen sicheren Quellen, Stuttgart 1793, p. 503.
[10] Zit. bei Gutton, op. cit., p. 120; siehe auch Reuss, Rodolphe, La justice criminelle et la police des moeurs à Strasbourg au XVIe et au XVlle siècle, Strasbourg 1885, p. 95.
[11] Gutton, op. cit., p. 143.
[12] Delamare, Traité de Police (4 Bde.), Bd. 1, p. 194, Amsterdam 1729.
[13] Siehe ebenda, p. 193.
[14] Mit diesen Befürchtungen verbrachte der holländische Reisende Arnold van Buchel eine Nacht, »nicht ohne zu zittern«, auf seinem Weg nach Paris. A. van Buchel, »Déscription de Paris« (1585), in: Mémoires de la société de l'histoire de Paris et de I'Ile de France, Bd. 26, 1899, p. 68.
[15] Sigal, Pierre André, »Pauvreté et charité aux Xl[e] et Xllé siècles«, in: Mollat, Michel (Hrsg.), Etudes sur l'histoire de la pauvreté (Moyen âge-XVI[e] siècle), 2Bde., Paris 1974, Bd. 1, p. 152.
[16] Hamburgisches Armen-Collegio, op. cit., Teil 1, p. 45.
[17] Gutton, op. cit., p. 148.
[18] Schöll, J. U., Abriß des Jaunerwesens, op. cit., p. 416.
[19] Ebenda, p. 418.
[20] Zit. in: Thompson, E.P., »Die >sittliche Ökonomie< der englischen Unterschichten im 18. Jahrhundert«, in: Puls, Thompson u.a., Wahrnehmungsformen und Protestverhalten, Frankfurt 1979, p. 31.
[21] Duby, G., Krieger und Bauern, op. cit., p. 104.
[22] Lallemand, L., op. cit., p. 156.
[23] Siehe Platter, Thomas, Lebensbeschreibung, Klosterberg-Basel, 1944.
[24] Siehe Ariès, Philippe, Geschichte der Kindheit, München 1978, p. 286-288, p. 357-361.
[25] Ebenda, p. 358.
[26] Ebenda, p. 451.
[27] Ebenda, p. 448.
[28] Friedmann, Georges, Où va le travail humain? Paris 1950, p. 26.
[29] Siehe Grand, R./ Delatouche, R., L'agriculture au Moyen Age de lafin de l'empire romain au XVle siècle, Paris 1950, p. 228.
[30] Ebenda, p. 229.
[31] Le Trosne, Guillaume François, Mémoire sur les vagabonds et sur les mendiants, Soissons, Paris 1764, p. 3.
[32] Lallemand, L., op. cit., p. 156.
[33] Archives departementales Rhône, B, maréchaussée, 1741, dossier Duclos, F.H.; zit. bei Gutton, op. cit., p. 177.
[34] Büsch, Johann Georg; Erfahrungen Bd. 3, Hamburg 1792, p. 262-263.
[35] Zit. bei Gutton, op. cit., p. 201.
[36] Hobsbawm, Eric J., Die Banditen, Frankfurt 1972, p. 60.
[37] Siehe Postel-Vinay, Gilles, La rentefoncière dans le capitalisme agricole, Paris 1974, p. 62-63; siehe auch Le Trosne, Guillaume F., Mémoire sur les vagabonds, op. cit., p. 4.
[38] Vgl. Lallemand, L., Histoire de la charité, op. cit., Bd. 4.1., p. 157.
[39] Lallemand, L., op. cit., Bd. 4.1., p. 159; Misraki, Jacqueline, »Criminalité et pauvreté en France à l'époque de la guerre de cent ans«, in: Mollat, M., Etudes sur la pauvreté, op. cit., Bd. 2, p. 539.
[40] Paultre, Christian, De la répression de la mendicité et du vagabondage en France sous l'ancien régime, Paris 1906, p. 42-43.
[41] Ebenda, p. 34-35.
[42] Nach Delumeau, Jean, Vie économique et sociale de Rome, op. cit., Bd. I, p. 405-407.
[43] Sauval, H., Histoire et recherches des antiquités de la ville de Paris, Paris 1724, 3 Bde., Bd. 1, p. 512. Zit. bei Paultre, op. cit., p. 40-41.
[44] Gutton, op. cit., p. 216. Siehe auch Marshall, Dorothy, The English Poor in the Eighteenth Century (1926), London 1969, p. 16.
[45] Graus, »Au bas Moyen âge: Pauvres des villes et pauvres des campagnes«, in: Annales (ESC) 1961, p. 1055; siehe auch E. Le Roy Ladurie, Montaillou, village occitan de 1294 á 1324. Paris 1975, p. 556-557.
[46] Vgl. Mollat, Michel, »La notion de pauvreté au moyen âge«, in: Revue d'Histoire de l'Eglise de France (RHEF) 1966, p. 9.
[47] Vgl. Rapp, Francis, »L'église et les pauvres à la fin du moyen âge: I'exemple de Geiler de Kaiserberg«, in: RHEF 1966, p. 41.
[48] Zit. bei Gutton, op. cit., p. 217.
[49] Siehe Mollat, M., »La notion...«, art. cit., p. 5.
[50] Duby, G., »Les pauvres des campagnes dans l'occident médiéval jusqu' au XIII[e] siècle«, in: RHEF 1966, p. 28.
[51] Siehe Grand/ Delatouche, L'agriculture..., op. cit., p. 224.
[52] Duby, G., art. cit., p. 28.
[53] Zit. in Favreau, Robert, »Pauvreté en Poitou et Anjou à la fin du moyen âge«, in: Mollat, M. (Hrsg.), Etudes sur l'histoire..., Bd. 2, p. 604. Die weiteren Angaben ebenda, p. 600-601.
[54] Vgl. Ronciere, Charles-M. de la, »Pauvres et pauvreté à Florence au XIV[e] siècle«, in: Mollat, M. (Hrsg.), Etudes..., op. cit., Bd. 2, p. 669.
[55] Vgl. Rapp, Francis, »L'église et les pauvres...«, art. cit., p. 42.
[56] Vgl. zum folgenden Asséo, Henriette, »Marginalité et exclusion. Le traitement administratif des Bohémiens«, in: Problemes socio-culturels en France au XVIIe siècle, Paris 1974.
[57] Ebenda, p. 17.
[58] Königl. Edikt von 1673, zit. ebenda, p. 44.
[59] Charles, François Jacques, Dictionnaire universel de Justice, Police, Finance (1725), Art. >Bohemien<, zit. Asséo, op. cit., p. 50.
[60] 1619 z.B. dekretierte Philipp III. von Spanien: »Sie mögen innerhalb von sechs Monaten aus unserem Reich ausreisen, und sie mögen dorthin nicht zurückkehren, bei Strafe des Todes.« In England wurden zur Zeit der Herrschaft Heinrichs VIII. in dem Act concerning outlandish people calling themselves Egyptians ähnliche Bestimmungen erlassen. Vgl. L. Lallemand, Histoire..., op. cit., Bd. 4.1, p. 200-201.
[61] H. Asséo, op. cit., p. 39.
[62] Vgl. Gutton, op. cit., p. 249-251.
[63] Büsch, J. G., Erfahrungen, Bd. 3, Hamburg 1792, p. 238.
[64] Zit. bei Gutton, op. cit., p. 273.
[65] Zit. bei Gutton, op. cit., p. 272.
[66] Ebenda, p. 273.
[67] Vgl. auch E. Le Roy Ladurie, Les paysans de Languedoc, op. cit., p. 153.
[68] Busch, Erfahrungen, op. cit., p. 269.
[69] Vgl. Foucault, Michel, Wahnsinn und Gesellschaft, Frankfurt 1973, p. 71.
[70] Art. XIII des Ediktes von 1656; zit. bei Foucault, op. cit., p. 72.
[71] Art. XII, zit. ebenda, p. 73. Siehe auch Gutton, op. cit., p. 333.
[72] Vgl. Boissonnade, Paul, Colbert. Paris 1932, p. 122.
[73] An Account of Several Workhouses for Employing and Maintaining the Poor, London 1732, p. XI.
[74] Wagnitz, H. B., Historische Nachrichten und Bemerkungen über die merkwürdigsten Zuchthäuser in Deutschland, 2 Bde., Halle 1791, Bd. 2, p. 119.
[75] Siehe Foucault, op. cit., p. 77-78.
[76] Vgl. Wagnitz, op. cit., p. 119.
[77] »Diese Zuchthäuser waren [...] für alle bestimmt, die irgendwie dem geordneten staatlichen Leben lästig [...] zu werden drohten.« Wagner, Fr., Aus der Geschichte des fürstenbergischen Zucht- und Arbeitshauses in Hüsingen. Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar und der angrenzenden Landesteile in Donaueschingen, Heft XVII, 1928, p. 102.
[78] Grendi, Eduardo, »Pauperismo e Albergo dei Poveri nella Genova del seicento«, in: Rivista storica italiana, 1975, p. 648.
[79] Pignot, Albert, L'hôpital du Midi et ses origines. Recherches sur l'histoire de la syphilis a Paris, Paris 1885, p. 85.
[80] Ebenda, p. 86.
[81] Siehe Wagner, Fr., art. cit., p. 118-120.
[82] Stemmer, Walter, Zur Geschichte des Waisen-, Toll- und Krankenhauses sowie Zucht- und Arbeitshauses in Pforzheim (Diss.), Berlin 1913, p. 8.
[83] Ebenda, p. 13.
[84] Ebenda, p. 23.
[85] Siehe Lallemand, L., op. cit., Bd. 4.1, p. 235.
[86] Ebenda, p. 236.
[87] 1714; zit. in: Asséo, H., Marginalité et exclusion, op. cit., p. 63.
[88] Zit. in: Brandt, Martin, Die Bestrebungen der Hamburgischen Armenanstalt von 1788 zur Erziehung der Armenbevölkerung, Hamburg 1937, p. 22.
[89] Verhandlungen und Schriften der Hamburgischen Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe, Hamburg 1792, p. 178; zit. bei M. Brandt, op. cit., p. 23.
[90] Siehe Lallemand, L., op. cit., p. 238-239; Foucault, M., op. cit., p. 77-78.
[91] 43 Eliz. c. 2; zit. bei Marshall, D., The English Poor in the Eighteenth Century, London 1969, p. 125.
[92] Marshall, D., op. cit., p. 1.
[93] Ebenda, p. 128.
[94] Scott, J., Observations on the Present State of the Parochial and Vagrant Poor, 1773; zit. bei Marshall, D., op. cit., p. 137.
[95] Zit. ebenda, p. 144.
[96] An Account of Several Workhouses, op. cit., p. 115; zit. auch bei Marshall, D., op. cit., p. 151-152 (Hervorhebung von mir, V. St.).
[97]An Account..., op. cit., p. 128.
[98] Ebenda, p. 143.
[99] Lallemand, L., op. cit., p. 155
[100] Ebenda, p. 230-231.
[101] Siehe Foucault, M., op. cit., p. 81.
[102] »Luzifers Hochmut war Anfang und Ursache alles Verderbens. So sah Augustin es, und so blieb es auch in der Vorstellung der Späteren: der Hochmut ist die Quelle aller Sünden, aus ihm wachsen sie heraus, wie aus ihrer Wurzel und ihrem Stamm.« Huizinga, J., Herbst des Mittelalters, München 1924, p. 29.
[103] Foucault, M., op. cit., p. 90.
[104] Vgl. Le Goff, Jacques, Pour un autre moyen âge, Paris 1977, p. 12.
[105] Dante, Die Göttliche Komödie, Paradiso Xl, 64-66, Zürich 1963. Die Frau ist die Armut, ihr erster Gatte Christus. Dann, nach 1100 Jahren, kam Franziskus, sie zu freien.
[106] Fazio degli Uberti, Liriche edite ed inedite, Florenz l883, p.177; zit. nach Raul Manselli, De Dante â Colluccio Salutari, Discussions sur la pauvreté à Florence au XIVe siècle.
[107] Vgl. Paultre, Christian, De la répression de la mendicité..., op. cit., p. 189.
[108] Musquinet de la Pagne, Bicêtre reformé. Etablissement d'une maison de discipline, Paris 1784, p. 22.
[109] Postel-Vinay, Gilles; La rente foncière dans le capitalisme agricole, Paris 1974, p. 63.
[110] Siehe z.B. Gutton, op. cit., p. 308, 310, 319; ebenso Hamburgisches Armen-Collegio, Vollständige Einrichtung der neuen Hamburgischen Armenanstalt, Erster Band, Hamburg 1788, Teil 1, p. 7.
[111] Wm. Bailey, Treatise on the Better Employment and more Comfortable Support of the Poor in Workhouses, London 1758, p. 45.
[112] So z.B. Le Trosne, Mémoire..., op. cit., p. 39 ff.
[113] Barberino, Francesco da, I documenti d'amore. 4 Bde., Rom l905ff., Bd.II, p.175: »Non vide che meglio era in pace poco, cogni abbondança e nela mente foco.«
[114] Siehe Rapp, Francis, »L'église et les pauvres...«, art. cit., p. 45.
[115] Kula, W., Théorie economique du système féodal, Paris 1970, p. 81.
[116] Vgl. Foucault, M., op. cit., p. 81.
[117] Boissonnade, P., Colbert, Paris 1932, p. 128.
[118] Siehe: An Account of Several Work-Houses..., op. cit., p. 78.
[119] Vgl. Howard, John, Etat des prisons, des hôpitaux et des maisons de force. Paris 1788, 2 Bde. Bd. I, p. l55, p. 302-303; siehe auch Wagnitz, op. cit.; L. Lallemand, op. cit., p. 235; E. Grendi, »Pauperismo e Albergo dei Poveri...«, art.cit., p. 654.
[120] Zit. bei Gutton, op. cit., p. 358-359.
[121] Ordonanz vom 10. 10. 1669, zit. bei Lallemand, L., op. cit., Bd. 4.1, p. 300.
[122] Zit. bei Lallemand, L., op. cit., p. 301 (Hervorhebung von mir, V. St.).
[123] An Account of..., op. cit., p. 127. Siehe auch ebenda, p. 83.
[124] Marwitz, Friedrich August Ludwig von der, »Von den Ursachen der überhandnehmenden Verbrechen« (1836), in: Jantke, Carl/ Hilger, Dieter (Hrsg.), Die Eigentumslosen, Freiburg, München 1965, p. 134-148, hier p. 138-139. Ähnlich auch bei Herrmann Graf zu Dohna, »Über das Los der freien Arbeiter« (1847), ebenda, p. 244-255.
[125] von der Marwitz, op. cit., p. 139.
[126] Ebenda, p. 140.
[127] Vgl. hierzu Delumeau, Jean, Vie économique et sociale de Rome dans la seconde moitié du XVIe siècle, op. cit., Bd. 1., p. 424ff.
[128] Siehe Larivaille, Paul, La vie quotidienne des courtisanes en Italie au temps de la Renaissance, Paris 1975, Kap. 11.
[129] Mit der Errichtung der Armen-Anstalt 1788 war nicht nur der Plan verbunden, Elend zu mildern oder zu beseitigen, sondern ihm sogar vorzubeugen. Für einige Jahre war in Hamburg die Arbeit für alle garantiert. Siehe Hamburgisches Armen-Collegio (Hrsg.), Vollständige Einrichtungen der neuen Hamburgischen Armen-Anstalt; nähere Erläuterungen für die Herren Armenpfleger, 1. Bd., Hamburg 1788; Caspar von Voght, »Über die Einrichtung der Hamburgischen Armenanstalt im Jahre 1788; (1796), in: Jantke/ Hilger, Die Eigentumslosen, op. cit., p. 197 -207; Ernst Köhler, Arme und Irre. Die liberale Fürsorgepolitik des Bürgertums, Berlin 1977.
[130] E. Köhler, op. cit., p. 100.
[131] Nach dem Protokoll des Armenkollegiums 1819-1824, zit. bei Köhler, p. 103.
[132] Köhler, E., op. cit., p. 114.
[133] Defoe, D., Giving alms no charity, 1704, zit. bei D. Marshall, The English Poor..., op. cit., p. 47.
[134] Stedman Jones, G., Outcast London, Oxford 1971, p. 14. Siehe auch Thompson, E. P., The Making of the English Working Class, Harmondsworth 1976, p. 355-356.
[135] Zur C.O.S. siehe auch Owen, David, English Philanthropy 1660-1960. Cambridge Mass., 1964.
[136] Charity Organisation Review, Vol. 1, 1885, p. 119, zit. bei Jones, op. cit., p. 297.
[137] Owen, D., English Philanthropy, op. cit., p. 228.
[138] Vgl. Stedman Jones, G., op. cit., p. 291 f.
[139] The Times, 9.2.1886, zit. bei Stedman, op. cit., p. 292.
[140] Memorials of Alfred Marshall, ed. by A.C. Pigou, London 1925, p. 373.


aus: Volker Stamm: Ursprünge derWirtschaftsgesellschaft. Geld, Arbeit und Zeit als Mittel der Herrschaft. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsbuchhandlung 1982, S. 77 - 103.

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