Heinz Czaplewski

Soziale Erlebnisse eines Obdachlosen
Die Würde des Menschen ist angetastet!

Rede zur Kundgebung am Freitag, dem 6. November 1998 um 11:00 Uhr vor dem Rathaus Neukölln

Meine Damen und Herren,

meine Erfahrung mit den Sozialämtern war auch nicht immer die Beste. Ich kenne sehr viele Ämter. Auf meiner Wanderzeit ist es mir oft passiert, daß ich in größeren Städten beim Sozialamt bis zu 6 Stunden auf meinen Tagessatz gewartet habe, und dieser wurde mir nicht einmal in voller Höhe gewärt, da ich ofW (= ohne festen Wohnsitz) war. Oft wurde ich von den Sachbearbeitern schroff behandelt, wie der letzte Penner. Das Wort Penner soll keine Beleidigung sein, denn ich bin es geblieben.

1993 bin ich nach Berlin gekommen, ich bin hier auf das Herzlichste begrüßt worden. Von Bahnhof geschmissen binnen 3 Minuten, in der Notübernachtung Fasanenstraße vom Sozialarbeiter dumm angemacht worden und zum Sozialamt nach Hellersdorf geschickt. Dort versuchte man mir, plausibel zu machen, daß ich in der verkehrten Stadt bin. Man wollte mich abschrecken und einschüchtern. Das gelang nicht. So bekam ich eine Unterkunft in einem Obdachlosenwohnheim zugewiesen.

Aber das Tollste war: In einer Abteilung vom Sozialamt mußte ich noch drei Stunden warten. Als ich dann dran war, gab man mir zu bedenken, es sei Freitag und schon 13:00 Uhr, und die Kasse hätte geschlossen. Ich sollte am Dienstag der darauffolgenden Woche wiederkommen, wenn ich alle Formalitäten mit der Anmeldung erledigt hätte. Da mußte ich lachen! Kein Geld für die Anmeldung, kein Fahrgeld, nichts zu Fressen - und das bis Dienstag - immerhin 5 Tage. Mir blieb nichts anderes übrig, als Betteln zu gehen.

Direkt danach habe ich den Straftatbestand des Schwarzfahrens erfüllt und bin zu meiner Unterkunft, die mir zugewiesen war, gefahren. Ich habe mich beim Verwalter gemeldet und bin in ein Drei-Personen-Zimmer gekommen. Ich wollte erstmal Duschen, aber das erwies sich als schwierig. Die Duschen waren so versifft, daß man dreckiger herausgekommen wäre als man hineinging. So beschloß ich, daß ich sauber bin.

Aber ich mußte auch im Verlauf des Abends mal Scheißen. Das war ein Ding: Zuerst habe ich die Gummistiefel gesucht, die natürlich nicht da waren. Von drei Toiletten waren zwei verstopft und eine zugeschissen, ohne sauber zu machen. Natürlich fehlte die Brille. Die Toilette wackelte an allen Ecken. Mit dieser Nummer hätte ich im Zirkus auftreten können.

So gegen Mitternacht kam mein Kollege, der das Bett über mir hatte, total besoffen ins Zimmer. Kann passieren. Er kletterte ins Bett, aber nicht ohne mich zu wecken. Kaum lag er, mußte er kotzen. Natürlich in mein Bett. Ich zog die Bezüge ab und wollte vom Nachtdienst neue haben. In fremder Kotze liegt es sich schlecht. Es sagte: "Du hast doch gestern welche bekommen!" Ich schilderte ihm das Malheur, die Antwort: "Es gibt keine neue Bettwäsche! Hau den Kollegen doch aus seiner Bettwäsche raus und gib im Deine!" Daß ich schnellstens aus dem Haus verschwand, versteht sich von selbst.

Ich schilderte dem Sozialamt diesen Vorfall und wollte eine andere Unterkunft. Es sei nichts frei, hieß es. So verabschiedete ich mich mit Götz von Berlichingen. Aber es ging auch anders:

Nach 6 Monaten bin ich zum Sozialamt von Pankow gekommen, denn ich hatte mich im Bezirk Pankow niedergelassen und eine Meldeadresse. Dort wurde ich auch menschlich behandelt. Man gewährte mir meine Sozialhilfe sofort. Und mit der Zeit bekam ich eine Anstellung über "Hilfe zur Arbeit" für ein Jahr.

Die Politiker sagen: "Die Ämter sind für die Bürger da!" - Leider scheint dieses an einigen Ämtern noch nicht vorgedrungen zu sein. Wie wäre es mit Informationen, denn schließlich sind auch wir Kunden von diesen Ämtern? Gäbe es uns nicht, gäbe es mehr Arbeitslose. Also sollten sich die Sachbearbeiter von den Ämtern gefälligst so verhalten, sonst stehen sie draußen.

Heinz Czaplewski,
Vorsitzender von mob - obdachlose machen mobil e.V./strassenfeger
Beirat in der Bundesbetroffeneninitiative wohnungsloser Menschen e.V.

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Thesenpapier zu Obdachlosigkeit und Armut

Bei unseren Kollegen vom "Herbstwind", dem Straßenmagazin für die Region Offenburg fanden wir folgendes Thesenpapier. Wir dokumentieren es an dieser Stelle, weil die darin genannten Aussagen deckungsgleich sind mit unserer Einschätzung der Situation und der daraus sich ergebenden Forderungen. Insbesondere die gleichberechtigte Mitwirkung Wohnungsloser und ehemals Wohnungsloser in allen Bereichen von Politik und sozialen Einrichtungen (dies würde auch ein Vetorecht bei Entscheidungen mit beinhalten) ist uns als Selbsthilfeprojekt ein wichtiges Anliegen.


  1. Die Sozial-, Wirtschafts-, Gesundheits-, Bildungs- und Wohnungspolitik ignorieren bzw. nehmen die weitere Verarmung bzw. Verelendung von vielen Gruppen (bis zu einem Drittel der Gesellschaft) billigend in Kauf.

  2. Die Lebenslagen von Wohnungslosen sind Ausdruck absoluter Armut. Und dies in einem reichen Land. Die sozialen Spannungen wachsen in Deutschland und in Europa.

  3. Wohnungslose haben einen Anspruch auf gesellschaftliche Anerkennung und die Gewährung entsprechender sozialer Hilfen.

  4. Soziale, kulturelle, ökonomische oder politische Teilhabe von Wohnungslosen findet weder vor Ort noch im gesellschaftlichen Rahmen zureichend statt.

  5. Frauen, seelisch Kranke, Drogen- bzw. Aidskranke, Langzeitarbeitslose und Jugendliche ohne Perspektiven gehören zu den besonders gefährdeten Gruppen auf der Straße.

  6. Kommunale Hilfen für Wohnungslose und sonstige Armutsgruppen sind vielfach weder niedrigschwellig erreichbar noch konzeptionell auf die Lebenssituation wohnungsloser bzw. armer Menschen ausgerichtet.

  7. Verbote, bürokratische Regelungen, unterbesetzte persönliche Dienste, mangelhafte Standards dominieren die ambulanten bzw. stationären Hilfen.

  8. Ansätze für die Verbesserung der Lebenssituation von wohnungslosen Menschen sind:
  • Niederschwelliger Zugang zu sozialen Institutionen, keine Abschiebung von Frauen, Paaren, Alten und Kranken...,

  • Konzeptionelle Offenheit von stationären und ambulanten Hilfen für Beteiligung und Mitbestimmung von Wohnungslosen,

  • Mitarbeit von ehemals Wohnungslosen in professionellen Diensten, Übernahme von Angeboten und Einrichtungsteilen in Eigenverantwortung (z.B. Wärmestuben, Tagescafés, Streetwork, Straßenzeitung, Tag- und Nachtdienste etc.),

  • Weiterentwicklung sozialer und kultureller Angebote an Wohnungslose im Sinne von Lobbyarbeit und Vernetzung,

  • Aufbau von eigenen Organisationen und Wohnungslosen vor Ort und auf Bundesebene (Initiativen, eingetragene Vereine, Straßenzeitungen etc.),

  • Schaffung von sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen für Wohnungslose.
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