Jennifer Toth

Der Untergrund in Geschichte, Literatur und Kultur 

"Doch verkennt mich, wer glaubt, daß ich feige bin und etwa nur aus Feigheit meinen Bau anlege."
Franz KAFKA, Der Bau.

Der selbsternannte Engel des Bösen personifiziert die instinktive Furcht, die viele gegenüber dem Untergrund und den Lebewesen, die dort existieren, hegen. Unsere Wahrnehmung dieser Region und der Leute, die dort leben, ist durch Schrecken erzeugende Vorstellungen geprägt, die in unserer Kultur von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden. In der Literatur und in der Geschichte wurden die Tiefen der Erde über Jahrhunderte hindurch als ein Gebiet dargestellt, in dem das Böse und Irrationale gedeihen. Sie sind der ideale Projektionsraum für das Dunkle, Unbekannte und Unheilverkündende und eine Quelle, aus der sich begierig Phantasien speisen.

Aus diesen Vorstellungen heraus ist in der Kultur des Westens der Untergrund zur Metapher für eine bestimmte Gedankenwelt, ein bestimmtes soziales Umfeld sowie ein bestimmtes ideologisches Konzept geworden. Er wird als bedrohliche Kehrseite der überirdischen Gesellschaft dargestellt. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die symbolische Bedeutung der Metaphern, die sowohl in der Geschichte als auch der Literaturgeschichte immer wieder auftauchen, stark verändert. Dennoch haben diese Metaphern weitverbreitete und zählebige Begriffsinhalte, zerstörerische Vorurteile und eine naive, aber tief verwurzelte Furcht vor der Dunkelheit hervorgebracht, woraus sich die ernsthaften Hindernisse erklären, die einer Hilfe für die Obdachlosen im Untergrund entgegenstehen. Glücklicherweise interessiert sich die Forschung für dieses kulturelle Erbe, untersucht es und stellt es dar - ein erster Schritt auf dem Weg, uns selbst von diesem Erbe und seinen schädlichen Einflüssen lösen zu können.

In der Literatur wird der Untergrund in den seltensten Fällen als ein Garten Eden entworfen. Zu den wenigen Ausnahmen gehört eine antike Legende, in der es die Verheißung eines 1500 Kilometer langen Tunnels gibt, der zu einer phantastisch wohlhabenden und hochentwickelten Zivilisation führen soll. Mehrere moderne Autoren haben versucht, den Ort aus dem dunklen Untergrund in die erhabenen Berge Tibets zu verlegen - ein Beispiel dafür ist die Hollywood-Verfilmung von Shangri-la - oder aber in die unendlichen Meere von Atlantis. Für die Anhänger der antiken Legende bleibt der Ort jedoch noch immer der Untergrund, und manche behaupten sogar, daß das Tunnelsystem unter dem New-Yorker Central Park Teil des legendären Netzwerkes sei.

Statt eines Garten Eden ist der Untergrund jedoch vor allem lange Zeit gleichbedeutend mit der Hölle gewesen, und zwar in der Bibel und ihren Auslegungen. So fuhren beispielsweise die Höllenkreise DANTES nach unten. Autoren des 19. Jahrhunderts benutzten den Untergrund als Metapher für ein Volk, das an der Oberfläche lebte, aber durch Verbrechen und drückende Armut dem Untergang geweiht war. Die heutige Welt des Verbrechens heißt in der Umgangssprache die "Unterwelt".

In ihrem Buch "Notes on the Underground" zeigt die Historikerin Rosalind WILLIAMS, daß man den Untergrund nicht immer gefürchtet hat. Sie argumentiert, daß die Untergrund-lkonographie den Interpretationen in Literatur und Geschichte folgt, wo die Unterwelten als technisches Milieu interpretiert werden. Die Furcht vor dem Untergrund tauchte historisch zeitgleich mit der Furcht vor dem technischen Fortschritt auf.

In der Urgeschichte war der Untergrund ein beruhigender Zufluchtsort vor den natürlichen Gefahren an der Erdoberfläche. Die ersten Bauten der Menschheit waren eher Höhlen als Gebäude, die "den Wunsch verkörperten, in die dunkle Sicherheit der Gebärmutter zurückzukehren, was ebenso ursprünglich ist wie vormythisch", schreibt WILLIAMS. Bis zum Anbruch des wissenschaftlichen Zeitalters hatte die Erde das Image einer Nährmutter. Laut Williams war sie "eine geheiligte Größe". "In die Erde zu graben, kam einer Vergewaltigung nahe. Aus diesem Grunde war Bergbau ein Unternehmen von zweifelhafter Moral, einer Verstümmelung und Schändung vergleichbar." Bis zum Ausgang des Mittelalters war es eine rituelle Handlung, eine Mine anzulegen, und bevor man in den geheiligten Untergrund eindrang, wurden religiöse Zeremonien abgehalten.

Aber in der Renaissance veränderten sich die Erzählungen über Reisen in die Unterwelt. Aus den geistlichen Erzählungen, die man mündlich übermittelte, wurden weltliche Erzählungen, die man nun aufschrieb. In diesen Erzählungen entdecken abenteuerlustige, verrückte oder unglückliche Reisende eine Unterwelt, die sie betreten, aus der sie manchmal jedoch nicht wieder auftauchen.

In einigen dieser Erzählungen finden sich immer noch die Spuren der früheren geistlichen Erzähltradition. William BECKFORD er zählt in "Vathek" (1787), wie der Kalif Vathek, ein hochmütiger Monarch voller Machtgier und Sinneslust, einen Pakt mit Eblis, dem orientalischen Satan, eingeht. Nachdem der Kalif seiner Religion und Gott abschwört, darf er Eblis' "Palast des unterirdischen Feuers" betreten, der unter den Ruinen einer alten Stadt liegt und in dem sich Schätze und Talismane befinden. Als sich Vathek und seine Geliebte der Ruinenstadt nähern, öffnet sich vor ihnen eine steinerne Plattform. Eine Treppe aus poliertem Marmor geleitet sie hinunter in das Reich des Eblis: "(...) sie fanden sich an einem Ort wieder, der, obgleich es sich um ein Gewölbe handelte, so weit und hoch war, daß sie ihn zunächst für eine große Ebene hielten. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Größe der sie umgebenden Gegenstände, sie entdeckten Säulenreihen und Arkaden, die so weit in die Ferne reichten, bis sie sich am Horizont in einem leuchtenden Punkt trafen, so wie die untergehende Sonne das Meer mit ihren letzten Strahlen färbt." Sie sehen eine riesige Halle, die von bleichen Geistern umgeben ist, einige davon kreischen, andere sind still, alle haben glimmende Augen und bedecken mit der rechten Hand ihr Herz, das vom Feuer verspeist wird. Vathek und seine Geliebte fangen vor Haß an zu brennen und werden zu ewiger Hoffnungslosigkeit verdammt.

Jorge Luis BORGES pries in seiner Einleitung zu "Vathek" das Buch als "die erste richtig grausame Hölle in der Literatur". BECKFORD schuf den Präzedenzfall für einen dämonischen Untergrund, der sich in zeitgenössischen Arbeiten, wie Jean-Paul SARTRES "Bei geschlossenen Türen", fortsetzt.

Die Technik ermöglichte neue Vorstellungen vom Untergrund, und in einigen Büchern wurden die Tiefen als Quelle des Wissens und der philosophischen Wahrheit dargestellt. In der Spätrenaissance entstand eine neue Art intellektueller Forschung, Naturwissenschaften genannt - und heute Wissenschaft -, die die Bilder vom Bergbau dazu benutzte, um ihre Grundsätze und Methoden zu erklären. Francis BACON verwendete das Ausschachten von Erde als Metapher, wenn er Forschern nahelegte, "tiefer und tiefer in der Mine natürlichen Wissens" zu graben. Weil tief in der Erde, "in gewissen tiefen Minen und Höhlen, die Wahrheit der Natur versteckt läge" (vgl. WILLIAMS, "Notes on the Underground").

Im gesamten 18. Jahrhundert und noch Anfang des folgenden bedienten sich die Philosophen und Gesellschaftstheoretiker des Untergrundes als Metapher dafür, zur Wahrheit vorzudringen. "Die Elenden", Victor HUGOS Roman von 1862 über einen Aufstand der Unterschicht in Frankreich, ist eines der besten Beispiele für die erzählerische Erkundung des Untergrundes, sowohl in metaphorischer wie literarischer Hinsicht. Entscheidende Ereignisse läßt HUGO in den Abwasserkanälen unter der Stadt Paris stattfinden.

Der Autor erklärte, warum er metaphorisch in die Tiefen gereist ist:

"Die Mission des Moral- und Begriffshistorikers ist ebenso ernsthaft wie die des Historikers, der Ereignisse aufzeichnet. Der letztere betrachtet die Oberfläche der Zivilisation bei Tageslicht, betrachtet das äußere Geschehen: die Auseinandersetzungen der Königshäuser, die Geburten von Prinzen, die Ehen der Könige, die Schlachten, die Treffen, die großen Persönlichkeiten, die Revolutionen. Der Moral- und Begriffshistoriker beschäftigt sich mit dem Innenliegenden, mit den Grundlagen, mit den Leuten, die arbeiten, die leiden und die warten, mit überlasteten Frauen, mit schrecklicher Kindheit, mit den geheimen Kriegen, die die Männer gegeneinander führen, den verborgenen Grausamkeiten, den Vorurteilen, den bestehenden Ungerechtigkeiten, den verborgenen Auswirkungen des Gesetzes, den geheimen Entwicklungen, die die Seele nimmt, dem dunklen Erschaudern der Menschenmenge, dem Hunger, den Barfüßigen, den Unbewaffneten, den Enterbten, den Waisen, den Unglücklichen und den Ehrlosen und all den Geistererscheinungen, die in der Dunkelheit umherwandern. (...) Ist die Unterwelt der Zivilisation, weil sie tiefer und trüber ist, weniger wichtig, als der obere Teil? Kennen wir den Berg wirklich, ohne die Höhle zu kennen?"

WILLIAMS meint, daß die Historiker auf HUGOS Herausforderung eineinhalb Jahrhunderte lang eingegangen sind und unter der Oberfläche und dem, was diese zeigt, gegraben haben und unter getauchte und unterdrückte Gruppen zutage gebracht haben (Homosexuelle, Kriminelle, Frauen), unterdrückte Beweise (Träume, sexuelle Gebräuche, gedankliche Konstrukte) und unterdrückte Kräfte (ökonomische, technologische und ökologische).

Die Literatur des Realismus im 19. Jahrhundert benutzt das Thema der Reise in den Untergrund häufig als Suche. Auf der Suche nach gesellschaftlicher Wahrheit steigt der Pilger in die Niederungen der Gesellschaft hinab", heißt es bei WILLIAMS. "Der Abstieg hat stets metaphorische Bedeutung, dürfte aber angesichts der Lebensbedingungen der Armen zugleich auch wörtlich zu nehmen sein."

Insbesondere Englands viktorianische Realisten, wie Charles DICKENS, William THACKERAY und George ELIOT, wurden für ihre realistischen Darstellungen gesellschaftlichen Lebens im "Untergrund" gelobt. George GISSINGS Roman von 1889, "Die Welt dort unten", ist von unheimlicher Voraussicht, indem seine Beschreibungen von Menschen in einer Notlage auf die Obdachlosen im Untergrund von heute Verweisen. In seinem Buch sind jedoch die Menschen, die ums Überleben kämpfen und darum, sich ein Minimum an Würde zu erhalten, unter der Oberfläche tatsächlich gefangen - und zwar nicht, wie die Obdachlosen, durch soziale Umstände.

Es war HUGO, der das Bild einer dunklen Unterwelt am wirkungsvollsten benutzte, um den Reichen und Mächtigen zu drohen. Seine unterirdische Welt ist nicht nur arm, sondern zugleich verhängnisvoll für die französische Gesellschaft. "Die Männer hörten unter ihren Füßen ein gedämpftes Geräusch, als einige geheimnisvolle Maulwurfshügel an der Oberfläche der Zivilisation auftauchten, als die Erde rissig wurde, sich die Höhlenmündungen öffneten und die Männer plötzlich monströse Köpfe aus der Erde emporschnellen sahen."

Aus einem "riesigen schwarzen Loch ... hörte man das schwache Grollen der düsteren Stimmen des Volkes. Eine furchtsame und heilige Stimme, bestehend aus dem Röhren eines Scheusals und der Stimme Gottes..., die zur gleichen Zeit von unten, wie Löwengebrüll, und von oben, wie Gewitterdonner, kommt."

Obwohl HUGO den Leser der Brutalität des unterirdischen Lebens aussetzt, setzt er ebenso die unlösbaren Verbindungen zwischen der überirdischen und unterirdischen Gesellschaft in Szene, wie zum Beispiel in der Verfolgungsszene, in der Marius von Jean Valjean durch den Abwasserkanal getragen wird. HUGOS Botschaft besteht darin, daß die Gesellschaft im Untergrund zur Gesamtgesellschaft gehört und sie deshalb auch von ihrem Elend befreit werden kann.

MARX und FREUD, behauptet WILLIAMS, benutzten so häufig Untergrundmetaphorik, daß es heute nahezu unmöglich sei, einen Text über die Unterwelt zu lesen, ohne ihn im Sinne von MARX oder FREUD zu interpretieren.

Was den realen Untergrund betrifft, so wurde die unterirdische Grundlage der modernen Industrie zwischen dem späten 18. und späten 19. Jahrhundert mit dem Bau eines Verkehrsnetzes aus Kanälen und Eisenbahnlinien entwickelt. Darauf folgte die Konstruktion von Abwasserkanälen, Hauptwasserleitungen, Dampfröhren, U-Bahnen, Telefon- und Elektroleitungen und machte die Wechselwirkung und Koordination der Stadt oben mit ihrem lebenserhaltenden Inneren erforderlich.

Mit der Schaffung neuer materieller Grundlagen des industriellen und städtischen Leben bildeten sich zugleich neue gesellschaftliche Grundlagen heraus. Die Ausschachtungsarbeiten wurden zur Metapher für die grundlegenden Veränderungen, der die Gesellschaft unterworfen wurde, und sogar für den abstrakten Fortschritt der Zivilisation. Um U-Bahnlinien zu bauen, wurden lange bestehende Wohngebiete und Gemeinschaften aus den Angeln gehoben. Wegen der erhöhten Verkehrsgeschwindigkeit, die die U-Bahn zu bieten hatte, änderten sich die täglichen Verkehrsströme und die Arbeitsplätze. Diese Veränderungen brachten Besorgnisse über die neue Ordnung hervor. Und so tauchte im 19. Jahrhundert ein neuer Typus von Untergrundgeschichten auf: Die Unterwelt wurde zu einem Ort, den die Leute nicht nur besuchten, sondern an dem sie tatsächlich lebten.

In Jules VERNES Roman von 1864, "Reise zum Mittelpunkt der Erde", leben die Menschen im Untergrund völlig losgelöst von der überirdischen Welt. Dieser Gedanke eines permanenten unterirdischen Lebens entstand zeitgleich mit den Entwicklungen der modernen Wissenschaft und Technik. Mitte des 18. Jahrhunderts hatte der Gedanke, daß die Erde hohl und bewohnbar sei, noch eine Reihe ernsthafter Befürworter. Mit fortschreitendem Wissen wurde die Möglichkeit, eine verborgene innere Welt zu entdecken, immer weniger glaubhaft. Im Zuge der technischen Entwicklung wurde jedoch zugleich die Vorstellung vom Bau einer Welt im Erdinneren immer folgerichtiger.

Die technische Möglichkeit, eine unterirdische Gesellschaft zu errichten, evozierte Befürchtungen, daß die Gesellschaft manipulierbar sei, und verbunden damit die tiefe Angst, die Gesellschaft könne die Technik eines Tages nicht mehr beherrschen. Die Entwicklung der Technik ging weiter, und H. G. WELLS kritisierte, daß unkontrolliertes technisches Wachstum sowie der naive Glaube der Gesellschaft an ein Wachstum um ihrer selbst willen zu einer degenerierten Gesellschaft führen könne, in der man die Arbeiterklasse mißbrauche. WELLS Erzähler in "Die Zeitmaschine" erklärt seinen Lesern aus den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, daß die Entwicklung einer Untergrund-Menschheit zwar eine groteske Vorstellung sein möge, aber "bereits Umstände existieren, die in diese Richtung deuten."

"Es herrscht eine Tendenz, die weniger ansehnlichen Einrichtungen unserer Zivilisation unter die Erde zu verlegen - wie zum Beispiel die Untergrundbahn in London, neue elektrische Bahnlinien oder unterirdische Werkstätten und Restaurants -, und sie vermehren sich und breiten sich aus", schrieb WELLS. "Offenbar, so dachte ich, hatte sich diese Tendenz so weit verstärkt, bis die gesamte Industrie allmählich ihr Recht auf Tageslicht verloren hatte. Ich meine damit, daß sie sich mehr und mehr in Richtung größerer unterirdischer Fabrikanlagen entwickelt hatte, in denen man immer mehr Zeit verbringen mußte, bis endlich zum Schluß...! Lebt denn nicht auch heutzutage ein Arbeiter im Londoner East End unter so unnatürlichen Bedingungen, daß er nahezu vom Leben an der freien Erdoberfläche ausgeschlossen ist?"

WELLS, der die Auswirkungen einer wachsenden Untergrundtechnik auf die Zukunft untersuchte, berührte dabei etwas, was für die Vergangenheit gegolten hatte: Die Arbeiter unter Tage galten im Laufe der Geschichte als minderwertig. Die Sklaven Ägyptens und Roms wurden gezwungen, in den Minen zu arbeiten und zu leben. Im Anschluß an das Mittelalter wurde unterirdisches Leben nur von jenen erfahren, die auf der sozialen Leiter ganz unten standen. Der Untergrund verlor seine "Nährmutter"-Mystik.

Die meisten Untergrundarbeiter waren Leibeigene, Sklaven, Kriminelle oder Kriegsgefangene. Die Arbeit im Bergbau war häufig eine Form der Bestrafung. In fast allen Fällen waren die Arbeitsbedingungen auf krankhafte Weise unmenschlich. In den Vereinigten Staaten arbeiteten Zuchthäusler, Kriegsgefangene und Sklaven bis zur industriellen Revolution im Untergrund, als dererlei Arbeiten, insbesondere im Bergbau, den Einwanderern vorbehalten blieben - den jüngsten und sich zugleich in größter Geldnot befindenden Mitgliedern der Gesellschaft. Die soziale Degradierung der Untergrundarbeiter trägt zur Erklärung bei, warum die Unterwelt schließlich als Gebiet des Leidens und des Todes gefürchtet wurde.

Im 19. Jahrhundert konnten dank der Eisenbahn- und U-Bahntunnel zum ersten Mal die Mittelklasse und sogar die Oberklasse einen Geschmack vom Untergrund gewinnen. Die Erfahrung, von der Natur abgeschnitten zu sein und in eine künstliche Welt einzutauchen, machten damit nicht länger nur die Unterschichten und Außenseiter der Gesellschaft. Je stärker der Untergrund bekannt wurde und zum Wohle der Gesellschaft nutzbar gemacht wurde, um so weniger erschreckend und häßlich war er. Ganz allmählich, als man die Technik zu idealisieren begann - insbesondere mit der Einführung der Elektrizität, durch die die unteren Regionen beleuchtet werden konnten -, betrachtete man die Unterwelt als etwas Abgeschiedenes, aber auch Magisches und Erhabenes.

Einige Autoren rebellierten gegen den Untergrund und die Technik und sahen darin eine Gefahr für die Zukunft der Menschheit. H. G. WELLS setzte seine Geschichten bewußt dazu ein, die Wechselwirkungen zwischen technischem Fortschritt und menschlicher Degenerierung zu thematisieren. In "Die Zeitmaschine" äußert er die Befürchtung, daß Arbeiter zunehmend brutaler werden konnten, wenn ihre Arbeit immer stärker mechanisiert und monotoner wird und dabei das Individuum in einer feindlichen kollektiven Gewalt im Untergrund verschwindet. Er warnt "vor Leuten, die sich in aller Stille entwickeln, in Regionen, die unserer Sicht entzogen sind und in unseren Legenden als unbewohnbar angesehen werden, einer Kraft, die unsere diszipliniertesten Möglichkeiten, Gewalt auszuüben, übertrifft.

Zeitalter mögen noch verstreichen", schrieb WELLS, "bevor unsere unvermeidlichen Zerstörer an das Sonnenlicht gelangen."

In unserer heutigen Welt ist das Wort "Untergrund" mit einem Mosaik zeitgenössischer gesellschaftlicher und politischer Vorstellungen behaftet, wie Revolution, avantgardistische Zeitungen, organisiertes Verbrechen, Linksterrorismus und Drogenhandel. Außerdem gibt es in der Literatur den Begriff vom "Untergrundmenschen", dem ultimativen Abtrünnigen aus der modernen Welt. Der Literaturkritiker Edward F. ABOOD kennzeichnet seinen "Untergrundmenschen" einerseits als Schöpfung des 20. Jahrhunderts, führt uns jedoch andererseits zurück zu Fjodor DOSTOJEWSKIS "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus".

"DOSTOJEWSKIS klassische literarische Figur, ein unsterblicher Neurotiker, findet heute mehr Seelenverwandte, als er 1864 gefunden hat", schreibt ABOOD.[1]

Laut ABOOD ist der Untergrundmensch ein Rebell gegen die dominierenden Normen der Gesellschaft, in der er lebt, und gegen die Kräfte, die ihr Fortbestehen sichern. Seine Handlungen, falls er dazu fähig ist, sind im wesentlichen eigenständige. Und wenn er sich einer Gruppe anschließt, engagiert er sich auf subjektive Art und isoliert sich damit. Er weist andere Verhaltensmuster zurück, insbesondere die Wertvorstellungen, nach denen die Mehrheit seiner Mitmenschen lebt. Aus diesem Grund lebt er im Zustand ständiger Anspannung und Angst, die durch sein wahrscheinlich hervorstechendstes Merkmal verschlimmert wird, eine wachsame, und häufig krankhafte Sensibilitat.

Dieser Untergrundmensch ist weit davon entfernt, ein romantischer Held zu sein, insbesondere deshalb, weil sein Ich die Hauptursache seiner Qualen ist. Er ist nicht deshalb isoliert, weil er die Isolation gewählt hat, sondern weil darin seine Bürde und sein Schicksal liegen.

Am charakteristischsten für den Untergrundmenschen erscheint dessen extreme Zurückgezogenheit und Isolation. Er ist ein selbsternannter Exilant aus der menschlichen Gesellschaft, mit der er nur soviel Kontakt aufrechterhält, wie zum Überleben notwendig ist. Die Welt draußen lehnt er ab, aber zugleich hegt er die grundlegende Furcht, daß man ihn in seinem "Mauseloch", wie DOSTOJEWSKI sein Zuhause nannte, vergessen konnte. Obwohl er das Exil für sich gewählt hat, findet er die Gleichgültigkeit, die die Gesellschaft ihm gegenüber zeigt, unerträglich. Seine Wohnung ist kein Zufluchtsort, sie ist eher ein Gefängnis. Er besitzt letzten Endes nichts, an das er glauben könnte. Er leidet unter Qualen, Entfremdung, einem gesteigerten Bewußtsein, das sich auf sich selbst richtet, und der wirkungslosen Wut, unterworfen, mißverstanden und schließlich vergessen zu werden.

Die beste Verschmelzung des metaphorischen und des wahren Untergrundmenschen gelingt Ralph ELLISON mit "Unsichtbar". Er kommt dem am nächsten, wie viele Tunnelbewohner ihre eigene Situation sehen - daß sie von einer Gesellschaft in den Untergrund gedrängt wurden, die sie als verloren, identitätslos ansieht. In ELLISONS Terminologie sind sie "unsichtbar".

ELLISONS Hauptfigur ist ein afroamerikanischer Mann, der erklärt, daß er in der rassistischen New-Yorker Gesellschaft der fünfziger Jahre unsichtbar ist, "weil man mich nicht sehen will". Er kämpft ums Überleben, wird jedoch am Ende von einer Bande in eine stillgelegte Kohlengrube unter den Straßen von Harlem getrieben. Weiße Männer decken den oberen Teil mit einem schweren Eisendeckel ab und setzen ihn so gefangen.

"Man hat das quälende Bedürfnis, sich von seiner Existenz in der wirklichen Welt zu überzeugen, sich zu vergewissern, daß man ein Teil allen Lärms und aller Qual ist, und dann schlägt man mit den Fäusten um sich, flucht und schwört sich, dafür zu sorgen, daß die andern einen erkennen. Aber leider hat das meist keinen Erfolg."

Er kehrt nach oben zurück, beschließt jedoch, daß er tatsächlich in ein "Loch" gehört, weil dies auf ehrlichere und korrektere Weise seine Unsichtbarkeit belegt. "Nachdem ich etwa zwanzig Jahre existiert hatte, wurde ich erst lebendig, als ich meine Unsichtbarkeit entdeckte", erklärt er. Unsichtbar und im Untergrund richtet er sich ein Zuhause ein, zapft Elektrizität ab und lebt. Von dort aus sucht er Vergeltung für die Kurzsichtigkeit der Gesellschaft. Er führt seinen eigenen, unabhängigen Kampf gegen die Gesellschaft und ihre Institutionen, nach seinen eigenen Bedingungen, wie zum Beispiel seinen Stromdiebstahl vom "Light & Power" -Konzern.

"Sie haben den Verdacht, daß Strom abgezogen wird, aber sie wissen nicht, wo. (...) Vor vielen Jahren kaufte ich wie jeder andere ihren Strom und zahlte ihre unverschämten Preise. Aber das tue ich heute nicht mehr. Das habe ich längst aufgegeben, wie ich auch meine Wohnung und meine alte Lebensweise aufgegeben habe, die auf der trügerischen Annahme beruhte, ich wäre, wie alle anderen Menschen, sichtbar. Nachdem ich jetzt weiß, daß ich unsichtbar bin, wohne ich umsonst in einem Haus, das aus schließlich an Weiße vermietet ist, in einem Teil des Kellergeschosses, das während des 19. Jahrhunderts zugebaut und vergessen wurde..."

Gibt er seine Verantwortung für die Menschheit auf?

"Verantwortungslosigkeit gehört zu meiner Unsichtbarkeit. Wie man sie auch betrachtet, sie ist Verneinung. Aber wem gegenüber sollte ich verantwortungsvoll sein, und weshalb sollte ich es sein, wenn kein Mensch mich sehen will? Man wird schon noch erfahren, wie sehr ich ohne Verantwortung bin. Verantwortung beruht auf Erkennen, und Erkennen ist eine Form der Zustimmung."

In einem Textabschnitt, in dem die Tunnel der heutigen Obdachlosen Widerhall finden, weil hier die Gründe dafür artikuliert werden, warum sie ihren Frieden im Untergrund suchen, besteht ELLISONS unsichtbarer Mann darauf, daß er weder aus Furcht noch aus Selbstmitleid unter die Erde gegangen sei.

"Ich habe ein Zuhause gefunden - oder eine Höhle in der Erde, wenn man wo will. Aber man hüte sich vor dem Schluß, mein Heim sei feucht und kalt wie ein Grab, weil ich es Höhle nenne. Meine Höhle ist warm. (...) Meine Höhle ist warm und voller Licht. Ja, voller Licht. Ich glaube nicht, daß es in ganz New York, den Broadway eingeschlossen, einen helleren Ort gibt. Das gilt auch für das Empire State Building in der Traum-Nacht eines Fotografen. Das ist bewußte Täuschung. Die zwei genannten Orte gehören zu den dunkelsten unserer gesamten Zivilisation."

ELLISON beendet sein Buch damit, daß sich der unsichtbare Mann entschließt, so lange im Untergrund zu bleiben, bis man ihn dort herausjagt. "Hier konnte ich wenigstens versuchen, die Dinge in allem Frieden, und wenn nicht in Frieden, so doch in Ruhe zu überdenken. Hier, unter der Erde, würde ich meinen Wohnsitz aufschlagen. Das Ende lag im Anfang."


Anmerkung

[1] Obwohl viele seiner Merkmale und Eigenschaften jahrhundertealt sind, ist ihre Synthese zu einem Untergrundmenschen eine moderne Entwicklung. Er ist im wesentlichen die Reaktion auf Kräfte des vergangenen Jahrhunderts. HEMINGWAYS Jake Barnes, KAFKAS Angestellte, HESSES Steppenwolf waren alle Untergrundmenschen ebenso wie SARTRES einsame Existentialisten, CAMUS' absurde Figuren, ELLISONS unsichtbarer Mann und KOESTLERS Rubaschow, betrogen vom kommunistischen Gott, den er sich selbst geschaffen hatte. Trotz der enormen Unterschiede zwischen den einzelnen Figuren sind ihnen allen deutlich Merkmale des Untergrundmenschen eigen. 


aus: Toth, Jennifer: Tunnelmenschen. Das Leben unter New York City. Aus dem Amerikanischen von Sylvia Klötzer. Mit Fotos von Margaret Morton. Berlin: Chr. Links Verlag 1994, S. 180 - 190. (264 S., 8 Fotos, DM 48,--. ISBN 3-86153-079-1.)

Joomla templates by a4joomla