Barbara Tietze

Neue Nomaden - nomadische Arbeitskulturen?

Zukunftsprognosen für die kulturelle Entwicklung der Industrie, der Arbeit und des Design


Nomadisch sind Organisationsformen von Arbeit und Leben,

  • die in Person, Arbeitsmitteln, Arbeitsplatz und Wohnung beweglich sind
  • die es erlauben, geo- oder sozioklimatischen Unbillen auszuweichen

Prognosen und Beobachtungen

Miniaturisierung von Technik, immer mehr "tragbare", von festen Installationen unabhängige Maschinen. Verringung des Platzbedarfs für Büro und Gewerbe. Veränderung von Städtebau und Verkehr. Möglichkeit der individuellen Reaktion auf ungünstige bauliche und arbeitsökologische Situationen, dadurch Druck auf Architekten und Ingenieure, sich etwas Besseres einfallen zu lassen. Neue Lebensformen der Integration von Arbeiten und Wohnen, die einerseits zu einem Mehr an Seßhaftigkeit führen ("Neuer Regionalismus" dadurch z.B. weniger täglicher Pendelverkehr), Andererseits größere Flexibilität in der Wahl von Standorten. Entvölkerung ökologisch belasteter Regionen. Mehr Reisen.


Nomadisch sind Zeitvorstellungen

  • die Diskontinuität ermöglichen
  • die weitestgehend frei sind von zeitlichen Sachzwängen

Prognosen/Beobachtungen

Zeitliche Freiräume sind auch organisatorische und örtliche Freiräume. Diskontinuität erlaubt Spontanität. Arbeitsreglements, die eine weitestgehende zeitliche Selbstbestimmung vorsehen, werden als positiv wahrgenommen. (^Z.B. Kaufhaus Beck). Zunehmende Verbreitung von Arbeitsformen, die eine größere Flexibilität in der zeitlichen Gestaltung von Tages-, Jahres- und Lebensarbeit erlauben. (Arbeitnehmer teilen sich bei gegenseitiger zeitlicher Abstimmung eine Stelle.) Immer häufiger: Der Zweidritteljob im öffentlichen Dienst mit regelmäßigen "Sabbaticals". Halbtagsjobs für Eltern, die sich in der Kinderbetreuung abwechseln. Neben der (reduzierten) Erwerbsarbeit immer mehr Autarkie und Selbstversorgung.

Das Fließband als Symbol für eine Organisationsform, die über zeitliche Sachzwänge unterdrückt, wird überwunden. Neue Formen der Arbeitsorganisation (z.B. teilautonome Gruppen). Erschließung von Nischen für eine selbstbestimmte Produktion in kleinem Maßstab.


Nomadisch sind ästhetische Vorstellungen,

  • die gegen Unordnung und Chaos und tolerant und konstruktiv sind
  • die tolerant sind gegen menschliche Fehler
  • die intolerant sind gegen Perfektion

Prognosen und Beobachtungen:

Erfolge für Technologien, die mit unscharfen Relationen kalkulieren. (^Z.B. Fuzzylogik). Ordnung (z.B. Corporate Identity, Normung) wird zunehmend als Unterdrückung, Machtfaktor erlebt. Sabotage durch Anpassung an Ordnung. (z.B. Dienst nach Vorschrift). Dadurch auch neurotische Konflikte, Unsicherheit in Bezug auf die Frage: Was ist "Schmutz".

Die Ästhetik der Moderne: "fehlerfrei, makellos, maschinengemacht" wird angegriffen und durch wilde, "barbarisch" wirkende - z.B. handgemachte oder wie handgemacht aussehende Produkte abgelöst. Unterscheidung in Produktionen erster, zweiter und dritter Wahl sind zunehmend überholt, der "Fehler" wird zum Gestaltungsmittel.


Nomadisch sind Formen von kollektiver Organisation,

  • die sensibel sind gegen Unterdrückung
  • die den Willen zur Freiheit fördern
  • die Selbstbestimmung erlauben

Prognosen und Beobachtungen:

Dezentralisation, Zunahme von Organisationsformen, die Selbstbestimmung/Mitbestimmung fördern, Training von effektiven Formen des Umgangs mit Hierarchie und Kommunikation, Kritik an Gewerkschaftsfunktionären


 Nomadisch sind materielle Wertvorstellungen,

  • die den überlebensnotwendigen Besitz reduzieren
  • die einen konstruktiven Umgang mit den Spuren des Verfalls und des Gebrauchs vorsehen

Prognosen und Beobachtungen:

Neudifinition des "Existenzminimums", moralische Anreize für eine bescheidene Lebensführung. Konsum mehr an Dienstleistungen als an Produkten orientiert. Ersatz von Eigentum durch zeitlich begrenzte Nutzungsrechte (Leasing, Miete und Leihformen). Längere Gebrauchszyklen auf der Produktseite. Individualisierung der Objekte durch deren Gebrauch, Wartung und Reparatur als identitätsfördernde Zuwendung. Nomadisierende Objekte. Entwicklung neuer Standards in Sachen Ordnung und Schmutz.


Nomadisch sind Überlebenstechniken,

  • die das soziale Miteinander und nicht die Individualisierung zum Träger des Überlebens machen
Prognosen und Beobachtungen

Die Wiederentdeckung von Solidarität, Familie, Nachbarschaft, Suche nach Familienersatz in Form von religiösen Lebensgemeinschaften, neue emotionale Bindungen der Art "Meister/Schüler", "Lehrer/Schüler".


Nomadisch sind Wahrnehmungs- und Denkformen,

  • die ganzheitlich, einfühlend erfolgen
  • die auch die Nahsinne des Menschen (riechen, schmecken, fühlen, kinästhetisch abmessen) in seine körperliche Intelligenz einbinden
  • die auf Erfahrung als einem Bestandteil kultureller Identität aufbauen
Prognosen und Beobachtungen

Neue Paradigmen in Wissenschaft, Konstruktion und Entwicklung - z.B. Paul Virilio: der Mythos als analytische Kraft; völlige Neubestimmung der Ergonomie,


Nomadisch ist sind ein Umgang mit Energie,

  • der sparsam ist mit den Ressourcen
  • der die menschliche Arbeitskraft sparsam einsetzt
  • der Energie nicht nur als Kostenfaktor sondern auch als Element des Komforts kalkuliert

aus: Ergonomie III, SS 1991

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