Ein Bewohner berichtet:

"N' Morgen im A - Bereich"

Morgengeräusche von draußen, langsam werde ich wach. Mein Zimmergenosse ließ gerade seinen zweiten "Furtz" - Zeit zum Aufstehen. Geht aber heute Morgen nicht so gut, das letzte Bier gestern war wohl schlecht. Ich setz mich erstmal auf Bett, die große Suche beginnt - Schuhe, Hose - wo? Aha, da! Einiges find ich auf'm Stuhl, einiges unterm Bett, aber alles fein zusammengelegt.

"Ja, wir Jungs vom A-Bereich lieben eben Ordnung!!" Zaghaft taste ich mich zum Waschraum vor. - "Oh Schreck", ... Überfüllung, - biede "Donnerbalken" besetzt. Naja, dann eben erst Morgenkosmetik. Komisch! - Alle Wasch- und Fußbecken frei! - Schööööön!

Meine Morgenwäsche wird durch lautes Schimpfen und "Ahh und Ehhh" Geräuschen begleitet, einer vom Donnerbalken ist wohl wieder mit seinem 'Stuhlgang' zufrieden. Mit bekannten Gerüchen in der Nase mach ich mich zum "Schieb-rein-Saal" auf den Weg. Kurze Begrüßung im Glashaus, ein paar Neue sind auch dabei, wohl heut' Nacht gekommen von der "Platte". Endlich, unser 'Speiseplanvollzugsbeamte' hat Erbarmen und schließt den Speisesaal auf.

Sieht alles schön geordnet aus, Teller, Tassen, Nutella, Honig und unser beliebtes "Vorsichtzähnebrot".

Ich setze mich und schenk mir 'ne Tasse braune Flüssigkeit (einige von uns sagen sogar Kaffee dazu) ein. Meine Augen und Ohren machen vorsichtig die Runde, alle scheinen zufrieden, nur unsere graue Eminenz nicht. Er ist am Schimpfen, er könne nicht beißen. (Für nicht Eingeweihte: "Eminenz verlor seine Zähne im Park beim Spuckwettbewerb.")

Auch Willi aus dem Kurzübernachterbereich ist am Schimpfen, seine Haare stehen zu Berge, er sieht aus, als habe er neben einer Steckdose geschlafen. Naja, eben ein ganz normales Frühstück.

Langsam erheben sich einige von uns, müssen zur Arbeit in die Schreinerei-Flechterei und einige in unseren modernen und absolut hundefreien Kugelschreiberzusammendrehraum. Diese Arbeit dort ist hochqualifiziert und wird übertariflich bezahlt.

Ich selbst habe frei und tippel in den A-Bereich zurück (Anmerkung: Daher der Name Tippelbruder), dort ist ein Nachfahre vom amerikanischen Präsidenten (A. Lincoln) fleißig am fegen und putzen. Sein Putzlappen muß älter sein als er selbst. Da er ja von vornehmer Abstammung ist, hat er sogar einen Hilfsgesellen, der ist so "schnell" beim Arbeiten, daß man ihn kaum sieht. Auch heute nicht, oder er ist schon wieder mal mit der Arbeit "fertig" und hat sich in den "gib mir mal n' Bier Raum" zurückgeschlepppt. Die harte Arbeit unter seinem Chef macht ihn immer ganz fertig. Aber nach drei bis sieben Dosen Brause ist er wieder ganz fit, dann rennt er mit seinem Kumpel "Raketen Ede" zum Dr. Lidl in die Hauptstraße und holt Nachschub. Denn zwischen Leber und Milz passen noch'n paar Pils.

Ich selbst lege mich noch ein bißchen aufs Ohr und erhole mich vom Frühstück.
Tschüss bis bald.

S.H.

(Fortsetzung soll folgen!)



(aus: Herbstwind. Straßenmagazin für die Region Offenburg. Hg. vom St. Ursula Heim und der Betroffeneninitiative Wohnungsloser Offenburg. Ausgabe 2/1996, S. 7.)

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