Mitarbeiterteam der Ambulanten Hilfe e.V.

High-tech braucht High-soz

25 Jahre Ambulante Hilfe e.V. im Rückblick 1978-2003***


"Wachstumsorientiertes Hilfesystem ür obdachlose Menschen"

In den vergangenen 25 Jahren hat sich das Stuttgarter System der ambulanten Nichtseßhaftenhilfe in verschiedenen Bereichen weiterentwickelt. Die Entwicklung war auf der einen Seite gekennzeichnet durch Spezialisierung entsprechend den Problemlagen (Wohnen, Arbeit, Beziehungen, Schulden, Sucht...) und andererseits durch zunehmende Zentralisierung.

Durch Neustrukturierung, Umorganisation und Umbenennung der Arbeitsbereiche war der Weg frei für ein dynamisches, am Wachstum der modernen Industriegesellschaft orientiertes Hilfesystem. Um Mißverständnissen vorzubeugen, muß jedoch angemerkt werden, daß sich das Wachstum nicht auf die Höhe der Zuwendungen für Sozialhilfeempfänger bezieht (hier ist seit 1985 ein Null-Wachstum zu verzeichnen), sondern auf die Anzahl der Personen, die mit der Verwaltung von Armut beschäftigt sind.


Beschützte Beratung

Obwohl auch nach zehn Jahren intensivsten Suchens kein Ersatzgebäude für die Zentrale Beratungsstelle in der Hohen Straße gefunden worden war, konnte doch in der Zwischenzeit der Umzug in neue Räumlichkeiten stattfinden. Das Amt fur Zivilschutz hatte einen großzügigen Mietvertrag für die acht Stockwerke umfassenden Schutzräume unter dem Stuttgarter Hauptbahnhof angeboten. Diese Lösung bietet den Vorteil, daß die freundliche Optik unserer Olympia-Landeshauptstadt nicht beeinträchtigt wird und die Beratungsgespräche in einer sicheren Atmosphäre stattfinden können. Diese neuen Räumlichkeiten bieten soviel Platz, daß in ihnen sämtliche Träger der Nichtseßhaftenhilfe zusammengefaßt werden konnten, ebenso die zuständige Sozialhilfedienststelle eine Spezialabteilung des Gesundheitsamtes (Entlausung, Aids-Selektion), sowie Versorgungseinrichtungen für die Hilfesuchenden (Duschen, Wäscherei, Schließfacher, WCs). Die Gesundheitsversorgung übernahm die Sanitäterausbildungsabteilung des Katastrophenschutzes.

Diese neue Zentrale Beratungsstelle nennt sich, um ihren neuen Anspruch besser zu verdeutlichen, Lokale Anlauf- und Beratungs- Einrichtung für Resozialisierungswillige, kurz: LABER.

Der Begriff "für Resozialisierungswillige" bezieht sich hierbei darauf, daß durch eine Neuauslegung der Mitwirkungspflicht nur noch diejenigen Hilfesuchenden Leistungen erhalten, die glaubhaft ihr Interesse bekunden, wieder ein nützlicher Teil der Gesellschaft werden zu wollen. Dieses Interesse bekunden die Hilfesuchenden dadurch, daß sie beim ersten Kontakt mit dem Sozialarbeiter eine Freiwillige Einigung über Sozialpädagogische Sonderbehandlung zur Eingliederung ins Leben, kurz: FESSEL, unterschreiben.

Anzumerken ist noch, daß in diesem neuen Gebäude, dem Herzstück des Stuttgarter Hilfesystems, eine eigene Polizeiwache den Pfortendienst übernimmt.

Ein Eingreifen beim Auftreten "besonderer sozialer Schwierigkeiten" ist praktisch sofort gewährleistet. Sozialhilfedoppelbezug wird im Vorfeld durch Abgleich computergespeicherter Daten ausgeschaltet. Die Polizei hat gegenüber den früheren ZDLs erhebliche Vorteile. Daß sie mit der notwendigen Sensibilitat vorgeht, garantiert die neu eingeführte Polizei-lnterne Sozialpädagogische Supervision, kurz: PISS.


Betreutes Wohnen

Auch beim Kapitel Wohnen lassen sich erfreuliche Veränderungen vorweisen. Die Zurückhaltung von Bund und Land beim sozialen Wohnungsbau haben die freien Träger (AH, EVA, CV) als Chance genutzt, um im großen Rahmen selbst Wohnungen und Häuser anzumieten.

Die Vermieter sind froh, daß sie sich bei Schwierigkeiten nicht mehr an die Bewohner, sondern nur an die Träger als Hauptmieter wenden müssen. Dabei können sie sich darauf berufen, daß diese für alle Bewohner eine fünfjährige Nicht-Auffälligkeits-Garantie geben, wobei während der ersten drei Jahre zusätzlich ein uneingeschränktes Bewohnerumtauschrecht eingeräumt ist.

Dies macht es natürlich notwendig, daß von den Bewohnern ein umfassender Wohn-Betreuungsvertrag unterschrieben werden muß. Im begründeten Interesse aller Klienten beschreibt der Wohn-Betreuungsvertrag sämtliche Möglichkeiten des Probewohnens, versuchsweisen Umsetzens in betreute Wohngemeinschaften und Versetzens in teilstationäre und stationäre Einrichtungen.

Die Sozialarbeiter sind Tag und Nacht in Rufbereitschaft, ziehen die Miete ein und erfreuen die Bewohner durch regelmäßige, unangekündigte Haushaltsberatungsbesichtigungsbesuche.

Da trotz dieser umfassenden sozialpädagogischen Betreuung manche Klienten beim Wohnen überfordert sind, hat sich die Schaffung der Koordinationsstelle für Neue Alleinunterbringung - Stationäre und Teilstationäre, kurz: KNAST, bestens bewahrt.

Diese Koordinationsstelle ist eine Abteilung der frisch gegründeten Gesellschaft Neues Wohnen, in der zentral und mit trägerubergreifendem Zuschnitt alle Fragen der Wohnraumbeschaffung und -betreibung verwaltet werden. 


Betreutes Arbeiten

Nachdem die Neue Arbeit GmbH & Co KG durch überstürzte Grundstückskäufe, Objekterwerbungen und Börsenspekulationen Ende der 90er Jahre in Konkurs ging, konnte nur noch eine Privatisierung die 2000 Arbeitsplätze retten.

Eine große Stuttgarter Automobilfirma zeigte sich recht großzügig bei der Übernahme und sicherte allen Angestellten eine Weiterbeschättigung zu. Durch den Übertritt in die Privatwirtschaft sind die Arbeitsplätze aufgewertet und somit ist eine Stigmatisierung der Belegschaft, wie in früheren Zeiten, ausgeschlossen. Die vollständige sozialpädagogische Betreuung am Arbeitsplatz bleibt komplett erhalten, da sämtliche Vorarbeiter und Meister über eine zeitgemäße sozialpädagogische Zusatzqualifikation verfügen. Da diese Sonderbetreuung bares Geld kostet, können die Löhne die Hälfte des Tariflohnes nicht übersteigen. Die Nachfolge der Neuen Arbeit nennt sich deswegen auch: Föderation Regulärer Arbeit Ohne Normalbezahlung, kurz: FRON und hat die Arbeiterkolonien des vorigen Jahrhunderts weitgehend ersetzt.


Betreute Freizeit

Die Zahl der Personen, die sich ohne Wohnung und Arbeit in der Innenstadt aufhalten, hat in den letzten Jahren beträchtlich zugenommen. Die Folge war, daß zahlreiche Begegnungsstätten für diese Menschen entstanden.

Waren diese Treffs früher in erster Linie dazu da, Klienten vor den Unbilden der Witterung zu schützen (deshalb hießen sie früher auch Wärmestuben), so bieten heute die sozialpädagogisch qualifizierten Mitarbeiter zahlreiche Freizeitaktivitaten an, bei denen die Klienten lernen sollen, sinnvoll mit ihrer Freizeit und sich selbst umzugehen.

Die Begegnungsstätten entwickeln sich zu einer Art Volkshochschule der Armen.

Um zu verdeutlichen, welch wichtige Bildungsarbeit dort betrieben wird, hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Angebot einer Begegnungsstätte: 

Kurs 1:
"Überleben in der Großstadt - ein Survivaltraining für alle aktiven Outdoor-Klienten".
Kurs 2:
"Enthaltsamkeit, Askese und Konsumverzicht als Möglichkeit der Selbsterfahrung".
Kurs 3:
"Mundharmonikaspielen für Anfänger - Aus der Reihe: innovative Straßenmusik als Einstieg in die Selbständigkeit".

Wie diese kurze Übersicht zeigt, hat sich das Berufsbild des Sozialarbeiters aufgrund der fehlenden konkreten Hilfemöglichkeiten grundlegend gewandelt: Heute ist er Freizeitanimateur für Arme. Trotz dieser doch sehr positiv kreativen Entwicklung in den Nichtseßhaften-Freizeitcentern darf man nicht die Augen davor verschließen, daß immer wieder Klagen von Einzelhandelsgeschäften und Kaufhäusern eingehen, die sich über unsere Klienten beschweren. Ob wir es nun wahrhaben wollen oder nicht, die freien Träger der Nichtseßhaftenhilfe haben sich Mitte der 90er Jahre, als Gegenleistung für die großzügige finanzielle Unterstützung der Nichtseßhaften-Freizeitcenter, gegenüber dem Stuttgarter Gemeinderat verpflichtet, das Stuttgarter Straßenbild sauberzuhalten. Die freien Träger vollbrachten eine innovative Meisterleistung: In Zusammenarbeit mit der Stadt Stuttgart haben sie eine mit (in den Landesfarben gelb-schwarz gestrichenen) Kleintransportern ausgestattete Mobile Interventionsgruppe für Nichtseßhafte-Notorisch-Auffäl!ige (kurz: MINNA) gebildet, welche die auffälligen Personen in der Innenstadt aufsammelt und "weiterer Beratung" zuführt.


Zusammenfassendes Betreuungskonzept

Es läßt sich festhalten, daß die Betreuung unserer Klienten gegenüber früheren Zeiten (vergleiche Jahresbericht 1988) wesentlich umfassender geworden ist. Das Betreuungsangebot läßt sich dennoch in wenigen Sätzen zusammenfassen: Kommt eine hilflose Person in Stuttgart an, wendet sie sich an die Zentrale Beratungsstelle LABER, unterschreibt dort einen pauschalen Betreuungsvertrag FESSEL und wird an die Gesellschatt Neues Wohnen KNAST vermittelt. Bei Arbeitsfähigkeit hat sie umgehend ihre Arbeitsstelle bei FRON anzutreten. Falls sie sich alledem widersetzt und sich unkontrolliert in der Stadt herumtreibt, wird sie "weiterer Beratung" mit MINNA zugeführt. Es versteht sich von selbst, daß all diese Betreuungsmaßnahmen einer wohlorganisierten Koordination bedürfen. Zu diesem Zweck treffen sich regelmaßig sämtliche mit einem Klienten befaßten Personen: 

  •  
    • der Beratungssozialarbeiter,
    • der Wohnsozialarbeiter,
    • der Freizeitsozialarbeiter,
    • der Sozialamtssachbearbeiter,
    • der zuständige Stuttgarter Schutzmann
    • und je nach Bedarf noch weitere Personen (Suchtberatung, Gesundheitsamt, Psychologen usw.).

Bei diesen Besprechungen werden alle den Klienten betreffenden Fragen in seinem Sinne geklärt und besprochen. Anschließend an diese Besprechung haben alle beteiligten Personen die Möglichkeit, ihre dabei entstandenen Probleme durch eine Supervision aufzuarbeiten. Die durch die Zusammenarbeit der Sozialarbeiter untereinander entstehenden Probleme werden zusatzlich einmal pro Woche durch eine Arbeitsplatzsupervision aufgearbeitet. Schließlich darf auch nicht vergessen werden die Supervision der Supervisoren und die Supervision der Supervisoren, welche die Supervisoren supervisionieren..."


* Eine realutopische Satire

Ausschnitte aus der Festschrift zum Vierteljahrhundertgeburtstag

Der Beitrag wurde entnommen aus: 10 Jahre Ambulante Hilfe e.V. Stuttgart 1978-1988, hrsg. vom Mitarbeiterteam der Ambulanten Hilfe e.V., Stuttgart 1988. In: Gefährdetenhilfe 1/89, Bielefeld 1989, S. 39 - 40.

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