Schon als Kind obdachlos: Klaus Lenuweit

Klaus Lenuweit, 1948 in Neustadt/Holstein geboren und als unehelicher Sohn neben vier ehelichen Geschwistern zwischen Lieblosigkeit und Kindesmißhandlungen aufgewachsen - Schule und Lehre in Marl und 1964 als "schwererziehbar" in eine Art Kinderhaftanstalt in Sennestadt (bei Bielefeld) gesteckt.

1968 bis 1986 obdachlos in Berlin, hat er elf Vorstrafen in den Haftanstalten Plötzensee und Moabit abgesessen - geht 1986 nach Hamburg und beginnt dort, nach einer Haftstrafe in Santa Fu und einem halben Jahr Psychiatrie in Ochsenzoll, eine Reinigungsfirma aufzubauen - mit verblüffendem Erfolg: Klaus verdient plötzlich Kohle zuhauf.

Einsamkeit bringt ihn zum Automatenspiel: Er wird rasch süchtig und verdaddelt Firma, Wohnung und Freundschaften - und flüchtet, inzwischen hochverschuldet, im Januar 1991 wieder nach Berlin. Durch Handzettel in Wärmestuben kommt Klaus L., wieder auf der Straße lebend, zu einem Obdachlosen-Theaterprojekt; verfaßt Texte für "Unter Druck - Kultur von der Straße e.V.", mischt mit bei der "Obdachlosen GmbH & Co KG" haut von dort ab nach Hamburg, wo er das Erste Hamburger Obdachlosentheater "Obdach-Fertig-Los" mitinitiiert (zusammen mit "anderes lernen e.V." wurde das bisher einzige Stück "Pension Sonnenschein" u.a. im Kieler Knast sowie zur Gründung der Eutiner Tafel in den dortigen Schloßterrassen aufgeführt - und wird ab Sommer 1996 in verschiedenen Städten Schleswig-Holsteins zu sehen sein).

In Berlin drehte Ingolf Seidel vom iRA-Theateratelier den semi-dokumentarischen Film "DER FEUDEL" - eine soziale Collage über ein inzwischen achtundvierzigjähriges Leben, das wie nur wenige andere Höhen, aber vor allem Abgründe hinter sich gelassen hat.


Du warst schon als Kind obdachlos

Du warst schon als Kind
eine Null
ungeliebt,
ungewollt,
viel zu dünn,
die Füße zu groß
Ja, du warst schon als Kind obdachlos.

In der Schule, im Kindergarten,
man konnte dir nicht trauen.
Zu blöde zum Schreiben, zum Rechnen.
Mach' bloß nicht den Mund auf!
Wenn du den Teller nicht leer ißt,
wirst du nie stark und groß.
Ja, du warst schon als Kind obdachlos.

Aus dir wird nie was!
Fass' bloß nichts an!
So wie du bist, bekommst du nie eine Freundin!
Wie kann ein Mensch nur so dumm sein!
Du kannst dich nicht benehmen!
Mit dir geh' ich nicht los!
Ja, du warst schon als Kind obdachlos.

Bezahlte Hände streicheln meinen Körper.
Einsamkeit zum Schreien.
Ein Versager zu sein,
verfolgt dich überall hin.
Du läufst und läufst
und dein Hunger bleibt groß.
Ja, du warst schon als Kind obdachlos.


.... ein Text von Klaus Lenuweit, den er in der IGF Kiel-Friedrichsort und im Kulturladen Leuchtturm Mitte April im Rahmen einer Lesung von Texten obdachloser Autoren zusammen mit Oliver Müller und Kimmo Arland vortrug. Veranstalter war das Bildungswerk "anderes lernen e.V." (Eckernförde) in Kooperation mit der Ev. Stadtmission e.V., der Kieler Tafel e.V., KVW e.V., Straßenmagazin Hempel's.

Anläßlich der Lesung machte Jan Czemper vom Ev. Rundfunkdienst Nord ein Interview mit den Autoren, das im Mai von verschiedenen Hörfunkanstalten gesendet wurde. Auszüge aus den Fragen von Jan Czemper und die Antworten von Klaus Lenuweit bearbeitete Dieter Boßmann von "anderes lernen e.V." für den Gegenwind und "mixte" sie mit Texten von Klaus L. (eine Broschüre mit Texten von Klaus L. wird erstellt und kann bei "anderes lernen e.V.", Jungfernstieg 69, 24340 Eckernförde, angefordert werden).


?Jan Czemper: Wie bist du obdachlos geworden?

!Klaus Lenuweit: ... durch Arbeitslosigkeit und und und... Es war halt ein Scheiß-Elternhaus, Erziehungsheim und von zu Hause x-mal abgehauen, und so bin ich halt auf der Straße gelandet und dann nach Berlin gekommen. Ohne Wohnung, ohne alles. Hab' da halt alles mitgemacht. Am Bahnhof Zoo und auf Scheißhäusern geschlafen, in Telefonzellen und in Parks. Alkohol spielte zeitweise eine große Rolle. Das ist sowieso ein ganz großes Problem unter Obdachlosen. Dann wieder Arbeit. Wieder Wohnung - aber schon so drin im Obdachlosenmilieu. Ich hab' auch heute ganz große Schwierigkeiten, in meiner Wohnung anders zu leben, als ich draußen gelebt habe, nämlich regelmäßig einkaufen zu gehen, mein Geld einzuteilen und Miete zu bezahlen und endlich aus diesem Obdachlosen... von diesem Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben weg. Das fällt mir ganz schwer, viel durch Leichtsinn oder Kleinkram, durch Ladendiebstähle und Schwarzfahren im Knast gelandet. Und wieder raus aus dem Knast und wieder auf der Straße. Insgesamt bin ich in Berlin und anderen Städten fast zwanzig Jahre lang obdachlos oder im Gefängnis gewesen. Im Gefängnis habe ich angefangen zu schreiben. Einfach um zu überleben, da kein anderer da war, um zu reden.


Das große Tor steht offen

Das große Tor steht offen,
es wird jetzt Zeit zu gehen,
die Monate vergessen,
bloß kein Wiedersehen!

Nun will ich endlich leben,
nie mehr so einsam sein.
Nun will ich endlich reden,
wo jemand mich auch hört.
Wo nicht bei jedem Wort
die Zellentür stört.
Leben will ich und ein Bier,
eine Nacht mit Dir
verträumen. jeden Tag spazieren gehen
und vielleicht die frühen Falten
im Spiegel nicht mehr sehen.

Schnell jetzt in die U-Bahn,
die Freunde warten schon,
die müssen einfach warten,
natürlich warten die.
Ich hab' doch auch gewartet,
so lange nur auf sie.


?Jan Czemper: Was sind Obdachlose, die eine Wohnung haben?

!Klaus Lenuweit: Menschen, die in dieser Gesellschaft keinen Platz haben: Rentner, Behinderte, Leute, die anders, irgendwie ausgegrenzt sind, psychisch Kranke, Menschen, wo sämtliche Kommunikation aufgehört hat, außer: zusammen fernsehen - und, wenn im Fernsehen nichts läuft, den Videorecorder an. Ansonsten hat man nicht sehr viel miteinander zu tun... eigentlich alle im weitesten Sinne des Wortes obdachlos.


Selbstgespräche

Das Schweigen spricht. Ich höre meinen Atem -

Selbstgespräche immer wieder. Meine Wohnung ist wie ein Gefängnis und ich bin der Gefangene, aber auch gleichzeitig mein Gefängniswärter. Ich hab' doch alles: Eine schöne Wohnung, Telefon, Fernseher, Musik, Geld, Bücher, Nachbarn, einfach alles. Sogar einen Briefkasten, in dem nie ein Brief ist. Der Postbote schüttelt nur noch den Kopf.

Heute habe ich wieder ausprobiert, ob meine Wohnungsklingel funktioniert, das mach' ich schon monatelang, aus Angst, sie könnte kaputt sein und ich weiß gar nicht, wenn Besuch kommt.

Quatsch! - Mich hat noch nie jemand besucht, noch nie hat das blöde Telefon geklingelt, ja, es hat sich noch nicht einmal jemand verwählt; aus Versehen bei mir angerufen. Ab und zu rufe ich die Zeitansage an, um eine andere Stimme, als meine eigene zu hören.

Und der blöde Hund meiner Nachbarin, jeden bellt er an, einfach jeden, nur mich nicht - als ob ich für ihn nicht existiere.

Aber ich werde es euch zeigen, was für ein toller Hecht ich bin; wieviel Post und Besuch ich bekomm'! Alle Geräte werde ich anstellen, Tag und Nacht. volle Lautstärke, alle Geräte einschließlich Toaster und Staubsauger - Ich werde laufend bei mir klingeln. Ich werde mich mit Gästen unterhalten und lachen werde ich, lachen - Ha!!

Der Postbote wird sich wundern, wieviel Post ich bekomme; Berge, ganze Berge von Karten und Briefen.

Eine Anzeige werde ich bekommen, wegen Ruhestörung. Und erst meine Nachbarn, na, die werden gucken und reden! Jeden Tag wird die Polizei kommen, Beschwerden über Beschwerden.

Ich werde jeden Morgen um 3 Uhr früh auf den Balkon gehen.


?Jan Czemper: Du hast jetzt eine Wohnung, wovon lebst du?

!Klaus Lenuweit: Ich hab' durch ein Theaterprojekt in Berlin drei Filme gemacht... dadurch hatte ich, über's Arbeitsamt finanziert, einen Job und krieg' jetzt Arbeitslosenhilfe. Im Moment verkauf' ich auch Hinz & Kunzt, ab und zu mal.

?Jan Czemper: Handeln deine Texte alle von Obdachlosigkeit?

!Klaus Lenuweit: ... die handeln schon von Obdachlosigkeit. Sie sind auch alle in dieser obdachlosen Situation entstanden. Wobei für mich Obdachlosigkeit einfach mehr ist, als keine Wohnung zu haben: Es bleibt auf der Straße eben alles auf der Strecke, was einen Menschen ausmacht, von Wärme und Geborgenheit, Sexualität, Selbstachtung und Selbstvertrauen. Ich kenne viele Obdachlose, ohne die andere Obdachlosigkeit wegreden zu wollen.


Täglicher Wahnsinn

Eine Wohnung, doch innerlich obdachlos.

Manchmal brauch' ich an einem Tag die Kraft für einen Monat. Große Sprüche und sonst nichts. Die Flasche Rotwein ersetzt kein Gespräch. Den Tag vertrinken, vertrunken, versoffen, saufen, ertrinken - um die Angst ein Luftschloß bauen. Hab' ich was zu sagen, oder red' ich einfach nur? Wo kann ich meinen Kopf umtauschen? Manchmal möchte ich mit mir nichts zu tun haben. Leere läßt sich nicht wegreden, nicht wegsaufen. Das, was ich nicht weiß, schreib' ich auf; für das, was ich weiß, brauch' ich kein Schreibpapier.

Am liebsten würde ich vor mir selbst weglaufen. Theater gespielt und nun hast du das Theater. Der Vorhang ist gefallen und nun fallen die Schauspieler - Erdbeben in mir, Stunden quälen sich dahin.

Es gibt viel zu tun, warum bin ich nur so müde?!


?Jan Czemper: Was ist die Botschaft Deiner Texte?

!Klaus Lenuweit: Die Botschaft bin eigentlich ich... das sind oft auch Situationen gewesen, wo ich nicht weiter wußte, und wo ich dann einen Text geschrieben hab': Da könntest du jetzt wieder einen Schritt machen, das Thema ist eigentlich schon abgehakt.


Heut' ist wieder nicht mein Tag

Jede Nacht träum' ich mich hier weg Jeden Morgen im Spiegel das gleiche Gesicht Heut' ist wieder nicht mein Tag! Das gekochte Ei zwischen den Frotteesocken Erdbeermarmelade auf der Zahnbürste Ich knöpf' mir das Hemd auf dem Rücken zu Scheißspiel! Ich such' im Klo die Feuerleiter kauf' mir auf dem Arbeitsamt eine Badehose, der Sozialarbeiterin mach' ich einen Heiratsantrag. Nein, heute ist wirklich nicht mein Tag!

Ich möcht' so gern Theater machen und hab' mit mir Theater vierundzwanzig Stunden lang. Sehe in den Kühlschrank - schon wieder ZDF! Rede kluge Worte im Verein - doch beim Schuheausziehen habe ich schon Schwierigkeiten Vereinsvorstandsmitglied billig abzugeben Kennwort: Wir verkaufen alles, was sich bewegt. Ich trau' mich schon gar nicht mehr auf den Flohmarkt.

Rolltreppen haß' ich ebenso wie überfüllte S- und U-Bahnen mir reicht der Shell-Atlas als Orientierungshilfe nicht mehr aus. Nun steh' ich an der Autobahn und tramp' zum Wittenbergplatz wenn das Bettelschild zum Ausweis wird, wenn eine Mark wichtiger ist als ein nettes Wort. Ich möcht' mir mal selbst begegnen, um mir selber die Meinung zu sagen.

Ich lauf' vor deinem Lächeln weg und vor deinen Händen, die so besitzergreifend sind. Morgen mal' ich mir meine eigene Sonne oder wärme mich an deinem Bild, gehe zur freiwilligen Feuerwehr oder küß' einfach ein Straßenschild. Beweg' dich - und es bewegt sich was.


Ab Juli gibt's im Kieler Straßenmagazin "Hempel's" einen dreiteiligen Beitrag von Dieter Boßmann über Klaus Lenuweit; für September 1996 ist eine Veranstaltung (Kooperationspartner: "Hempel's") mit Klaus in Kiel geplant, in der er Texte lesen wird und mehrere Filme über ihn gezeigt werden.


Text war im Internet veröffentlicht

URL: Unbekannt
Autor: Unbekannt

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