Siegfried Kracauer

Städtische Wärmehalle

Die Natur in ihrer Güte behandelt alle Menschen trotz ihres ungleichen Einkommens gleich, und so müssen bei sinkender Temperatur auch die Armen frieren. Da wir nicht die segensreiche Erfindung des Winterschlafs kennen, sind jetzt vor allem die aus dem Arbeitsprozeß ausgeschalteten Personen in eine schwierige Lage versetzt. Sie empfinden bittere Kälte, ohne die Mittel zu ihrer Abhilfe zu haben. Um die gröbste leibliche Not zu lindern, unterhalten die verschiedenen Berliner Stadtbezirke und auch private Wohltäter Wärmehallen, die vom Oktober bis April in Betrieb sind. Der Gedanke an ihr Vorhandensein mag gerade denen zum Trost gereichen, die in Gegenden mit Zentralheizung wohnen. Übrigens funktionieren noch nicht einmal alle Zentralheizungen richtig; was vermutlich mit dem Zwang zum Sparen und der allgemeinen Verarmung zusammenhängt. Zum Glück werden wir in Bälde ein prächtiges Rundfunkhaus besitzen.

In der Ackerstraße liegt die große Wärmehalle des Wohlfahrtsamts Mitte, die jedermann ohne Ausweis betreten kann. Ursprünglich war sie ein Depot, in dem statt der Menschen Trambahnen aufbewahrt wurden. Man sieht es dem Raum noch heute an. Er hat Oberlicht und enthält lauter sachliche Stützen - eine fachmännische Innenkonstruktion, die der Gleise bedürfte, um vollkommen zu sein.

Wo einst die Wagen geputzt wurden, wimmelt es jetzt von Menschen, die schon lange nicht mehr geblinkt haben. Trübe und Armut sind bis auf weiteres Geschwister. Wieviele Leute sich hier täglich versammeln? "Ungefähr 1800 bis 2500", bedeutet mir der Hallenleiter, ein wohlmeinender Mann, der sein Stammpublikum kennt und mit den Besuchern anscheinend auf gute Art fertig wird. Sie stehen - junge Burschen, Männer und Greise - in Gruppen zusammen, sitzen wie in den Arbeitsnachweisen auf Wartesaalbänken und genießen die Wärme, die eine Voraussetzung nackten Lebens ist, als besondere Wohltat. Gespendet wird sie von einem in der Mitte des Raumes untergebrachten Ofen, dessen Rohr sich beflissen an den Stützen vorbeizieht und rein durch seine unermeßliche Ausdehnung den Hauptzweck der Halle versinnlicht. Die Überdeutlichkeit der Wärmevorrichtung ruft mir jene Ofenanlage ins Gedächtnis zurück, die wir während unserer Militärzeit benutzten, um dünne Kartoffelscheiben zu rösten. An die Kasernen erinnern nicht zuletzt auch die Aborte, deren Türen fehlen, weil man es sonst, wie mein Führer erklärt, vor Geklapper nicht aushalten könnte. In dieser vielbenutzten Örtlichkeit waltet ein Schuhputzer seines Amtes. Eine andere Stube, die an die Halle grenzt, ist der Arbeitsraum des Friseurs. Sein Schönheitssalon unterscheidet sich von denen des Westens nicht nur durch seine billigen Preise - Rasieren 10 Pfennige, Haarschneiden 30 Pfennige -, sondern auch durch den Umstand, daß er ein ausgeräumtes Zimmer ist, in dem die Klienten vor spiegellosen Wänden sitzen. Aber schließlich geht es ja so, und wer wollte gern das eigene Elend bespiegeln?

Der Müßiggang, der sicher auch dort, wo er zwangsweise herrscht, aller Laster Anfang ist, erzeugt ein Geflüster, das die Halle genau so erfüllt wie das Ofenrohr. Aus diesem Raunen heben sich nach und nach immer wiederkehrende Gespräche heraus, die sich auf Rauchwaren, Schule, Sweater und andere Objekte beziehen. Obwohl auf den Wänden geschrieben steht: "Handeln strengstens verboten", wird eben doch in gewissem Umfang gehandelt, und die Verwaltung tut recht daran, daß sie die Leute stillschweigend gewähren läßt. Denn die paar Dinge, die hier von Hand zu Hand gehen, sind schlechterdings lebensnotwendig. Ich habe sie betrachtet, die Zigaretten und Gummisohlen, und es war mir dabei zumute, als hätte ich sie zum ersten Male gesehen. In der Hallenwelt hören sie auf, bloße Waren zu sein, sie werden zu unersetzlichen Gütern, und nichts vermöchte mehr zu rühren als der Schimmer, der ihre Armseligkeit umgibt.

Ausgesteuerte und Leute, die in der Wohlfahrt sind, bilden den Gros. Auch Doktoren sind unter ihnen zu finden, betont der Leiter nicht ohne einen Anflug von Trauer und Stolz...

"Wie leben diese Leute?" erkundige ich mich beim Leiter. "Viele von ihnen", erwidert er, "verbringen hier die Zeit zwischen 7 und 3; solange ist die Halle täglich, auch Sonntags geöffnet. Um 5 Uhr suchen sie das Asyl auf, wo sie schlafen können und verköstigt werden. Das Asyl schließt um 6 Uhr in der Frühe und dann kommen sie wieder zu uns." - - -

Nach einer Pause: "Arbeit zu finden ist schwer. Und wenn sie gefunden wäre, müßten die Leute erst noch eine Zeit lang unterstützt werden, um sich wieder um ein menschenwürdiges Dasein zu gewöhnen."

Geboten wird den Besuchern ein halber Liter Kaffee für 5 Pfennige und vier Brötchen zu 10 Pfennigen. Eine Kostprobe überzeugt mich davon, daß der Kaffee anständig schmeckt. Die mehr geistigen Ansprüche werden durch einen Radioapparat und eine Bibliothek zu befriedigen gesucht. Das Lesebedürfnis soll kurioserweise an den eigentlichen Sonntagen größer sein als an den werktägigen; vielleicht aus dem Wunsch heraus, die Erinnerung an jene Feierzeit zu bannen, die mit dem Einerlei des notgedrungenen Feierns nichts gemein hat. Ich durchstöbere die sogenannte Bibliothek, eine Zufallskollektion abgelegter Werke, die wer weiß wo ihren Weltlauf begann, dann vielleicht in ein Krankenhaus gekommen ist, und nun in einem Schrank von mittlerer Größer ihre letzte Ruhestatt gefunden hat. Sie bestreitet ihre Existenz mit Harbours und Brachvogels, erstreckt sich von den "Quitzows und ihre Zeit" bis zu Anzengruber und erhebt sich in einem Anfall von Übermut zu Knechts Kommentar zur biblischen Geschichte. Am meisten Gewicht haben die pensionierten Zeitschriftenbände von "Nord und Süd" und der "Gartenlaube" aus den achtziger Jahren. Die Unterhaltung, die sie liefern, ist den Interessen der Gegenwart nicht weniger entrückt wie die Halle selber und ihre Besucher.

 

(Siegfried Kracauer, Wärmehallen, in: Frankfurter Zeitung, Nr. 46 vom 18.1.1931.)

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