PAUL GRULICH

DÄMON BERLIN

Der Maler Paul Grulich zog ohne irgendwelche Mittel 4 Wochen lang durch Berlin. Oftmals wird seine Situation so bedrohlich, daß er aufzugeben gedenkt. Er erlebt an seiner eigenen Person das Schicksal der Obdachlosen. Nur so ist die Dichte und Unmittelbarkeit seines Berichtes zu erklären. Seine Beschreibungen des Hungers, der Kälte, des Regens, der schwierigen Arbeitssuche, der ausgesprochen schlechten Arbeitsbedingungen stehen in einem bezeichnenden Kontrast zu den Darstellungen C. Liebichs und Fr. v. Bodelschwinghs.
Donnerstag, den 20. September

(...) Ich lief noch ein wenig herum und fragte mich dann geraden Weges nach der Fröbelstraße durch, wo, wie ich inzwischen erfahren, das städtische Obdach liegt. Das Haus war unschwer zu erkennen. Der Menschenstrom, der sich zu ihm hinbewegte, würde mir überdies seine Bestimmung sicher verraten haben. Alte und Junge, Lahme und Aufrechte, Ansehnliche und bitter Häßliche, aber alle gestempelt mit dem untrüglichen Zeichen der Not und des Hungers. Neben mir humpelte ein uraltes Männchen mit einer grünen, verschossenen Mütze und einem völlig ausgeblichenen Kittel. Der Alte schien Bescheid zu wissen. Als wenn er hineingehörte, ging er in das Haus, dann einen Gang hinunter, durch eine Türe in ein großes, viereckiges Gemach, an dessen Wänden Bänke entlang liefen. Ich hielt mich an des Alten Seite und fragte ihn nach dem und jenem. Dies sei ein Wartesaal, erklärte er mir, wo wir bis sieben verweilen müßten. Dann gäbe es ein gemeinsames warmes Brausebad. So war also noch ein wenig Zeit, meine neuen Schicksalsgefährten etwas zu mustern, die, etwa fünfundsiebzig an der Zahl, auf den Bänken saßen, oder auch standen und vor sich hinbrüteten. Es wurde kaum ein lautes Wort gesprochen. Die meisten waren stumm; wer etwas zu sagen hatte, sagte es im Flüstertone. Ich hatte den Eindruck, daß sich diese Menschen über den Klang ihrer eigenen Stimmen erschrecken würden. Dazu herrschte, obwohl ein Fenster offen stand, eine furchtbare Luft in dem Raume, die zusammengesetzt war aus den Ausdünstungen nie gewechselter, völlig durchnäßter Kleider und einem fuseligen Alkoholdunst. Die Wände waren, wie ich sah, feucht beschlagen.

Aber was war dieser Anblick im Vergleich zu dem, der sich mir in dem Baderaum offenbarte! Dieses armselige, von Ungeziefer zerfressene Fleisch, gehörte es wirklich menschlichen Leibern? Waren das Gestalten, denen das Bibelwort nachsagt, Sie seien nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen? Diese zermürbte, lederfarbene Haut, diese dürren Arme und Beine, diese Füße, deren Sohlen vielfach offene Wunden bedeckten! Dutzende solcher Menschen standen hier, eng aneinandergepreßt und ließen die "Segnungen" einer zweckmäßigen Körperpflege über sich ergehen. Dieweil das heiße Wasser aus den Brausen auf sie herniederströmte und sie sich seiften, stöhnten und schrien sie laut auf unter dem Schmerz, den die "Segnung" ihren bresthaften Gliedern verursachte. Das alte Männlein, das mein Führer gewesen, hatte ich auch wiedergefunden. Ich sah es im Hemd, in einem Hemd, wie ich es nie zuvor erblickt habe. Es war so zerfetzt, daß es einem grobmaschigen Netz von schmutzigen, grauschwarzen Leinwandstreifen glich. (...)

Im Schlafsaal gab es dann einen Teller Mehlsuppe und ein Stück groben Brotes. Beides war genießbar, aber auch nicht mehr. Als Lagerstatt dienten Holzpritschen mit einer dünnen Drelldecke. Man muß, um der Kälte einigermaßen zu wehren, angekleidet schlafen. Mir fiel auf, daß die meisten die Pritschenfüße in die Stiefel stellten. Auch hier traf man Maßnahmen gegen Diebe. Eine Ironie des Schicksals.

Freitag, den 21. September

Wer jemals eine Nacht auf einer Holzpritsche verbracht hat, kennt den Zustand völliger - körperlicher und geistiger - Zerschlagenheit, in dem man sein Lager des Morgens verläßt. Man ist alles andere eher, als ausgeruht und fühlt förmlich die Einbuße an Lebensenergie, die man während der verhältnismäßig kurzen Zeit erlitten. - Und nun sich sagen zu müssen, daß in Berlin allnächtlich Tausende und Abertausende derart "Ruhe finden" von den qualvollen Kämpfen des Tages, und daß diesen Tausenden und Abertausenden wochen-, monate-, oft auch jahrelang nicht ein einziges Mal eine Schlafstatt beschieden, wie sie jedem versteuerten Hunde zu Teil wird: ist das nicht ein Elend, dessen tragische Größe unser tiefstes Mitleid wachrufen muß! Berlin ist, das weiß ich wohl, stolz auf seine sogenannten Wohlfahrtseinrichtungen, zu deren bedeutendsten mindestens dem Umfange nach - das Asyl für Obdachlose zweifellos zu zählen ist. In diesem Asyl empfindet man nicht, daß es ein Werk der Nächstenliebe ist. Es ist ein großes, weites Haus, das so und so vielen Schutz vor den Unbilden der Nacht gewährt; eine straffe Beamtenorganisation verwaltet es, und es wird niemals etwas Ungesetzliches sich darin ereignen. Die Kälte aber, die in seinen Mauern herrscht, die Disziplin, mit der man die durch harte Entbehrungen willenlos Gemachten zu "königlich-preußischen" oder "städtisch berlinischen Almosenempfängern" drillen will, läßt von den ursprünglich edlen Motiven, aus denen heraus die Anstalt entstanden ist, wenig mehr verspüren. Die Stunden, die ich in dem Asyl durchlebte, sind vielleicht die traurigsten, deren ich mich überhaupt zu erinnern vermag. Obwohl ich einer in jeder Beziehung ungewissen Zukunft entgegenblickte, verließ ich am frühen Morgen das Haus mit dem unerschütterlich festen Vorsatz, nie wieder dorthin zurückzukehren. (...)

Sonnabend, den 22. September

(...) Alles, was recht ist, für ein Asyl macht dieses Haus einen ganz anheimelnden Eindruck. Wenigstens im Vergleich mit dem in der Fröbelstraße. Vor allem die Menschen, die es aufsuchen, stehen, in ihrer sozialen Verkommenheit, um eine Stufe höher als die Besucher der "Palme". Man sieht hier das Elend nicht in so unästhetisch anmutender Form wie dort. Den Leuten, die hier zusammenkommen, merkt man es an, daß sie hie und da einmal satt zu essen und wohl auch mal einen Groschen zu Bier oder einem Päckchen Tabak in der Tasche haben. Auch sind die Kleider weniger zerfetzt, die Gesichter blicken minder stumpfsinnig drein. Das Baden geschieht hier freiwillig; ein Zwang besteht nicht. Die Wäsche wird nicht ohne weiteres desinfiziert, sondern erst, wenn sich der Träger auf Befragen als "verlaust" bekennt. Dem wird dann Befreiung von diesen lästigen Gästen zuteil.

Auch das Essen geschieht hier unter Umständen, die durchaus erträglich sind, selbst für einen, der noch nicht abgebrüht ist. In der "Palme" ist dies nicht der Fall. Hier, in der "Wiesenburg" liegen Eß- und Schlafraum getrennt. Man sitzt auf Bänken an blitzsauber gescheuerten Tischen und hat weder den Eindruck eines Stalles, noch eines Zuchthaussaales. Die Speise selbst ist natürlich etwas dürftig, aber das Gerät ist von so wohliger Reinlichkeit, daß sie sich sogar mit Appetit verzehren läßt. Es gab Reissuppe mit einem derben Stück groben, nahrhaften Brotes; ein Gericht, das sättigte und auch vorhielt. - Um 8 Uhr heißt es, zur Ruhe gehen. Der Schlafsaal ist hoch und geräumig, als Lager dient eine Drahtmatratze, die immerhin etwas weicher ist als eine Holzpritsche, sich wohl auch besser reinigen läßt, und zum Zudecken bekommt jeder zwei Drelldecken. In kalten Nächten, wie dieser, der ich jetzt entgegen ging, muß man schon im Anzug schlafen, sonst weckt das Frostgefühl einen immer wieder auf. Ich streckte mich aus mit dem Gefühl einer gewissen Behaglichkeit, das hervorgerufen wurde durch die Hoffnung, einmal ein paar Stunden wirklich ruhen zu können, und geriet dabei in so gute Laune, daß ich nicht übel Lust hatte, mit meinen Nachbarn zur Rechten und zur Linken ein Gespräch anzufangen. (...)

Sonntag, den 23. und Montag, den 24. September

(...) Gegen sechs Uhr nachmittags langten wir am Gesundbrunnen an und beschlossen, von mehreren Übeln das kleinste zu wählen und nochmals in der "Wiesenburg" zu nächtigen. Als wir im überfüllten Saale unsere Abendmahlzeit verzehrten, hatte ich zum ersten Male Gelegenheit zu bemerken, daß das Asyl von Leuten, die billige Arbeitskräfte brauchen, gewissermaßen als Nachweisstelle benutzt wird. Es trat ein Mann in den Saal und forderte zwanzig Leute zum Kartoffelhacken. Zwölf meldeten sich, obwohl mindestens fünfzig anwesend waren. Ich wäre gern mitgegangen, wenn ich nicht die Wunde am Fuß, die wieder zu schmerzen begann, gehabt hätte. Der Mann fragte noch ein, zwei Mal, es meldete sich aber keiner mehr. Es hatte inzwischen wieder angefangen zu regnen und die Leute zogen es vor, in so furchtbarer Luft auf Drahtmatratzen zu schlafen und am nächsten Tage sich ihr Essen zusammenzubetteln, als bei schlechtem Wetter auf dem Felde zu stehen und gering bezahlte Arbeit zu verrichten. Die Meisten waren wohl auch schon zu schwach dazu, oder die Erfahrung hatte sie gelehrt, daß es besser ist, ganz im Sumpf zu bleiben, als durch derlei Unterbrechungen längst erstorbene Hoffnungen künstlich neu zu beleben, denen doch fast niemals die Erfüllung folgt. - 


Auszug aus dem gleichnamigen Erlebnisbericht von Paul Grulich, Berlin 1907, S.15 ff, S. 22 ff.

Abgedruckt in: Schriftenreihe Wedding e.V. (Hrsg.): Armut und Obdachlosigkeit im Wedding. Berlin 1991, S. 83 - 86. (= Schriftenreihe Wedding, Bd. 2)

Anschrift des Herausgebers: Schriftenreihe Wedding e.V., Utrechter Str. 47, 13347 Berlin, Tel: 030 - 455 40 40 (= Buchhandlung Mackensen)

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