Große Spendenaktion im Süden der Republik

Es ist noch nicht lange her, daß Prominente aus Film, Funk und Fernsehen sich als "Ausländer" outeten, um gegen Fremdenhaß und brennende Asylantenheime zu demonstrieren. Den Asylanten hat die Aktion wenig genutzt, doch die Prominenten konnten bei der Gelegenheit zeigen, daß sie außer Namen auch ein Herz haben. Nun ist es wieder soweit, Weihnachten, die Zeit der praktizierten Nächstenliebe, steht vor der Tür, wieder steigen Promis aus Politik, Sport und Showgeschäft in die karitative Bütt, um sich der Armen und Beladenen anzunehmen, Diesmal sind Obdachlose dran, genauer: eine Obdachlosen-Initiative namens BISS - "Bürger in sozialen Schwierigkeiten", die im süddeutschen Raum ein Monatsmagazin gleichen Namens produziert und vertreibt.

"BISS - Bürger in sozialen Schwierigkeiten", das klingt sauber und harmlos. Denn Bürger sind wir alle, und in soziale Schwierigkeiten geraten wir alle immer dann, wenn wir uns nicht so verhalten, wie es von uns erwartete wird. Ich habe mir neulich einen ernsten Verweis meiner Hausgemeinschaft zugezogen, weil ich meinen Müll nicht so sorgfältig trenne, wie es die Hausordnung zusieht. Doch Obdachlose sind nicht Bürger in sozialen Schwierigkeiten, sondern Menschen in einer schrecklichen Notlage. Über eine Million Obdachlose gibt es in der Bundesrepublik - ein Skandal, der alles Gerede von sozialer Gerechtigkeit Lügen straft.

Nun führt die Tatsache, daß in einem reichen Land, in dem Profi-Eishockeyspieler im Sommer Arbeitslosengeld bekommen, nicht etwa dazu, daß Politiker tun, wofür sie gewählt werden und das Nötige veranlassen, um "Bürgern in sozialen Schwierigkeiten" aus denselben zu helfen. Das wäre zu einfach und zu unauffällig. Deswegen hat sich irgendein Witzbold, der Public Relations studiert hat, eine Aktion ausgedacht, die den Obdachlosen nutzen soll: Der Münchener Oberbürgermeister Christian Ude, die bayerische Sozialministerin Barbara Stamm, die Fußballer Klinsmann und Hoeneß, die Filmemacherin Doris Dörrie, der Intendant August Everding, die SchauspielerInnen Iris Berben, Senta Berger und Helmut Fischer fordern seit ein paar Wochen Münchener Bürger von Plakatwänden auf, das Monatsmagazin BISS zu kaufen, um Obdachlosen unter die Arme zu greifen. Logisch, daß die "Werbung für Obdachlose" ("Bild"-Zeitung) nicht die Obdachlosen ins Bild bringt, sondern deren prominente Freunde, die, von Profi-Designern zu Obdachlosen stilisiert, um Spenden bitten.

Das kommt heraus, wenn Selbstdarsteller, die sonst nur darum kämpfen, in den Klatschspalten erwähnt zu werden, plötzlich zu guten Menschen mutieren. Herr Everding und Frau Berger können sich zwar nicht mehr erinnern, wann sie zuletzt einen Obdachlosen von den Isarauen in ihre Heime mitgenommen haben, doch nutzen sie den Moment, um ihre innere Mutter Theresa von der kurzen Leine zu lassen. Sie sind nicht nur bedingungslos bereit, 2,50 Mark für eine Obdachlosenzeitung auszugeben, sie wollen auch, daß andere ihrem Beispiel folgen. Sie könnten zwar mühelos die ganze Auflage kaufen, aber dann bliebe für die Nonames, die durch die Aktion animiert werden sollen, nichts übrig. Und wenn sogar die bayerische Sozialministerin Barbara Stamm auf Plakat wänden als Pin-up-girl posiert, statt sich um Bürger in sozialen Schwierigkeiten zu kümmern, dann heißt das, daß man das Sozialministerium schließen und die Fürsorge um die Armen einer Werbeargentur übertragen könnte, was nicht nur billiger, sondern wohl auch effektiver wäre.

Obdachlose brauchen ein Dach über dem Kopf, Arbeit und Betreuung, um wieder für sich selbst sorgen zu können. Statt dessen werden sie als Bettler in eigener Sache beschäftigt. Die Obdachlosenzeitungen, die es inzwischen in der ganzen Republik gibt, sind so überflüssig wie das Wort zum Sonntag als Mittel der Seelsorge. Niemand liest sie, gekauft werden sie nur, weil das schlechte Gewissen der Käufer für ein Ablaßangebot dankbar ist.

Und die Prominenten, die sich in den Dienst der guten Sache stellen, demonstrieren ihr Gutsein zum Nulltarif, genauer: auf Kosten der Obdachlosen. Herr Klinsmann und Frau Berger, Herr Everding und Frau Berben, Herr Hoeneß und Frau Dörrie lümmeln sich zufrieden in ihren Wohnlandschaften, während sich die Obdachlosen im Englischen Garten den Arsch abfrieren.

Prominenten helfen Obdachlosen? Aber hallo! Obdachlose helfen Prominenten, noch ein bißchen Prominenter zu werden.


aus: Tagesspiegel vom 01.12.1996, S. 3. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion

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