»Bidler an der Dur«

Armut in der Geschichte - Bettler an der Tür

»Almosen für die Armen, Almosen für die Armen!« Dieser Ruf war dem mittelalterlichen Menschen zo allgegenwärtig wie heute der Verkehrslärm.


Schon am Stadttor streckten einem ausgemergelte Gestalten ihre hölzernen Bettelschalen entgegen, sie klopften des Abends an die Haustür der Reichen, um das Brot, das als Unterlage für die Speisen gedient hatte, zu bekommen.

Die Blinden hatten ihren Standplatz neben dem Dom, so daß jeder Gläubige beim Kirchgang an ihnen vorbei mußte, und noch während des Gottesdienstes konnte es geschehen, daß man um ein Scherflein angegangen wurde.

Bettler gehörten zum mittelalterlichen Alltag ebenso wie die allgegenwärtige Angst vor Krieg und Seuchen. Und weil jeder sich bewußt war, daß ihn ein Schicksalsschlag schnell und unverhofft um Arbeit und Brot bringen konnte, war Betteln nichts Ehrenrühriges. Es war eine durchaus legitime Möglichkeit, sich zeitweise durchzubringen, und deshalb gaben auch die, die etwas erübrigen konnten, einen Teil davon als Almosen. Freilich nicht nur aus Einsicht, daß ein ähnliches Schicksal einem selbst widerfahren konnte, sondern weil »Geben seliger denn nehmen« war, weil die Gaben an die Armen ein wichtiger, ja entscheidender Prüfstein für ein gottesfürchtiges Leben waren, einer der Schlüssel, die den Christenmenschen das Paradies öffneten.

»Arme und bidler an der dur« konnten einem in vielerlei Gestalt begegnen. Da waren zunächst all die, die nicht, nicht mehr oder noch nicht arbeiten konnten: Mit Blindheit und anderen Gebrechen Geschlagene, Kranke und Findelkinder. All diese hatten eine Unterkunft in einem der meist von der Kirche geführten Hospitäler oder Armenhäuser, manchmal ließen sie auch reiche Bürger unter der Treppe oder in einer kleinen Kammer wohnen oder stellten gar einen »gadem«, eines der winzigen Vorstadthäuschen, mietfrei zur Verfügung.

Behinderten blieb fast nicht anderes übrig als zu betteln

Freilich, für den Lebensunterhalt mußten und durften diese Armen betteln, ja es war oft üblich, daß sie ihren »Lohn« bei der sozialen Institution, wo sie wohnten oder sich an die »Armentafel« setzten, abgaben. Insofern war Betteln ihr Beruf, sie erhielten sogar - sei es von der Obrigkeit zugewiesen, sei es aus Gewohnheit - »Arbeitsplätze«: Manche »nur« am Stadttor oder in der Marktgasse, Blinde und Gebrechliche, aber auch die Findelkinder durften rings um den Dom oder die Kathedrale ihrem Gewerbe nachgehen, unschuldig in Not geratene Witwen, für die keine Zunft aufkam, klopften schon einmal an die Haustüren.

Das höchste Ansehen genoß sicher der »Pilgerbettler«. Auf dem Weg zu irgendeiner heiligen Stätte einem Gelöbnis folgend und zur Armut verpflichtet, war er auf die Wohltätigkeit seiner Mitbürger angewiesen. Und die gaben nicht immer reichlich und nicht immer gerne, aber doch wissend, daß sie sich vielleicht auch einmal auf Pilgerfahrt begeben mußten, sei es, um fur die wundersame Hilfe der Jungfrau Maria an einem ihrer Anverwandten zu danken, sei es nur um des eigenen Seelenheils willen.

Vom 13. Jahrhundert an gab es organisierte Bettelorden wie die Franziskaner. Mönche, Nonnen und auch Laienbrüder und -schwestern, die in Armut, wenn auch in geregelten Verhältnissen und damit in relativer sozialer Sicherheit lebten, sammelten Almosen und verwandten diese Gelder wiederum zur Armenfürsorge.

Daß das Bettelwesen wie überhaupt die Sozial- und Armenfürsorge einigermaßen funktionierte, setzte ein noch heiles, tief religiöses christliches Weltbild voraus. Und das hieß, daß der- oder diejenige, die sich ihren Lebensunterhalt mit ihrer Hände Arbeit verdienen konnten dies auch taten, so, wie es die Bibel und der Pfarrer von der Kanzel vorschrieben. Und daß nur die vom Schicksal und Gott Geschlagen, die nicht mehr arbeiten konnten oder keine Arbeit erhielten, Bettelschale und Bettelstab nahmen. Schlitzohren, die das Bettel»privileg« - als solches wurde es durchaus verstanden - ausnutzten, waren noch die große Ausnahme. All dies war - wenn überhaupt in dieser idealen Form - nur im Hochmittelalter der Fall und vielleicht auch da nur in guten Zeiten ...

Im Spätmittelalter änderte sich dies alles. Mit Kriegen und Seuchenzügen zerbrach das festgefügte christliche Weltbild, vor allem aber in den Städten geriet das von den Zünften sorgfältig bewahrte Einkommensgleichgewicht durcheinander. Die Bevölkerungsexplosion, aber auch die Erschütterungen der Zeit ließen nicht mehr zu, daß für jeden »Nahrung und Ehre« vorhanden war, die Möglichkeit, sich auf ehrliche Weise sein täglich Brot zu verschaffen.

Die Folge war ein Ansteigen der Armut und damit der Bettelei. Die veränderte Mentalität tat ein übriges dazu: Die abnehmende Religiosität bewirkte, daß Kaufleute und Handwerker, Adel und Handelsherren mehr an ihr irdisches Wohl denn an ihr Seelenheil und damit an fromme Gaben dachten. Hinzu kam, daß dies auch bei den Bettlern der Fall war. Die Zahl der Betrüger und Gauner unter ihnen nahm zu, als viele junge Leute erst gar nicht und manche Gestrauchelte nicht wieder versuchten, an normale Arbeit heranzukommen. Den Scherbenhaufen hatten dann die städtischen Behörden aufzukehren, die vom 14. Jahrhundert an mit einem zunehmenden Wust von Erlassen dem »Bettlerunwesen«, das mehr und mehr zur »Bettlerplage« wurde, Herr zu werden versuchten.

Als eine der ersten versuchte die Stadt Nürnberg, das Betteln zu reglementieren: Betteln durfte man nur noch mit einem Bettelabzeichen, und dieses erhielt nur, wer mit Hilfe vertrauenswürdiger Zeugen beweisen konnte, »daz im daz almusen noturttig sey.« Allen anderen freilich, »die wol gewandern oder gearbeyten moechten, den sol man niht erlauben, zu petteln, noch kein zeichen geben.« Fremde Bettler durften überhaupt nur noch drei Tage in der Stadt bleiben und sie dann ein Jahr lang nicht mehr betreten - es war der vergebliche Versuch, die haus- oder besser stadtgemachte Armut von der von außen hereingetragenen zu trennen, denn welcher fremde »sterzel oder geyler« konnte schon drei glaubwürdige Zeugen aufbringen? Dabei machten die städtischen Behörden freilich eine Erfahrung, die auch heute noch Fremdenpolizei und Ausländerbehörden machen: Sie trieben die Bettler nur in die Illegalität. In den Nebengassen der Städte gab es genug Einheimische, die gegen überteuertes Geld heimliche Schlafstätten anboten, was wiederum ihre Kunden nötigte, sich eben dieses Geld in ihrer täglichen »Arbeit« zu verdienen, auf immer aggressivere Weise, und die Grenze zur Kriminalität wurde immer fließender.

Natürlich versuchte die städtische »polizey«, die illegalen Bettler aufzugreifen und zu bestrafen. Aber es waren Strafen, die nicht sonderlich schreckten: Man stellte die Ertappten an den Pranger - das war unangenehm, aber auszuhalten -, man verwies sie der Stadt und brachte sie mit Bütteln vor die Tore - aber schon damals gab es genügend »Schlepper«, die alle Schlupflöcher zurück kannten -, und schließlich konnte man Wiederholungstäter bei Wasser und Brot einige Zeit in den Turm stecken - was angesichts der Verhältnisse in den Gefangnissen wohl noch am meisten schreckte, aber immerhin eine Alternative zum Verhungern darstellte. Am Ende dieses vergeblichen Kampfes stand im 17. Jahrhundert der Gedanke des Arbeits- oder Zuchthauses: Arbeiten statt betteln, hieß nun die Devise.

Mit einem Kissen wurde man schwanger, mit einem Seil zum Einbeinigen.

Es war ein Teufelskreis: Waren die Bettler im Hochmittelalter - wenn auch bemitleidet, ja verachtet - noch in die Gesellschaft integriert und von einem, den Zeitläuften entsprechend weitmaschigen, sozialen Netz aufgefangen worden, wurden sie nun nicht nur an den Rand gedrängt, sondern in den sozialen Abgrund gestoßen. Auch deshalb, weil sie sich dagegen mit allen Tricks wehrten: Die Bettelabzeichen wurden ebenso gefalscht wie Beglaubigungsschreiben von Klöstern und Orden, die zum Almosensammeln berechtigten. Hatte man früher auf seine Gebrechen hingewiesen, sie aber sorg- und sittsam verborgen, so schockte man nun die reichen Mitbürger mit offenen, schwärenden Wunden und hoffte, sie würden sich von diesem Anblick und dem meistens damit verbundenen Geruch möglichst schnell loskaufen. In den Vagantenlagern außerhalb der Stadt oder den Treff in alten Katakomben und Gewölben lehrten alte Bettler die jungen nun alle Tricks, mit denen man Mitleid heischen konnte: Die alten Chroniken berichten von der mittels Kissen vorgetäuschten Schwangerschaft, von auf den am Rücken hochgebundenen Beinen bis hin zur Selbstverstümmelung. Aus den früher hoch geachteten Pilgerbettlern wurden Berufsbettler. Und mehr und mehr verlegten sich manche »muessig gengere und maulenstuessere« nicht nur aufs Betteln, sondern ließen auch Geld und Gut mitlaufen,wenn sich eine Gelegenheit ergab. Vor allem bei jugendlichen Bettlern, die sich zu Banden zusammenschlossen, war die Grenze zum Berufsverbrechertum schnell überschritten. Immer näher rückten nicht nur in den Köpfen der Menschen Betteln und Betrug zusammen, Mißtrauen wurde zur Reaktion auf den Ruf »Almosen für die Armen« ...


»Bidler an der Dur«.
Geschichte mit Pfiff.
Äußerer Laufer Platz 22
90327 Nürnberg.

Abgedruckt in:
Bronks. kostenlose Beilage zum Looser.
Erstausgabe November 1996; S. 20 - 21.
Hrsg: Selbsthilfeverein Arbeit und Wohnen e.V.;
Waldstr. 17
64720 Michelstadt

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