Anemon 3 SMD ist Transportmittel und Wohnung in einem und besteht aus einer klauenförmigen Metallkapsel auf drei Rädern. Mit Computerausrüstung und mobilem Telefon hält sich der Stadtnomade mit der Umwelt in Verbindung während den Reisen von Stadt zu Stadt. Anemon ist sein einziger Wohnplatz und der elektronische Briefkasten seine einzige Anschrift. Der Stadtnomade ist mobil im wahrsten Sinne des Wortes.

Anemon repräsentiert einen alternativen Lebensstil, ein Leben wie das der Nomaden, doch für den modernen Menschen unserer Zeit angepaßt. Die Stadtnomaden leben außerhalb der gesellschaftlichen Kontrolle. Im toleranten Chaos der Stadt finden sie die Freiheit in verlassenen Gebäuden und auf ehemaligen Industriegeländen - Treffpunkte mit vielen Möglichkeiten. Hier kann sich Anemon richtig entfalten. Das schützende Zelt ist zum schlafen und arbeiten und unter einem transparenten Baldachin hat der Stadtnomade ein Wohnzimmer, seine private Zone, wo immer er auch lebt.

Die beiden Architekturstudenten, Jens Langert und Pia Cally Ahlgren haben das Design für Anemon während ihrem Austauschjahr an der HDK in Göteborg entwickelt - von Idee bis zum fertigen Prototyp in voller Größe. Ich besuchte sie in ihrem Anemon.

Wie sind sie auf die Idee gekommen und was wollen sie mit Anemon erreichen?

Anemon als Idee, ist ein Produkt der Großstadtgesellschaft und der Lebensbedingungen unter denen wir Westeuropäer leben. In unserer Gesellschaft finden wir eine zunehmende Konzentration der Innenstadt, große Wohnsiedlungen und verlassene Industriegeländer. Mit dieser Problematik hat sich das Vardeprojekt ausseinandergesetzt. Uns Innenarchitekten wurde die Aufgabe gegeben, für diese Plätze Alternativen zu finden.

Wir waren von diesen abenteuerlichen Geländen fasziniert und die Lebensanschauung der Nomaden hat uns auch inspiriert. Wir wollten den Stadteinwohnern zeigen, daß man auch anders leben und denken kann. Wir wollen, daß die Menschen mal richtig über ihr Leben heute nachdenken. In unserer Gesellschaft ist der materielle Konsum ein Maßstab für Geborgenheit und Status. Die Nomaden dagegen suchen die Geborgenheit in ihrem Inneren. Die moderne Kommunikationstechnologie und die mobilen Computer ermöglichen ein Leben mit großer persönlicher Freiheit und Beweglichkeit, ohne daß der Kontakt zur Umwelt verloren geht.

Wer will so leben wie ein Stadtnomade?

Menschen, die sich vom materiellen Konsum befreien wollen. Menschen, die für ihren Lebensunterhalt weniger ausgeben möchten und in ihrem Leben Beweglichkeit wünschen. Es könnte jedermann sein. Die Menschen entwickeln ein zunehmendes globales Bewustsein. Wir (die Menschen im westlichen Teil von Europa) lesen dieselben Zeitungen, sehen die ähnlichen Fernsehprogramme, wir reisen rund um die Erde und können uns auch mit weit entfernten Zielen einfach in Verbindung setzen. Die Frage der Nationalitat verliert mehr und mehr an Bedeutung. Viel wichtiger ist heute die Zugehörigkeit einer Gruppe. Der gemeinsame Lebensstil verbindet die verschiedenen Gruppen von Stadtnomaden.

Wie sieht der Alltag der Stadtnomaden aus und wovon leben sie?

Vielleicht ernähren sie sich durch Saisonsarbeit und wollen die Freiheit haben, mitten im Monat aufbrechen zu können oder sie haben eine ganz normale Arbeit wie jeder, der beruflich auf seinem Computer Informationen empfangen und schicken kann. Sie können auch geographisch unabhängig sein. Vielleicht arbeiten sie im Bereich der modernen Technologie mit Mobiltelefon und Computer. Sie können auch durch ihren Databasis Arbeit finden und Informationen über Plätze mit guten Lebensbedingungen. Sie können Berichte und Erfahrungen von ehemaligen Bewohnern bekommen.

Zum Beispiel: Schöner Platz, zentral gelegen, etwas kühl und zugig, relativ sicher, selten frei.

Der Standard zwischen den verschiedenen Plätzen ist sehr unterschiedlich und u.a. davon abhängig, ob sanitäre Anlagen vorhanden sind. Wenn nicht, benutzt man die Waschsalons und Schwimmbader für die Wäsche und die persönliche Hygiene. Das Wasser für den Haushaltsbedarf wird in einem Wasserkanister aufbewahrt. Das Essen wird auf einem Spirituskocher zubereitet. Die durch Sonnenzellenpaneele wiederaufladbare Anemonbatterie sorgt für den Kühlschrank. Schlafen tut der Stadtnomade auf einer Luftmatratze oder in einem Liegestuhl in dem Zelt, das durch die eigene Körperwärme warmgehalten wird. Ein Wohnzimmer und einen Garten hat der Stadtnomade unter einem Baldachin aus transparentem Material. Die provisorische Einrichtung ist aus dem, was in der Umgebung zu finden ist, zusammengebaut. In einer Kapsel aus Metall sind Wertsachen sowie der moderne Computer und die kommunikationstechnische Ausrüstung sicher aufbewahrt. Die Baldachine von Anamon können miteinander verbunden werden und das wettergeschützte Zelt kann für viele Zwecke verwendet werden. Familienleben oder Wohngemeinschaft - die Stadtnomaden haben viele Möglichkeiten, wie sie ihr Leben gestalten wollen.

Wird die Gesellschaft den Stadtnomaden akzeptieren?

Als erstes wollen wir feststellen, daß die Stadtnomaden keineswegs auf Kosten von Anderen leben. Sie ernähren sich von ihrer Arbeit und sie bezahlen ihre Versicherungen und Steuern. Die Stadtnomaden sind natürlich von der Gesellschaft abhängig, aber die Gesellschaft braucht auch bewegliche Menschen mit extremer Flexibilität. Historisch gesehen ist es öfters zum Streit zwischen den Nomaden und der seßhaften Bevölkerung gekommen und die letztere ist tatsächlich bedroht. Die meisten Gesellschaften sind der Ansicht, daß jeder von uns ein Teil des Systems ist. Zugespitzt kann man sagen, daß es Menschen gibt, die das morden mit dem Argument rechtfertigen, sie hätten nur einen Befehl ausgeführt. Wenn es soweit gekommen ist, hat der Mensch seine persöhnliche Verantwortung verloren. Menschen, die sich weigern, Befehle auszuführen, können von der Gesellschaft als drohend empfunden werden. Warum wurden ausgerechnet die Juden und Zigeuner, zwei Völker ohne eigentliche Heimat, von den Nazis so verfolgt? Ein Nomade hört auf seine innere Stimme. Ein Leben voller Schlendrian ist ihm fremd. Der Nomade macht seine eigenen Beobachtungen und verläßt sich auf seinen Instinkt.

Ist der Lebensstil der Stadtnomaden nur für gesunde, starke und mutige Menschen geeignet?

Heutzutage gibt es viele kräftige und gesunde Menschen, die ihr Leben wie im Schlaf leben. Die Menschen spielen die Rolle, die ihnen von der Gesellschaft vorgeschrieben wird. Wenn du dich für den Lebensstil der Stadtnomaden entscheidest, wird dein Mut und Selbstbewustsein größer sein als vorher. Die Nomaden haben keine Wahl, sie müssen ihren Herzen vertrauen. Da finden sie die Kraft für ein Leben in Freiheit

lnterview: Anna Jaktén

VARDENEWS NR 4; Seite 11

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