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Dokumente eines Scheiterns

Zusammengestellt von Ulrich Linse

Inhalt
Einleitung
1. Die Vagabunden - Mitschöpfer einer freien Gesellschaft: eine Utopie
2. Agitation unter dem städtischen ‚Lumpenproletariat’
3. ‚Aufbauende’ Tätigkeit
4. Gescheiterte Verständigung
5. Solidarität — oder vom Sinn der Utopie

Einleitung

Erich Mühsam 1919 - Quelle: WikiCommonsEs war der ,Künstler’ Mühsam, der die ,Kunden' als Gegenstand seiner Zuneigung entdeckte. Abstrakt sozusagen, denn er hatte kaum reale Bekanntschaft mit diesem Personenkreis gemacht, als er 1905 während seines Aufenthalts in Ascona die innere Verwandtschaft der Boheme mit den Verworfenen der bürgerlichen Gesellschaft zu erkennen glaubte (T1, T2 und T3). Doch auch politische Traditionen spielen hinein: Während Marx, aber auch der aus der deutschen Sozialdemokratie kommende Sozialrevolutionär Johann Most das ,Lumpenproletariat’ als bloss korruptes Verfallsprodukt der bürgerlichen Gesellschaft verachteten, sahen Anarchisten wie Bakunin oder Fritz Brupbacher in ihnen Gefühlsrebellen und damit ein aktivierbares politisches Potential. Der Gedanke schliesslich, diesen Gejagten und Heimatlosen eine Heimat zu schaffen, mochte auch durch den Psychiater Otto Gross angeregt worden sein, dessen Vater, der bekannte Kriminalist Hans Gross, damals in genauem Gegensatz dazu die Deportation der ‚Degenerierten' aus der menschlichen Gesellschaft befürwortete. Für Mühsams eigene innere Entwicklung war seine Vision Asconas als der allen Ausgestossenen ein menschliches Leben gewährenden ‚Mutter Erde’ von höchster therapeutischer Bedeutung, befreite sie ihn doch von seinem sterilen Individualismus Stirnerscher Prägung, und liess in seiner inneren Wüste (so der Titel seiner Gedichtsammlung 1904) lebendiges soziales Mitgefühl sprudeln.

Doch er wollte nicht bei der für ihn lebensspendenden Utopie stehen bleiben, sondern versuchte sie erstmalig 1909 in München in die Praxis umzusetzen. Anlass für die Öffnung zum städtischen Subproletariat war die Tatsache, dass die von Mühsam im Rahmen des Sozialistischen Bundes (von Gustav Landauer 1908 ins Leben gerufen) in München gegründete Gruppe Anarchist, dann Gruppe Tat vor allem syndikalistische Arbeiter ansprach, diese aber wirtschaftlichen Überlegungen den Vorrang einräumten, also nach Mühsams Vorstellung kleinbürgerlichen Zielen huldigten.(1) Dazu kam, dass Mühsams engster Freund, der ewige Student und Bohemien Johannes Nohl (sein Vater war der bekannte Pädagoge Prof. Dr. Herman Nohl) aufgrund seiner homosexuellen Neigungen mit diesen Kreisen Verbindung hatte - so heisst es in einem Münchner Polizeibericht von 1908, der total heruntergekommene Nohl suche Lokale niedrigster Art auf, um dort Bekanntschaften zu machen. Mühsam selbst war jedoch nicht allein von politischen lndoktrinationsvorstellungen veranlasst, die städtischen ,Kunden’ zu Vortrag und Freibier einzuladen, sondern auch von der dem Sozialistischen Bund zugrundeliegenden sozialen und humanen Vorstellung, zur aufbauenden und damit selbstbefreienden Tätigkeit aus der blossen Verneinung des Bestehenden fortzuschreiten; so sollte nicht mehr in einem fernen exotischen Refugium wie Ascona, sondern hier inmitten der Gesellschaft den Verachteten ihre Selbstachtung zurückgegeben und den Heimatlosen eine Heimat geschaffen werden (T4, T5 und T6). Eine Gruppe Vagabund, wie dies Mühsam in seinem Sozialist-Artikel Neue Freunde erhofft hatte, kam jedoch nicht zustande, da Mühsams Propaganda unter den Arbeitslosen und Arbeitsmüden, den Kriminellen und Homosexuellen, den Zuhältern und Dirnen aus Münchens Kundenkneipen (besonders vom Zum Soller) zu geringen Anklang fand. Das positive Tun der wenigen Interessierten ging über bescheidene Ansätze nicht hinaus.

Die Polizei observierte von Anfang an Mühsams Aktivitäten und versuchte bereits Anfang 1909 Mühsams erste Münchner Gründung, die Gruppe Anarchist, dadurch zu Fall zu bringen, dass sie deren Gruppenwart der Übertretung der Bestimmungen des Reichsvereinsgesetzes zu überführen können glaubte. Nachdem darauf diese Gruppe aufgelöst und als Gruppe Tat unter dem Vorsitz von Mühsams liebstem Münchner Freund Karl Schultze (alias Morax) neu gegründet worden war, nahm die Polizei deren erste politische Tat zum Anlass eines verschärften Vorgehens: Am 13. Oktober 1909 wurde der spanische Anarchist und Pädagoge Francisco Ferrer unschuldig hingerichtet (der libertäre Erzieher starb mit den für einen Revolutionär ungewöhnlichen Worten „Es lebe die Moderne Schule!”)‚ und ähnlich wie bei dem späteren amerikanischen Justizmord an Sacco und Vanzetti kam es zu internationalen Protestaktionen. Während Mühsam in Berlin auftrat, suchte Morax (bei den Sitzungen der Tat-Gruppe pflegte er zusammen mit seiner Freundin lda französische Revolutionslieder zur Gitarre zu singen) in München den Protest zu organisieren. Er lud zu einer Anarchistenversammlung mit dem Werbezettel Tod König Alfons! Tod Ferrers Mördern! ein, gleichzeitig verteilte er im Soller von ihm eigenhändig geschriebene Zettel mit der Aufschrift Nieder mit der Polizei, nieder mit Offizieren und Militär! Auf seine Aufforderung trafen sich auch die Kunden in der Nacht vom 16. auf 17. Oktober 1909 vor dem spanischen Konsulat in München (Rindermarkt 16) zu einer Strassendemonstration (Rufe: „Alfons nieder!”) und rissen das spanische Wappenschild herab. Morax schrieb darauf an die Redaktion der Münchner Neuesten Nachrichten: „Geehrte Redaktion! Vergangene Nacht protestierte eine Volksversammlung vor dem spanischen Konsulat gegen Ferrers Erschiessung. Das Wappen wurde heruntergeholt und zertreten. Ein Zuschauer.” Ein paar Nächte später brachte einer der Kunden auf der nächtlich-unbelebten Burgstrasse eine Dynamitpatrone zur Explosion. Da die Polizei die Tat-Gruppe auch wegen verschiedener anderer krimineller Delikte im Verdacht hatte - von der Verschiebung von Deserteuren in die Schweiz bis zum Sacharinschmuggel - benützte sie die genannten Vorfälle, um Mühsam in Berlin zu verhaften (sein Gefängnistagebuch hat er später in seiner Einmann-Zeitschrift Kain teilweise veröffentlicht) und um ihm 1910 den Prozess wegen Gründung eines Geheimbundes zu machen. Obwohl er freigesprochen wurde, öffneten ihm die Zeugenaussagen der ,Kunden' die Augen über deren totale Missverstehen seiner Absichten und belehrten ihn darüber, dass selbst die beste Propaganda nicht in der Lage war, eingefahrene Gedankengänge bei diesen Ungebildeten zu korrigieren (T8). Lediglich ein paar ,Kunden’ wollte er von dieser Beurteilung (nicht Verurteilung) ausgenommen wissen; sie nahmen auch nach dem Prozess an den Sitzungen der Tat-Gruppe teil, bis diese 1912 einging.

War so die politische Einflussnahme auf das urbane Subproletariat gescheitert, so erwies sich der Versuch einiger Mitglieder der Gruppe, unter ihnen der damalige Student und Bohemien Franz Jung, die ‚Monarchen’ der Landstrasse zu indoktrinieren, noch als aussichtsloser. Gedacht war daran, das spätsommerliche Zusammenströmen von Scharen von Tippelbrüdern zum Hopfenzupfen in der Hallertau (auch: Holledau), dem grössten deutschen Hopfenanbaugebiet, für die Agitation zu benützen. Doch ebenso wie beim Münchner Versuch fehlte es bei den Adressaten an der Grundbildung und einer über den Augenblick hinausdenkenden Lebensperspektive als Voraussetzungen ideologischer Beeinflussbarkeit (T9).

Mühsam selbst, obwohl nach seinem Geheimbund-Prozess nicht nur Zielscheibe des Spottes, sondern auch durch den fast einhelligen Boykott der literarischen Zeitschriften um seinen Broterwerb gebracht, bereute nichts (T11 und T12). Hatte doch die Arbeit mit den ,Kunden’ vollends sein soziales Gewissen mobilisiert (T10) und so den in Ascona begonnen Ausbruch aus dem Gefängnis des Individual-Anarchismus einen Schritt weitergebracht. Es bedurfte allerdings noch seiner eigenen jahrelangen Festungshaft nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik, ehe sich das in ihm angelegte und immer sichtbarer gewordene soziale (und nicht nur politische) Engagement voll entfalten konnte und er so, insbesondere durch seine Tätigkeit bei der kommunistischen Rote Hilfe, zum „Vater und Bruder aller Gefangener der (Weimarer) Republik” (Gustav Regler) wurde. Standen nun auch - ein Reflex der ‚politischen Justiz’ der Weimarer Republik - die politischen Gefangenen im Mittelpunkt seines solidarischen Kampfes um die Menschenrechte, so vergass er auch nicht die Vagabunden in diese selbstlose Tätigkeit miteinzubeziehen (T13). Und diese praktizierte Menschlichkeit humanisierte auch Mühsams politische Theorie: Libertärer Sozialismus, so schrieb er im Januar 1928 in seinem Fanal, beinhalte „keineswegs bloss die Gleichheit in der Verteilung der realen Lebensgüter, sondern weit darüber hinaus die Gleichheit im Sinne der Kameradschaft, der Solidarität, der gegenseitigen Achtung und der Nächstenliebe”. Mühsam wurde so, das sollte man ihm nicht vergessen, ein überzeugender Theoretiker und Praktiker der ,Kompnassion’ als wesentlicher sozial(istisch)er Tugend.

1. Die Vagabunden — Mitschöpfer einer freien Gesellschaft: eine Utopie

T1 Ich wiederhole eine von den verschiedensten Schriftstellern tausendfach geäusserte Erfahrung, wenn ich ausspreche, dass die besten Elemente aller Nationen in Gefängnissen und Zuchthäusern verkommen. Ich weiss aus eigener Anschauung, dass in den Herbergen der deutschen Landstrassen und in den Berliner Verbrecher-Kaschemmen Persönlichkeiten anzutreffen sind, die von den Stützen der Gesellschaft mit Abscheu gemieden werden, die aber ein Herz im Leibe tragen, das dem, der ihnen menschlich nahetritt, das eigene höher schlagen macht. Was wird heutzutage aus den Leuten, die die entsetzlichen Fesseln der Eigentums-Ungerechtigkeiten, die ihnen den Atem schnürten, zerbrachen, - „Verbrecher" nennt die Bürgersprache diese Zerbrecher!? - Was wird aus ihnen, nachdem man sie jahrelang hinter Kerkermauern und Eisengittern kirre zu machen versucht hat? Kriechen sie gehorsam unter das Joch der Ausbeutung zurück? O nein, denn selbst, wenn sie, mürbe gemacht von den Foltern der Justiz, sich unterwerfen wollen und pater peccavi sagen, - die unbefleckte Tugend derer, die es dazu haben, stösst sie zurück und verschmäht die Dienste derer, die sich einmal aufgelehnt haben gegen die göttliche Weltordnung der europäischen Civilisation. Diese Tugend selbst zwingt sie, von neuem zu rebellieren, bis man sie wieder und nochmals fasst und sie endlich wegen ihres bisschen Menschenbewusstseins langsam totpeinigt.

Nein, die heutige Gesellschaft fördernde Elemente werden Leute mit so starkem Ichgefühl nie werden. Aber Vorkämpfer einer in jeder Hinsicht besseren, freieren und schöneren Gesellschaft, - das können sie werden, wenn sie irgendwo einen Fleck Erde wissen, wo man sie nicht scheel ansieht und sie nicht als Verworfene und Verkommene meidet. (aus: Erich Mühsam, Ascona, 2. Aufl. Locarno 1905)

T2 Der Hass gegen alle zentralistischen Organisationen, der dem Anarchismus zugrunde liegt, die antipolitische Tendenz des Anarchismus und das anarchistische Prinzip der sozialen Selbsthilfe sind wesentliche Eigenschaften der Bohemenaturen. Daher stammt denn auch das innige Solidaritätsgefühl zum sogenannten fünften Stande, zum Lumpenproletariat, das fast jedem Bohemien eigen ist.

Es ist dieselbe Sehnsucht, die die Ausgestossenen der Gesellschaft verbindet, seien sie nun ausgestossen von der kaltherzigen Brutalität des Philistertums, oder seien sie Verworfene aus eigener, vom Temperament diktierter Machtvollkommenheit. Die Mitmenschen, die mit lachendem Munde und weinendem Herzen die Kaschemmen und Bordells, die Herbergen der Landstrasse und die Wärmehallen der Grossstadt bevölkern, der Janhagel und Mob, von dem selbst die patentierte Vertretung des sogenannten Proletariats weit abrückt - sie sind die engsten Verwandten der gutmütig belächelten, als Folie philiströsen Grössenwahns spöttisch geduldeten Künstlerschaft, die in ihrer verzweifelten Verlassenheit mit der Sehnsucht eines erhabenen Zukunftsideals die Welt befruchtet.

Verbrecher, Landstreicher, Huren und Künstler - das ist die Boheme, die einer neuen Kultur die Wege weist. (aus: Erich Mühsam, Boheme. In: Die Fackel 8 (202) v. 30. April 1906)

T3 Es ist zu bestreiten, dass die sozialdemokratisch erzogene Arbeiterschaft unter dem Druck, gegen den sie auf ihre Art reagiert, so sehr leidet, dass die Sehnsucht nach Befreiung der Antrieb ihrer sozialen und politischen Aktionen wäre. Die Freiheit des Menschen ist in so geringem Masse das Ziel ihres Handelns, ihr ‚proletarisches Klassenbewusstsein’ (das nur im kapitalistischen Staat gegenständlich sein kann), so sehr Erfüllung ihres Streben, dass sie sogar schon eine Klasse unter sich hat werden lassen, von deren Gemeinschaft sie weit abrückt, die sie geringschätziger beurteilt, als sie selbst je von den oberen Zehntausend beurteilt wurde, und die sie mit der verächtlichen Bezeichnung erledigt: ,Lumpenproletariat’. Den Proletariern, die bei der Maifeier und ähnlichen Festgelegenheiten im Sonntagsanzug, voll Stolz auf ihren Lohnarbeiterstand, das schöne Lied anstimmen: ‚Wir Männer in der Bluse ...', ist das Gefühl dafür, dass sie in Wahrheit Sklaven und Unterdrückte sind, solche, die ihre Kameraden gar nicht unten genug suchen können, völlig abhanden gekommen. Die Sehnsucht nach einer etwas erhöhten Bequemlichkeit, die sie bereit sind, mit unverminderter harter Söldnerarbeit zu bezahlen, hat die Sehnsucht nach Befreiung in ihnen verdrängt. Im ernsten, schweren und langen Kampf für den Sozialismus kann auf viele unter ihnen, die die Peitsche kaum noch fühlen, nicht gezählt werden.

Wer dagegen einmal in die Herbergen, in die Kundenkneipen, in die Verbrecherkeller und Kaschemmen geblickt hat, der weiss, dass hier Menschen zuhause sind, denen alles Kompromissmachen, alles Sicheinrichten, Sichbequemmachen fern liegt. Diese Menschen lachen über die ‚revolutionäre’ Beflissenheit der ‚Proletarier’, deren ganze Hoffnung es ist, einmal selbst Fabrikinspektor zu werden oder als Fünfgroschenrentier von den Zinsen ihres Kapitälchens, dem Arbeitsertrag ihrer verflossenen Standesgenossen, leben zu können. Sie lachen über den heillosen Respekt der proletarischen Philister vor allem Hergebrachten, über ihre Sittenstrenge und ihre moralische Entrüstung über jeden Dreck in den hohen Schichten, den ihre Presse mit flennender Bewunderung eigener Tugendhaftigkeit breittritt. Unter den Vagabunden und Lumpen waltet Leichtigkeit und Skepsis, Fröhlichkeit und Verzweiflung, die sich ihrer selbst kaum bewusst wird. Ihr möchte sie die proletarische Boheme nennen. Theoretische Schulung ist in ihre Kreise noch nicht gedrungen: ihr Hass gegen die bestehende Wirtschaft äussert sich vorerst noch lediglich in elementarem Durchbrechen der heiligen Satzungen, ihre Liebe zur Freiheit in begehrlicher Untätigkeit, ihre Hoffnung in dumpfen, sehnsüchtigen Träumen.

Unter diesen Menschen, die ihre Anlage und das Leben zu Rebellen gemacht, die oft Generalstreikler aus innerem Antrieb, nicht selten Destruenten aus unbewusstem Gerechtigkeitsgefühl sind, - sollten unter ihnen nicht unsre Menschen zu finden sein, deren Zerstörungstrieb nur der dumpfe Ausdruck einer positiven Betätigungslust war, der bisher die Idee und die Möglichkeit fehlte? Die nicht für die Unterdrücker und Ausbeuter arbeiten wollen, denen braucht darum nicht allen der soziale Trieb zu fehlen, es können ihrer genug unter ihnen sein, die freudig bereit sind, in freier Gemeinschaft für sich selbst und für einander zu arbeiten. Ist hier nicht jungfräulicher Boden, den wir Menschen vom Sozialistischen Bund bestellen könnten? (aus: Erich Mühsam, Neue Freunde. In: Der Sozialist 1 (12) v. 1. August 1909)

2. Agitation unter dem städtischen ‚Lumpenproletariat’

T4 Ich habe vor einiger Zeit eine kleine Versammlung von Kunden aus verschiedenen Herbergen, Kaschemmen, Verbrecherkellern zusammengerufen gehabt und ihnen einen Vortrag gehalten. Es waren etwa 20 dieser Leute gekommen, und es war eine grosse Freude zu sehen, wie diese Menschen, die erst misstrauisch und kalt waren, allmählich auftauten und wie glücklich sie waren, sich verstanden zu sehen. Einige von ihnen kommen nun regelmässig zu unseren Zusammenkünften. Ich denke sogar, es wird sich demnächst hier eine Gruppe ,Kunde’ bilden. Die Leute sind nun ganz selbständig auf die ldee gekommen, sich ein gemeinsames Quartier zu mieten und sozusagen auf eigene Faust eine Herberge für ihresgleichen zu schaffen. Im August etwa möchte ich eine öffentliche Versammlung von Arbeitslosen, Huren, Verbrechern, Kunden usw. abhalten mit dem Thema: Der fünfte Stand. - Übrigens hat sich die dringende Notwendigkeit herausgestellt, ein besonderes Flugblatt für diese Elemente zu schreiben, also für solche, die noch nicht sozialdemokratisch verseucht sind und denen noch das Allerprimitivste gesagt werden muss. Die bestehenden Flugblätter sind ihnen nach ihrem eigenen Urteil viel zu schwer. (aus einem Brief Erich Mühsams an Gustav Landauer v. 6. Juli 1909)

T5 Dem von vorneherein gefassten Plane entsprechend wurden zu diesen Versammlungen Gäste aus der Wirtschaft zum Soller in München herbeigeholt, die sog. ,Lumpenproletarier', Vagabunden, Strolche, Verbrecher u. dergl. An der Beiziehung dieser Personen zeigte insbesondere Nohl ein lebhaftes Interesse. Auch Schultze war dabei eifrig tätig; er verteilte im Soller Zettel, auf denen zu den Versammlungen eingeladen wurde; er holte auch einmal Prostituierte aus der Wirtschaft zum Soller zur Teilnahme an den Versammlungen herbei. Als Redner trat zunächst Mühsam auf, doch ergriff auch hie und da Schultze das Wort  (…) Die Leitsätze für die erstmalige Ansprache Mühsams an die ‚Lumpenproletarier‘ wurden ihm von Nohl schriftlich auf einem Zettel mitgeteilt, indem er schrieb:

„Lieber Mühsam!

Die Leute werden am Montag Abend 1/2 9 Uhr kommen. Es muss nun aber auch sicher sein, da sie bereits benachrichtigt sind. Sehr wünschenswert wäre, dass jeder ein Flugblatt bekäme. Vielleicht könnte man auch von den alten Zeitschriften welche verteilen. Du musst natürlich überaus einfach sprechen und die Leute breit ansprechen. 1) Dass ihr immer den Wunsch hattet mit tatkräftigen freiheitlichen Menschen anzuknüpfen, dass Du unter den Kunden und Vagabunden die wertvollsten Typen gefunden, von ihnen, wenn sie auch aufgeklärt wären, am meisten erwartest. 2) Sie müssten eigentlich am meisten interessiert sein für den Anarchismus. 3) Sie kannten die Gemeinheit der Polizei usw. am besten. 4) So schön das Wanderleben wäre, sie gingen doch meistens wenigstens seelisch zu grunde. 5) Anschluss an Anarchismus, Rückgrat, gutes Gewissen für ihre Thaten usw.                N.”

T6 Wir haben hier in München den Versuch gemacht, Freundschaft mit den Leuten des ‚fünften Standes’ zu knüpfen und ich will berichten, wie die Gruppe „Tat“ ans Werk ging und wie weit wir bis jetzt mit den neuen Freunden gediehen sind.

Einige der Unsern, die mit den Vagabunden Fühlung haben, luden ihre Bekannten ein, mit dem Ersuchen, möglichst viele ihrer Freunde mitzubringen. Es sollte über die Stellung des sogenannten Lumpenproletariats zur Gesellschaft und über seine Berufung zur Mithilfe an der Befreiung gesprochen werden. So wurden wir zunächst in den betreffenden Kneipen, Kaschemmen und Herbergen Gesprächsthema, die Neugier wurde geweckt, und zur Sitzung erschienen etwa 20 Lumpen, - mehr als wir erwarten zu dürfen glaubten.

Es waren Leute in verschiedenen Lebensaltern, ganz junge Menschen, wie auch Glatzköpfe, denen sich ein notvolles Leben, schwere Entbehrungen, lange Gefängnisqualen in den Zügen zeichneten. Erst waren sie etwas betreten, misstrauisch, - dabei aber neugierig auf das, was ihnen gesagt werden sollte. Bis sich alle versammelt hatten, gaben wir ihnen Flugblätter und Zeitungen zu lesen. Dann hielt ich ihnen einen kleinen Vortrag, dessen Inhalt ich hier in Kürze wiedergeben möchte und der, wie ich mit grosser Freude bemerken konnte, ihre verlegene Stimmung bald wandelte. Sie hörten aufmerksam zu, machten verständige Zwischenbemerkungen und wurden sichtlich warm, als sie merkten, dass sie es mit Menschen zu tun hatten, die mit ihnen solidarisch fühlten, die an ihrer sehr notdürftigen Kleidung keinen Anstoss nahmen, und die ihnen Wege zeigten, auf denen sie unter Wahrung ihrer persönlichen Freiheit in gemeinschaftlichem Tun Nützliches wirken konnten. Ich leitete meinen Vortrag etwa folgendermassen ein:

„Liebe Freunde! Ihr wisst wer wir sind und wir wissen wer ihr seid. Mir scheint, wir passen zusammen. Wir haben längst gewünscht, mit euch in nähere Verbindung zu treten, denn ihr Vagabunden scheint uns, vielleicht besser wie manche andre, berufen, unsre Ideen — und das heisst, obwohl ihr es vielleicht nie gewusst habt, eure Ideen — zu verbreiten und durch die Länder zu tragen. In den Kaschemmen und auf den Landstrassen, in den Herbergen und den Gefängnissen habt ihr die beste Gelegenheit, Propaganda zu treiben. Wahrlich, es sind eure Ideen! Seid ihr doch die geborenen Feinde jeden Drucks und der Unfreiheit und fristet lieber auf iede beliebige Weise euer Dasein, als dass ihr für jämmerliches Hundegeld den Reichen helft, mehr Reichtümer anzuhäufen, ihr krepiert lieber im Gefängnis oder auf der Landstrasse, als in den Häusern ihrer verlogenen ‚Wohltätigkeit’. Das ist euer Wert: diese trotzige Entschlossenheit, euer Drang nach unbedingter Unabhängigkeit. Es ist nicht eure Schuld, dass ihr diesen dunklen Driang nicht anders befriedigen konntet, als ihr es mehr zu eurem als zu irgend eines andern Schaden getan habt. Aber noch kann es anders werden! Bisher kanntet ihr Zusammenhalten nur unter euch. Wir wollen euch ietzt zeigen, wie man diese Gesellschaft, mit der ihr nicht zusammenhalten wolltet, durch den Aufbau einer neuen hinter sich und unbeachtet lassen kann. Es ist auch nicht eure Schuld, dass ihr nicht früher zu uns kamt. Wir wissen, wie unbekannt unser Wirken den breiten Massen noch ist; wir wissen auch, dass ihr nicht in Volksversammlungen lauft, weil ihr die Wirklichkeit besser kennt, als die Herren, die sich dort vor dem törichten Pöpel als Schauspieler hören lassen. Aber dass ihr heute hier seid, ist wichtig für euch wie für uns, denn unsre Ideen sind es, die euren Gemütszustand erst rechtfertigen. Das, was bei euch erst dunkler Trieb und Drang und deshalb schmerzend ist‚ das bringen wir euch zum Bewusstsein und dies Bewusstsein soll euch die Quelle klaren und zweckbewussten Schaffens werden. Wenn euch erst einleuchtet, wie wertvoll gerade eure Existenz für die Schaffung einer neuen Gesellschaft ist und noch weit mehr werden kann, mit wieviel grösserer Energie und Freudigkeit werdet ihr dann leben? Jetzt denkt noch mancher von euch, wenn er beim Schnaps sitzt, dass er doch eigentlich ein rechter Lump sei, oder wenn er völlig im Druck ist und Platte reissen muss, wird er manchmal müde seufzen: Wär’ ich doch auch wie die Andern, die wenigstens ihr Lager und ihr Brot haben. Von uns aber sollt ihr erfahren, dass ihr von Haus aus besser seid als viele andere, dass ihr als tüchtige feine KerIs geboren seid, denen wir gern die Hand reichen. Ihr stellt euch ausserhalb dieses ekelhaften Betriebs, - und ihr helft euch schliesslich ia auch so durchs Leben. Aber wie traurig ist doch eure gerühmte Unabhängigkeit, wie seid gerade ihr tausendfach gebunden und ewig wie von Hunden gehetzt. Wie oft habt ihr nichts zu essen, müsst im kalten Freien oder auf harten Dielen schlafen, wie zerfetzt sind eure Anzüge, nicht einmal alle von euch haben ein Hemd am Leibe, und wenn ihr euch nach einem Weibe sehnt, —wo findet ihr ein Mädel, die mit euch leben möchte? Wie viele von euch werden durch das unregelmässige kalte Leben krank, wie viele besaufen sich aus blanker Hoffnungslosigkeit an widerlichem Fusel. So geht ihr früher oder später doch alle zugrunde! Was euch eigentlich fehlt, ist Rückgrat, ist das Gefühl für den eigenen Wert, das nur erworben werden kann durch Arbeit und Wirken für eine bessere Zukunft. Wie aber könnt ihr zu solcher Arbeit beitragen? Für das, wie es jetzt ist, wollt ihr um keinen Preis schuften, wenn ihr auch keine wissenschaftliche Beschreibung unserer Zustände geben könnt. Das ist gewiss gut und ehrenwert. Aber wollt ihr ewig im Elend vegetiern? Der Einzelne kann doch gegen diesen schauerlichen Koloss gar nichts ausrichten. Aber der Mut entschlossener Männer, die sich zum Umschaffen zusammentun, - dieser Mut ist der wahre Dynamit, der den Koloss auseinandersprengt, eben durch das Neue, das er in ihn eintreibt. Es ist der Geist der Gemeinsamkeit, der auch euch ergreifen muss, und der vom blassen Zerstören des verhassten Alten zum Aufbaun eines schönen Neuen leiten muss’.

Dann setzte ich den Gästen die Ideen des Sozialistischen Bundes auseinander, zeichnete in kurzen Umrissen das System der föderativen Bünde und forderte sie auf, auch in ihren Kreisen die Bildung von Gruppen anzuregen und vorzunehmen. Um zu prüfen, ob das lebhafte Interesse, das meinem Vortrag entgegengebracht wurde, von Dauer sei, vertagten wir die Diskussion über die gleich zu treffenden Massnahmen auf eine neue Sitzung und wir erlebten die Freude, dass eine ganze Anzahl unserer neuen Freunde wiederkamen und nun regelmässig unsre Gäste sind.

Die Kunden selbst haben den Wunsch geäussert, sich in einer gemeinsamen kleinen Wohnung ein Heim zu schaffen, das die Wohltätigkeitsherberge ersetzen soII, und wir haben begründete Hoffnung, dass der Sozialistische Bund in nächster Zeit in München eine Gruppe ,Vagabund’ haben wird.

Wir haben nach diesem günstigen Ergebnis unsres Vorgehens beschlossen, ein Flugblatt für die Lumpen und Vagabunden herauszugeben  (aus: Erich Mühsam, Neue Freunde. In: Der Sozialist 1 (12) v. 1. August 1909.)(2)

3. ‚Aufbauende’ Tätigkeit

T7 (Ein mehr Iächerliches als bedauerliches Vorkommnis - offenbar eine Bestehlung Mühsams - habe schon vor Wochen gezeigt, dass es mit dem Solidaritätsgefühl des ‚Fünften Standes’ eine eigene Sache sei). Da es bei uns indessen keinerlei Zentrale gibt - der (Sozialistische) Bund ist ja noch gar nicht organisiert, er befindet sich noch im vorbereitenden Stadium der Gruppenbildung - und da wir die Herzensreinheit und ideale Gesinnung Erich Mühsams kennen, haben wir ihm zwar, wo Gelegenheit war, unsere Bedenken über die Schwierigkeit, Menschen zur positiven Arbeit zu ,erziehen’ nicht verhehlt, haben aber ihn und seine Freunde in Ruhe gelassen und uns nicht gewundert, nichts über irgend eine Bundestätigkeit dieser Gruppe (Vagabund) zu hören. Das letzte, was wir vernahmen, war, dass diese Menschen zwar bisher nichts für den Bund zu tun in der Lage gewesen waren, dass aber der Bund und seine Idee allerdings auf sie und ihre persönliche Lebenshaltung schon einen gewissen kulturellen Einfluss ausgeübt hatte: sie hatten sich entschlossen - bei Gelegenheit des vom sozialdemokratischen Parteitag empfohlenen Schnapsboykotts - auch ihrerseits keinen Branntwein mehr zu trinken; und freudestrahlend hatte Erich Mühsam uns erzählt, dass sie sich jetzt schon manchmal zusammentaten und gemeinsam ein gutes Theaterstück ansahen. (aus: Gustav Landauer, Bericht. In: Der Sozialist I (18) v. 1. November 1909.)(3)

4. Gescheiterte Verständigung

T8 Dass der Gedanke, von dem ich mich leiten liess, richtig war, davon bin ich heute noch so fest Überzeugt wie am Anfang. Ich glaube heute noch so fest wie ehedem, dass in vielen dieser ,Lumpen’ Fähigkeit und Bereitschaft genug ist, Ideale aufzunehmen und ihnen zu dienen. Wenn der Erfolg meines Wirkens jetzt einem Fiasko gleicht, beweist das nichts gegen die Richtigkeit der Überlegung, dass die Menschen des fünften Standes auch Menschen sind, deren menschliche Kräfte, geeignet verwertet, Nützliches und Gutes wirken können. Das Fiasko verurteilt nur meine Taktik. So, wie ich heute das Ergebnis meiner Vagabunden-Agitation übersehe, glaube ich, dass mein grösster Fehler in dem Mangel an Unterscheidung zwischen dem Charakter, dem Alter, der Erfahrung und der Intelligenz meiner Zuhörer bestand (...)

Hätte der liebe Gott die Welt so eingerichtet, dass die Erfahrungen vor den Aktionen da wären, so hätte ich nach den ersten zwei Zusammenkünften drei oder vier der Leute ausgewählt und hätte sie in besonderen Vorträgen in die Absichten des Sozialistischen Bundes näher eingeführt. Die Übrigen hätte ich vielleicht zu verschiedenen Kursen in den Anfangsgründen des elementaren Wissens gesammelt, und diejenigen, die sich als geistig aufnahmsunfähig erwiesen, hätte ich ganz ferngehalten. Leider kam mir die Erfahrung, dass ich so hätte verfahren müssen, erst zu spät, erst als die Unterlassung zum Scheitern meines Vorhabens geführt hatte.

Ich gab mich dem Wahn hin, ich dürfe, unter Berücksichtigung ausschliesslich des Fassungsvermögens der Reifsten unter den Leuten, von Woche zu Woche fortfahren, die Zwölf Artikel des Sozialistischen Bundes zu kommentieren. Ein Mittel zu prüfen, wie weit das, was ich vortrug, verstanden wurde, wusste ich nicht. So kam es, dass ich von der Mehrzahl der Hörer in allen Punkten vollständig missverstanden wurde. Wenn ich ihnen sagte, dass ich ihre Existenz, so wie sie sei, als Produkt der bestehenden Wirtschaftsführung anerkenne, dass sie Opfer der Staatsordnung seien, und dass der Begriff ‚Verbrechen' ein schwerer Vorwurf gegen die Gesellschaft sei, die sie ermögliche, als gegen die Menschen, die zu ihrer Begehung gezwungen werden, so wurde das als eine Aufforderung möglichst viele Verbrechen zu begehen aufgefasst. Sprach ich davon, dass sich das Gefühl der Zusammengehörigkeit schon in der Betätigung kleiner Gefälligkeiten, Abgeben von Brot und Geld an die Kameraden, gegenseitige Handreichungen bei irgend einer Beschäftigung und dergl. erweise, so hiess es später, ich habe geraten, keine Einzeldiebstähle, sonder Banden-Einbrüche vorzunehmen. Ermahnte ich, man solle die eigene Person nicht niedrig einschätzen, man solle Menschenbewusstsein haben und sich nicht in seiner äusserlichen Armseligkeit ducken und verächtlich vorkommen, so hatte ich nachher zum Morden, Brandstiften, Stehlen und Rauben ,gutes Gewissen’ gemacht. Dieses Falschverstehen, das durch die Unterhaltungen nach den Vorträgen von einem zum andern suggeriert worden zu sein scheint, beschränkte sich bezeichnender Weise auf die ganz jungen Leute, die kamen.

Ich kann jetzt - nach Kenntnis eines grossen Teils der Aussagen, die die jungen Burschen vor dem Untersuchungsrichter abgaben - ganz typische Wiederholungen von Phantasie-Assoziationen feststellen. Da ich es für richtig hielt, den Menschen einen festen Begriff zu geben, mit dem sie sich in ihren neuen Bestrebungen bezeichnen konnten, nannte ich uns oft mit dem Namen ,Anarchisten’, wobei ich ,Anarchie’ in Übereinstimmung mit den Zwölf Artikeln als ,Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit’ definierte und das Wort oft und ausführlich ausdeutete. Das half garnichts: die Assoziation: Anarchisten-Bomben sass zu fest, und so wurde dem Richter erzählt, ich hätte von Dynamit und Attentaten, Höllenmaschinen und ähnlichen Dingen gefaselt. Alle diese Sachen sind, soweit ich mich erinnere, während aller Versammlungen überhaupt nicht gestreift worden.

Ferner fiel mir auf, dass diese jungen Leute offenbar darauf bedacht waren, mich vor dem Richter zu belasten. Es schien mir, als ob sie hoffen, dadurch sich selbst beliebt zu machen, und besonders bemerkenswert kam mir vor, wieviel mehr die renommistischen Redensarten eines schwer psycho-
pathischen Phantasten, der über mich, meine Freunde, die Vorträge und Zusammenkünfte das Blaue vom Himmel log, auf seine Altersgenossen wirkten als meine Darlegungen. Der junge Mann hatte offenbar nachher stets seine Freunde um sich gesammelt und ihnen meine Vorträge wiederholt, ausgeschmückt mit vielen abenteuerlichen Zutaten von der Natur, wie sie die Anklage meinen Absichten unterschob. Aber seine Romontik blieb haften, meine Überzeugungsversuche nicht.

Erschreckend gross scheint allgemein im fünften Stande der Prozentsatz der Geisteskranken, Phantasten, Hysteriker usw. zu sein. Es bleibt eine offene Frage, ob der Geisteszustand dieser Armen sie von der Beteiligung am allgemeinen Gesellschaftsleben ausschliesst und dem Elend der Herbergen preisgibt, oder ob die Entsetzlichkeit des Lumpenlebens mit seinen Polizeiverfolgungen, Hungerschikanen und seiner seelischen Not die Gemüter in Verwirrung bringt.

Ich hatte also vor mir ein Auditorium von Psychopathen, dummen Jungen, geldgierigen Deklassierten und daneben ein paar wirklich famose Kerle, die ihr Vagabundenleben in bewusstem Gegensatz zu der herrschenden Gesellschaft führten und neugierig und selbst manchmal begeistert den neuen Einsichten Raum gaben, die sich vor ihnen auftaten (...)

T9 In den Universitätsferien hatte ich mich einer Gruppe von Tat - Besuchern angeschlossen zum Hopfenzupfen in die Holledau. Ich entsinne mich an den Marktplatz in Wolnzach. Wir wurden von dem Stadtgendarmen in einer Reihe aufgestellt, Alte und Junge, Frauen und Kinder dazwischen. Der Bauer
mit einem übermannshohen Stab, wie St. Peter an der Himmelstür, schritt die Reihe ab und stiess mit dem Stock den einen oder anderen auf die Brust - das hiess, der war angenommen. Ein Schreiber, der hinter dem Bauern herging, teilte eine Nummer aus. Später wurden die Nummern aufgerufen, die
Kolonnen zusammengestellt, und wir marschierten ob, der Bauer an der Spitze, in den Hopfengarten, oft ein weiter Weg von der Stadt und auch von dem Anwesen des Bauern. Wir bekamen Quartier im Stroh in der Scheune, alle miteinander und durcheinander.

Die Arbeit ist nicht sehr schwer gewesen, natürlich ungewohnt, wenn am frühen Morgen die Dolden noch von dem starken Tau bedeckt sind und an den Fingern kleben bleiben. Wir bekamen dreimal am Tage zu essen, jedesmal ein Berg Kartoffeln für alle, zweimal eine dünne Zwiebelsuppe und drei grosse Scheiben Brot für den Tag. Die Gesellschaft, der ich mich angeschlossen hatte, war ebenso unerfahren wie ich. Wir waren zu Fuss von München aufgebrochen und hatten uns bei den Bauern durchgebettelt. Wir hatten natürlich nicht einen Pfennig Geld. Von diesem Essen aber kann man nicht existieren, den ganzen Tag bis spät in die Nacht hinein hopfenzupfend, Reihe für Reihe. Am dritten Tage brannten mir die Eingeweide wie Feuer, ich hatte grosse Mühe, Wasser zu lassen. Den anderen war auch das Singen vergangen, der Aufruf zur Revolution, Verteilung von Flugblättern. Wir hielten schliesslich die erste Woche durch, bevor wir vom Bauern einen Vorschuss erhalten konnten. Davon kauften wir uns im Dorf Wurst und Bier; die anderen vier Wochen ging es dann schon besser. Aber den Choral haben wir trotzdem nicht zelebriert.

Nach Wolnzach strömten um die Zeit der Hopfenemte damals dreissig- bis vierzigtausend Leute aus ganz Deutschland zusammen, in der Mehrzahl die Vagabunden der Landstrasse, für die es eine Art Jahrestreffen gewesen sein muss. Diese Leute werden sonst von der Feldpolizei scharf angefasst und nach Laune eingesteckt, je nachdem wieviel Mangel an Arbeitskräften in einem Ort war. In diesem Monat aber drückt die Polizei ein Auge zu, und zwar sowohl für den Anmarsch wie für den Abtransport. Für revolutionäre Lieder und Aufrufe, gleichviel für was, sind diese Tippelbrüder nicht zu gewinnen, ich würde sagen, sie werden auf uns mit ironischer Verachtung herabgesehen haben. (aus: Franz Jung, Der Weg nach unten. Neuwied 1961).

5. Solidarität — oder vom Sinn der Utopie

T10 Aber damals, unter den wirklich Ausgestossenen, habe ich selbst eigentlich erst den Weg aus dem Individualismus heraus zur Gemeinschaft gefunden. Denn da habe ich die unbürgerliche Sehnsucht von Menschen kennengelernt, für die es in der Gesellschaft nichts mehr zu ersehen gab. Ich habe diesen Leuten nicht gepredigt: rauft nicht! oder stehlt nicht! - denn ich kam nicht als Heilsarmeeprediger zu ihnen, sondern als Genosse, der praktisch helfen wollte. Deshalb habe ich ihnen vom Sozialismus gesprochen und ihnen geraten, das davon gleich jetzt anzufangen, was für sie möglich ist, nämlich sich noch unabhängiger von der Gesellschaft zu machen als sie schon waren. Ich riet ihnen, Gemeinschaft untereinander zu pflegen und zu versuchen, eine Arbeit miteinander und füreinander zu beginnen, alles was sie täten, ob es Betteln sei oder Gelegenheitsarbeit oder was immer, stets unter dem Gesichtspunkt der Genossenschaftlichkeit zu tun, um ihnen aus dem Prinzip der Gegenseitigkeit heraus wieder zu sozialem Gewissen zu verhelfen. (aus einem Brief Erich Mühsams an Martin Andersen-Nexö v. 7. September I920; der Brief bezieht sich auf seine Erfahrungen mit den Soller-Gästen, d. Verf.).

T11 Ich wurde in der letzten Zeit oft gefragt, ob ich nach den bösen Erfahrungen, die ich gemacht habe, nicht endlich genug hätte und ob ich den Versuch, mit diesem Material zu arbeiten, nicht lieber aufgeben wolle. Ich antwortete: Nein! — Und wenn ich noch ein Dutzendmal mit dem Wagnis Schiffbruch leiden sollte, — die paar Menschen, denen ich wirklich etwas Neues geben konnte, die sich durch mich bereichert fühlten, die werden mir immer wieder Mut geben, unter möglichster Vermeidung früherer Fehler von Neuem anzufangen. Der irrende Ritter Don Quichote befreite die Galeerensklaven von ihren Fesseln. Nachher verprügelten sie ihn, weil er verlangte, sie sollten nun hingehen und seine holde Dulcinea schön von ihm grüssen. — Nennt mich getrost einen Don Quichote! Sind die Gefesselten, die ich befreien möchte, undankbare Ruderknechte, so bleiben ihre Ketten doch wiederwärtig und meinen Augen ein Greuel. Und am Ende bin ich der Meinung, dass die sozialistische Freiheit, die sie mir grüssen sollen, nicht bloss ein leeres Phantom ist wie die selige Dulcinea von Toboso. (aus: Erich Mühsam, Der fünfte Stand. In: Der Sozialist 2 (13) v. I. Juli 1910)

T12 War mein Beginnen so verwerflich? Gibt es denen, die mit jedem Bachwasser schwimmen, ein Recht, mich einen Schurken oder einen Narren zu heissen? - Dass viele dieser Menschen weder Gabe noch Willen hatten, mich zu verstehen und mir zu folgen, wusste ich vorher. Manche kamen nur, weil sie bei meinen Vorträgen Freunde fanden, mit denen sie hofften, ein verbotenes Ding drehen zu können. Die meisten kamen um des Freibiers willen. Ach über die Esel, die nicht einsehen können, dass zum Einfangen von Fischen ein Köder gehört. Die Leute hatten, ehe sie kamen, doch keine Ahnung, was ich ihnen vortragen würde. Sollte ich hoffen, dass sie um meiner schönen Augen willen kommen müssten? Sollen Geheimräte für eine gemeinnützige Sache gewonnen werden, so arrangiert man ihnen einen Kotillonball; bei Vagabunden empfiehlt sich Freibier. - Zugegeben: mein Auditorium war keine Elite erstklassiger Menschen. Aber ich musste zu allen sprechen, wollte ich die wenigen finden, die ich suchte. Und das kann ich heute allen sagen, die sich so schrecklich Über meine Donquichotterie belustigt haben: So manchem meiner Hörer habe ich Trost und Mut gegeben; so manche in Zuchthäusern von Polizei und Staat Gemarterte, in ihrem Jammerdasein Verzweifelte haben meine Worte wie lobende Beeren aufgelesen, haben Hoffnung und Vertrauen gefasst zu einer kommenden Zeit. Ich habe Menschen bereichert, um deren Bereicherung sich früher noch niemand gemüht hat  Meine Versuche, Unglücklichen das Leben erträglicher zu machen, beabsichtige ich fortzusetzen. Ich spreche weiterhin zu Vagabunden und Lumpen. Wer da auf das Sprichwort schwört: Sage mir, mit wem du umgehst, und ich werde dir sagen, wer du bist! - der mag mich gern einen Lumpen heissen. (aus: Erich Mühsam, Mein Geheimbund. In: Neues Wiener Journal, v. 8. 1. 1911)

T13 Am 15. Februar (1929) veranstalteten unsere Genossen in Magdeburg einen Vagabunden-Abend, bei dem ich die Ansprache an die armen Penner aus dem Obdachlosen - Asyl hielt, die sich in dem überfüllten Saal drängten, um einmal nicht zwischen der Türspalte abgefertigte Bettler, sondern Brüder unter Brüdern, Genossen unter Genossen sein zu dürfen. Sie wurden aufgefordert, aus ihrem Schicksal zu erzählen, und da traten sie nacheinander vor und erzählten, teils unbeholfen, teils auch sehr redegewandt, wie es ihnen gegangen ist und wie sie in der Welt herumgestossen werden ohne Arbeit, ohne Liebe, ohne Gemeinschaft mit den Menschen, die ein Dach über dem Kopfe haben, leider sogar missachtet von Proletariern, selbst von solchen, die auf die Revolution hoffen. Drei von ihnen sprachen fast nur von den schrecklichen Jahren, die sie in Fürsorgeanstalten zubringen mussten (...) Lumpenproletarier! Wir haben sie froh gemacht, denn wir haben ihnen nicht vom lieben Gott erzählt, sondern von der Revolution und von einer Gesellschaft, die keine ,Arbeitsscheue’ mehr kennen wird, und zum Schluss war es so warm geworden in diesen Verstossenen, an denen sich sogar noch das Kommunistische Manifest versündigt, dass sie die Stühle wegräumten und tanzten und lachten und sangen, - die aus den Fürsorgeanstalten, aus den Gefängnissen, den Zuchthäusern, den ‚Winden’, diesen Schandverliessen, die man Arbeitshäuser nennt, und die von der Landstrasse und dem Asyl mit den Tippelschicksen und den armen Frauen von der Strasse, und sie alle vergossen in dem Gefühl, einmal sich selber zu gehören und nicht von Wohltätigkeit, sondern von Kameradschaft umgeben zu sein, die verdammten Reparaturwerkstätten für Menschen, die sie die Fröhlichkeit schon lange nicht mehr kennen liessen. (aus: Erich Mühsam, Reparaturwerkstätten für Menschen. In: Fanal 3 (6) v. März 1929)

Anmerkungen

1 Landauer hatte Mühsam, in Kenntnis von dessen Temperament, bereits 1908 geraten, in München eine Gruppe Zigeuner um sich zu sammeln.

2 Hinweis: Das Vagabundenflugblatt kam nicht zustande, ebensowenig die Gruppe Vagabund und das Heim. Zu letzterem heisst es in der Anklageschrift des Geheimbund-Prozesses: „(...) man wollte in Milbertshofen ein Haus mieten; einer sollte sich als Mieter anmelden, die Übrigen könnten dann unangemeldet dort wohnen, so dass ieder ungehindert und unbehelligt von der Polizei tun könnte, was er wollte. In Askona in der Schweiz sollte man ein gemeinschaftliches Haus bauen.” D. Verf.

3 Hinweis: In seinem Tagebuch berichtet Mühsam unter dem 13. Mai 1911, „wie glücklich meine Kunden und Sollergäste waren, als sie sich einmal auf meinen Rat im Volkstheater ,Carmen’ angesehen hatten”; - ob sie sich wohl mit Bizets Schmugglern identifizierten? D. Verf.

 

Quelle: Künstlerhaus Bethanien (Hrsg): Wohnsitz: Nirgendwo – Vom Leben und vom Überleben auf der Strasse, Verlag Fröhlich und Kaufmann, Berlin 1982, S. 179 - 190.