Obdachloser in Hamburg - Quelle: WikiCommons, siehe ArtikelendeMan ahnt...,
daß es nicht Schicksal ist, wenn Wohnungen fehlen, Mieten überhöht sind, Firmen pleite machen, Fabriken schließen, Menschen frei setzen.

Man weiß...,
daß die hausgemachte Lebenskrise gemeistert worden wäre, wenn zum Verlust der Frau, zur Trennung, Scheidung, nicht Verlust der Arbeit (den Schmerz im Alkohol ertränkt), Verlust der Wohnung (der Vermieter wollte halt nicht länger warten) hinzugekommen wäre.

Man erfährt...,
daß das Gerede (bisweilen selbst geglaubt und nachgefaselt) daß, wer arbeiten will, auch Arbeit findet, der pure Hohn ahnungsvoller Menschenverächter ist.

Man kennt...,
das Männerwohnheim, das zwar Obdach bietet, warmes Essen, aber die Chance auf den Arbeitsplatz unter Null versenkt (Chef, sehen Sie sich doch mal diese Adresse an) und daß auch nicht Heim im Sinne von daheim ist.

Man spürt...,
täglich den Zynismus der Bürokratie, den Egalismus der Mitmenschen, den verschämten Blick zur Seite jener braven Bürger, die das Gewissen quält, im Angesicht des Elends und der Not, mitten unter uns, in einem reichen Land, das im Überfluß Menschen auf der Straße hält.

Man ahnt...,
daß von der Politk, der jetzigen Regierung, den Mächtigen, Abhilfe nicht zu erwarten ist, solange nicht die Not der Schwachen die Macht der Starken untergräbt, das Elend der Ausgestoßenen, den Extremisten zuviel Zulauf bringt, die Wut der hochprozentig Betäubten zu viele Wahlprozente kostetf, die Verachtung der Schwachen diese zu starken Organisationen eint.

Man ahnt...,
daß man das Schicksal in die eigenen Hände nehmen muß.

Ein Text von den SchülerInnen des Bischöflichen Cusanus-Gymnasiums Koblenz, erstmalig veröffentlicht in: "Platte" Die Obdachlosen-Zeitung Rheinland-Pfalz. 3. Jahrgang. Ausgabe 6. Rheinland-Pfalz. Bingen/ Rhein 1995, S. 9.

[Nachbemerkung: Dieser Text hat mich berührt, als ich ihn im Jahr 1995 erstmalig gelesen hatte. Ich hatte ihn aufgehoben und gehofft, dass ich ihn eines Tages verwenden könnte. Nun räume ich im Jahr 2014 meinen Computer auf und veröffentliche ihn an dieser Stelle. Berlin, 18.08.2014, Stefan Schneider]

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